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Thomas Melle – Die Welt im Rücken

Das nicht Schreibbare benennen. Sich Schützen, aufbauen, sich unterstützen, sich verlieren. Eine biopolare Bewusstseinsstörung. Eine nicht heilbare Krankheit? Ein erschütternder Livebericht. Das Unsagbare beleuchten. Dieses Buch bricht sich selbst und bricht es auf. Dieses Buch macht stumm, betroffen, schüchtert ein und lässt nicht in Ruhe. Dieses Buch hat einen Köder an der Angel, der so schwer wiegt, dass selbst der anbeißende Fisch unten bleibt. Ein Autor, der es wagt, offen und unbarmherzig mit sich selbst und dem Leser umzugehen in diesem Thema verdient höchsten Respekt. Auch wenn es scheinbar niemandem hilft, weder dem manisch Depressiven noch dem, der in diese Abgründe schaut.

Beim Lesen des Buchs war ich immer wieder konsterniert mit der Frage beschäftigt, ob das wirklich eine Krankheit sei, oder nicht tatsächlich nur eine Art Spiegel der Gesellschaft in einer Figur. Diese Figur nämlich in sich die Welt gefressen hat, sie in allen Zügen zu sich genommen und somit chancenlos Welt fressend immer mehr Welt will und das dann nicht mehr geschluckt bekommt, nicht mehr gerichtet. Die Welt an sich selbst verstopft. Das Manische ist das Alles Verzehrenwollen, die Depression, was darauf erfolgt.

Nun beharrt der Autor auf dieser bipolaren Anomalie, wahrscheinlich, weil es tatsächlich nicht ohne Schmerzen, nicht ohne Tunnel, Apathie und Erstarrung einhergeht, sich der Manische der Depressive überhaupt nicht vorstellen kann, dass das keine Krankheit sei, denn er leidet darunter am meisten. Ihm ist kaum zu helfen. Ihm ist bei der Selbstzerstörung nur noch zuzusehen. Ich persönlich war streckenweise so mitgenommen von dem Bericht, ich musste ihn beiseitelegen, tief durchatmen und einen weiteren Anlauf wagen. Das hier ist im wahrsten Sinne des Wortes keine leichte Kost. Das ist auch kein leichtes Thema, es ist ein schweres dunkles und gnadenloses Buch. Der Autor ist echt. Die Figuren sind echt. Das Leben ist eine Distanzabweisungsmache, eine Abstandsgewinnungsveranstaltung, eine Distanzierung von dem, was man nicht wissen oder sehen will, hier wird einem nichts erspart … und doch gibt es vor dem Thema eine Stimme, die nicht mehr loslässt. Der Autor schafft einen Sprachstrom, in den er sich und seine Leser unaufhaltsam hineinzieht … du wirst es nicht glauben, sagt er, aber das hier will keine Literatur sein, keine Überhöhung, keine formale Übung, das ist nichts als das nackte Sein. Das echte und wahrhaftige Ergründen. Und doch. Nach Hälfte des Buches ist man allein. Der Autor schafft durch seinen Sprachstrom, den Leser auf sich selbst zurückzuwerfen. Denn niemand kann ihm helfen in seiner Dunkelheit.

Ich hatte beim ersten manischen Ausraster, nach dem er sich im Internet das erste Mal paranoid infiziert und dann unheilvoll wie Steppenwolf durch das Irrlicht der Stadt gerannt ist den Eindruck, das ist aber noch leicht untertrieben, was er da beschreibt – das Paranoide des Netzes, das sich dem Ausliefern, den Vielfachstimmen, dem Buchstabenmeer, das einen überall hin verfolgt, die letzte Ritze der eigenen Wahrnehmung besetzt, muss auf Manische auf Depressive sozusagen verstärkend wirken, sie außerhalb der Selbstkontrolle treiben, sie bodenlos und aussichtslos erscheinen lassen … dachte aber still für mich, wer kennt das eigentlich nicht? Wenn die Verortung wegbricht, die Identität sich auflöst, nichts gefährdeter scheint als die Identität, dann ist es geschehen ums Ich des Individuums, dann beginnt die Höllenfahrt. Und Anlass zu dieser Höllenfahrt gibt es genug. Einen möchte ich in jedem Fall herausgelesen haben: Die Leistungsspirale. Die Leistungsdichte. Der Größenwahn. Der Schriftsteller der sich unter Druck setzt. Der Irrsinn in der Überforderung jedes Einzelnen in und vor der Welt. Wer sich dem aussetzt, ist nicht zu retten. Wer sich zuviel davon gibt, ist bald verloren. Wer sich nichts davon gibt, ist auch schon tot.

Das Mediale ist im Buch sehr fordernd, sehr angriffslustig, sehr überbordend, und alles was Normal erscheint, ist schon verrückt, denn es gibt vor dem kein Normales mehr. Es gibt nur die Extravaganz, die Übertreibung, das Exaltierte, den Exzess, von American Psycho bis hin zur Selbstauslöschung so vieler Künstler. Grauenhaft, was der Beat und Rock n‘ Roll, die Popkultur und das ewige Flimmern aus seinen Kindern macht, was Wesen des Manisch Depressiven wird, er nimmt auch das auf sich, bezieht sich in alles und jedes hinein, ist mit allem und jedem auf Kriegs- wie Liebesfuß, mal ist er Jesus, dann Adolf, und wenn hier nicht bald ein Weltenretter erscheint, nun, dann ist auch das kein Drama mehr, denn die Tragödie ist längst von sich selbst erschlagen. Das Buch ist grauenhaft gut geschrieben. Es ist der Kampf der Gestirne im Bewusstsein des kleinen Mannes der mehr sein will als ein ganz Großer. Und Erfolg Erfolg Erfolg … kann das nicht wegtrösten.

Was das mit Literatur zu tun hat? Nichts. Absolut gar nichts. Wenn man will, dass Literatur nichts mit Welt zu tun hat. Alles dagegen, wenn Welt sich in der Literatur abbilden darf. Dieser Mann hier hat eine Stimme. Und er stellt sie in den Dienst der Wissenschaft … der Literatur … ob die davon etwas hat, liegt nun nicht mehr an der Stimme, sondern an ihr selbst. Ich lese das Buch auch als ein Totalversagen der Medizin, der Medien und der Vielstimmigkeit der Zeit … der Literatur. Denn eigentlich, so dachte ich, um mich selbst zu retten … wenn der Autor nicht nur seinen Kopf in Bewegung brächte, nicht nur den Geist … sondern auch den Körper, seinen Apparat … er einmal täglich joggen würde oder schwimmen. Ja, wer weiß was dann. Dann würde er wahrscheinlich beim Schwimmen weinen. Oder beim Laufen umbrechen. Leise befiel mich noch ein Verdacht. Will der Manische denn geheilt werden, wenn darin ein Großteil seiner Potentiale und seiner Kreativität vermutet wird. Wahrscheinlich ist dem Manischen das Leiden im Dunkel seiner Arbeit noch gerade recht, aber dann folgt die Apathie und die Dauerlähmung, die Erstarrung in der Depression, aus der es kaum ein Entkommen gibt, oder wie hier, die unmittelbar in den Selbstmordversuch führt – das will niemand leben – warum aber will es geschrieben sein? Ich habe den Schlüssel hierzu nicht gefunden. Ist es das Scheitern der Sprache vor der Welt, das Scheitern der Literatur an sich?

Krankheitsberichte gibt es genug. Diagnosen noch mehr. Und literarische Versuche, sich dem entgegenzustemmen oder mit ihm zu schwimmen ebenso unzählige. Warum, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Es ist wahrscheinlich unumkehrbar. Einmal hin und zurück. Vom Leben in den Tod. Die Krankheit erscheint wie Schicksal. Und niemand hat das Gegengift. Ist das wirklich so? Oder scheint es nur der Text so zu haben und zu wollen.

Das Buch ist großartig geschrieben, und in einem Zug zu inhalieren. Auch wenn das Erwachen plötzlich kommt. Oder gar nicht mehr. Nichts für leicht Gesinnte. Nichts für Schwergewichtler. Sondern eins für alle, die Sprache lieben und sich gerne winden, umkehren und alles nochmal von vorn beginnen möchten. Für wen oder was das geschrieben wurde, oder warum es sogar auf die Longlist dieses Bücherherbstes gesetzt wurde … der Manische mag es erahnen, dem Depressiven geht das an seinem dunklen Gemüt eh vorbei. Ein Selbst-Erlebens-Erfahrens-Bericht, wie ich lange keins verschlungen habe.

Etwas persönlich Intentionales noch hintenan:

Für alle die hier mit Themen psychischer oder seelischer Verletzung oder gar mit Skripten „aus der Anstalt“ liebäugeln. Damit ist schwer zu scherzen. Ich frage mich schon länger, ob es psychisch Erkrankten wirklich hilft, wenn sie als Täter in Krimis und anderen Thrillern herangezogen und „benutzt“ werden. (Ich will jetzt keine Autorennamen nennen, aber viele von denen, die mir so vorschweben. wünsche ich, sollten lieber eine Stiftung gründen als noch irgendeinen weiteren Todesfall erfinden.) Noch unklarer wird es, wenn man sich nach dem Nutzen für die Gesellschaft fragt, wenn diese Probleme abgewälzt werden auf die „Psyche der Täter, die Opfer ihrer eigenen Methoden sind.“ Die Behandlung psychischer Phänomene und Krankheitsbilder in der Welt der Forensiker und Psychiater und Psychologen und wie sie alle heißen, aber auch in der Welt der Thriller und Krimiautoren scheint mir häufig, gerade in Deutschland, noch immer reichlich unterentwickelt. Es ist schon „verrückt“, wie Thomas Melle in seinem Buch immer wieder versucht, aus der Krankheit auszubrechen, also „normal“ zu werden versucht. Bis er schließlich einsieht, dass er damit leben lernen muss. Es kein „Normal“ für ihn geben wird, außer er betrachtet die Manie und Depression als Teil seiner Welt. Ein erschütterndes Buch. Ein sehr interessantes und kluges und doch auch „verrücktes“ Buch, „verrückt“ im Sinne von einen Tick weit neben der Spur, weil schonungslos offen. Diese Spur gilt es demnach zu verbreitern. Damit wieder begehbar wird, was Straße ist und das alles nicht mehr wie ein Drahtseilakt erscheint, wie das Titelbild suggeriert. Ich empfehle das Buch allen, die noch immer im Genie-/Wahnsinnkult gefangen sind, ich empfehle es allen, die wissen wollen, wieso es manchmal nicht hinreicht zu schreiben. Ich empfehle es allen, die nochmal durchgerüttelt werden wollen. Dieses Buch habe ich in zwei Tagen durchgelesen und es hat mich ziemlich erschüttert/geschüttelt.