Blunatek

Am 22. April um die Mittagszeit hörte er von Rosa, Robert sei friedlich entschlafen. Nun ist er verstorben. Das hatte für Rainer insofern einen Beigeschmack, als er in der Nacht davor von einer Barfrau geträumt hatte, vor mehr als zwanzig Jahren hatten sie sich das letzte Mal gesehen, die Barfrau und er. Im Traum ihre Unterlippe die Vorherrschaft über das Gesicht gewann − eine Schwergewichtszone − die ganze Symmetrie um ihren schönen Mund im Clinch. Wie viele bleierne Vokabeln ihre Lippen gekreuzt haben mögen vom Immermitreden. Wenn Worte Gewicht haben und die Unterlippe den Blick freigibt auf Zahnstein. Er hatte mit ihr kein Wort gewechselt, nie. Nur wenn es ans Bezahlen ging der Weißweinschorle, des Milchkaffees. Damals saß er regelmäßig am Fenster vor der Bar und las in seinem Tagebuch. Ein Aphorismus ist wie die Lust an Schrift und Schrot. Auch das nur ein Loch im Käs. Während er von der Barfrau träumte, muss Robert verstorben sein.

Noch am Sonntag war er im Krankenhaus. Ein süßlicher Geruch hing in den Fluren. Als er sich das Bett aus der Ferne ansah, wollte er nicht glauben, dass der, der dort lag, sein Freund gewesen war. Ein künstlich am Leben gehaltener Behältnis jenes Mannes, der ihm als wütender Geschäftsmann begegnet war, als durchtriebener Tüftler an Zahlen, Ideen, Konzepten. Sterbend im Virchow. Neben einer Frau, die, wo Rainer zufällig hinsah, einen schwarz verkohlten Kopf hatte, aus dem es dampfte, und aus dem die Ärzte im Abstand von Minuten Blut abließen. Rainer stand am Bett des Freundes und roch den Tod.

Er sprach auf Robert ein, dass niemand ihn gehen lassen wollte, er habe doch noch so viel vor. Eine viertel Stunde. Eine halbe Stunde. Er stand benommen neben Robert und wagte nicht, ihn anzufassen.

Wieder draußen vor der Notaufnahme Mittelallee 11 blickte er in die tieferstehende Sonne. Er legte sein Handy an und schoss zwei Gegenlichtaufnahmen. Ein weiteres Bild seines Schattens die Mittelallee entlang.

Der letzte Schatten Roberts würde er die Aufnahme später nennen, da sind die Jahre hin. Zwanzig, fünfundzwanzig. Ein paar wenige Bartstoppeln, der Freund, haarlos und abgemagert. Er hing an Schläuchen, an piepsend mitzeichnenden Maschinen. Der gleiche Robert, der mit ihm vor mehr als zwanzig Jahren im Schwarzsauer gestanden hatte und krakehlenden Demonstranten bei ihrem Maivergnügen zuguckte, wie sie von Polizeimannschaften die Kastanienallee hinaufgetrieben wurden, der gleiche Robert, der neben Rainer saß und nichtmal registrierte, wie Rainer sich in eine Barfrau verguckte, nur weil sie so einen tiefsitzenden Blick hatte, und das, weil Rainer hungrig war nach all den Jahren, die er mit Schrift und Schrot verbracht hatte. Rainer Schmid im Zenit seiner Selbstfindung. Hier nun Robert Schnell an Kanülen grau im Gesicht und haarlos.

Rainer entschied, das Virchowgelände zu Fuß Richtung Westhafen zu verlassen, diesen Spaziergang als Abschied nehmen zu begehen, wir beißen schon ins Gras, so früh. Die Schornsteine des Westhafens warfen ihren Schatten herüber, er überquerte die Putlitzbrücke, sah die Gleise, die gleiche Brücke, die er aus entgegenkommender Richtung vor ebenfalls mehr als zwanzig Jahren zuletzt zu Fuß überquert hatte. Damals nahm er in entgegengesetzter Richtung Abschied von Rosa. Am Deportationsmahnmal hielt er inne, vor dem Tod sind alle gleich, heißt es, aber Robert lebt noch, in den letzten Zügen. Diese Treppe zum Himmel hin ansteigend, mittendrin abgebrochen, mehrfach geschändet, bedeutete ihm, es gibt Unterschiede.

Stufen die keine Stufen mehr sind. Eine Treppe die keine Treppe mehr ist. Abgebrochen. Symbol des Weges der kein Weg mehr war. Fuer die die ueber Rampen Gleise Stufen und Treppen diesen letzten Weg gehen mussten. Vom Bahnhof Putlitzstrasse wurden in den Jahren 1941-1944 zehntausende Juedischer Mitbuerger Berlins in Vernichtungslager deportiert und ermordet.

So stand es auf dem Schild. 1987 eingeweiht, im August 1992 von einem Sprengstoffanschlag schwer beschädigt, SCHULD die nie verjährt ____ betroffen sind wir alle

___ NIE WIEDER.

mahnmal 1

Er setzte sich in die nächste S-Bahn und fuhr über den Stadtring nach Prenzlauer Berg, Richtung Ostkreuz, weiter nach Neukölln. Noch immer der süßliche Todesgeruch in der Stirnhöhle irgendwo. Über dem Himmel von Berlin ein Sonnenleuchten sepiafarben.

Allein, wie kommt man zurecht ohne zu sprechen.

Stelle mir vor, ich wäre Gantenbein. Der hätte sich hinter einer Sonnenbrille versteckt. Der hätte seinen Wunsch vom Rollentausch vollzogen und wäre aber nie ins Nachthemd von Robert geschlüpft, sondern würde Geschichten anziehen wie Kleider. Er würde sich selbst den Totenschein ausstellen und zur eigenen Beerdigung erscheinen. Er würde von einer in die nächste Rolle schlüpfen. Aber zur Beerdigung seines Freundes würde er nicht erscheinen. Rainer überlegte, ob er der Beisetzung nicht besser fernbliebe.

Keine zwei Stadtumfahrten weiter, zurück am Ostkreuz, stieg in ihm jene Wut auf, für die er den Sterbenden zur Rechenschaft ziehen wollte. Wer Robert das Recht gebe, sich aus der Verantwortung zu stehlen. All die Fragen − die Rechnungen. Die Rätsel so groß wie Krater. Es ging auch um Geld. Viel mehr aber ging es um dies läppische Wort Freundschaft. Eine Vieleck-, eine Übereckbeziehung, eine Hintenherumbeziehung, eine Beziehung voller Missverständnisse − immer saßen sie unter vier Augen zusammen und spürten die anderen sechszehn Augen auch − und sollten die nicht zugucken wollen, wurden sie herbeizitiert.

Was von Steiner gehört? Wie geht’s Lendy? Hast du noch Verbindung zu Gunar, zu Thomas? Wie geht’s dem Heiner, dem Wolfgang, dem Michi, nur nach Rosa wurde nie gefragt. Und wenn das Wort auf Michael kam oder auf Lutz … fand das Gespräch schnell ein Ende, bevor es ums Geld ging. Sag Robert, wie viel schuldest du denen? Sind es Hundert-, sind es Zweihunderttausend? Darüber sollte sich Rainer keine Gedanken machen, das werde schon, und allet jut.

Immer wenn es ans Bezahlen ging. Lautete die Rechnung vierzig Steine, war Rainer dreißig los. Lautete sie siebzig Steine, war er fünfzig los. Lautete sie sieben Steine, war er fünfe los. Robert hatte gerade so viel Geld dabei, wie ihm geholfen werden konnte. Das muss man nicht so eng sehen. Beim nächsten Mal bin ich dann dran. Das fand ein halbes Jahr später statt. Die Rechnung belegte aufs Neue, fünfzig für dich, dreißig für mich.

− Lieber Rainer, kannst du mir einen Gefallen tun?
− Welchen?
− Gnade und Verzeihen und Entschuldigen.
Sagt der Sterbende.
− Verzeih mir.

Sagt er in Rainers Kopf. Tatsächlich spricht sein Schatten. Ein Fleck im Krankenbett.

Graffitikunst zwischen Betonsteinen. Ermüdet vom Schach.

Was er sich alles ausgedacht hatte und vor der Bar sitzend korrigierte, umschrieb, löschte, durchstrich, übermalte.

Sitze in der Morgensonne, trinke Weißweinschorle und verspüre Aura, die wohl ein Lichtstrahl ist.

Die Kellnerin schaut zu. Er weiß nichtmal ihren Namen. Er spürt ihren Blick. Ging er bezahlen, hörte er ihre Stimme. Im Frühling 95. Mit Robert im Schwarzsauer. Draußen die Demonstranten im Wasserstrahl der sie vorwärtsschiebenden Polizeimannschaften. Heute wäre das einundzwanzigste Jahr angebrochen, nachdem ihn die Barfrau im Traum aufsuchte und ihn daran erinnerte, dass er eine Loch war auf Papier. Mein Rubeln unter der Laterne, wo Motten fliegen ins Licht und verglühn.

 

 

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