Das Diktat, der Theatermacher, die Putzfrau

In der Nacht von Lane geträumt – mit Ina auf einem Essen Höhe Gropiusbau mit Fahrstuhl ins Obergeschoss − wir sprachen über Helge − hätte Lane Rainers Abgang seinerzeit mitbekommen, er hätte ihn zu verhindern versucht. Ina weiß sich zu benehmen, sie hält Messer und Gabel wie eine Grazie, sie führt das Essen in einem Bogen vom Teller zum Mund, nie ist zu viel auf der Gabel. Die Häppchen verschwinden, ohne dass du merkst, wie sie kaut. Essen ist ihr eine Kunst. Rainer dagegen. Sein Hemd ist am zweiten Knopf eingerissen, da der Kopf größer war als seine Kragenweite.

FENSTER EINS. Eine Dachterrasse. Blumenkästen. Bäume. Sonnenblumen, hochgewachsen. Pflanzen hinter den Blumen und dem Bambus, grau und dunkel vom Regen, du kannst hineinschauen, wenn die Sonne günstig steht: eine Art Urwald, auch im Zimmer, Hängekästen, echte Apparate, kein Mensch, nie, und siehst wuchtige Vegetation. Immer dein erstes Fenster.

Groschin kommt

Wie häufig sie schon davor stand, das Handy auf den Tisch zu legen und nicht mehr hinzuhören, bis es von allein verstummte … es mitten im Satz stumm zu schalten, es abzuwürgen … immer die Not, die Wut und Aggression in seiner Stimme, wie häufig schon. Kommentarlos auflegen. Stattdessen die Aufregung, sie scheint zu beben, ruft mit hochrotem Kopf, als es überstanden ist:

»Mein Gott, ist der wieder gesund.«

Er war in Mailand, in Venedig, über London Paris nach Berlin, von Moskau nach Perm, hinter jedem Fluggast wird der Lynchmob aus Kiew vermutet. Es stehen Verkäufe an, die Villa Karlsruhe, ein Bungalow im Grunewald, meine Hundehütte auf Sylt, die Anteile am Institut für Deutsch Russische Freundschaft, es wiederholt sich, es fehlen in der Summe Millionen. Das deutet auf Akquisition und verschlingt weiter Geld. Auf Deutschland ist er nicht gut zu sprechen.

»Alles verschwindet im Puploch der Ämter«, ruft er. »Die wollen nur in Rente. German Engineering, sag‘ ich, was ist das? Die saufen wie die Löcher – werte Pantoffelhelden – ein Volk von Bauern und Trüffelschweinen.«

Lacht.

Was sich seltsam anhört westlich des Rheins: ein Russe liest Goethe ist da kein Widerspruch. Ein Russe hört Brahms ebenso wenig. Die Saufgelage Jelzins sind immer für einen Kalauer gut, mit Fisch und Schnaps in der Sauna – wie die Vertragspartner schlappmachen und freiwillig ihren Onkel preisgeben. Dass das mehr oder weniger alles schiefging, auch kein Geheimnis. Woran Michail keine Schuld trägt. Immer die Angst. Die Panik.

»Vorn machen sie den Partner, hinten schieben sie dir ihr Ding rein. Du darfst nicht am Bettelstab gekrochen kommen, nur weil du deinen Einsatz zurückwillst. Erst wenn du in Not bist, kommt das Mitleid − auf das du gerne verzichtest. Besser, wir kaufen reinen Alkohol.«

Inas Freund seit Jahrzehnten. Ihr Boss seit Jahren. Ihre Meinung hat sich nicht geändert. Er spricht von Depressionen, von dunklen Wolken. Die Eitelkeit, das Drängen … nie im Schatten, immer vorn, weit vorn. Michails Worte: Er sei die russische Frontsau im Vorgarten der US-Boys.

»Für die Deutschen über die Klinge zu springen, ist wirklich albern.«

Wenn du jahrzehntelang als Russe betrachtet wirst – dem Klischee nach ist das der mit der tiefer gelegten Stimme und dem Zuhälterring, den Leichen im Obstgarten, der Mafia auf jedem Kindergeburtstag – dann ziehst du deine Konsequenzen, zeigst ihnen, wer Karamasow ist: heute ein Soldat, morgen ein Klugscheißer, bald ein friedfertiger Pope. Bis du es selbst nicht mehr weißt … zum Abziehbild einer Ekstase geworden, endgültig entwurzelt.

Respekt und Anerkennung erzielt er, indem er seine russischen Marotten kultiviert, ein rausgehängtes Russe-Sein. Das hat wenig zu tun mit dem, was er in seiner Heimat darstellt. Dort gilt er als Feigling, der in den Westen abgehauen ist. Hierfür wird er sich immer rechtfertigen müssen, die Beziehungen zwischen Ost und West kultivieren, damit er auf beiden Seiten als glaubwürdig gilt – und nützlich.

Wieder das Handy. Ina telefoniert. Sie spricht eine Stunde mit Michail. In den ersten Minuten wird sie zusammengefaltet, angeschrien und regelrecht beleidigt. Bis das Gespräch die Tonlage annimmt, die sie besser beherrscht. Abgeklärt und ruhig wird erläutert, wie er sich in Russland positioniert, wie er sich vergrößert, wie sein Ansehen zunimmt, wie die Mitarbeiter darauf eingestimmt werden, seinen Anweisungen zu folgen. Bis Ina die größte und wichtigste Frau ist in seinem Leben, einmal mehr. Die ihm so sehr geholfen hat. Er ohne sie nichts hingekriegt hätte. Er sie mit Haut und Haaren ehre, liebe, und große Stücke auf sie halte.

Einmal im Monat schaut er vorbei und verkündet seine Wachstumspläne, dann sieht man weiter. Einmal halbjährlich eine Vollversammlung mit Partnern und Assoziierten, mit Jahresbericht, Zahlen, Mitarbeiterzuordnungen, Ausschüttungen, wir wachsen beständig. Immer freitags in der Leitung, privat – was den Anschein von Vertraulichkeit weckt, Telefonate mit Ina, der Frau an meiner Seite. Die sich immer häufiger die Frage stellt, warum sie noch nie gefragt wurde, ob sie nicht auch Teil der GF sein will.

Seine Antwort ausweichend.

»Meine Geschäftspartner und Assoziierten sind Germanen«, sagt er mit einem Lachen.

»… der Mann in den Germannen.« Lacht Scharikow.

»Bitte, mach dir keine Sorgen. Vertrauen ist meine Währung, die ist wichtiger als jeder Vertrag.«

Trotzdem müsste sie es mal aussprechen.

»Versteh mich nicht falsch, aber ich drohe doch zwischen deinen Müllers und Schlaumeyers aufgerieben zu werden, die springen mir schon auf dem Kopf herum.«

Wie häufig sie ihm das hatte sagen wollen. Wie häufig sie zugucken konnte, wie er sie vor den Augen der anderen gegen die Müllers und Schlaumeyers auszuspielen versuchte. Seine süßen Worte, ich brauch‘ eine Geste, die über das rein Symbolische hinausgeht.

»Aber ich tue doch alles für dich, glaub‘ mir, kein böses Wort über dich, ich sage allen, wie wichtig du für uns bist, für mich, für sie, für den Erfolg unseres Ladens.«

Erst durchdringen dich seine Blicke, dann verweigert er seine Anteilnahme, anderntags zeigt er nichts als Missmut, wieder hat er gesoffen oder Probleme mit seinen Frauen. Wenn er etwas fordert, weiß er um die Wirkung seiner Stimme, dann weiß er, Komplimente zu verteilen, sich warmherzig, fürsorglich und verantwortlich zu zeigen. Kurve eins in tiefdunkler Nacht – der in sich versunkene Mann (privat), Kurve zwei seine Siegesgewissheit – der Aggressive, der Cholerische, der Unnahbare (öffentlich).

»Und doch ist er ein Angsthase«, sagt Ina, »ein Hund.«

Diesen hier, den lautesten, kennt sie schon zu lange, damals noch ein schüchterner Kerl. Wie er hinter ihr her war und den Mund nicht aufbekam. Wie er sich fast die Zunge abbiss, als er das erste Mal von seinen Gefühlen anfing, so sehr, dass sie ihn bemitleiden wollte. Das hätte ihn gekränkt, verletzt und seine Gegenwehr provoziert. Einem Scharikow geht man besser aus dem Weg, Küsschen hier, Küsschen da, und immer so, als seist du mit niemandem perdu. Jaja. Seine Eifersucht, da hältst du besser Abstand.

Ein Jäger sucht gern im Dickicht der Fremde.

Was Ina an Michail faszinierte, irritierte und verstörte: Die Welt des Rücksichtslosen, der auch romantische Momente hat. Schon kam das Selbstbezügliche, die Unzufriedenheit, der Terror – wenn erst der treuselige Blick, das Blauäugige, das in imaginierten Sternenhimmeln Rumfuchteln nachlässt, die Romantik sich gegen einen Realismus behaupten muss – und verliert. Wenn erst ein treuseliger und gläubiger Menschenfreund auf die Idee kommt, dass Hoffnung, Traum und Vision mit der Gier der anderen konkurriert, um schließlich aufzustehen, geschockt und gefordert, das Liebkindspiel aufzugeben – da kommt die Fratze, das Tier. Scharikow versteht sich zu verstecken, seinen Anzug mit Hühnerfedern und Blumenschmuck ausstaffieren. Wenn er schließlich spürt, dass er mit Röntgenauge und losem Mundwerk mehr Punkte macht, als wenn er Mond, Schwanensee oder Birkenwald seine Referenz erweist. Wenn ihm erst ein Konkurrent ins Visier fährt – dann lieber Küsschen hier, Küsschen da. Ein Weinglas hier. Ein Weinglas da. Als er noch in Düsseldorf war und nur sporadisch in Berlin auftauchte, es noch keine überzeugende Konzeption für seine Berliner Firma gab. Ein Glas Wein hier. Ein Glas Wein da. Als er schließlich seinen Zweitwohnsitz in Berlin eröffnet. Eine Gallone Wein im Lutter und Wegener. Eine Gallone Wein im Borchardt. Wer trinkfeste Freunde kennt, versammelt Lebenserfahrung pro Deziliter und schlägt weinselig Schneisen durch das Who Is Who der Wirtschaftskreise, der Leute aus den Medien, der Offiziellen der Regierungsseite – es ging längst nicht um die Saufgelage Jelzins, auch nicht um die mit Blindheit gestrafte Staatsführung der SU – die war abgeräumt, mit straffen Zügeln neu aufgestellt – was einmal auseinanderzubrechen drohte und im Chaos zu versinken – wurde durch Eloquenz und der Kenntnis der Materie zu einem Staat mit kluger Elite. Abgeräumt waren die Banditen. Abgeräumt das Misstrauen. Ausgetauscht gegen Banditen. Denen man glauben muss, ihnen Vertrauen schenken – wenn du auf der richtigen Seite der gezogenen Linien stehst, schwarze, rote, gelbe, blaue Linien – was spielt es da für eine Rolle, wer dich leitet, lenkt und führt.

»Man konnte doch nicht ahnen, dass man auf unsere Bilder nicht verzichten will – unsere Produkte passen in jedes System – konkurrenzlos – unentbehrlich.«

Ein Treppenwitz der Geschichte, pardon, seiner, Michails Geschichte. Wenn Engelszungen sich die Welt zurechtbiegen. Inas Idee war es, der KPdSU nicht beizutreten. Heute waren die zuhause Gebliebenen gutgestellt oder aufgestiegen, in guter Position – Inas Fehler. Wenn eine Empfehlung zum Bumerang wird.

»Guck‘, Micha, du hast eine eigene Firma aufgebaut in Deutschland, was willst du mehr?«

»Vielleicht hätte ich in Russland eine größere.«

»Daran arbeiten wir doch.«

»Das dauert mir zu lange.«

»Nun hab‘ mal Geduld. Außerdem, wessen Idee war es, nach Russland zu expandieren?«

»Michas Idee«, lacht Scharikow.

Obwohl er weiß, dass zu einer Idee dieser Größenordnung Fürsprache, Unterstützung, Mut und Risikofreude gehören.

»Und nicht vergessen, Kontakte brauchst du.«

»Ja und?«

»Was heißt hier ja und? Wer hat die Kontakte nach Russland erneuert – beziehungsweise nie abreißen lassen? Du bist nach Düsseldorf verschwunden, im Sakko, dem Geschäft, den spontanen Weltreisen. Während ich, Ina, uns den Weg nach Russland freigehalten habe. Ich, Ina, habe täglich nach Russland kommuniziert. Ich, Ina, habe Freunde reanimiert, obwohl sie für mich nicht mehr akut waren. Ich, Ina, habe meine Freunde aus Petersburg spielen lassen, damit sie die Kontakte nach Moskau ermöglichen.«

»Ja und?«

»Hier ein Sergei, dort ein Iljitsch, hier ein Oblomow, dort ein Alexandr, alles meine Kontakte, alles Leute, die ich an dich herangeführt habe. All diesen Leuten spuckst du ins Gesicht, wenn du das nicht zu würdigen weißt. Kommst du bitte auf den Boden?«

»Ach, Ina, wenn ich dich nicht hätte.«

Jaja, Ina, seine Erdung.

Jaja, Michas Ideen.

Sich auf Hundepfoten zum Popen erheben.

»Es macht keinen Sinn, die anderen zu schonen. Die mich mit ihren Ängsten und Zweifeln, ihrem Sicherheitsbedürfnis belästigen, ich will damit nicht gesagt haben, dass alle Deutschen Angsthasen sind, aber nur weil ein Zweifler vor dir sitzt, heißt es nicht, dass alle Russen Zweifler sind. Komm du ihnen als Russe darin zuvor. Schau dem Angsthasen ins Auge, wenn er ausweicht, ist er ein Hund. Wo soll das hinführen? Immer in der Tiefe wühlen, eine Unmenge Gift entsorgen wir täglich durch unser Puploch, dies muss man pflegen, oder kommst du mit deiner seichtseidenen Erziehung durch, diesem Jeder kann alles Gedöns. Guck dir deine Leute an. Wenn einer von denen dein Partner sein soll, ich müsste mich nach einem anderen umschauen. Pass auf. Wenn das hier so weiter geht, ist das Land bald ausgestopft. Man kann nur noch Gedichte schreiben darüber. Ich werde dir was verraten: Einer Wahrheit, der du ins Auge zu sehen wagst, ist nur Teil einer Erkenntnis, aber sobald sie ausgesprochen wird, ist sie heiße Luft. Das ist, was mich an den Deutschen fasziniert. Sie sprechen immer mit Erkenntnisgewinn und so, als sei das der Weisheit letzter Schluss. Das scheint mir vom Russen nicht weit entfernt. Beim Russen weißt du, den kriegst du in der Not. Erst wenn er am Boden liegt, grundunten, zeigt sich, ob du dich auf ihn verlassen kannst. Und? Was und? Was glaubst du, wie viele Deutsche ich eingeschüchtert habe. Und wie viele von denen mich dafür verfluchen? Keiner, sag‘ ich, kein einziger – sie fressen mir aus der Hand. Den Deutschen darfst du treten, glaub mir, da funktioniert er am besten. Ganz anders ist es mit den Angelsachsen – aber was interessieren mich die Angelsachsen – die Amerikaner sind nun mal unsere besten Freunde.« Lacht »Mit den Deutschen aber, liebe Ina, da komme ich zurecht, wahrscheinlich sind das bessere Slawen als wir.«

»Du glaubst doch selbst nicht, was du da redest.«

Wie häufig, nach all den Jahren – es sind Jahre – lass überlegen – es ist gewesen 99, er rief sie das dritte oder vierte Mal an, und am Ende weißt du nicht, wer was wem erzählt hat. Im Zweifel hat er es selbst rausgefunden.