Vom Lesen zum Schreiben zur Musik

 

Ich muss gestehen. In Sachen Literatur hat es mich dieses Jahr nicht vom Hocker gehauen. Was daran liegen mag, dass ich mir dreimal dick was angetan habe, Austers 4321, Felix Philipp Ingolds Leben & Werk, und Peter Nadas Aufleuchtende Details. Überzeugt haben mich Aufleuchtende Details von Nadás, Auster war mir zu ausschweifend, und Felix Philipp Ingold, nun, da bin ich eher zurückhaltend und lese hin und wieder, nehme mir die Zeit, es Tag für Tag je nach Kalenderdatum „abzuarbeiten“ – sicher keine unbedingte Lebens- oder Leseerfahrung oder -haltung, die man teilen muss oder kann. Habe auch nochmal Hans Fallada gelesen, der Trinker lässt dich erst in Ruh, wenn du ihn „leergesoffen“ hast.  Und verfolgt dich noch Tage später.

Wo wir uns schon den Spiegel aufstellen oder vorhalten, ja nein, im Literarischen fühle ich mich derzeit nicht Zuhause. Das hat nicht unbedingt mit „dem Markt“ zu tun, wohl auch – denn es ist mir einfach zu viel. Ich kann zwar die Verlage verstehen, die jeweils glauben, einen neuen oder auch schon bekannten guten Autor publizieren oder verlegen zu müssen – was gut ist will raus, unter seine Freunde – in der Menge aber geht fast alles unter, verschwimmt es vor meinen Augen, und auf jeden daherbrausenden Zug aufzuspringen, schaffen meine Knochen nicht … die eine Seite.

Zweite Seite. Me myself.

Es dürfte einigen aufgefallen sein, hin und wieder zeige ich davon, auch meine Wenigkeit kämpft mit seinen Manuskripten, und es ist dies keine Frage mehr des Marketings, der Unbedingtheit, es nun auch machen zu wollen, sondern ein in mir ruhendes auch ernstzunehmendes Symptom, eine Krankheit wohl, die Graphomanie.

Ich habe so viel unsäglich schlechte Sachen fabriziert, ich könnte täglich Löcher bohren und mich verkriechen. Verkrieche mich täglich und bohre Löcher. Das geht schon über dreißig Jahre so. Und es fällt mir erst jetzt auf? Nein, den Verdacht hatte ich schon länger. Aber inzwischen wird es zur Gewissheit. Schreiben ist nichts für schwache Nerven. Immerhin. Ich arbeite dran, und glaube sogar, es wird besser. Aber das glaubte ich schon immer.

Nun könnte ich vermuten, beste Voraussetzungen sind das, zu lesen, was und wie die anderen es machen. Und hole mir die obengenannten Briketts ins Haus. Sitze vor Auster und frage mich, warum muss ich ausgerechnet seine Geschichte lesen? Hat das Bedeutung für mich: Ja, da sitzt der innere Wusel in mir und mäkelt an den Sätzen rum. Wird widerborstig. Wird ungerecht. Kann es nicht verhindern. Warum eigentlich. Habe ich Maßstäbe? Bin ich eitel? Werde ich verrückt?

Warum warum.

Lese in meinen eigenen Texten, und werde wirklich verrückt. Wie konnte ich jemals so einen Satz schreiben: Wenn mich jemand anlacht, lache ich zurück. Ist das ein Satz? Eine Botschaft? Ein Scherz? Ich kann mich bestenfalls erinnern, dass ich immer schon viel Sinn für Humor hatte (auch den verstand ich nicht selten miss) Oder ich locke den anderen ein Lachen ins Gesicht. Steht da. Hätte nicht gereicht: Oder entlocke den anderen ein Lächeln. Schaue nach, wie lächeln die anderen. Haben sie mir ein Lächeln entlockt?

Auster: „… und während die Frauen lachten und abwechselnd das Baby auf den Schoß nahmen, hielt der stets ernste Gary Hollander einen Vortrag über den Krieg.“

Ingold: Statt eines Lächelns, Lachen und Gelächters „die Extraktion eines mehrfach verwurzelten Zahns aus dem rechten Oberkiefer.“ (am 29.Dezember)

Nadás: „Lärmige Erheiterung begleitet seine Worte.“

Dagegen ich: Schön. Du lachst mich an.

Sicher, aus dem Kontext gerissen. Gleichwohl spüre ich, meine Sätze sind eher gewollt schöne Worte … geschrieben 1985. Ich grinste viel. Beim Lesen meiner Sätze ich in ein hämisches Überich hineingleite und einen Stopp setze.

Lache meine Mitmenschen immer wieder an. Auch donnerstags.

Über diesen Scherz wieder nur ich lachen kann. Lassen wir das.

Sagen wir so. Tatsächlich habe ich dieses Jahr wieder sehr viel gelesen, aber das war mehr ein Zerlesen. Ein performantes Querlesen. Eine Teilhabe am allgemeinen Wettlesen. Es soll Leute geben, die lesen mehr als zweihundert Bücher im Jahr. Wow, möchte ich rufen, wie geht das. Ich habe nur ein Leben und schaffe nichtmal Auster.

Was läuft da mit mir schief. Nun. Deutsch, wie ich bin, ich arbeite daran. Viel. Ständig. Und das geht nun mal leider nicht so schnell, ein Querarbeiten, ein um die Wette Arbeiten, ein performantes Zerarbeiten – das würde man mir bald übel nehmen, würde ich doch glattweg anderen die Arbeit weg- quer- und überarbeiten.

Das sollen ja nun bald alles Maschinen übernehmen, habe ich gelesen, und wünsche mir: Eine Maschine die für mich 200 Bücher liest. Eine Maschine die diese Bücher so auswertet, dass ich immer auch weiß, was ich nicht hätte lesen brauchen, eine Maschine, die mir ein Buch zeigt, das ich unbedingt lesen muss. Da sei am Horizont wieder einer aufgetaucht, Joshua Cohen heißt es … eine Mischung aus Foster Wallace und Philip Roth, also genau mein Ding, vermutlich. Hm. Sobald es erscheint, werde ich reinschauen. Ja. Reinlesen. Ja es überfliegen. Wie immer. Alles auf einmal. Das muss sich auch mal ändern. So geht es nicht. Das bringt mich immer wieder auf mich selbst zurück. Ich bin soziales Wesen, dachte ich. Ich will die anderen. Ja. Und arbeite daran, die anderen zu wollen. Hm.

Was arbeitest du? Nun der Satz ich locke den anderen ein Lachen ins Gesicht. Das kann man trockener formulieren. Quasi lakonisch. Ich entlocke den anderen … stockt. Wartet … Grübelt.

Wieder Nadás: „In einem einzigen Augenblick war dieser Wirrwarr entstanden, unter Fremden. In einem einzigen Augenblick hatte ich ihr kurzes kleines Glück zerstört. Die Bahnstation, auf der ich schließlich ausstieg, leerte sich im Handumdrehen, und genauso leer war die Umgebung.“

Ja. Die Wechselwirkung zwischen großer Literatur und meiner Mimikry, das ist nicht leicht auszuhalten. Da werde ich noch viel … streichen.

Damit wir uns nicht missverstehen. Ich liebe lesen, arbeiten, leben, lieben, und vor allem, wenn nichts mehr geht … es gibt viele Sprachen … deswegen ich mal auf meinen Jahresrückblick in Sachen Musik verweise …

Ich wünsche allen einen guten Rutsch ins Neue Jahr 2018! 

Ich möchte mich endlich und in erster Linie bedanken, beim Lieblingsradiohörer, immer aktuell und für Überraschungen gut. Gern schaue ich bei Gerhard Emmer vorbei, hier finde ich vieles, auf das ich von allein nicht käme. Mein Lieblingsfirefox ruft mir immer wieder Hotfox auf, da kann man sich stundenlang aufhalten und alles nochmal Revue passieren lassen. […]

über Jazz in 2017 – Jahresrückblick — Verhoovens Jazz

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FUTURE II – Musik und Kultur der USA

 

Vor mir liegt ein interessantes Heft der Berliner Philharmoniker.

Die USA und die Musik

Anja Dilk: „Trumps Botschaft könnte klarer nicht sein: Kultur interessiert nicht mehr. Geisteswissenschaften brauchen wir nicht. Eure Zeit ist vorbei. Es ist ein Signal an die liberale Kultur- und Wissenschaftswelt der amerikanischen Küstenregionen – und eine Kampfansage an all das, wofür sie steht: Toleranz und Freiheit, Kritik und Vernunft, hinterfragen und durchdenken, das Ideal der amerikanischen Aufklärung schlechthin.“  Oder: „Die USA werden nochmal neu verhandelt.“ Oder: „Der Rapper Eminem erregte enormes Aufsehen mit einem wütenden Video, in dem er Trump wüst beschimpfte und seine eigenen Fans aufforderte, sich zwischen ihm und dem Präsidenten zu entscheiden. Kein wohlfeiler Protest unter Gleichgesinnten, im Gegenteil: Ein Großteil von Eminems Fans stammt aus Gesellschaftsschichten, die mehrheitlich Trump wählten.“ Trumps Freunde hier zu finden sind, Ted Nugent; das ist der mit der Southern Rock Attitüde, passend dazu: Kid Rock: Feuer, Schlamm und Bier … Burning : „Trump macht keinen Hehl daraus, was für ihn Kultur bedeutet: Wrestling und Casinos, Golf und billige Fernsehserien, pompöse Architektur, die ihm hilft, seinen Reichtum zur Schau zu stellen. Sein schlechter Geschmack ist ihm nicht nur egal, er stellt ihn sogar aus.“ Und auch: „Die Stimmung im Land ist kulturfeindlicher geworden. Und es sieht nicht so aus, als würde das liberale Bürgertum dem genug entgegensetzen können.“

Alex Ross: „Welchen Sinn hat es, schöne Dinge zu erschaffen oder sich an der Schönheit der Vergangenheit zu erfreuen, wenn allerorten die Hässlichkeit überhand nimmt?“ Am Beispiel Leonard Bernsteins, der wenige Tage nach Kennedys Tod  Mahlers Auferstehungssinfonie dirigierte und anschließend seine vielzitierten Worte fand: ‚Das wird die Antwort auf die Gewalt sein: Wir werden noch intensiver Musik machen, noch schöner, noch hingebungsvoller als jemals zuvor.‘ Ein Raunen. Denn. Zu bezweifeln ist nun, ob bessere Kunst zu einer besseren Gesellschaft führt. Konkret nämlich benennt er rein musikalische Werte: Intensität, Schönheit und Hingabe können der Gewalt nicht Einhalt gebieten, laufen vielmehr Gefahr, zur Hintergrundmusik zu verkommen.“ Oder. Am Beispiel des Gedichts First Fight, then Fiddle (1949) von Gwendolyn Brooks:

– tragt den Hass
vor euch her und lasst die Harmonie zurück,
Seid taub für Musik und blind für die Schönheit,
gewinnt den Krieg. Vergießt Blut, es ist nicht zu spät,
damit ein zivilisierter Raum entstehen kann,
in dem wir unsere Geigen voller Anmut spielen können.

Im Prinzip: Wenn man einen Ort der Zuflucht erschafft oder eine Atempause genießt, erklärt man sich dadurch noch lange nicht einverstanden mit den Verhältnissen. Oder: Letzlich haben Künstler, die sich selbst treu bleiben wollen, keine Wahl, wie sie reagieren. Alex Ross vergräbt sich in der rebellischen und wütenden Musik von Julius Eastman, Evil Nigger und Crazy Nigger, monumerntale Kompositionen im minimalistischen Stil. Ein Eintauchen sei auch möglich in Bachs Passionen. (Hier die Johannes Passion … die Matthäus Passion wieder zu Ostern?!)  Oder Trost Spendendes von Wallace Stevens, während die Twintowers in sich einstürzten … es ist schon bezeichnend, dass ich beim Suchen von The Noble Rider And The Sound Of Words auf Herr der Ringe gestoßen werde … nehmen wir zur Einführung den hier

Susanne Stähr über Leonard Bernstein: ‚Mein Sohn ein Klezmer – ein armseliger Bettelmusikant?‘ Als Sohn eines Ukrainischen Einwanderers, stieß Leonard, eigentlich Louis, bei Crazy Clara, seiner Tante, zehnjährig auf ein abgestandenes Klavier und fand plötzlich, Selbstaussage, zu seiner eigenen Welt. Seine Klavierlehrerein empfahl dem besonders talentierten dann 13 Jährigen eine Weiterbildung in Boston, das scheiterte fast an den zu zahlenden drei Dollar pro Stunde, diese Dollar brachte er schließlich selbst auf, durch Klavierunterricht und in einer Jazzband auf Hochzeiten … ich kürze ab: „Leonard Bernstein ist wirklich eine amerikanische Erfindung: seine Lehrer kamen aus Europa, aus der deutschen Tradition, der Jazz gab ihm wichtige Impulse, und dann hatte er diese spezifische amerikanische Art, alles aufsaugen zu wollen, und da er genug Talent hatte, kam ein Bernstein dabei heraus, er hat uns gezeigt, wie wundervoll Amerika sein kann.“

Leonard Bernstein Conducting Boston Symphony

Thomas May: MADE IN THE USA. Ein historischer Überblick in sechs Schlaglichtern. Die klassische Musik der Vereinigten Staaten steckte stets in einer Identitätskrise.

Ich beschränke mich mit der Auflistung der Schlaglichter, im Zeitraffer:
Aus der New York Times über die Aufführung von Antonin Dvoraks 9. Sinfonie in der Carnegie Hall: ‚Aus dem Herzen der (amerikanischen Anm.) Sklaverei … erhob sich die spontane musikalische Stimme des Volkes. Und diese Volksmusik fand einen Widerhall im amerikanischen Herzen.‘ Oder: Edward MacDowell: hier Klavier Concert Nr.1, deutlich zu spüren. Ausgesprochen ‚amerikanisch‘ klingt es nicht. So konzentriert man sich erstmal weniger auf den Schöpfungsakt, sondern mehr auf die Aufführungspraxis und Darstellung. Die sogenannte Hochkultur sich verdrängen ließ von populärer Kultur. ‚Die Geschichte der Klassik in den USA ist voller Brüche. Traditionslinien wie in Europa waren hier nie zu finden.‘ Beispiel Louis Moreau Gottschalk. La nuit de Tropique. Eine Verkörperung oder Mischung aus Coolem und Ausgeklügeltem mit Kindlichem und Primitivem. Oder Charles Ives Sinfonie Nr 2 , Steve Reich Musik für 18 Musiker und John Adams. Short Ride in a Fast Machine. Sie unter Minimalismus zu subsumieren nicht wirklich hilfreich erscheint, daher der Arbeitstitel Nonkonformismus eine der größten Konstanten in der amerikanischen klassischen Musik sei.

Und klar: John Cage In A Landscape Beethoven irrt!, Pauline Oliveros A Love Song, Meditationen über den Klang selbst, Menedith Monk Turtle Dreams – ‚meine Musik hat ein Herz, einen Geist und ein körperliches Element.‘ Die Querdenker.

Schließlich George Gerschwin Rhapsody in Blue. Und das Duke Ellington Orchestra. Hier Take the A-trane  als Brückenbauer. Schnell noch meine Lieblings-Ellington-Aufnahme Money Jungle !! Gerschwin zumindest als Vorbild zur Überwindung der Kluft zwischen Kunst und Unterhaltung herhalten darf. Es fehlen nur noch Aaron Copland Billy The Kid bringt schließlich die amerikanische Prärie zum Erklingen (Kommentar eines Users) …  und siehe Susanne Stähr, Leonard Bernstein.

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Dagegen nun Ted Nugent und Donald Trash. Muss die sogenannte Hochkultur jetzt die Fenster öffnen, und wütend Wind reinlassen? Muss ein neues Kunststück vollbracht werden, The Competition For The Idiots, frei nach Dostojewski? (Man darf gespannt sein.)

Ich sehe Karten neu gemischt. Sehe nicht, dass Donnies Trompete stimmt, geschweige einen Ton über getrichen F hervorbringt. Fürchte aber, dass das Publikum darauf abfährt. Ein Traum wird wahr: Nichts können und der mächtigste Mann der Welt sein. Wer will das nicht? Kleinjungenträume funktionieren wie James Bond, stellvertretend für den Loser seiner Zeit den großen Schuh machen.

Streng genommen gehört der Mann auf den Index, das macht ihn populär. Gespräche mit einem Kindskopf, wie kinski-neu-2-dw-kultur-karlsruhe-jpgsoll ich dem moralisch begegnen, da ich selbst einmal Fan monterey301112war von Jimmys brennender Gitarre und der Janis, die ihre Leute mal eben feuert wegen fehlender Visa. Man hofft, dies Konzert, die Veranstaltung, der Trip, sei bald vorbei, nach neunzig Minuten in der Regel. Dieser Trip jedoch so voller selbsterfüllender Prophezeiungen, er dauert schon zwölf Monate und wahrscheinlich noch drei Jahre, wenn nicht sieben. God save the Queen.

Bleiben Hoffnung und Glaube, dass Junk, Fast Word und der ewige Twitterpräsens nicht die neuen Lehrmeister sind, sondern nur Hype of Type. So wie Donald erstmal nur ein Hype of Type ist (zur Pop-Ikone aufgestiegen. Nichts können, alles erreichen, so what?) Auch das sog. bürgerliche Hochkulturlager scheint hungrig zu sein nach diesem schnellen und lauten Bums. (Sonst würde nicht so viel über ihn berichtet.) Wenn erst das Elend real geworden ist, und Donald allenthalben behauptet, er sei die Reinkarnation des Realen, nur die Bürgerlichen haben es noch nicht begriffen. Der einfache Mann große Sehnsüchte verspürt nach Fiktion, Viralem und Feudalem. Einer von uns musste ja gewinnen. Jetzt hat’s Donny erwischt. Erinnert an Willkommen Mr Chance, English Being There aus 1979. (Das war noch zarte Ironie. Hm)

Da ist einer Präsident der Vereinigten Saaten of Amerika geworden, die er, nach Einschätzung der Lage, zu den Devided States of Desintegrated People umbauen will. Das Glück ist bei den Blöden. Mit Gottes Hilfe. (Der Zusammenhang zwischen Klerikalem, Fundamentalem, Glauben und konservativer Wertevorstellung bleibt uns nicht erspart.)

Die Daily Soap wurde von seiten der Hochkultur belächelt und verpönt, die Daily Soap erobert die Regale, die Nachrichten, steigt ins Brainstorm des kleinen Mannes ein, das hohe Anspruchsdenken bleibt auf die beschränkt, die es sich leisten können. Die es sich leisten können, brauchen keine Kulturförderung. Also weg mit der Förderung. Standpunkte, die man auch hierzulande bei Liberalaffinen durchaus häufiger zu hören bekommt. Erinnnere mich an ein Gespräch mit zwei Abgeordneten der Liberalaffinen, die machten sich lustig über ihren Mann von der Kultur. Der saß schließlich als, Zitat: „fraktionsloser Spinner“ im Abgeordnetenhaus. So kanns kommen. Immerhin.

Da gibt es ja noch die, die das ganze Geld in Opernhäuser und Konzerthallen versenken in der Hoffnung, es sickere etwas davon zu Herrn Duftermann durch. Herr Duftermann aber braucht keine Kultur, er handelt mit Immobilien. Das ist ihm Kunst genug. Das Haus vom Klaus.

Ganz ohne Fantasie oder Vision wird es trotzdem alles nichts. Deswegen Trump auf den Realitätssinn umgeschaltet hat, überschuldet zwar, aber in der Form einer Überschuldung, da wird das zum Kompliment. Zum Ritter geschlagen von der Deutschen Bank. Erinnere mich an ein Gespräch mit einem aufstrebenden Internetaffinen, wer heute Steuern zahlt, ist ein Idiot. Und wie umgeht man Steuern? Man hinterlässt regelmäßig Verluste, regelmäßig so große, da bleibt nur die Flucht über den großen Teich. (Oder nach Holland) Das war 1995. Wer nicht reich ist an Schulden, kann auch von Kunst und Kultur keine Ahnung haben. Denn ohne Schulden keine Kunst. Sein Standpunkt.

Guck hier mein Federdruckluftgewehr hat 85 Dezibel, sagt Herr Mordhorst. Nicht dass uns die Motzkis und Duftermanns durch die Straßen ziehen mit ihren von mir subventionierten Pauken und Trompeten, und ungeschoren vor meinem Fenster herumdemonstrieren. Du willst auf sie zielen? Fragt Dr. Husten. Ach, komm, eine Taube vom Himmel schießen will ich. Einen Landrover durch den Schlamm steuern. Der zerlumpten Seele das letzte Hemd ausziehen. Spielhöllen gründen und Risikoanleihen auf sie. (Polyphoner Dauerregen). Eine gemeinohrstiftende Musik für alle, bitte!

Jeder Mensch hat ein Recht auf musikalische Betätigung! Harfe. Gitarre. Klavier. Und Federkernluftgewehr. 85 Dezibel. Womit glaubst du, kannst du deine Freunde schneller faszinieren? Du musst nicht Sklave gewesen sein, um den Blues zu spielen.

Jaja, die USA hat ein Identitätsproblem, mit der Klassik. Das birgt 500x500Gefahren, weltweit … auch für Europa, da es unbestritten Überschneidungen gibt zwischen denen und uns, sie sind von uns … wie wir von Afrika!  Our Roots began in Africa. Aber uns immer auch ein Stückchen weit voraus. Sprach ein Gebet: Oh Herr, lass uns diesmal nicht den Amis folgen. Bitte, Oh Herr, steh uns bei. Bitte, Oh Herr, werde sichtbar! Wie Sie sehen, auch ich werde religiös. So tief bin ich gesunken. Mit mir Oh America.

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Leonard Bernstein Yes

 

Ein Jahr ist es her, seit sich der White Trash im Weißen Haus ausbreitet. Als brauche man nur Spielzeugabteilungen leer zu kaufen, am besten die mit Pump Guns und Big Jims und Barbies und Kevins, Big Jim verspricht neues Kinomaterial für die, die sich angesprochen fühlen, Donny tauscht mal eben das Publikum aus. (Fühle mich weit in meine Kindheit zurückversetzt. Da erteilte man uns Kinoverbot, so weit kommt’s noch.)

Das konzentrierte und gediegen bürgerliche Publikum gegen die, für die Big Jim ein Dolfin Diver, ein Karate-, ein Soccer-, ein Sports-Man ist. In diesem Adventure-Game um Macht und Recht und Story Telling. Die politische Bühne ausgetauscht gegen eine Daily Soap, in der noch immer der Böse den Guten zwingen will, der Gute dem Bösen in die Parade rauscht. White Trash ist für den Moment geschaffen, soll unterhaltsam sein, eindrücklich und immer durch den nächsten Joke, Witz oder Bums verdrängt. Der Country Club feiert Hochkonjunktur. Die Pussys drehen sich um Stangen und rekeln ihre Kurven den Genießern von Stuten, Hengsten, Pick Ups und dem neuesten Ford Cherokee entgegen, White Trash Goes Cinema.

Das braucht man nicht zu lernen, nicht studieren, das hat man drauf oder nicht, oder geschenkt bekommen. Und hat man es nicht drauf, muss God bless America ein bisschen helfen. Es kämpft sich das Recht auf Trash und Siff durchs Museum an die Macht und verwüstet Bankett und Sitten. Alles schon dagewesen mit Mikro, rückkoppelnden Lautsprecherboxen den Versumpften auf die Sprünge zu helfen. Wie lautet gleich das Narrativ zu diesem Betriebsunfall? Hollywood oder Holy Wood? Ich glaube, es hat das Bürgerliche das sich selbst eingebrockt. Guck dir das Kinoprogramm der letzten zwanzig Jahre an. Alles vorgezeichnet. Alles provoziert. Da braucht man keine Krokodilstränen heulen jetzt. Hat der Plot denn die schlimmstmögliche Wendung genommen? Glaube ja. Fehlt nur, dass die zurückgebliebenen Deutschen dem nun folgen. Die Frage wirft sein Spiegelbild auf mich: wie lange will ich dem noch folgen? Kleiner Mann, was nun? Herr Duftermann macht noch immer auf Immobilien, der Herr Dr. Husten bringt mich in die Anstalt wegen Graphomanie und der Herr Mordhorst … nun der Herr Mordhorst denkt noch drüber nach.

Lieblingsroman derzeit: Hans Fallada, Der Trinker. Duftermann und Dr. Husten und der Herr Mordhorst sind von dort. Danke Hans!)

 

 

Péter Nadás in der Akademie der Künste

Péter Nadás, Aufleuchtende Details.

Einmal Akademie der Künste und zurück. Was ein Glück für einen Erzähler, der seine Kunst aus dem Schweigen des Vaters bezieht, will sagen: Weil sein Vater schwieg und er das Schweigen Vaters geerbt hat, will er dem so offen wie möglich ein Erzählen entgegnen. Ein Erzähler, bei dem du von der ersten bis zur letzten Zeile spürst, es ist die Stimme des Péter Nadás selbst, und doch, wie kann er etwas erzählen mit der eigenen Stimme in Zeiten, da er noch nicht gelebt hat. Hundert Jahre Einsamkeit in zehnjährigem regelmäßigen Fleiß aufgearbeitet, und da die Namensregister mehrfach den Säuberungsaktionen der Staatsoberen geopfert wurden, kann er nur bis ins achtzehnte Jahrhundert hinein recherchieren, er weiß nichtmal wie seine Ahnen wirklich geheißen haben mögen. Aus dem Familiennachlass bringt er Zeitungsartikel der Mutter mit, das Schweigen seines Vaters und seine unermüdliche Gedächtnisleistung, die die Zeitungsausschnitte der Mutter zum eigenen Erzählstoff werden lassen, da schien selbst Jörg Plath überrascht, denn Nadás habe die Zitate so eingeflochten, der Leser merke nicht einmal, dass es sich um eine Kollage handelt. Der Leser merkt nicht mal das.

Literatur – wenn ich gestern noch gefragt habe, was kann Literatur leisten, so schimmert hinter dieser Frage immer die nach ihrer gesellschaftlichen und politischen Relevanz hindurch, und mir selbst lag es auf der Zunge laut zu rufen, Herr Nadás, wie kann es sein, dass ein so schlauer und großartiger Erzähler nicht verhindern kann, dass seine Leute autoritären Systemen ihre Referenz erweisen, da gibt er unaufgefordert Antwort. Es sei nicht Aufgabe der Literatur, dem Imperativ den Hof zu bereiten, er glaube nicht an eine Kausalität der Geschichte, die logische Abfolge der Geschichte komme ebenso wenig vor, da die Interpretation von Geschichte jeden historischen Fakt in der Nachbetrachtung zu einem Vielfachen seiner Erkenntnisse zwingt, ja umgeschrieben wird. Warum sich diesen Spekulationen noch hingeben, wenn selbst die eigene Geschichte keiner Regel folgt.

Genug, genug. Der Abend hat mir doch einen Schrecken eingejagt. Wer wie ich mehr als drei Bücher in die Hand genommen hat, kommt nicht umhin, seinen eigenen ganz bescheidenen Größenwahn zu pflegen, wie ich es gestern schon dachte. Wenn du als Leser erst merkst, das kann auch ein Kind, so oder so oder eben so zu schreiben, beginnt in dir eine eigene Frequenz schrille Zwischentöne zu erzeugen, nach denen du dich selbst in die Lage versetzt, auch die Pfeife in den Mund zu nehmen und dich aufzuspielen wie ein Polizist oder Marktschreier oder was noch schlimmer ist – du selbst wirst zum Pharisäer und hast plötzlich das Gefühl, du habest nur Tinnef gelesen in deinem Leben, du habest nur dummes Zeug gesehen, diese bescheidene Selbstgerechtigkeit wird ebenso plötzlich zu einer sich über alles hinwegsetzenden göttlichen Disposition, du hast ohne das beabsichtigt zu haben die Stimme eines Megaphons inzwischen gegen die Trillerpfeife getauscht, dir kreisen die Namen durch den Kopf,  du hattest längst abgeschlossen mit Thomas Mann, längst aufgehört zu glauben, dass der Arzt Alfred Döblin schreiben kann, du hast Max Frisch in die Tücher gewickelt, du hast Cees Nooteboom als Esoteriker bezeichnet, du hast dir irgendwann leider angewöhnt, dir die Diskurse über Literatur und Wort und Satz abzugewöhnen, du hast dir die Literaten nur noch unter dem Gesichtspunkt angetan, ob sie den auf sie aufgesetzten Maßstäben standhalten. Du hast dir vor allem eins verbaut und verunmöglicht: Das Lesen. Das Zuhören. Das sich Entwickeln lassen der inneren Stimmen. Deine eigenen Erinnerungen versandeten, wurden verschüttet, wurden mit Wasser und Zement angerührt und erstarrten zum unbeweglichen Klotz, ein Manifest deiner Selbst im Stocksteifen – da kommt Nadás gerade recht.

Nun könnte man meinen, ein Betonklotz ließe sich nur mit Presslufthammer aufbrechen, umso erstaunter bin ich, dass eine Eisenstange reicht. Die des Straßenbahnführers, der damit in Budapest die Weichen umstellt und in Paris damit prügelnd um sich schlägt. Das Assoziative, der Webteppich, die hohe Erzählkunst eines Péter Nadás macht mir bewusst, endlich wieder: ja, es gibt sie noch, die großen Erzähler. Die Sprachvirtuosen, die Wortkünstler. Ob ihm das Schreiben denn nicht leicht falle. Eine mehr als einfache Frage. Welchen meiner Sätze glauben Sie, könnte ich mit leichter Feder geschrieben haben? Zeigen Sie mir einen. Und schon beginnt das Lesen, und du glaubst, jeder dieser Sätze sei aus ihm herausgeflossen wie anderen die … Feder … bricht ab.

Die Kunst des Erzählens. Man spürte es in jedem der Gesprächsansätze zwischen Nadás und Plath. Die Ergebenheit, der Respekt, die Ohnmacht der Kritikerworte, insofern entlarvend, als ich gestern noch fragte, wann endlich die Bevormundung der Autoren durch ihre Kritiker aufhört? Nun, die Autoren haben es selbst in der Hand. Sie müssen können sollen erstmal Nadás lesen, und dann schreiben wie sie es am besten können, und wenn man es so gut macht (ausarbeitet) wie Nadás, hast du niemanden mehr gegen dich. Kann mir einfach nicht vorstellen, dass irgendjemand mit ein bisschen Gefühl für Sprache und Literatur sich gegen Nadás positionieren will oder kann, wenn er selbst Betonklötze wie mich aufzuweichen versteht.

Aber wahrscheinlich war ich gar nicht aus Beton, sondern einfach nur vertrockneter Boden. Da reicht dann keine kurze Dusche wie ich sie mir hier häufig im deutschsprachigen Raum antue, sondern ein schöner satter und andauernder Regen. Wenn es über Marcel Proust heißt, für einen Proustianer gibt es nur Proust und dann lange nichts, so wird selbst ein Proustianer eingestehen müssen. In Péter Nadás hat Proust mehr als einen guten Schüler, ich würde sogar behaupten: Wenn Marcel Reich Ranicki damals lockerlässig verkündete Marcel Proust komme wieder in Mode, so will ich ihm hinterherrufen. Legen Sie Proust erstmal beiseite. Denn die Suche nach der verlorenen Zeit ist in Aufleuchtende Details, in Parallelgeschichten und im Buch der Erinnerung mehr als nur … Suchen nach dem Wort. Das bekanntlich am Anfang stand.

Es gibt also keine Kausalität. Demzufolge auch keinen Plot. Vergessen Sie es. Schmeißen Sie alle Bücher weg, in denen Ihnen ein Plot angeboten wird. Sie werden nur verrückt gemacht durch die Abenteuer derjenigen, die ihre Phantasie dafür missbrauchen, andere hinters Licht zu führen. Warum denn Nadás nach 1278 Seiten schon Schluss gemacht habe, sei da nicht noch viel mehr? Für wie hinterhältig halten Sie mich, antwortet er. Ich könnte für die Schublade geschrieben haben und es als Nachlass durchreichen, aber wie hinterhältig wäre das erst. Glauben Sie mir, das, was Sie in Händen halten, ist das Buch meiner Familie, und das war’s. Nun kann ich mich darauf gefasst machen, eine Tracht Prügel von ihnen zu beziehen, wenn ich nach meinem Ableben bei ihnen vorbeikomme.

Der Humor ist ganz auf seiner Seite. Ich habe diesen Abend genossen. Nur auf eine Signatur in meinem Nadás habe ich verzichtet. Denn ich habe mit diesem Nadás mehr als einen Nadás. Warum noch seine Schrift? Stelle mir seine Hände vor, wie er nur für mich schreibt, für Clemens, Péter Nadás …  ich würde davonziehen wie ein Held am Eisstand seiner Erzählung, hätte das beste Eis abbekommen und draußen, an der Englischen Botschaft, würde eine Polizeiwanne auf mich warten und mich festnehmen mit diesem ominösen Eis in der Hand, das ein Buch ist, das, ohne, es zu wollen, ebenso gut ein Attentat simulieren könnte auf all die, die glauben, Blut sei nur dazu da zu trocknen, oder wenn Nadine Gordimer sagt, den Menschen beruhige eine einzige Sache, der Mord, dann kann ich aufgrund meiner eigenen Erfahrungen in Menschenkunde dieser anthropologischen Beschreibung noch hinzufügen, dass man das Opfer in seinem Tod auch noch zu schänden wünscht. Das ist kein individueller, sondern ein ritueller Wunsch. Wer den Sprengsatz in diesen Sätzen nicht sieht … darf sich fragen, ob er nicht selbst schon Teil einer Zündschnur ist.

Wenn Sie mich fragen, fragen Sie lieber nichts. Wer des Lesens überdrüssig ist, hier ist frische Luft! Wer das ganze Geschummel und Gemurmel im Markt nicht mehr erträgt, hier ist ein Buch, mit dem Sie überwintern können. Wenn es schon heißt, Männer würden nichts mehr lesen, bzw. könnten außer Fußball, Arbeit, Sachbuch und ein bisschen Beischlaf nichts, schenken Sie ihm dieses Buch, er wird sofort alles hinschmeißen, so er noch bei Verstand ist. Wer Zweifel an seinem Geliebten hat, lege ihm dieses Buch unter den Weihnachtsbaum, wenn er das Buch nicht zu lesen vermag, waren die Zweifel berechtigt. Wer eine Internetpause braucht. Bitte. Ich übertreibe nicht, ich untertreibe: Endlich wieder LITERATUR! Mit den besten Wünschen … ergebendst.

Oder wie sie es gestern Abend praktizierten: Sich japanisch voreinander verneigen. Ich ziehe meinen Hut!

Jörg Plath in Deutschlandfunk

Jörg Plath im SWR

Jörg Plath im ZDF auf dem Blauen Sofa obwohl die Lektüre nicht ungefährlich ist

Andreas Breitenstein auf NZZ Ein Meilenstein der Literatur

Iris Radisch in der Zeit Die Totale des Jahrhunderts

Gerhard Zellinger im Standard.at Der Fluch des Überlebens

TERMIN zum Vormerken Sonntag 26.11.2017, 11:03Uhr SFR

 

 

 

 

Ein berauschendes Fest?!

Vorneweg: Meine Empfehlung

lautet schon jetzt Péter Nadás, allein der fehlenden (é) accent aigus in der Deutschen Sprache und der gekonnt gesetzten Adjektive und der so wunderbaren Sätze wegen: „hörte zum ersten Mal, jemand habe seine Stimme nicht am richtigen Ort.“  Oder: „Mein Vater lehrte mich die Möven füttern, warf in einem Bogen Brot in die Luft, Kügelchen, die seine Finger geknetet hatten. Von da an waren Kügelchen kein Brot mehr; das Wort hatte Form und Materie getrennt, die hoch oben segelnde, schaukelnde Möve … hingegen stürzte sich darauf.“

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Gespannt bin ich auf: Ljudmila Ulitzkajas Jakobsleiter (ein Geschenk!), die euphorisch aufgenommen wird, aber auch distanziert als handwerklicher Pragmatismus abgetan. Die Mitte dessen werde ich rausfinden.

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Und wer nun keine Lust auf Hinterfragungen hat … bitte, da hinten ist das Buffet. Mein Chauffeur begleitet Sie gern nach Hause.

Ein rauschendes Fest

Der Kompass?! Was war das? Wie finde ich mich zurecht? Überall rufen die Worte … die Wünschelrute schlägt trotzdem kaum aus? Anything goes ist der Sekundenfresser, das Internet sein Durchlauferhitzer. Less wäre more, aber More sind die anderen.

Das Internet macht schnell, heißt es, rastlos – ich zerlebe meine Zähigkeit vor dem Tempo der anderen. Wie viel Zeit ich damit verbringe, zu finden, was ich nicht suche. Wie viele Themen, Termine, Ideen ich versäume, es ist ein Rausch, ein vorbeirauschendes Fest, ein Staunen über den Markt der Möglichkeiten, allein es fehlt mir der Kompass, ein Fahrtenschreiber, das Echo.

Täglich Neues, täglich spaziere ich durch Tabellen und Datenbanken, nach Alphabet sortiert, nach unwichtig, nach wenigstens interessant.

Stimmungs- und Interessenslagen. Ein gutes Buch zu lesen, kannst du niemandem mehr abverlangen, heißt es. Es fehle die Zeit. Ein schlechtes Buch gelesen zu haben, will niemand gewesen sein. Die Behauptung, es seien mehr als neunzig Prozent aller veröffentlichen Bücher nicht ihren Pixel wert, lässt sich an dieser Liste abgleichen. Die das sagen, wissen wie schwer es ist, ein gutes Buch zu schreiben. Nun, weil es so schwer ist, erwarten wir es wieder?

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https://www.dumontreise.de/reise-news/detail/extreme-bahnstrecken-zum-staunen-und-fuerchten.html

Was ich sehe: sie pushen und schieben und drängen um Klickzahlen, ein Summenspiel aus Informationsfluss und dem Ruf nach Aufmerksamkeit im Chor der Selbstvermarkter, Werbeträger und der Lauten, die sind alle mal wech, wenn’s drauf ankommt. Und trotzdem ich, der Leser/Käufer das applaudieren soll, liken, kaufen, hofieren, soll täglich Tagebüchern folgen, soll ebenso stündlich Lesefreude teilen, soll am besten schon morgens zum Tee weitere Bucheinkäufe planen. Drohe unter dieser Art Rundumversorgung zu pulverisieren wie Starbuck unter der Regie von Ahab.

61329uvxdkl-_sl1385_Statt weitsichtig werde ich provinziell. Statt großmütig kleingeistig. Ich sehe zwischen den Zeilen nur Überschriften. Statt der Haptik ein weiteres Bild. Statt Stadt … ein Dorf und auf dem Marktplatz Krakehler, lauter Niemand, vor allem aber: sehr laut. Wer/was soll ich werden im Spiel, wenn nicht mein eigener Schatten. (was mich seltsam berührt: die Dankbarkeit und Bescheidenheit der Autoren und Autorinnen, das Gönnerhafte und Selbstsichere der sie beurteilenden und einschätzenden Juroren, um es provokativ zu formulieren: wie lange noch wollen Autoren und Autorinnen sich diese Bevormundung gefallen lassen – erst werden sie über Jahre zur Füllmasse der Szene, in der Öffentlichkeit bloßgestellt und unter dem Diktat eines angeblichen Wettbewerbs gegeneinander verjuxt wie Spielkarten, jetzt kämpfen sie ums Überleben?)

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http://www.tagesspiegel.de/kultur/sasha-waltz-und-ihr-klassiker-praechtig-prekaer/14990962.html

Wenn ich dem Internet für zwei Tage die Aufmerksamkeit entziehe, bin ich ein angeblicher Mensch. Gehe ich in die Netzfalle, bin ich ein fassungslos konturloser – als Fragment, polar, bipolar oder atomisiert. (Bin nunmal im Weltraumverhältnis verschwindend gering) Und trotzdem häufen sich die Anschläge auf meine Person. (Mit Kanonen auf Spatzen sozusagen) Du musst wissen was du willst heißt es, die anderen wissen mehr. Leicht hat es der mit dem Vereinfachermodul, alles sei da, da und da, also Dada. Noch leichter der mit dem Modul, es will alles nichts, und davon noch mehr. Und neuerdings haben wir welche gesichtet, die meinen, sie hätten das Recht auf ihrer Seite, jetzt kommt Druck von unten, ich soll C.G. Jung lesen (Achtung Zeitfalle, der Artikel ist von 1952), wozu?

Sie lesen um die Wette, sie sprechen sich aus, und doch sind sie sich nicht immer einig. Ist das Diskurs? Wollten sie Säulen ergründen als Fundamente des Denkens und Meinens, oder wollten sie nur sprechen im Schweigen des Lärms?

Seit Monaten suche ich, ich finde mich nicht im Haufen der Heunadeln. Ich will wissen wo die anderen sind, sie verstecken sich hinter Bildern vom Schein, vom Licht. Ich bin das nicht. Will wissen, was ist und kann Literatur, und finde Zwischenrufe, Ungenaues, Geworfenes.

Zwischendurch ruft es Halt Halt. Schon treibt die nächste Herde durchs Dorf. Ich habe Bücher gekauft, mehr als 2tausend. Ich will sie nicht mehr. Ich sehe Littfaßsäulen (mehr Werbung als Inhalt) , eine ursprünglich Berliner Erfindung wie auch der Computer eine ehemals Berliner Erfindung.

Kurt Tucholsky: Der Berliner ist ein Sklave seines Apparats. Er ist Fahrgast, Theaterbesucher, Gast in den Restaurants und Angestellter. Mensch weniger.

Ich zähle meine Lebtage und verbringe die Zeit mit falschen Zahlen, Umfragewerten und Konfektionsware. Jetzt könnte man behaupten, ich will zu viel. Ich könnte auch sagen, ich will weniger. Ich könnte behaupten, dass jede Behauptung durch sich selbst dividiert keine Aussage ergibt. Das Draußen überkommt mich. Ich muss es sortieren, besetzen, erobern, bestimmen – verdrängen, muss ich das? Wofür? Muss ich, sonst dreh ich am Rad. (Der Mann ohne Eigenschaften war eine gute Metapher für die Eigenschaften im Koma.)

Ich brauche Menschen um glücklich zu sein.

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Nicolas Poussin, 1636/37, Öl auf Leinwand. London, National Gallery

Ich sehe Bits und Bytes um die immer gleichen Koryphäen. Ich nun, Daueranwender mir untergejubelter Welten, die sich frommschön Social Media nennt, muss Grenzen ziehen, aber jede Grenze provinzialisiert mich noch mehr. Die Grenze allein macht es nicht leichter. Sie muss auch noch befarbt werden. Grüne Grenzen, Rote Grenzen, Blaue Grenzen, Gelbe … im Regenbogen durchs All. Was will ich Ulrich? Die Publicity, die Selbstvermarktung? Das sollte man Profis überlassen, und sie entsprechend bezahlen. Aber das in meinem, einem prekären Bereich? Dem des Jazz und der Bücher? (Die Blockbuster den Markt verhindern, das goldene Kalb jedes ästhetische Empfinden ausblendet. Schon die Architekten jetzt goldene Häuser bauen?!) Die Wirklichkeit dagegen ist prekär. Die Krankenkassenbeiträge steigen.

Das Netz ein Durchlauferhitzer. Sagte ich schon. Another Brick in the World, pardon Wall, viele Sticks and Stones. Macht stoned and sick. Ich kann damit nicht umgehen. Muss Kurse besuchen für richtiges Klicken und Liken. Oder aber … ich müsste mir ein paar neugierig machende Freunde erschaffen … Ich werde jeden Morgen gefragt: Willst du ein neues Profil? Das hatte ich schon, mich selbst liken und lieben. Das wirkt auf andere betrüblich, nicht nur auf sie.

Will sagen. Die Schmerzgrenze. Täglich sichtbar. Ich krieg nicht was ich will. Was will ich? Autorenmeeting! Schriftstelleraustausch? Worte !!  Sätze ?! Gedichte ?!? Geschichten? Wo findet das statt? Und betrat Foren, danach füllte sich mein Spamordner. Ich sah Seiten, die nur mit Profis zusammenarbeiten, was eine Arroganz. Ich sah Seiten, die abgeschaltet wurden. Ich blickte auf Fenster, 19 Zoll Möhren und malte schwarze Balken darauf, die aussahen wie Stäbe. Akkurat im Verhältnis eins zu eins neunzig Grad. Mein eigenes Gefängnis.

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Komm mir bloß nicht mit Jazz. Tarne deine Absichten und schreib einen Krimi!

Sag dann nicht, dass du das warst, behaupte das Gegenteil, immer die anderen! Einer deiner Nebenbuhler, die du geschaffen hast. Angelegt, dich zu erschießen. Du schreibst eine irre Verfolgungsfahrt eines Protagonisten hinter sich selbst her.

I hired a contract Killer.

Denn auch du (Perspektivwechsel) warst seinerzeit in Literaturcafes unterwegs – als es dort noch Foren gab … und bist an die Glasdecke gestoßen, darüber liefen sie mit Pappschildern, mach dein Buch selbst, auch Selfpublishing genannt, zu zeigen, was noch so geschah mit der Absicht, Schriftsteller zu werden, es wurden/werden Genres verhandelt, Love, Sex und Groschen und andere Goldgräbermünzen, allein der Anblick der blumigen Covers ließ dich gefrieren, Finger weg von brennenden Messern. Die ganze Motivation, Autoren ausfindig zu machen, im Blut, die die Bücher ertränken, erwürgt.

Kehrst du zu den Publikumsverlagen zurück, siehst du (dein Blick auf die Welt hat sich geändert!) wie Messer gewetzt werden und Prometheus gefesselt wird am Baum zu fressen die eigene Leber. (Ein Mythos vom Adler der durch zu häufige Anwednung zum im Sand hupfenden Huhn mutiert.)

krimis

Nun sehen wir uns zum hundertsten Mal Autorennamen an und schieben und puschen und verhandeln das auch – nicht ohne Literaturkritiker nochmal vors Schienbein zu treten, weil hier mehr als 2tausend Bücher einstauben, von denen ich (fast) alle in Kürze in die Bibliothek bringen will – zwingend notwendig, die Bücher haben mein Leben im Sinn eines Echolot unlesbar gemacht. Da sind so mittelmäßige Bücher untergekommen, sie machten mich glauben, das kann auch ein Kind. Und seit ich glaube, das kann auch ein Kind, lebe ich ein schreibendes Erwachsenenleben im falschen.

Ein unendlicher Spaß. Mit all den Prekären konkurrieren zu müssen, die sich um Stipendien und andere Brosamen bemühen, und immer noch nicht unter den Erfolgreichen auftauchen. Als Autor du schon sehr von deiner Arbeit überzeugt sein musst, sie unter die Leute zu bringen, doch welcher gute Autor ist von seiner Arbeit überzeugt.

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Es herrscht Fülle in den vielen Formen der Prinzipien des Möglichkeitssinns. (Jaja, der Ulrich) Allein mein Realitätssinn zeigt es nicht an. Ich mein Ulrich stehe im Steinbruch, der Goldgrube der anderen, im Rückzugsgefecht seiner Person. Ich wollte die dunkle Jahreszeit nutzen, zu mir selbst zurückzufinden, dabei kam ich mir häufig abhanden. Ich lese von Dingen, die ich ohne Internet nicht wüsste, ich frage mich trotzdem: Was wo wie finden die anderen, was wünschen und suchen sie. Sitzen vor einer 19 Zoll Möhre mit vertikal und horizontal aufgemalten Balken, in der Proportion ganz ein eigenes Gemäuer, mit Blick in die Tiefen Eigenschaftsloser … besorg es dir selbst, heißt der Geistheilige heute. Denn die anderen kommen ohne dich aus.

Heißt übersetzt, will sagen: mehr Demokratie wagen scheint sich in der Literaturszene nicht wirklich rumzusprechen. Pyramidiale System. Fürstentümer. Gokkelgehabe. Alles schon mehrfach gelesen, küss die Hand gnädge Frau, darf ich Ihnen die Schuhe putzen, Herr? Pass auf, mit wem du sprichst. Der dort ist multipolar angewandelt und der da will nur dein Geld. Denk dran, wenn dir jemand zu nah kommt, schalt deinen Anwalt ein. Setz mal eine Prämie aus.  Er sucht keinen Ghostreader! Er hat Geburtstag und geht in einen Buchladen. Sich einmal mehr beschenken. Sich ein schlechtes Gewissen einkaufen. Bücher, die sich von ihm abzuwenden scheinen, denn der Autor, wissen alle, ist so ein Empfindlicher, dem wächst gerade sein eigener Plot über den Kopf, er will gelesen werden nicht belatschert. Jaja, lesen und gelesen werden … Es ist wie es ist. Siehe Thomas Bernhard. Frostig. Grauslig. Lerne zwei Sprachen. Durchhalten und Ironie.

Ich habe Empfehlungen gesammelt auf WordPress, besten Dank an:

https://literaturreich.wordpress.com/2017/11/11/volker-kutscher-moabit/

Der Vielleser – Jan Kjærstad „Das Norman-Areal“

https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/10/20/markus-orths-max-hanser-verlag/

#baybuch Petra Morsbach und die Grottenolme der Justiz

Außerdem:

Tina Pruschmann – Lostage                                                 Residenz Verlag

Stephan Lohse – Ein fauler Gott                                          Suhrkamp Verlag

Jonas Lüscher – Kraft                                                           Verlag C.H. Beck

Laura Freudenthaler – Die Königin schweigt                  Literaturverlag Droschl

Sasha Marianna Salzmann – Außer sich                          Suhrkamp Verlag

Arno Frank – So, und jetzt kommst du                             Tropen Verlag

bin allerdings selbst etwas verbucht. Siehe oben. Frau hat mir verboten, einkaufen zu gehen. Es läge dann hier herum und verstellte Platz für eine Vase zum Beispiel.

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Albert Feser (1901 – 1993) Stilleben mit Büchern, Vase und Schale, 1946 Oil on Cardboard

 

 

 

 

 

 

da dann das

da dann muss ich das

das da und da das

da das und das da

da das da und das da und da

das da und da und da

da das und das da

das und das und das da

da und da und da das

da das dann da

das dann da

da das dann

da und da das und das da und da das

dann das da und da und da das dann

das da und da und da das

und dann das

Aus Blunatek – der letzte Schatten Roberts

Am 22. April um die Mittagszeit hörte er von Rosa, Robert sei friedlich entschlafen. Nun ist er verstorben. Das hatte für Rainer insofern einen Beigeschmack, als er in der Nacht davor von einer Barfrau geträumt hatte, vor mehr als zwanzig Jahren hatten sie sich das letzte Mal gesehen, die Barfrau und er. Im Traum ihre Unterlippe die Vorherrschaft über das Gesicht gewann − eine Schwergewichtszone − die ganze Symmetrie um ihren schönen Mund im Clinch. Wie viele bleierne Vokabeln ihre Lippen gekreuzt haben mögen vom Immermitreden. Wenn Worte Gewicht haben und die Unterlippe den Blick freigibt auf Zahnstein. Er hatte mit ihr kein Wort gewechselt, nie. Nur wenn es ans Bezahlen ging der Weißweinschorle, des Milchkaffees. Damals saß er regelmäßig am Fenster vor der Bar und las in seinem Tagebuch. Ein Aphorismus ist wie die Lust an Schrift und Schrot. Auch das nur ein Loch im Käs. Während er von der Barfrau träumte, muss Robert verstorben sein.

Noch am Sonntag war er im Krankenhaus. Ein süßlicher Geruch hing in den Fluren. Als er sich das Bett aus der Ferne ansah, wollte er nicht glauben, dass der, der dort lag, sein Freund gewesen war. Ein künstlich am Leben gehaltener Behältnis jenes Mannes, der ihm als wütender Geschäftsmann begegnet war, als durchtriebener Tüftler an Zahlen, Ideen, Konzepten. Sterbend im Virchow. Neben einer Frau, die, wo Rainer zufällig hinsah, einen schwarz verkohlten Kopf hatte, aus dem es dampfte, und aus dem die Ärzte im Abstand von Minuten Blut abließen. Rainer stand am Bett des Freundes und roch den Tod.

Er sprach auf Robert ein, dass niemand ihn gehen lassen wollte, er habe doch noch so viel vor. Eine viertel Stunde. Eine halbe Stunde. Er stand benommen neben Robert und wagte nicht, ihn anzufassen.

Wieder draußen vor der Notaufnahme Mittelallee 11 blickte er in die tieferstehende Sonne. Er legte sein Handy an und schoss zwei Gegenlichtaufnahmen. Ein weiteres Bild seines Schattens die Mittelallee entlang.

Der letzte Schatten Roberts würde er die Aufnahme später nennen, da sind die Jahre hin. Zwanzig, fünfundzwanzig. Ein paar wenige Bartstoppeln, der Freund, haarlos und abgemagert. Er hing an Schläuchen, an piepsend mitzeichnenden Maschinen. Der gleiche Robert, der mit ihm vor mehr als zwanzig Jahren im Schwarzsauer gestanden hatte und krakehlenden Demonstranten bei ihrem Maivergnügen zuguckte, wie sie von Polizeimannschaften die Kastanienallee hinaufgetrieben wurden, der gleiche Robert, der neben Rainer saß und nichtmal registrierte, wie Rainer sich in eine Barfrau verguckte, nur weil sie so einen tiefsitzenden Blick hatte, und das, weil Rainer hungrig war nach all den Jahren, die er mit Schrift und Schrot verbracht hatte. Rainer Schmid im Zenit seiner Selbstfindung. Hier nun Robert Schnell an Kanülen grau im Gesicht und haarlos.

Rainer entschied, das Virchowgelände zu Fuß Richtung Westhafen zu verlassen, diesen Spaziergang als Abschied nehmen zu begehen, wir beißen schon ins Gras, so früh. Die Schornsteine des Westhafens warfen ihren Schatten herüber, er überquerte die Putlitzbrücke, sah die Gleise, die gleiche Brücke, die er aus entgegenkommender Richtung vor ebenfalls mehr als zwanzig Jahren zuletzt zu Fuß überquert hatte. Damals nahm er in entgegengesetzter Richtung Abschied von Rosa. Am Deportationsmahnmal hielt er inne, vor dem Tod sind alle gleich, heißt es, aber Robert lebt noch, in den letzten Zügen. Diese Treppe zum Himmel hin ansteigend, mittendrin abgebrochen, mehrfach geschändet, bedeutete ihm, es gibt Unterschiede.

Stufen die keine Stufen mehr sind. Eine Treppe die keine Treppe mehr ist. Abgebrochen. Symbol des Weges der kein Weg mehr war. Fuer die die ueber Rampen Gleise Stufen und Treppen diesen letzten Weg gehen mussten. Vom Bahnhof Putlitzstrasse wurden in den Jahren 1941-1944 zehntausende Juedischer Mitbuerger Berlins in Vernichtungslager deportiert und ermordet.

So stand es auf dem Schild. 1987 eingeweiht, im August 1992 von einem Sprengstoffanschlag schwer beschädigt, SCHULD die nie verjährt ____ betroffen sind wir alle

___ NIE WIEDER.

mahnmal 1

Er setzte sich in die nächste S-Bahn und fuhr über den Stadtring nach Prenzlauer Berg, Richtung Ostkreuz, weiter nach Neukölln. Noch immer der süßliche Todesgeruch in der Stirnhöhle irgendwo. Über dem Himmel von Berlin ein Sonnenleuchten sepiafarben.

Allein, wie kommt man zurecht ohne zu sprechen.

Stelle mir vor, ich wäre Gantenbein. Der hätte sich hinter einer Sonnenbrille versteckt. Der hätte seinen Wunsch vom Rollentausch vollzogen und wäre aber nie ins Nachthemd von Robert geschlüpft, sondern würde Geschichten anziehen wie Kleider. Er würde sich selbst den Totenschein ausstellen und zur eigenen Beerdigung erscheinen. Er würde von einer in die nächste Rolle schlüpfen. Aber zur Beerdigung seines Freundes würde er nicht erscheinen. Rainer überlegte, ob er der Beisetzung nicht besser fernbliebe.

Keine zwei Stadtumfahrten weiter, zurück am Ostkreuz, stieg in ihm jene Wut auf, für die er den Sterbenden zur Rechenschaft ziehen wollte. Wer Robert das Recht gebe, sich aus der Verantwortung zu stehlen. All die Fragen − die Rechnungen. Die Rätsel so groß wie Krater. Es ging auch um Geld. Viel mehr aber ging es um dies läppische Wort Freundschaft. Eine Vieleck-, eine Übereckbeziehung, eine Hintenherumbeziehung, eine Beziehung voller Missverständnisse − immer saßen sie unter vier Augen zusammen und spürten die anderen sechszehn Augen auch − und sollten die nicht zugucken wollen, wurden sie herbeizitiert.

Was von Steiner gehört? Wie geht’s Lendy? Hast du noch Verbindung zu Gunar, zu Thomas? Wie geht’s dem Heiner, dem Wolfgang, dem Michi, nur nach Rosa wurde nie gefragt. Und wenn das Wort auf Michael kam oder auf Lutz … fand das Gespräch schnell ein Ende, bevor es ums Geld ging. Sag Robert, wie viel schuldest du denen? Sind es Hundert-, sind es Zweihunderttausend? Darüber sollte sich Rainer keine Gedanken machen, das werde schon, und allet jut.

Immer wenn es ans Bezahlen ging. Lautete die Rechnung vierzig Steine, war Rainer dreißig los. Lautete sie siebzig Steine, war er fünfzig los. Lautete sie sieben Steine, war er fünfe los. Robert hatte gerade so viel Geld dabei, wie ihm geholfen werden konnte. Das muss man nicht so eng sehen. Beim nächsten Mal bin ich dann dran. Das fand ein halbes Jahr später statt. Die Rechnung belegte aufs Neue, fünfzig für dich, dreißig für mich.

− Lieber Rainer, kannst du mir einen Gefallen tun?
− Welchen?
− Gnade und Verzeihen und Entschuldigen.
Sagt der Sterbende.
− Verzeih mir.

Sagt er in Rainers Kopf. Tatsächlich spricht sein Schatten. Ein Fleck im Krankenbett.

Graffitikunst zwischen Betonsteinen. Ermüdet vom Schach.

Was er sich alles ausgedacht hatte und vor der Bar sitzend korrigierte, umschrieb, löschte, durchstrich, übermalte.

Sitze in der Morgensonne, trinke Weißweinschorle und verspüre Aura, die wohl ein Lichtstrahl ist.

Die Kellnerin schaut zu. Er weiß nichtmal ihren Namen. Er spürt ihren Blick. Ging er bezahlen, hörte er ihre Stimme. Im Frühling 95. Mit Robert im Schwarzsauer. Draußen die Demonstranten im Wasserstrahl der sie vorwärtsschiebenden Polizeimannschaften. Heute wäre das einundzwanzigste Jahr angebrochen, nachdem ihn die Barfrau im Traum aufsuchte und ihn daran erinnerte, dass er eine Loch war auf Papier. Mein Rubeln unter der Laterne, wo Motten fliegen ins Licht und verglühn.

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Literatur auf Basis von nanotechnologischen Zahnbürsten

Verhoovens Bücher Blog

für die es schnell haben wollen, die Zusammenfassung vorweg:

Autor fragt sich, wie seine Lese-Schreibe-Konditionierung vonstatten ging.

Autor fragt sich, warum er sich der Mühe unterziehen soll, zwischen weiblicher und männlicher Lesart (Lesart nicht Lebensart!) zu unterscheiden, da die Menschheit, je länger sie Datenbanken und Maschinen mit ihren jeweiligen Erkenntnissen anfüttert, auf mittlere oder längere Sicht zu einer Art Interpolation weiblicher zu männlicher Lesart kommen wird. (Ob Maschinen jemals werden schreiben können, steht hoffentlich auf einem anderen Blatt)

Autor geht der eigenen Schulzeit und Leserwerdung nach. Gleich auch wundert er sich, wie die Bücher, die er gekauft hat, ihren Weg in sein Leben gefunden haben.

Autor führt einige Beispiele an, die von einer rein eurozentrischen und ebenso rein männlichen Sichtweise auf die Dinge wegführen könnte, was sich nur über die Relation der Dinge zueinander herstellen ließe.

Autor bestellt Thomas Bernhard noch einmal beste Grüße.

Autor wundert sich über seine eigene…

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aus Folien über dem Dach

Die Wege durch die Stadt ihn an den Matratzen der Stadt vorbeiführen, unter der Jannowitzbrücke, unter der Getraudenbrücke, unter der Brücke ohne Namen der Waldemarstraße, sie schlafen im Sitzen, sie schlafen unter einer Baumgruppe am Märkischen Platz, sie schlafen neben dem Segitzdamm, dem Erkelenzdamm unter Bäumen, sie schlafen am Wassertorplatz und rufen, erster Schrei, die verdammte verfluchte und verlassene Scheiße ihrer Existenz in die Wipfel der Bäume, über die Spazierwege hinweg, in des Betrachters Ratlosigkeit, in des Betrachters Wut … der, würde er sie fragen, was sie sagen, hören könnte, dass er sich verpissen soll, verschwinden, sich davonmachen, du willst mir eh nicht helfen, du Arschloch, Klugscheißer, Fäkalie deiner selbst.

Die Wege durch die Straßen, Wege, über Plätze … Rainer trifft dreimal wöchentlich auf einen Franzosen, er kennt ihn schon vom Namen her, da steht er wieder, Fabrice. Fabrice, sagt Fabrice, war Automechaniker und hat Kind und Frau an den Alkohol verloren, Rainer weiß das von Fabrice, weil Rainer Fabrice eines Tages gleich mal anbrüllte, ob Fabrice nichts besseres zu tun habe, als jeden Morgen hier zu stehen und seine würdelose Bettelei anzufangen, wenn er, Rainer, den Fabrice richtig einschätze, so habe er noch keinen Gang zum Amt gemacht, stattdessen er, Fabrice, glaube, dass, wenn er, Rainer, ihm Geld gebe, es leicht verdientes Geld sei, so würdelos, rief Rainer … da entgegnete Fabrice, er, Fabrice, sei dem Rainer ausdrücklich dankbar, dass er, Rainer, sich mal mit ihm, Fabrice, wenigstens unterhalte, glauben Sie mir, so Fabrice, ich rede schon seit Wochen nichts.

Da habe Rainer ihm die Hand gereicht, die saubere Hand in des Fabrices Lederpranke, denn Fabrices Hände waren die eines Waldtiers inzwischen, rau, ledern und roh und verschorft und verhornt, und wenn er, Fabrice, ihm, Rainer, verspreche, dass er bald mal das Amt aufsuche … denn er komme doch aus Frankreich, richtig … er komme aus Frankreich, und er spreche einwandfreies Deutsch … Ist das so? Ja, ist so, dann könne er ja morgen schon zum Amt. Ja, er solle morgen schon zum Amt, Rainer würde ihn dahin begleiten, nicht nötig, sprach Fabrice … und war einen Tag später nicht zu sehen, einen zweiten Tag später nicht zu sehen, am dritten Tag stand Fabrice wieder dort und Rainer beschloss, ihn einmal mehr nicht zu beachten. Da sprach Fabrice: Ich war beim Amt, sagte er. Die werden mir helfen können, bald .. in zwei drei Wochen … sie haben eine Notunterkunft im Wedding.

Und so stand Fabrice noch zwei drei Wochen vor dem Supermarkt und grüßte Rainer, Rainer schaute ihn noch immer abfällig an, ging noch einmal auf ihn zu, ihn nach dem Amt zu fragen, da wusste Rainer, Fabrice übernachtete noch immer in den Büschen am Märkischen Platz hinter der bronzenen Schrottskulptur, deren Symbolik er bis dato nicht verstand. Er, Rainer glaube dem Fabrice kein Wort, rief Rainer. Du Fabrice, bist ein elender Schwindler, Gammler und ein in seiner Würdelosigkeit nicht zu unterbietender selbstmitleidiger Schuft. Fabrice sagte, Rainer solle aufhören, so zu reden, das würde ihn, Rainer, würdeloser machen als ihn, Fabrice.

Er könne nur so viel sagen, dass er übermorgen in der Notunterkunft unterkomme, dort gäbe es eine Dusche, und auch Rasierapparate. Fabrice unter seinem Vollbart kreuzquerstehende Zähne lächelnd zeigte. Und tatsächlich, zwei Tage später, stand Fabrice dort rasiert im Gesicht, und, hielt er Rainer seine Hand entgegen, meine Hände auch geseift. Und blickte Rainer an. Hier, schenk ich dir, eine Träne für Rainer. Sein Weinen war entgegen des Weinens Martins, der keine Bühne fand für seine Tränen, eines großen Schauspielers würdig, und so wahrhaftig ungeschminkt und glitzernd in der Morgensonne an der Jannowitzbrücke, da schüttelte sich Rainer kurz, und war umso mehr verblüfft, als Fabrice ihm mehrfach sagte, seine frisch geduschte Hand dem Rainer reichend, Danke, Danke, Danke, sagte Fabrice. Du hast mir sehr geholfen, Danke, Danke, Danke. Rainer glaubte ihm und zog davon. Fabrice ist seit nunmehr drei Jahren nicht mehr aufgetaucht.

Prosawerkstatt

Zum Beispiel die Notizzettel. Von oben bis unten vollgeschriebenes Papier. Ich glaubte, wenn man sein Leben neu erfindet, so tut man es nicht, seinen Horizont zu erweitern, sondern um sich nicht immerzu schämen zu müssen. Erfahrungsgemäß ist, was man über sich selbst schreibt, veränderbar. Alles, was man über sich selbst schreibt, unterliegt einem Veränderungsprozess über die Jahre, die man lebt und sich ändert, wo man streicht und korrigiert und alles von dem einen grandiosen Punkt aus entwickeln will, der wie eine sich ankündigende Eruption geladene Energie in sich birgt, dass eine Grundspannung entsteht, aus der heraus man mehr als drei Tage lebt. Und strebt. Und vorwärts kommt. Eine Illusion. Diesen ersten grunderuptiven Satz wird man nie finden. Der Satz wird immer einen Fortsatz erzeugen. Stopp. Wir haben uns darauf geeinigt, nicht mehr wissen zu wollen, wie die Begrenzungen des eigenen Hirns beschrieben oder umschrieben werden kann, denn das lässt sich abbilden in der Maschine. Die Maschine ist nicht Thema. Die Menschen im Verhältnis zur Maschine sind nicht Thema. Das Thema, was umtreibt, ist das des Umgangs der Menschen umeinander. Schließlich haben wir uns darauf geeinigt, dass eine gottgleiche Figur, allein auf einer Bühne, vor sich hin redend, uns nichts mitzuteilen weiß, außer sich selbst. Wir haben es gehört:
Ich brauche Menschen um glücklich zu sein.

Aber einer dieser Menschen bin jetzt ich, sagt Mara.

Stimmt, sage ich, einer dieser Menschen war auch mein schwedischer Nachtvogel, sage ich.

Aber dein schwedischer Nachtvogel lag heute Morgen tot auf den Wegplatten.

Das war nicht mein schwedischer Nachtvogel, sage ich.

Sah aber aus wie ein schwedischer Nachtvogel.

Mara, sage ich, was würdest du denken, wenn ich von dir glaubte, du seist ein toter Vogel, nur weil ich dich eines Tages mein liebes Vögelchen genannt habe.

Das ist nicht nett, sagt Mara.

Siehst du, sage ich, und deswegen war das heute Morgen nicht mein toter schwedischer Nachtvogel, sondern ein toter schwarzer Rabe, von Elstern zerpflückt. Nicht mehr, nicht weniger. Mein kleines Vögelchen, sterbend in der Hand.

Wie habt ihr euch kennengelernt? Will sie wissen.

Das weiß ich nun auch nicht.

Aber neugierig bin ich schon.

Du meinst, Neugier sei schon Motivation?

Mach‘s doch nicht immer so kryptisch und kompliziert. mach dich locker. Sag mir, wie ihr euch gefunden habt. Ich werd‘s schon noch verkraften.

 

Wenn du in einem Jahr Frau, Mutter und Job verlierst, ausgeräumt ins nächste Jahr geschickt. Spiralförmig. Gekugelt. Gewürfelt. Du wirst, ohne es zu wollen, ein anderer Mensch. Geometrie – Vermessung – Position. Bist du nun Kubus, Kugel, Diadem, eine Muskulatur, eine fortlaufende Linie, die Seite eines Rechtecks? Die Wiese, eine Hauptstraße, die Kirchglocke. Du Esel, du Hund. Urlaub im Gegenwind der Leute. Nochmal von vorn: Ein Kind, eine Zimmerpflanze, der Weihnachtsbaum, im Hof stehend mit Tennisball. Jetzt gehört die Stadt dir. Das sich verwandelnde Bild – du solltest nicht riskieren, mich zu verlieren, sagte sie vielleicht zwei Monate, bevor sie ernst machte. Du solltest mit deinem Handeln unter Beweis stellen, dass du wieder normal bist, sagte man, bevor man mich vom Hof jagte. Du solltest schnell nach Hause kommen, sagte Vater, als es zu spät war. Mich zur Disziplin zwang – mich bemühte – das Folgejahr zur Dunkelkammer wurde. Der Winter zog sich bis in den April. Die Augen waren fortwährend entzündet. Das letzte Jahr meinte es wirklich gut mit mir. Es wollte mich befreien. Ich war darauf nicht vorbereitet. Deswegen ich Zeit brauchte. Ich war noch immer eine Art Wandschrank aus den Siebzigern mit aufgeklebtem Laminat, und blau. [Justieren. Feststellen. Bus fahren. Die Lampen in den U-Bahnhöfen fotografieren.]

Ein inneres Bild. Der Herstellungsprozess – von Blutwurst – was Kinder sich antun, wenn sie vom Land sind. Schneeflocken, der Geruch von Erbsensuppe und Menschenschweiß – was Kinder alles riechen müssen – wenn sie vom Land sind. Es wird besser, steiler, höher, farbiger – wurde es – Sepia. Wenn die Sehkraft nachlässt in einem Jahr wie diesem, in dem laut Statistik die Unglücksfälle aufgebraucht sind.

Auf der Suche nach Form. Dem Genre. Der Sonate, der Arie, der Sinfonie, einem Dreieck aus Ohrwurm, Stille – plötzlich ein Knall. Du setzt keine Bilder frei, sagt sie, du erzählst zu wenig, manchmal frage ich mich, wo du lebst, sagt sie.

Dass ich Mutter verlieren würde, war so früh nicht abzusehen, dass ich meinen Job verlieren würde, folgerichtig. Dass sie gehen sollte, wollte ich nicht. Ich sprach von Häusern. Die stellte ich mir perspektivisch vor, und doch schien es, als ob die hintenliegenden (stehenden?) Fenster mich mehr ansprachen, so, als pressten sie aus dem Bild hervor, ein Druck von innen nach außen. Das Augenscheinliche mir nicht genügt. Ich sehen wollte, was sich hinter jedem der Bilder verbirgt. Eine Geometrie zu erfinden, in der ich frei bin. In welcher Welt ich bin.

Eigentlich war ich davon ausgegangen, dass die Geschichte ganz anders verläuft. Wenn ich erst verschwunden war. Auch falsch – als wären sie mir eine Last – auch falsch. Als wir beschlossen, getrennte Wege zu gehen, wurde gewiss: Ich brauche Menschen, um glücklich zu sein. Die Einsicht kam spät, und ohne Skrupel.

Auf auf. Die Geometrie: zu eng, zu privat, zu viel Alltag, zu sicher. Auf auf, es werde Licht. Sie erreichen gerade eine neue Stufe – was keine Form darstellt – es wird nicht besser, nicht schlechter, es wird anders. Wobei ich kaum in Erscheinung trat, betrachtet man die Zeit, vor dem Hintergrund des Vorsprungs der Weltzeit gegenüber meiner Zeit. Meine Zeit in einer Schatulle, samtseiden, abgestellt im obersten Fach. Ich in dieses Regal all meine Schatullen stelle, samtseiden, weil ich Teil eines Etwas bin, das nicht zu beherrschen ist – meine Zeit – ein Werk auf der Mauer. Regelmäßig getürmte Steine, zusammen gehalten durch ein Fugenband, sodass, ideell gesprochen, jeder Stein mit jedem sprechen kann, durchs Fugenband miteinander verbunden, eine Sprechmembran, ein Grid, die Geometrie der Worte. Eine Backsteinwand. Eine Fläche. Leicht konturiert. Wie sich Geometrie bildet. Wenn Ameisen Häuser bauen. Und Straßen. Ein Kommunikationswunder. Wie ich zur Welt finde, wo sie offenbar nicht weiß, dass ich bin, nach diesem Jahr – der Verluste. Wo wir das Lächeln suchen, dein Lächeln.

Die Bäume Knospen bilden, das kann nun schnell gehen. Frühling. Die Bäume schlagen aus. Schon nach einer Stunde, in der Sonne wartend, spürt man es, Vitamine. Fahrräder werden geschoben. Ein Lieferwagen schiebt den anderen. Eine Kindergruppe auf dem Weg zum Spielplatz. (Watschelgang) Bald ist es grün. Die Sonne gibt der Stadt ihr Leben zurück. Der Geruch ist ohne Atem. Ab und an eine Zigarettenwolke. Die Bauleiter schwer bepackt und telefonierend durch den Park kommen, das Feld räumen, die Kleidung ebenso schwer, noch ganz im Winter. Der sich übergangslos zu verabschieden scheint. Ich gegen das Licht blicke. Noch immer unklar, noch immer unscharf, noch immer. Warten auf den einen Anruf.

Wenn wir morgens erwachten, so hatte jeder seinen Weg in den Tag, ich war in der Regel vor ihr dran. Wir begegneten uns am Küchentisch, zum ersten Mal, jeden Morgen. Auf ihrem Handy waren ein zwei Aufrufe – ihr Tagesgeschäft, während ich erste Aufgaben erfand, indem ich mir Mails schrieb, im Betreff Test-A oder Test-B. Sie war schon, ohne Absicht, eingebunden, während ich mich erst finden musste. Sie frühverdrahtet, ich gespannt. Sie eingespannt, ich auf der Lauer. Es geschah nicht, was ich mir wünschte. Ich ließ mich treiben und hörte abends von ihr, dass ich mit meinen Freunden immer die gleichen Fehler begehe.

 

Lassen Sie mich ein paar Kleinigkeiten zu meiner Entschuldigung loswerden. Ich habe mit zwanzig gesehen, dass Fünfzigjährige Banken überfallen, Frauen einsperren, Häuser anzünden, Politiker oder Bankiers werden, von alldem habe ich immer Abstand genommen, bin nun selbst über Fünfzig. Weit und breit keine Bank, die mir gehört, weit und breit kein Ministerium, das ich führe, verführe oder überführe. Weit und breit keine eingesperrte Frau. Weit und breit keine Anstiftung zu Unruhe und Panik. Einzig mein Wille zur Freiheit ist mir geblieben, eine letzte anarchische Hoffnung. Dass man sich frei entfalten kann, nicht immer eingezwängt zwischen dem Korsett der Wahrnehmungsgewohnheiten anderer Menschen, die nur das sehen wollen, was sie schon kennen, um sich rückzuvergewissern, dass das, was sie gesehen haben, zu ihrer Persönlichkeitsentfaltung stabilisierend und erfolgversprechend beigetragen hat. Hören Sie. Das kann doch ein Mensch gar nicht leisten. Oder bewirken. Für solche Dinge sind die eigene Erziehung, der eigene Leumund zuständig, die ganz eigene Geschichte ist dafür zuständig. Wenn Sie reife und gestandene Eltern hatten, sind Sie vielleicht stark genug, den Widerständen und Kollisionen entsprechende Kraft entgegenzusetzen. Wenn Sie aber, wie ich, aus Verhältnissen kommen, wo Orientierungslosigkeit Leitbild war – Sie sich täglich neu zusammensetzen müssen, neu erfinden, und das auf eine unbeholfene Art und Weise, quasi im Selbstversuch und autodidaktisch – alles, was die Welt beherrschbar machen könnte, sich selbst aneignen mussten, Sie in der Folge empfänglich wurden für alles, was mit Ich-habe oder Ich-behaupte-dass, oder Ich-habe-das-so-verstanden, oder Ich-weiß-es-jetzt-auch-nicht, oder Ich-brauche-Zeit, oder Ich-will-Ich-will-Ich-kann-nicht, oder Ich-bete-zu-Gott, oder Ich-wünsche-mir-Frieden, oder Ich-werde-das-nochmal-prüfen, oder Ich-mache-viele-Fehler-aber-nicht-aus-Absicht, oder Ich-muss-gestehen, so … merken Sie: Jedes mit Ich beginnende Sätzchen gerät zum Bruchsatz. Trotzdem will ich es wissen. Ich kann nicht fünfzig Jahre umsonst gelernt haben. Deswegen ich mich von mir absetzen muss. Warum ich das sage? Ich kann Sie trösten. Ich weiß nicht, wer ich bin. Das wird sich so schnell nicht finden. Ich zu sein, im Heuhaufen all der Selbstfinder. Ich bin nicht unglücklich mit mir – allein. Aber glücklicher, wenn ein anderer spricht, lacht, mit nach Kreta fährt. Mit mir in einem Bett schläft.

von Alleen und Blumen und Frauen

Kolumne im Spiegel

Alleen und Blumen und Frauen und ein Bewunderer.

Steht da an der Wand.

Ich sehe keine Alleen, keine Blumen, keine Frauen, keinen Bewunderer, sondern (erzählte) Zeilen von Alleen und Blumen und Frauen und einem Bewunderer.

Frauen plural. Bewunderer singular. Ein Mann bewundert viele (nur die Frauen? Die Frauen etwa wie Blumen, wie Alleen?) Frage: bewundert er die Frauen und die Alleen und die Blumen? Er bewundert sie (die Blumen und Alleen), wenn ich es richtig sehe, auch einzeln. Explizit die Alleen, dann die Alleen und Blumen, auch die Blumen explizit, dann die Blumen und Frauen, wieder die Alleen explizit, und auch die Alleen und Frauen, und dann sogar den ganzen Verbund der Alleen und Blumen und Frauen. (nicht an einer Stelle nur die Frauen. Daraus wird gemacht Alleen wie Blumen wie Frauen … es steht tatsächlich nichts von einem Wie dort.)

Frage: Wenn das eine Frau geschrieben hätte (hat aber ein Mann geschrieben) – trotzdem: Wenn eine Frau das geschrieben hätte, würde es sicherlich anders rüberkommen, als Ironie auf einen Bewunderer?

Warum aber liest sich das nicht jetzt schon wie eine Ironie?

Ursprünglich war es ein Gedicht über einen Bewunderer von Alleen und Blumen und Frauen und kann auch so wie es da steht, ironisch gelesen werden, (als Selbstironie des Erzählers vom Bewunderer) – denn was nützt ihm die Bewunderung?

Was bewundert er? Er bewundert sein Bewundern? Denn die er da bewundert sind Blumen und Alleen und Frauen. (Bilder seines inneren Auges. Wenn du das ironisch liest, entstehen trotzdem Verwerfungen, die aber nichts mehr mit den Alleen und Blumen und Frauen zu tun haben, sondern mit seiner Sicht auf die Alleen und Blumen und Frauen – und die ist so oder so von ihm nach dort hin. Daraus machen die Kritikerinnen des Gedichts jetzt sich selbst zum Objekt der Begier des Bewunderers. (ein sexistischer Blick – der Frauen, nicht des (erzählten) Bewunderers. Ironie aber scheint in Berlin allem geschuldet nur nicht mehr sich selbst.)

Schicksal des Gedichts: Entweder gibt es bald Farbbeutel zu bewundern oder einfach nur eine weiße Wand. Und keine Gedanken mehr. Es wundert sich ein Bewunderer eines Gedichts auf einer Wand.

(Reibe mir verwundert die Augen. Wohin nur galoppieren die Alleen und die Blumen?)

————— Nachtrag aus dem Tagesspiegel vom 06.09.

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