Elias Canetti

Das Buch gegen den Tod

canetti

Aus Respekt vor seinem Werk. Aus Respekt vor seiner Stilfestigkeit. Aus Respekt vor seinem Ernst. Aus Respekt vor dem Thema. Man tut sich schwer, zu diesem Buch eine Kritik zu äußern. Zumal: „Ich bin von einer tiefen Abneigung gegen jede Form von Kunstkritik erfüllt, sie steigert sich, wo sie sich meiner eigentlichen Sphäre nähert.“ Und: „Ich schwöre, daß mir mein Leben gleichgültig ist.“ Und: Canetti zitiert: „Er will unsterblich werden.“ Dagegen er sich wehrt, denn „Gott, den es nicht gibt, sei mein Zeuge, daß ich nichts von alldem gemeint habe: Ich bin weder Liebhaber, noch Christ, noch Künstler, aber ich anerkenne nicht den Tod, und das ist alles.“

Das ist schon Essenz des Buches. Er anerkennt den Tod nicht. Er schreibt gegen ihn an. Mit Sätzen, Worten, Sätzen, Worten, mit Zitaten, Sammlungen von Geschichten, von 1942 bis 1994. Man könnte fortwährend zitieren. So wie es auf dem Klappentext geschieht. Wie es im Nachwort von Peter von Matt geschieht. Das Buch der Bücher über den Tod, will ich es für mich nennen. Wer nur einmal oder zweimal Naherfahrungen mit dem Tod hatte oder hat, für den ist dieses Meisterwerk eine bessere Andacht als jede Zeremonie. Es wird einem der Tod nicht näher gebracht, man ist nicht ergriffen von ihm, man ist nicht in der Sehnsucht nach ihm, man will sich mit ihm nicht anfreunden, man hat in ihm einen Widergänger Gottes, „Daß die Götter sterben, macht den Tod noch frecher.“ Oder: „Gott, dein Henker.“ Oder „Als Teufel ist Gott wirklich unsterblich.“ Das sind noch Wirksätze in der Naherfahrung zweiter Weltkrieg und dem Massenmord an Juden. „Gott, als Paranoiker, der die Menschen zerstört, weil er sich von ihnen verfolgt fühlt.“ Da ist Canetti gerade 40 Jahre alt und nach England emigriert. Es ist dies ein Canetti Buch, wie ich es nicht erwartet hätte.

Nach „Masse und Macht“, nach „die gerettete Zunge“, nach „die Fackel im Ohr“ und nach „Der Ohrenzeuge“ war ich längst Canetti müde, er schien mir unbezwingbar, er schien mir zu groß, gewaltig, zu erzürnend, einfach zu schwergewichtig für meine noch unversohlte und naive Seele – ein Solitär der deutschsprachigen Literatur, dem ich nicht mehr folgen konnte, dem ich hoffnungslos ergeben war – psychologisch, soziologisch, sprachlich, inhaltlich.

Und nun dieses Buch. Ein mir inzwischen Unbekannter schreibt: Seinerseits ergeben, unterlegen, eine naive Seele, die sich das ewige Leben schreibt, die den Tod in seine Schranken weisen will. Mit einer Sprache, die ich so nicht mehr in Erinnerung hatte. Das ist keine schwermütige Literatur. Das ist keine Gottes Stimme Literatur. Das ist auch keine umfassende und alles erklärende Canetti-Stimme. Was die Literaturkritik in meinem Kopf aus ihm gemacht hat, was der Nobelpreis für Literatur aus ihm gemacht hat. Was so gar nicht zusammenkommt mit seinem Leben, seinen Büchern – die er ja erst spät zu veröffentlichen begann. Ich kann nach diesem Buch nur vermuten, warum: Das war ein Getriebener ohne große Antworten. Das war ein Getriebener nach dem schönsten Satz: „Einmal will ich Sätze finden, dass Gott sich vor mir schämt.“ Wenn man weiß, wen er da bekämpft, dann wird dieser Satz zum Ausdruck einer Wut, einem Zorn, einer Gewalt gegen die Gewalt, der er sich ausgesetzt fühlt: „Einmal will ich Sätze finden, dass Gott sich vor mir schämt. Dann wird niemand mehr sterben.“

Dieses Buch ist mehr als ein Buch. Wer lesen kann und will. Hier steht alles drin. Man sucht und sucht nach Büchern, die einem entsprechen, die einem eine Melodie, einen Ton – einen Inhalt geben, die einem entgegenkommen in der Suche nach dem, was man nicht erklären kann. Und da man es nicht kann, es auch nicht mehr sucht. Und genau das macht Canetti. Er schreibt das Unbeschreibbare. Er schreibt nicht nur gegen Gottes Tod, nicht nur gegen seinen Feind, den Menschentod (bezeichnet sich selbst als Todfeind), er schreibt sich selbst ein Denkmal. Ich glaube ihm, dass er das nichtmal beabsichtigte. Weil es so gut geschrieben ist, mit einer Sprache, die nicht abhebt, die ohne Fachsprache auskommt, und trotzdem erzählt oder versucht zu erzählen, in Notizen, auch Scherzen – man kann hin und wieder auch mal schmunzeln – kleine Hintergründigkeit – „ein Lachen wie aus der Unterwelt“.

„Der Tod lässt sich nicht erzählen.“

Das ist kein Requiem, auch kein Todeslied. Im Gegenteil. Das Buch macht jeden Wimpernschlag bedeutend. Im Atmen ist jeder Mensch noch frei, so er noch atmen kann. Der Titel legt nah, dass es um die Zornesröte gegen den Tod geht – auch das. Aber dem entgegen steht das Leben jedes Einzelnen: ohne dass er mich moralisch fordert, sehe ich mich ermahnt: Elias Canetti schreibt das Buch fürs Leben. Und jeder der einen Menschen verloren hat, weiß und spürt, wovon er schreibt. Denn: „Es soll so werden, daß jeder es versteht und daß ich mich vor niemand dafür schämen muß. Denn wenn ich dieses Stück, meine erste verbindliche Stellungnahme zum Tod, nicht fertig hinterlasse, habe ich nicht gelebt.“ (1951).

Wie gesagt: Ich könnte fortwährend zitieren – will und kann jetzt nicht auf die literarischen Feinheiten eingehen, noch irgendeine Deutungshoheit über diesen Text erheben – das sollen gerne berufene Philologen machen – nur eins will ich: mich höflich verneigen vor dem mir unbekannt und fremd Gebliebenen, denn für mich gilt auch:

„Er fühlt sich aus dem Jenseits geküßt.“ Und: „Ein Toter telefoniert. (Idee zu einem Stück.)“

Der Verlag sagt, es sei ein wichtiges Buch. Das kann ich unterstreichen:

Das Buch gegen den Tod von Elias Canetti

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