Gonçalo Manuel Tavares

rettungsstelle

Vorweg. Dieses Buch könnte man für seine essayistisch philosophische Leistung permanent in den Himmel heben. Für das, als was es mir verkauft wird, einem Roman zwischen Kafka, Gombrowicz und Robert Walser, sehe ich allerdings Abstriche.

Zwei Handlungsstränge: im Hintergrund findet ein Krieg statt, ein Attentat. Der „Eigentliche Vorfall“ aber ist der von einem Philosophenautor dargestellte Verlust des Fingers von Joseph Walser, ausgerechnet an die mit ihm eins seiende Maschine. Das Tragische und Dramatische ist eh dieses Eins-Sein mit der Maschine. Was einen notorisch rhythmischen Alltag nach sich zieht. Was vernünftig und rational macht, aber ebenso blutleer. Ein nur funktionales Leben nach sich zieht. Diesem Mann scheint es sogar egal, dass er von seiner Frau betrogen wird.

Für Idee, Konzept und Figur kann ich mich noch immer nicht wirklich begeistern, aber doch muss und will ich dem folgen, das zieht mich in eine eigenartig gedrückte Intellektualität, eine bedrückte Figur, die aber, das spürt man als Stimme des Autors, einer sich zunehmenden enthemmenden Rationalität ausgeliefert wird – das lässt dem Joseph keine Wahl mehr, als sich ergeben, nur eine Waffe gegen diese stumpf durchdachte  Welt hat er noch: die eigenen Schuhe.

Zur Handlung. Mann arbeitet an der Maschine. Mann spielt gerne Würfeln mit Freunden am Wochenende, Mann hat ein verarmtes Seelenleben, er sammelt Metallteile – Schrott.

Wenn nun der Erzähler nicht ständig erklären würde, was ich sehe, oder was ich zu lesen geglaubt habe, ich würde auch mal einen Satz zu dieser beschämenden und auch verstörenden Geschichte finden. Über ein Leben, in dem es keine Pausen gibt, alles arbeitet in einem Abhängigkeitswahn, das bringt Ordnung und Lebensrhythmus und Leere.

So sitze ich vor einem Plot, dem ich fasziniert zugucke, formal, dem ich aber inhaltlich immer skeptischer gegenüber werde. Selbst Erfolgsautoren (oder gerade sie) scheinen nicht mehr willens, ihre Arbeit reifen zu lassen – stattdessen wird ihr Pre-Print als Roman verkauft. Dieser Roman: ein vergebener Elfmeter. Dieses Essay: ein von interessanten Gedanken sprühendes Buch. Ich hätte dieses Buch also eher Essay über einen Roman genannt oder ähnlich.

Der Kopf als exponiertester Körperteil und zugleich der gefährdetste – diesen immer oben zu tragen, und nicht auch mal zu verstecken. Der Autor scheint für sich eine Antwort gefunden zu haben: in der Abstraktion. Für mich als Leser bleibt es trotzdem unnahbar und roh. Oder anders. Das Buch fällt auseinander: in einen Protagonisten, der sich selbst verloren hat und einen Erzähler, der mir das erklären will. Strenggenommen ist das ein Entwurf. Nach der Hälfte des Buches ist man im Prinzip durch – und darf sich wieder essayistisch „verdichten“ lassen – oder sich darin „verlieren“. Ein Rätsel, dieses Beispiel:

„Jedes vom individuellen Gedächtnis festgehaltene Ereignis war für Klober (das ist Josephs Vorarbeiter, schläft auch mit Josephs Frau) nichts Geringeres als die aus dem Balanceakt gezogene Konsequenz: Bestimmte Handlungen von Lebewesen mit einem gewissen intellektuellen Willen konnten sich auf unbewegliche Dinge auswirken oder auch nicht, und das Zusammentreffen dieser beiden Welten hatte ein Ergebnis zur Folge, eine objektive Wirkung, welche man, gäbe es für die praktische Lebenserfahrung eine Wissenschaft mit ebenso ausgefeilten Methoden wie für bestimmte Laborarbeiten, sogar über konkrete, eindeutige und allseits verständliche Zahlen ausdrücken könnte.“

Fazit: Wer ein bisschen Sprit fürs Hirn sucht, findet Maschinenöl im Abstrakten und die Begründung dafür, warum ein Individuum trotzdem eine Wahrnehmung hat. Und Aussagen wie: das kollektive Gedächtnis eines Volkes sei ausgemachter Blödsinn (sic!) … wo die Maschine alles zu verschlingen scheint, vom Finger des armen Joseph angefangen, vom Bewusstsein des armen Joseph ganz zu schweigen. Wer eine Parabel sucht über Mensch und Maschine, kriegt hier den Plot. Allerdings sehe ich Mensch (Geist und Intellekt) und Maschine (Alltags-Rhythmus und Regelwerk) sich in diesem Buch mehr oder weniger auf den Füßen, oder wie Joseph es empfinden würde: auf den Schuhen stehen. Und wer Franz Kafka, Gombrowicz oder Robert Walser sucht, wird enttäuscht. So ist das halt: wo der Mensch (der Autor) sich der Maschine (Zeit – der Rhythmus gleichbleibend) unterwirft, und sein Werk nicht reifen lässt. Wenn die Erwartungen runter sind, kann man das Buch ja nochmal versuchen. Denn die Maschine kennt auch vor Autoren keine Gnade – sollte ein Autor das etwa versuchen: Die Maschine bezwingen? Vorsicht. Vorsicht. Denn schnell ist ein Finger in ihr verschwunden, wenn nicht der ganze Roman.

Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt (29. April 2014) – 180 Seiten
Gonçalo Manuel Tavares: *1970 Angola, lebt in Lissabon, Portugal

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