Aus Blunatek – der letzte Schatten Roberts

Am 22. April um die Mittagszeit hörte er von Rosa, Robert sei friedlich entschlafen. Nun ist er verstorben. Das hatte für Rainer insofern einen Beigeschmack, als er in der Nacht davor von einer Barfrau geträumt hatte, vor mehr als zwanzig Jahren hatten sie sich das letzte Mal gesehen, die Barfrau und er. Im Traum ihre Unterlippe die Vorherrschaft über das Gesicht gewann − eine Schwergewichtszone − die ganze Symmetrie um ihren schönen Mund im Clinch. Wie viele bleierne Vokabeln ihre Lippen gekreuzt haben mögen vom Immermitreden. Wenn Worte Gewicht haben und die Unterlippe den Blick freigibt auf Zahnstein. Er hatte mit ihr kein Wort gewechselt, nie. Nur wenn es ans Bezahlen ging der Weißweinschorle, des Milchkaffees. Damals saß er regelmäßig am Fenster vor der Bar und las in seinem Tagebuch. Ein Aphorismus ist wie die Lust an Schrift und Schrot. Auch das nur ein Loch im Käs. Während er von der Barfrau träumte, muss Robert verstorben sein.

Noch am Sonntag war er im Krankenhaus. Ein süßlicher Geruch hing in den Fluren. Als er sich das Bett aus der Ferne ansah, wollte er nicht glauben, dass der, der dort lag, sein Freund gewesen war. Ein künstlich am Leben gehaltener Behältnis jenes Mannes, der ihm als wütender Geschäftsmann begegnet war, als durchtriebener Tüftler an Zahlen, Ideen, Konzepten. Sterbend im Virchow. Neben einer Frau, die, wo Rainer zufällig hinsah, einen schwarz verkohlten Kopf hatte, aus dem es dampfte, und aus dem die Ärzte im Abstand von Minuten Blut abließen. Rainer stand am Bett des Freundes und roch den Tod.

Er sprach auf Robert ein, dass niemand ihn gehen lassen wollte, er habe doch noch so viel vor. Eine viertel Stunde. Eine halbe Stunde. Er stand benommen neben Robert und wagte nicht, ihn anzufassen.

Wieder draußen vor der Notaufnahme Mittelallee 11 blickte er in die tieferstehende Sonne. Er legte sein Handy an und schoss zwei Gegenlichtaufnahmen. Ein weiteres Bild seines Schattens die Mittelallee entlang.

Der letzte Schatten Roberts würde er die Aufnahme später nennen, da sind die Jahre hin. Zwanzig, fünfundzwanzig. Ein paar wenige Bartstoppeln, der Freund, haarlos und abgemagert. Er hing an Schläuchen, an piepsend mitzeichnenden Maschinen. Der gleiche Robert, der mit ihm vor mehr als zwanzig Jahren im Schwarzsauer gestanden hatte und krakehlenden Demonstranten bei ihrem Maivergnügen zuguckte, wie sie von Polizeimannschaften die Kastanienallee hinaufgetrieben wurden, der gleiche Robert, der neben Rainer saß und nichtmal registrierte, wie Rainer sich in eine Barfrau verguckte, nur weil sie so einen tiefsitzenden Blick hatte, und das, weil Rainer hungrig war nach all den Jahren, die er mit Schrift und Schrot verbracht hatte. Rainer Schmid im Zenit seiner Selbstfindung. Hier nun Robert Schnell an Kanülen grau im Gesicht und haarlos.

Rainer entschied, das Virchowgelände zu Fuß Richtung Westhafen zu verlassen, diesen Spaziergang als Abschied nehmen zu begehen, wir beißen schon ins Gras, so früh. Die Schornsteine des Westhafens warfen ihren Schatten herüber, er überquerte die Putlitzbrücke, sah die Gleise, die gleiche Brücke, die er aus entgegenkommender Richtung vor ebenfalls mehr als zwanzig Jahren zuletzt zu Fuß überquert hatte. Damals nahm er in entgegengesetzter Richtung Abschied von Rosa. Am Deportationsmahnmal hielt er inne, vor dem Tod sind alle gleich, heißt es, aber Robert lebt noch, in den letzten Zügen. Diese Treppe zum Himmel hin ansteigend, mittendrin abgebrochen, mehrfach geschändet, bedeutete ihm, es gibt Unterschiede.

Stufen die keine Stufen mehr sind. Eine Treppe die keine Treppe mehr ist. Abgebrochen. Symbol des Weges der kein Weg mehr war. Fuer die die ueber Rampen Gleise Stufen und Treppen diesen letzten Weg gehen mussten. Vom Bahnhof Putlitzstrasse wurden in den Jahren 1941-1944 zehntausende Juedischer Mitbuerger Berlins in Vernichtungslager deportiert und ermordet.

So stand es auf dem Schild. 1987 eingeweiht, im August 1992 von einem Sprengstoffanschlag schwer beschädigt, SCHULD die nie verjährt ____ betroffen sind wir alle

___ NIE WIEDER.

mahnmal 1

Er setzte sich in die nächste S-Bahn und fuhr über den Stadtring nach Prenzlauer Berg, Richtung Ostkreuz, weiter nach Neukölln. Noch immer der süßliche Todesgeruch in der Stirnhöhle irgendwo. Über dem Himmel von Berlin ein Sonnenleuchten sepiafarben.

Allein, wie kommt man zurecht ohne zu sprechen.

Stelle mir vor, ich wäre Gantenbein. Der hätte sich hinter einer Sonnenbrille versteckt. Der hätte seinen Wunsch vom Rollentausch vollzogen und wäre aber nie ins Nachthemd von Robert geschlüpft, sondern würde Geschichten anziehen wie Kleider. Er würde sich selbst den Totenschein ausstellen und zur eigenen Beerdigung erscheinen. Er würde von einer in die nächste Rolle schlüpfen. Aber zur Beerdigung seines Freundes würde er nicht erscheinen. Rainer überlegte, ob er der Beisetzung nicht besser fernbliebe.

Keine zwei Stadtumfahrten weiter, zurück am Ostkreuz, stieg in ihm jene Wut auf, für die er den Sterbenden zur Rechenschaft ziehen wollte. Wer Robert das Recht gebe, sich aus der Verantwortung zu stehlen. All die Fragen − die Rechnungen. Die Rätsel so groß wie Krater. Es ging auch um Geld. Viel mehr aber ging es um dies läppische Wort Freundschaft. Eine Vieleck-, eine Übereckbeziehung, eine Hintenherumbeziehung, eine Beziehung voller Missverständnisse − immer saßen sie unter vier Augen zusammen und spürten die anderen sechszehn Augen auch − und sollten die nicht zugucken wollen, wurden sie herbeizitiert.

Was von Steiner gehört? Wie geht’s Lendy? Hast du noch Verbindung zu Gunar, zu Thomas? Wie geht’s dem Heiner, dem Wolfgang, dem Michi, nur nach Rosa wurde nie gefragt. Und wenn das Wort auf Michael kam oder auf Lutz … fand das Gespräch schnell ein Ende, bevor es ums Geld ging. Sag Robert, wie viel schuldest du denen? Sind es Hundert-, sind es Zweihunderttausend? Darüber sollte sich Rainer keine Gedanken machen, das werde schon, und allet jut.

Immer wenn es ans Bezahlen ging. Lautete die Rechnung vierzig Steine, war Rainer dreißig los. Lautete sie siebzig Steine, war er fünfzig los. Lautete sie sieben Steine, war er fünfe los. Robert hatte gerade so viel Geld dabei, wie ihm geholfen werden konnte. Das muss man nicht so eng sehen. Beim nächsten Mal bin ich dann dran. Das fand ein halbes Jahr später statt. Die Rechnung belegte aufs Neue, fünfzig für dich, dreißig für mich.

− Lieber Rainer, kannst du mir einen Gefallen tun?
− Welchen?
− Gnade und Verzeihen und Entschuldigen.
Sagt der Sterbende.
− Verzeih mir.

Sagt er in Rainers Kopf. Tatsächlich spricht sein Schatten. Ein Fleck im Krankenbett.

Graffitikunst zwischen Betonsteinen. Ermüdet vom Schach.

Was er sich alles ausgedacht hatte und vor der Bar sitzend korrigierte, umschrieb, löschte, durchstrich, übermalte.

Sitze in der Morgensonne, trinke Weißweinschorle und verspüre Aura, die wohl ein Lichtstrahl ist.

Die Kellnerin schaut zu. Er weiß nichtmal ihren Namen. Er spürt ihren Blick. Ging er bezahlen, hörte er ihre Stimme. Im Frühling 95. Mit Robert im Schwarzsauer. Draußen die Demonstranten im Wasserstrahl der sie vorwärtsschiebenden Polizeimannschaften. Heute wäre das einundzwanzigste Jahr angebrochen, nachdem ihn die Barfrau im Traum aufsuchte und ihn daran erinnerte, dass er eine Loch war auf Papier. Mein Rubeln unter der Laterne, wo Motten fliegen ins Licht und verglühn.

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Literatur auf Basis von nanotechnologischen Zahnbürsten

Verhoovens Bücher Blog

für die es schnell haben wollen, die Zusammenfassung vorweg:

Autor fragt sich, wie seine Lese-Schreibe-Konditionierung vonstatten ging.

Autor fragt sich, warum er sich der Mühe unterziehen soll, zwischen weiblicher und männlicher Lesart (Lesart nicht Lebensart!) zu unterscheiden, da die Menschheit, je länger sie Datenbanken und Maschinen mit ihren jeweiligen Erkenntnissen anfüttert, auf mittlere oder längere Sicht zu einer Art Interpolation weiblicher zu männlicher Lesart kommen wird. (Ob Maschinen jemals werden schreiben können, steht hoffentlich auf einem anderen Blatt)

Autor geht der eigenen Schulzeit und Leserwerdung nach. Gleich auch wundert er sich, wie die Bücher, die er gekauft hat, ihren Weg in sein Leben gefunden haben.

Autor führt einige Beispiele an, die von einer rein eurozentrischen und ebenso rein männlichen Sichtweise auf die Dinge wegführen könnte, was sich nur über die Relation der Dinge zueinander herstellen ließe.

Autor bestellt Thomas Bernhard noch einmal beste Grüße.

Autor wundert sich über seine eigene…

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aus Folien über dem Dach

Die Wege durch die Stadt ihn an den Matratzen der Stadt vorbeiführen, unter der Jannowitzbrücke, unter der Getraudenbrücke, unter der Brücke ohne Namen der Waldemarstraße, sie schlafen im Sitzen, sie schlafen unter einer Baumgruppe am Märkischen Platz, sie schlafen neben dem Segitzdamm, dem Erkelenzdamm unter Bäumen, sie schlafen am Wassertorplatz und rufen, erster Schrei, die verdammte verfluchte und verlassene Scheiße ihrer Existenz in die Wipfel der Bäume, über die Spazierwege hinweg, in des Betrachters Ratlosigkeit, in des Betrachters Wut … der, würde er sie fragen, was sie sagen, hören könnte, dass er sich verpissen soll, verschwinden, sich davonmachen, du willst mir eh nicht helfen, du Arschloch, Klugscheißer, Fäkalie deiner selbst.

Die Wege durch die Straßen, Wege, über Plätze … Rainer trifft dreimal wöchentlich auf einen Franzosen, er kennt ihn schon vom Namen her, da steht er wieder, Fabrice. Fabrice, sagt Fabrice, war Automechaniker und hat Kind und Frau an den Alkohol verloren, Rainer weiß das von Fabrice, weil Rainer Fabrice eines Tages gleich mal anbrüllte, ob Fabrice nichts besseres zu tun habe, als jeden Morgen hier zu stehen und seine würdelose Bettelei anzufangen, wenn er, Rainer, den Fabrice richtig einschätze, so habe er noch keinen Gang zum Amt gemacht, stattdessen er, Fabrice, glaube, dass, wenn er, Rainer, ihm Geld gebe, es leicht verdientes Geld sei, so würdelos, rief Rainer … da entgegnete Fabrice, er, Fabrice, sei dem Rainer ausdrücklich dankbar, dass er, Rainer, sich mal mit ihm, Fabrice, wenigstens unterhalte, glauben Sie mir, so Fabrice, ich rede schon seit Wochen nichts.

Da habe Rainer ihm die Hand gereicht, die saubere Hand in des Fabrices Lederpranke, denn Fabrices Hände waren die eines Waldtiers inzwischen, rau, ledern und roh und verschorft und verhornt, und wenn er, Fabrice, ihm, Rainer, verspreche, dass er bald mal das Amt aufsuche … denn er komme doch aus Frankreich, richtig … er komme aus Frankreich, und er spreche einwandfreies Deutsch … Ist das so? Ja, ist so, dann könne er ja morgen schon zum Amt. Ja, er solle morgen schon zum Amt, Rainer würde ihn dahin begleiten, nicht nötig, sprach Fabrice … und war einen Tag später nicht zu sehen, einen zweiten Tag später nicht zu sehen, am dritten Tag stand Fabrice wieder dort und Rainer beschloss, ihn einmal mehr nicht zu beachten. Da sprach Fabrice: Ich war beim Amt, sagte er. Die werden mir helfen können, bald .. in zwei drei Wochen … sie haben eine Notunterkunft im Wedding.

Und so stand Fabrice noch zwei drei Wochen vor dem Supermarkt und grüßte Rainer, Rainer schaute ihn noch immer abfällig an, ging noch einmal auf ihn zu, ihn nach dem Amt zu fragen, da wusste Rainer, Fabrice übernachtete noch immer in den Büschen am Märkischen Platz hinter der bronzenen Schrottskulptur, deren Symbolik er bis dato nicht verstand. Er, Rainer glaube dem Fabrice kein Wort, rief Rainer. Du Fabrice, bist ein elender Schwindler, Gammler und ein in seiner Würdelosigkeit nicht zu unterbietender selbstmitleidiger Schuft. Fabrice sagte, Rainer solle aufhören, so zu reden, das würde ihn, Rainer, würdeloser machen als ihn, Fabrice.

Er könne nur so viel sagen, dass er übermorgen in der Notunterkunft unterkomme, dort gäbe es eine Dusche, und auch Rasierapparate. Fabrice unter seinem Vollbart kreuzquerstehende Zähne lächelnd zeigte. Und tatsächlich, zwei Tage später, stand Fabrice dort rasiert im Gesicht, und, hielt er Rainer seine Hand entgegen, meine Hände auch geseift. Und blickte Rainer an. Hier, schenk ich dir, eine Träne für Rainer. Sein Weinen war entgegen des Weinens Martins, der keine Bühne fand für seine Tränen, eines großen Schauspielers würdig, und so wahrhaftig ungeschminkt und glitzernd in der Morgensonne an der Jannowitzbrücke, da schüttelte sich Rainer kurz, und war umso mehr verblüfft, als Fabrice ihm mehrfach sagte, seine frisch geduschte Hand dem Rainer reichend, Danke, Danke, Danke, sagte Fabrice. Du hast mir sehr geholfen, Danke, Danke, Danke. Rainer glaubte ihm und zog davon. Fabrice ist seit nunmehr drei Jahren nicht mehr aufgetaucht.

Prosawerkstatt

Zum Beispiel die Notizzettel. Von oben bis unten vollgeschriebenes Papier. Ich glaubte, wenn man sein Leben neu erfindet, so tut man es nicht, seinen Horizont zu erweitern, sondern um sich nicht immerzu schämen zu müssen. Erfahrungsgemäß ist, was man über sich selbst schreibt, veränderbar. Alles, was man über sich selbst schreibt, unterliegt einem Veränderungsprozess über die Jahre, die man lebt und sich ändert, wo man streicht und korrigiert und alles von dem einen grandiosen Punkt aus entwickeln will, der wie eine sich ankündigende Eruption geladene Energie in sich birgt, dass eine Grundspannung entsteht, aus der heraus man mehr als drei Tage lebt. Und strebt. Und vorwärts kommt. Eine Illusion. Diesen ersten grunderuptiven Satz wird man nie finden. Der Satz wird immer einen Fortsatz erzeugen. Stopp. Wir haben uns darauf geeinigt, nicht mehr wissen zu wollen, wie die Begrenzungen des eigenen Hirns beschrieben oder umschrieben werden kann, denn das lässt sich abbilden in der Maschine. Die Maschine ist nicht Thema. Die Menschen im Verhältnis zur Maschine sind nicht Thema. Das Thema, was umtreibt, ist das des Umgangs der Menschen umeinander. Schließlich haben wir uns darauf geeinigt, dass eine gottgleiche Figur, allein auf einer Bühne, vor sich hin redend, uns nichts mitzuteilen weiß, außer sich selbst. Wir haben es gehört:
Ich brauche Menschen um glücklich zu sein.

Aber einer dieser Menschen bin jetzt ich, sagt Mara.

Stimmt, sage ich, einer dieser Menschen war auch mein schwedischer Nachtvogel, sage ich.

Aber dein schwedischer Nachtvogel lag heute Morgen tot auf den Wegplatten.

Das war nicht mein schwedischer Nachtvogel, sage ich.

Sah aber aus wie ein schwedischer Nachtvogel.

Mara, sage ich, was würdest du denken, wenn ich von dir glaubte, du seist ein toter Vogel, nur weil ich dich eines Tages mein liebes Vögelchen genannt habe.

Das ist nicht nett, sagt Mara.

Siehst du, sage ich, und deswegen war das heute Morgen nicht mein toter schwedischer Nachtvogel, sondern ein toter schwarzer Rabe, von Elstern zerpflückt. Nicht mehr, nicht weniger. Mein kleines Vögelchen, sterbend in der Hand.

Wie habt ihr euch kennengelernt? Will sie wissen.

Das weiß ich nun auch nicht.

Aber neugierig bin ich schon.

Du meinst, Neugier sei schon Motivation?

Mach‘s doch nicht immer so kryptisch und kompliziert. mach dich locker. Sag mir, wie ihr euch gefunden habt. Ich werd‘s schon noch verkraften.

 

Wenn du in einem Jahr Frau, Mutter und Job verlierst, ausgeräumt ins nächste Jahr geschickt. Spiralförmig. Gekugelt. Gewürfelt. Du wirst, ohne es zu wollen, ein anderer Mensch. Geometrie – Vermessung – Position. Bist du nun Kubus, Kugel, Diadem, eine Muskulatur, eine fortlaufende Linie, die Seite eines Rechtecks? Die Wiese, eine Hauptstraße, die Kirchglocke. Du Esel, du Hund. Urlaub im Gegenwind der Leute. Nochmal von vorn: Ein Kind, eine Zimmerpflanze, der Weihnachtsbaum, im Hof stehend mit Tennisball. Jetzt gehört die Stadt dir. Das sich verwandelnde Bild – du solltest nicht riskieren, mich zu verlieren, sagte sie vielleicht zwei Monate, bevor sie ernst machte. Du solltest mit deinem Handeln unter Beweis stellen, dass du wieder normal bist, sagte man, bevor man mich vom Hof jagte. Du solltest schnell nach Hause kommen, sagte Vater, als es zu spät war. Mich zur Disziplin zwang – mich bemühte – das Folgejahr zur Dunkelkammer wurde. Der Winter zog sich bis in den April. Die Augen waren fortwährend entzündet. Das letzte Jahr meinte es wirklich gut mit mir. Es wollte mich befreien. Ich war darauf nicht vorbereitet. Deswegen ich Zeit brauchte. Ich war noch immer eine Art Wandschrank aus den Siebzigern mit aufgeklebtem Laminat, und blau. [Justieren. Feststellen. Bus fahren. Die Lampen in den U-Bahnhöfen fotografieren.]

Ein inneres Bild. Der Herstellungsprozess – von Blutwurst – was Kinder sich antun, wenn sie vom Land sind. Schneeflocken, der Geruch von Erbsensuppe und Menschenschweiß – was Kinder alles riechen müssen – wenn sie vom Land sind. Es wird besser, steiler, höher, farbiger – wurde es – Sepia. Wenn die Sehkraft nachlässt in einem Jahr wie diesem, in dem laut Statistik die Unglücksfälle aufgebraucht sind.

Auf der Suche nach Form. Dem Genre. Der Sonate, der Arie, der Sinfonie, einem Dreieck aus Ohrwurm, Stille – plötzlich ein Knall. Du setzt keine Bilder frei, sagt sie, du erzählst zu wenig, manchmal frage ich mich, wo du lebst, sagt sie.

Dass ich Mutter verlieren würde, war so früh nicht abzusehen, dass ich meinen Job verlieren würde, folgerichtig. Dass sie gehen sollte, wollte ich nicht. Ich sprach von Häusern. Die stellte ich mir perspektivisch vor, und doch schien es, als ob die hintenliegenden (stehenden?) Fenster mich mehr ansprachen, so, als pressten sie aus dem Bild hervor, ein Druck von innen nach außen. Das Augenscheinliche mir nicht genügt. Ich sehen wollte, was sich hinter jedem der Bilder verbirgt. Eine Geometrie zu erfinden, in der ich frei bin. In welcher Welt ich bin.

Eigentlich war ich davon ausgegangen, dass die Geschichte ganz anders verläuft. Wenn ich erst verschwunden war. Auch falsch – als wären sie mir eine Last – auch falsch. Als wir beschlossen, getrennte Wege zu gehen, wurde gewiss: Ich brauche Menschen, um glücklich zu sein. Die Einsicht kam spät, und ohne Skrupel.

Auf auf. Die Geometrie: zu eng, zu privat, zu viel Alltag, zu sicher. Auf auf, es werde Licht. Sie erreichen gerade eine neue Stufe – was keine Form darstellt – es wird nicht besser, nicht schlechter, es wird anders. Wobei ich kaum in Erscheinung trat, betrachtet man die Zeit, vor dem Hintergrund des Vorsprungs der Weltzeit gegenüber meiner Zeit. Meine Zeit in einer Schatulle, samtseiden, abgestellt im obersten Fach. Ich in dieses Regal all meine Schatullen stelle, samtseiden, weil ich Teil eines Etwas bin, das nicht zu beherrschen ist – meine Zeit – ein Werk auf der Mauer. Regelmäßig getürmte Steine, zusammen gehalten durch ein Fugenband, sodass, ideell gesprochen, jeder Stein mit jedem sprechen kann, durchs Fugenband miteinander verbunden, eine Sprechmembran, ein Grid, die Geometrie der Worte. Eine Backsteinwand. Eine Fläche. Leicht konturiert. Wie sich Geometrie bildet. Wenn Ameisen Häuser bauen. Und Straßen. Ein Kommunikationswunder. Wie ich zur Welt finde, wo sie offenbar nicht weiß, dass ich bin, nach diesem Jahr – der Verluste. Wo wir das Lächeln suchen, dein Lächeln.

Die Bäume Knospen bilden, das kann nun schnell gehen. Frühling. Die Bäume schlagen aus. Schon nach einer Stunde, in der Sonne wartend, spürt man es, Vitamine. Fahrräder werden geschoben. Ein Lieferwagen schiebt den anderen. Eine Kindergruppe auf dem Weg zum Spielplatz. (Watschelgang) Bald ist es grün. Die Sonne gibt der Stadt ihr Leben zurück. Der Geruch ist ohne Atem. Ab und an eine Zigarettenwolke. Die Bauleiter schwer bepackt und telefonierend durch den Park kommen, das Feld räumen, die Kleidung ebenso schwer, noch ganz im Winter. Der sich übergangslos zu verabschieden scheint. Ich gegen das Licht blicke. Noch immer unklar, noch immer unscharf, noch immer. Warten auf den einen Anruf.

Wenn wir morgens erwachten, so hatte jeder seinen Weg in den Tag, ich war in der Regel vor ihr dran. Wir begegneten uns am Küchentisch, zum ersten Mal, jeden Morgen. Auf ihrem Handy waren ein zwei Aufrufe – ihr Tagesgeschäft, während ich erste Aufgaben erfand, indem ich mir Mails schrieb, im Betreff Test-A oder Test-B. Sie war schon, ohne Absicht, eingebunden, während ich mich erst finden musste. Sie frühverdrahtet, ich gespannt. Sie eingespannt, ich auf der Lauer. Es geschah nicht, was ich mir wünschte. Ich ließ mich treiben und hörte abends von ihr, dass ich mit meinen Freunden immer die gleichen Fehler begehe.

 

Lassen Sie mich ein paar Kleinigkeiten zu meiner Entschuldigung loswerden. Ich habe mit zwanzig gesehen, dass Fünfzigjährige Banken überfallen, Frauen einsperren, Häuser anzünden, Politiker oder Bankiers werden, von alldem habe ich immer Abstand genommen, bin nun selbst über Fünfzig. Weit und breit keine Bank, die mir gehört, weit und breit kein Ministerium, das ich führe, verführe oder überführe. Weit und breit keine eingesperrte Frau. Weit und breit keine Anstiftung zu Unruhe und Panik. Einzig mein Wille zur Freiheit ist mir geblieben, eine letzte anarchische Hoffnung. Dass man sich frei entfalten kann, nicht immer eingezwängt zwischen dem Korsett der Wahrnehmungsgewohnheiten anderer Menschen, die nur das sehen wollen, was sie schon kennen, um sich rückzuvergewissern, dass das, was sie gesehen haben, zu ihrer Persönlichkeitsentfaltung stabilisierend und erfolgversprechend beigetragen hat. Hören Sie. Das kann doch ein Mensch gar nicht leisten. Oder bewirken. Für solche Dinge sind die eigene Erziehung, der eigene Leumund zuständig, die ganz eigene Geschichte ist dafür zuständig. Wenn Sie reife und gestandene Eltern hatten, sind Sie vielleicht stark genug, den Widerständen und Kollisionen entsprechende Kraft entgegenzusetzen. Wenn Sie aber, wie ich, aus Verhältnissen kommen, wo Orientierungslosigkeit Leitbild war – Sie sich täglich neu zusammensetzen müssen, neu erfinden, und das auf eine unbeholfene Art und Weise, quasi im Selbstversuch und autodidaktisch – alles, was die Welt beherrschbar machen könnte, sich selbst aneignen mussten, Sie in der Folge empfänglich wurden für alles, was mit Ich-habe oder Ich-behaupte-dass, oder Ich-habe-das-so-verstanden, oder Ich-weiß-es-jetzt-auch-nicht, oder Ich-brauche-Zeit, oder Ich-will-Ich-will-Ich-kann-nicht, oder Ich-bete-zu-Gott, oder Ich-wünsche-mir-Frieden, oder Ich-werde-das-nochmal-prüfen, oder Ich-mache-viele-Fehler-aber-nicht-aus-Absicht, oder Ich-muss-gestehen, so … merken Sie: Jedes mit Ich beginnende Sätzchen gerät zum Bruchsatz. Trotzdem will ich es wissen. Ich kann nicht fünfzig Jahre umsonst gelernt haben. Deswegen ich mich von mir absetzen muss. Warum ich das sage? Ich kann Sie trösten. Ich weiß nicht, wer ich bin. Das wird sich so schnell nicht finden. Ich zu sein, im Heuhaufen all der Selbstfinder. Ich bin nicht unglücklich mit mir – allein. Aber glücklicher, wenn ein anderer spricht, lacht, mit nach Kreta fährt. Mit mir in einem Bett schläft.

von Alleen und Blumen und Frauen

Kolumne im Spiegel

Alleen und Blumen und Frauen und ein Bewunderer.

Steht da an der Wand.

Ich sehe keine Alleen, keine Blumen, keine Frauen, keinen Bewunderer, sondern (erzählte) Zeilen von Alleen und Blumen und Frauen und einem Bewunderer.

Frauen plural. Bewunderer singular. Ein Mann bewundert viele (nur die Frauen? Die Frauen etwa wie Blumen, wie Alleen?) Frage: bewundert er die Frauen und die Alleen und die Blumen? Er bewundert sie (die Blumen und Alleen), wenn ich es richtig sehe, auch einzeln. Explizit die Alleen, dann die Alleen und Blumen, auch die Blumen explizit, dann die Blumen und Frauen, wieder die Alleen explizit, und auch die Alleen und Frauen, und dann sogar den ganzen Verbund der Alleen und Blumen und Frauen. (nicht an einer Stelle nur die Frauen. Daraus wird gemacht Alleen wie Blumen wie Frauen … es steht tatsächlich nichts von einem Wie dort.)

Frage: Wenn das eine Frau geschrieben hätte (hat aber ein Mann geschrieben) – trotzdem: Wenn eine Frau das geschrieben hätte, würde es sicherlich anders rüberkommen, als Ironie auf einen Bewunderer?

Warum aber liest sich das nicht jetzt schon wie eine Ironie?

Ursprünglich war es ein Gedicht über einen Bewunderer von Alleen und Blumen und Frauen und kann auch so wie es da steht, ironisch gelesen werden, (als Selbstironie des Erzählers vom Bewunderer) – denn was nützt ihm die Bewunderung?

Was bewundert er? Er bewundert sein Bewundern? Denn die er da bewundert sind Blumen und Alleen und Frauen. (Bilder seines inneren Auges. Wenn du das ironisch liest, entstehen trotzdem Verwerfungen, die aber nichts mehr mit den Alleen und Blumen und Frauen zu tun haben, sondern mit seiner Sicht auf die Alleen und Blumen und Frauen – und die ist so oder so von ihm nach dort hin. Daraus machen die Kritikerinnen des Gedichts jetzt sich selbst zum Objekt der Begier des Bewunderers. (ein sexistischer Blick – der Frauen, nicht des (erzählten) Bewunderers. Ironie aber scheint in Berlin allem geschuldet nur nicht mehr sich selbst.)

Schicksal des Gedichts: Entweder gibt es bald Farbbeutel zu bewundern oder einfach nur eine weiße Wand. Und keine Gedanken mehr. Es wundert sich ein Bewunderer eines Gedichts auf einer Wand.

(Reibe mir verwundert die Augen. Wohin nur galoppieren die Alleen und die Blumen?)

————— Nachtrag aus dem Tagesspiegel vom 06.09.

Streit um Gedicht an Fassade der Alice-Salomon-Schule

weibliche Lesart männlich

„Frauen müssen immer wieder beweisen, dass sie schreiben können“

Ausgangspunkt ist dieser Artikel/dieses Interview:

st-giminiano

Ich hatte drei Versuche, den Artikel für mich einzunorden. Es ist mir keiner geglückt. Und trotzdem fühle ich mich bemüßigt, auf ihn zu reagieren. Nun. Das erschließt sich vielleicht erst beim Durcharbeiten meiner Fehlversuche. Ich beginne mit, rückwärts zählend:

Dritter Versuch und:

Erster Knoten:

Zitat: „Es kommt sehr selten vor, dass Männer sich intensiv mit weiblichen Texten auseinandersetzen. Schauen Sie sich die Longlist des Deutschen Buchpreises 2017 an: Zwanzig nominierte Bücher, 13 von Männern und sieben von Frauen. Und die männlichen Namen sind um einiges prominenter. Frauen waren beim Buchpreis immer in der Unterzahl. Ja, was mich erschreckt: Es gibt gar kein Problembewusstsein. Denn in der Jury sitzen genauso viele Frauen wie Männer.“

Wenn Jurys paritätisch besetzt sind, aber mehr männliche Autoren lanciert werden, liegt das an der Lesart der Männer, oder an der der Frauen? Es scheinen zumindest, so der Verdacht, die Stimmen der Frauen ihr Gewicht nicht einzubringen.

(Zu sehen auch an der neuen SWR-Liste, Jury paritätisch besetzt, vorgestellte Bücher überwiegend männlich. Wiederhole: Das kann frau nicht der nichtweiblichen Lesart der Männer ankreiden, sondern dürfte gerne auch die männliche Lesart der Frauen in die Waagschale werfen.)

Abgesehen davon, dass ich nicht weiß, wie sich weibliche Lesart anfühlt, als Mann muss ich zugeben, diese Fähigkeit nicht zu besitzen. Wie Man sie erlernt, erschließt sich mir nur sporadisch.

Zweiter Knoten:

Zitat: „Ich hatte immer das Glück, dass meine Bücher viel besprochen werden. Aber ich spüre immer wieder, dass man Frauen nicht zutraut, große Themen zu behandeln oder sehr kritisch betrachtet. Frauen werden gerne reduziert auf Emotionen und leichtere Themen. Weibliche Autorinnen haben es schwerer, sich über eine lange Dauer zu etablieren. Wir nehmen auch den männlichen Werksbegriff als selbstverständlich. Männer können sich über mehrere Bücher ein Werk arbeiten. Frauen müssen mit jedem Buch aufs Neue beweisen, dass sie schreiben, denken können und dazugehören.

Sie fordert, dass Man den Frauen mehr Raum für ihr Werk einräumt. Das kann ich so interpretieren: Kritikermänner oder männliche Kritiker sollen bitte helfen, nicht so dolle Bücher innerhalb eines Werks durchzuwinken. Was für Männer gilt, soll gelten auch für Frauen. Frau Hensel möchte ich rufen, empört: auch das männliche Werk sollte zu jeder Zeit den Prüfkriterien standhalten. Umgekehrt löst sich der Knoten nämlich auf: Bitte nicht mehr Schützenhilfe leisten für nicht so gelungene (männliche wie weibliche) Werke. Das würde ich unterstreichen.

Dritter Knoten:

Zitat: „Zum Beispiel passiert es Judith Hermann mit jedem Buch, dass einige Kritiker sagen: Eigentlich kann sie nichts. Das wird bei Frauen leichter gesagt und geglaubt. Auch Männer müssen harte polemische Kritiker ertragen, aber Frauen treffen fundamentale Kritiken regelmäßiger. Ich glaube, es gibt einen Zweifel an weiblicher Autorenschaft.

Judith Herman ist in meinen Augen kein gutes Beispiel, da sie für Sommerhaus,später von Karasek und Ranicki mit höchsten Vorschusslorbeeren versehen in den Kreis der Erlauchten gehoben wurde und somit eine Fallhöhe entstand, die kann Angst machen, ängstlich auch, kein guter Ratgeber für Schriftstellerinnen, ob weiblich oder männlich (im Literarischen Quartett hatte selbst Ranicki Zweifel, ob sie wirklich so gut erzählen kann, es war sogar Frau Löffler, die die Erzählweise auf Dauer ein bisschen monoton fand.) Der dann einsetzende Erfolg wurde schließlich zur Bürde, und weniger die mangelnde weibliche Lesart etwaiger lesender Männlicher.

deutsches-theater

Zweiter Versuch:

Im Übrigen … kein Freund bin ich davon, Männliche gegen Weibliche zu stellen. Beobachtbar ist, Männliche greifen immer seltener zum Buch (zur Belletristik), in meinen Freundeskreisen kaum mehr Belletristik-Interessierte (Männliche). Frau Hensel geht davon aus, dass es die Weiblichen sind, die den Buchmarkt retten, weil sie sich noch um ihn kümmern, statt auch die Frage zu stellen, woran es liegen könnte, dass die Männlichen kein Buch mehr in die Hand nehmen. Es könnte etwas dran sein an der steilen These: die paar in den Führungsetagen Übriggebliebenen (Männlichen) tragen zum Ruin ihres Fachbereichs bei? Dann sollte sich tatsächlich schnellstens daran etwas ändern.

Beobachten kann ich, im Netz, auf Blogs, in der Indie-Szene, im Selfpublishing, dass die Weiblichen ein gewichtiges Wort mitsprechen, wenn nicht sogar die Szene dominieren (im Wortsinn des Weiblichen verweiblichen – nach Sprachgebrauch gibt es ja kein Herrschen, kein Dominieren (männlich), sondern eher ein Lauschen, Aufnehmen, Sehen (weiblich) – was also wäre das weibliche Äquivalent zu Herrschen, Dominieren? /schwere Frage, das Problem wird gleich auch ein Sprachliches, jenseits der *Innen). Ich kann beobachten: der Ton ist moderat, freundschaftlich, niemand will sich verletzen. Empathische Lesart = „weibliche“? Ich setze das in Anführungsstriche, weil ich nicht weiß, was männliche von weiblicher Lesart unterscheidet. Ich lese Männer wie Frauen, ich beurteile Bücher selten nach Geschlecht, und wenn, dann meines eigenen nicht zu leugnenden männlichen Wesens wegen; was einschließt: dass Bücher von Männlichen nicht immer meinem inneren, auch männlichen Wunsch standhalten. (Der häufig auch das Weibliche sucht und will, in mir, oder als Gegenüber, was ohne hormonelle Korrektur nicht gelingen will – das Thema hat mehr Fass als Boden)

Hat Frau Hensel berücksichtigt, dass rein statistisch, wenn mehr Männliche kritisiert (nicht gelobt) werden, es auch durchschnittlich gesehen mehr Männliche „erwischt“, die verrissen werden, wie vielen Männlichen man zugucken konnte, wie sie öffentlich dem Maßstab der Öffentlichkeit nicht standhielten. Frau Hensel offenbar davon ausgeht, dass Kritik zugunsten und nicht zu Ungunsten ausfällt? Ihre Einschätzung, dass mehr Frauen verrissen werden als Männer, kann ich nicht teilen. Unterschlägt ihre Aussage schließlich einfach und konkret, dass Wahrnehmung immer selektiv ist, ich also nur wieder dafür angezeigt gehöre, dass ich all die Verrisse gegenüber weiblichen Texten nicht wahrnehme? Frau, möchte ich rufen, das Gegenteil sagt mir meine Wahrnehmung. In meinen Augen ist inzwischen auch gegenüber männlichen Autoren eher ein Wohlwollen erkennbar, bei weiblichen dagegen bricht mitunter die Emphase aus. Beispiele? Teresa Mora – emphatisch aufgenommen, Buchpreis! Bodo Kirchhof – wohlwollend, Lebenswerk wird gekürt, pomadig und konventionell erzählt, ebenfalls Buchpreis?!)

Der Mann soll seine männliche Lesart prüfen“ scheint irreführend. Vielleicht ist Frau Hensel zu ungeduldig. Die männliche Übepräsenz hat Wurzeln in der erst vor kurzem aufgebrochenen Dominanz der gesamten Gesellschaftlichkeit durch Männer, ebenso in der Literatur?! Zu Zeiten Hemingways mehr Joyce, Proust und James im Markt, weniger Woolf, Plath oder Stein. Zu Zeiten von Grass und Böll mehr Johnson, Frisch (Stiller) und Handke (Publikumsbeschimpfung) im Markt als Bachmann, Christa Wolf oder Undine Gruenther.

Das ändert sich. Mit den Jahren. Ich kann sehr viel mehr Weibliche erkennen als noch in den Sechziger Siebziger Jahren (da sah ich in der Regel nur meine Mutter, das AlmaMaterchen unter all den Weiblichen neben meiner Schwester). Dass sich in der Spitze der Gesellschaftlichkeiten nicht vielmehr Frauen dauerhaft kopfoben platzieren, liegt m.E. nicht an der Lesart der heutigen Männlichen / wie gesagt, sondern am noch immer mitschwingenden und tatsächlich männlich determinierten und überkommenen Kanon. Und der ist und war sicherlich männlich überbestimmt. Auch das ändert sich. Nicht durch die weibliche Lesart der Männlichen, sondern durch die Präsenz der Weiblichen an sich, und die ist nicht mehr zu leugnen! Die Forderung, ich, wäre ich Kritiker, sollte als Mann weiblich lesen lernen, ist nahezu absurd. Erstens weiß ich nicht, wie als Mann das handhaben, weiblich lesen, zweitens weisen mich doch all die anderen wiederholt darauf hin, dass ich etwas übersehe, wenn ich die oder den nicht einmal Ernst nehme? Im Übrigen die Zahlen: Wenn die persönlich privat erhoben sind unterstelle ich mal, sind sie nicht repräsentativ, nicht faktisch belegbar, nicht wirklich Maßstab. Wollen wir uns nun schon in jeder Lebenslage von Zahlen, PimalDaumen oder Statistiken überformen lassen? Wie es „dort Oben“ tatsächlich abläuft, nun, das müssen sie mit den besseren Zugriffsmöglichkeiten auf „ihre Szene“ dann unter sich klar ausmachen, können sie, dürfen sie, ist aber das der Maßstab? Man/Frau höre sich bitte nochmal das literarische Quartett an, wo Judith Hermann als die neue Stimme offeriert wurde. Mir persönlich wird es da regelrecht mulmig zumute. Mit welcher Gönnermiene da präsentiert wurde. (Seien wir doch froh, dass das endlich nicht mehr so einfach geht – Papa sagt mal eben, was alle machen/lesen sollen)

 

kh-flure

Erster Versuch:

Ich sehe, rein subjektiv (!), keine Bevorzugung Männlicher gegenüber Weiblicher, sehe vielmehr, dass viel Kanon im Markt ist, viel Überbrachtes, erkennbar daran, dass die Emanzipation von großen Namen noch nicht stattgefunden hat. Noch immer ist Henry James erste Wahl (und erst später Virgina Woolf), noch immer gilt Hemingway als amerikanischer Maßstab (und erst später Sylvia Plath), noch immer haben es deutschsprachige AutorInnen schwer, Böll, Kurt Tucholsky Theobald Tiger, Caspar Hauser, Ignatz Frobel, Peter Panther, Grass, Johnson, Frisch oder Bernhard zu überwinden. (Bevor überhaupt von Ingeborg Bachmann, Christa Wolf gesprochen wird)

Selbst gestandene aktuelle Schriftsteller (ich unterlasse Namen, wegen etwaiger Fehlbenennungen, Benannte fühlen sich brüskiert, Nichtbenannte echauffiert, Vergessene übersehen und nicht Gewesene unterschätzt) stehen inzwischen unter stärkerem Druck als noch vor zehnzwanzig Jahren, da der Literaturdiskurs sich in die Breite entwickelt hat, weg von den uns bekannten Printmedien hin zur Vielfalt, im Netz, im Fernsehen und schließlich in den Zeitungen auch (einhergehend mit der Tendenz zur Über- Aus- und Umfüllung, es keinem Leser mehr möglich ist, die Menge an besprochenen Büchern zu lesen, geschweige zu leben, oder dann auch noch zu durchdringen.)

Beschränke mich auf eine andere Aussage. Mir macht weniger Sorge, dass “da Oben” zu wenig Frauen in den Kanon aufgenommen werden, oder zu wenig Frauen auchmal ein mittelmäßiges Werk schreiben wollen, ohne dass sie “rausgeschmissen/vernachlässigt” werden, mich sorgt vielmehr, dass der Buchmarkt insgesamt, zumindest was die Leserinnen-Seite angeht, immer mehr ohne Leser auskommen muss. Wie die Autorin sagt: Ohne die Leserinnen wäre der Buchmarkt schon zusammengebrochen. (Was ein Kompliment sein soll und Aufmunterung an das Durchhaltevermögen der Weiblichen und eine klare, aber gesalzene Rüge an die Unlustvollen der Männlichen – die sich nur für undsoweiter zu interessieren scheinen.)

Vielleicht bekäme man eine Wende rein, wenn nicht jedes Buch gleich so angesehen und angekündigt würde und verkauft, als wäre es das Beste und Wichtigste unter Seinesgleichen, und dann doch nur ein Tröpfchen ist auf heißem Stein)

Es streiten sich zwei Seelen. Die, die keine Flachheit der Literatur will mit der, die dem Gipfelstürmer Buch nicht mehr glaubt. (Leser ging verloren, weil auch er die Fallhöhe nicht richtig einschätzte.)

Mein Eindruck: Frauen tun über die Maßen viel für Literatur, für Freunde der Literatur, sie lesen mehr, sie besprechen mehr, sie sprechen im Zweifel immer noch eher für als gegen ein Buch, selten bin ich versucht zu unterstellen, da wollte sich eine Leserin/Rezensentin auf Kosten eines Buches inszenieren. Die Gefahr der Inszenierung scheint bei Männlichen größer. Da wird ein Buch schon  mal in seine Reste zerlesen … brauche ich nicht weiter vertiefen, ich kenne meine Lesart. Die des Männlichen. Unterscheidet sich bestimmt von der der anderen meiner Art …

Was mich mehr beängstigt, ist nicht, dass noch mehr männliche Autoren den Weg nach “Oben” finden (“dort Oben” für Gleichgewicht der Kräfte sorgen, müsste nach so vielen Jahren der Kämpfe, Krämpfe, Mühen doch endlich mal gelingen, sehe ich mir die Jury der SWR-Bestenliste z.B. an, so erkenne ich für diesen Monat 6 Weibliche, 7 Männliche, fast vorbildlich – allerdings sind gelistet wieder mehr Männliche als Weibliche – das wird nicht an dem einen Männlichen mehr im Verhältnis zu den Weiblichen liegen) stopp. Wieder zum Gedanken:

… dass immer weniger Männliche einen Zugang zu Büchern haben/finden, sich fast kaum ein Leser (ohne *In) findet. (in meinem Freundeskreis fast nur Seriengucker, Fußballfreunde, Sachbuchleser (sehr idealisierte Darstellung).

Mag daher rühren,  dass sich nicht wenige Männliche ungern sagen lassen, was wer wann zu lesen “vorschlägt”. Im Kern ist da etwas in Bewegung, in Veränderung begriffen, was über die hehren Emanzipationsgedanken der Autorin hinausgeht. [Ich wüsste nun gern auch was?! Eine Frage.]

So kommt ein anderes Unbehagen auf.  Die Literatur wird zur schönen Kunst mit Aura, steht für Sinnlichkeit, mit Tendenz zur Überhöhung, zur Verklärung, was ein weiches Bild von Welt bezeichnet. Die Zeit jedenfalls, da ein Schriftstellername zum Selbstlauf des Namens wird, und alle gebannt auf das nächste Werk warten, scheint insofern vorbei, als eine Frau mit Harry Potter diese Rolle übernommen hat.

Wie heißt es so schön: *Beitrag gekürzt, kommen Sie auf den Punkt. Ich wiederhole meinen Punkt: Wie bekommt man die Männlichen wieder an den Tisch – zum Lesen? Wenn selbst ich, der ich gerne und viel lese, doch immer wieder seinen Anker sucht im Kanon bei seinen „alten Freunden“.

Hemingway, Melville, James und Joyce und Bernhard und (Henny Jahnn) und A.F.TH. van der Heijden (etwas neuer und so knorke männlich! Jedesmal hervorragend übersetzt von Frau Helga von Beuningen!)

denn die, die mir hier neuerdings zugewiesen werden als unbedingt zu lesen von *such* bis *such* machen mich nicht wirklich süchtig. Da würde die bessere oder andere Rezensentin nichts dran ändern. Wenn nicht irgendwer das Gesamt-Niveau mal wieder ein bisschen liften würde, schieb schieb, und anheben, ein bisschen nur. Die Franzosen scheinen etwas weiter zu sein im Gipfelsturm, der große Bruder aus den Staaten auch. Die Diskussion aber mutet mir ein bisschen an wie da will jemand etwas, was es zu wollen darf, so viel es will, weil darin nicht erkennbar wird, warum Literatur nicht mehr süchtig macht (sondern süffig). Die Klassiker immer noch den Raum verbauen, zustellen, erobert haben. Weil wir gern und viel besprechen, den Markt, die Positionen, das Ambiente, den Cocktail, den traumreichen Tiefschlaf, das so wichtige Standing, die Ovationen, den Applaus, den Erfolg, das ganze Rote Teppiche Betreten … ja. Aber über den Inhalt der Bücher wird sich weitgehend ausgeschwiegen?

Die Ausnahmen enstehen hier?! Wo sie sich wirklich drum bemühen. Hier, unter, neben über uns, die anderen netten männlichen wie weiblichen Literaturbesessenen, für die ein guter Satz mehr ist als ein Zuckerwürfel in der Tasse Kaffee ohne sonstwas drin.

Nach allem, was ich hier zusammengetragen habe, komme ich jenseits des Artikels zum Ergebnis: es lohnt die Reise durch die Geschichte bisweilen sehr, mehr noch als jeder Versuch, sich den aktuellen Anzeigen, Themen, Versuchsanordnungen oder Anklageversuchen anzuschließen. Aus der Publikumsbeschimpfung, hat er recht: „Denn Sie werden nichts hören, was Sie nicht schon gehört haben.“

 

 

Andrej Tarkowski – über Musik – der Schriftstellermonolog

Aus der Reihe Meisterwerke sichten.

Andrej Tarkowski ’s- Stalker, ein Drehbuch nach dem Roman Picknick am Wegesrand von Arkadi und Boris Strugazki. unmittelbar nach dieser Sequenz (die Tapes bitte auf Youtube anschauen, falls Meldung, dass es hier nicht gezeigt werden kann):

folgt ein kleiner Ausflug über die Musik:

Sind sie aufgewacht?

Sie haben vom Sinn … unseres Lebens gesprochen … von der Uneigennützigkeit der Kunst

Nehmen wir die Musik. Sie ist am wenigsten mit der Wirklichkeit verbunden. Vielmehr …  zwar verbunden, aber … ohne Idee … mechanisch … durch den bloßen Klang … ohne Assoziationen, trotzdem dringt die Musik durch irgendein Wunder bis in die Seele.

Was gerät ins Schwingen in uns. Als Antwort auf die zur Harmonie gebrachten Geräusche. Und verwandelt sie für uns in eine Quelle erhabenen Genusses. Verbindet und erschüttert uns. Wozu ist das alles? Und vor allem, für wen? Sie werden antworten, für niemanden, und für nichts, nur so. Uneigennützig. Nein, kaum … kaum. Alles hat doch letzen Endes seinen Sinn. Sinn … und Ursache …

folgt des Schriftstellers Monolog (was ein Bühnenbild!):

Und noch ein Experiment. Experimente. Fakten. Die Wahrheit in letzter Instanz. Ah. Dabei gibt es keine Fakten, und hier sowieso nicht, hier ist alles von jemand erfunden, alles ist jemandes idiotische Erfindung.  Spüren Sie denn das nicht? Aber man muss natürlich unbedingt dahinter kommen, wessen. Warum? Was haben sie von ihrem Wissen. Wessen Gewissen schreckt das auf? Meins? Ich habe kein Gewissen, ich hab‘ nur so und so viel Nerven. Wenn mich irgend so ein Dreckskerl beschimpft, gibt es eine Wunde.  Lobt mich einer von der Sorte, noch eine Wunde.  Legt man seine ganze Seele  aufs Tablett, sein Herz, fressen, sie Seele und Herz. Serviert man eine Scheußlichkeit, fressen sie die Scheußlichkeit. Sie sind ja brav und alle durch die Bank gebildet. Sie leiden alle unter sensorieller Schwindsucht. Und alle drängen sich um einen. Journalisten, Redakteure, Kritiker, Weiber, die schlimmer als die Kletten sind. Und alle fordern ma … schnell …  mehr. Was bin ich Teufel noch mal für ein Schriftsteller, wenn ich das Schreiben hasse. Wenn es für mich eine Qual ist, eine schmerzhafte entwürdigende Beschäftigungen wie das Ausdrücken von Hämorrhoiden. Früher dachte ich, dass von meinen Bücher jemand besser wird … Irrtum, mich brauchte überhaupt keiner,  wenn ich verreckt bin, haben sie mich in zwei Tagen vergessen und fallen über einen anderen her. Ich habe gedacht, ich könnte sie umformen, nein geformt wurde ich. Sie haben mich geschaffen nach ihrem Ebenbild. Früher war die Zukunft nur Fortsetzung der Gegenwart, weiter nichts, die Veränderung winkte irgendwo in der Ferne, hinter dem Horizont, heute haben wir alles in einer Kanne, Gegenwart und Zukunft. Hat die Allgemeinheit das eigentlich begriffen? Sie will gar nicht, das ist ihr alles zu anstrengend, sie will nur fressen …

Sie haben aber Glück. mein Gott, jetzt werden Sie hundert Jahre alt.

Ja, warum nicht ewig. Wie der ewige Jude.

wer will, ein 15 Minuten  Ausflug in die Bildkomposition von Tarkowski:

The Silence of Poetic Harmony

Ausgangspunkt für mich noch immer, wie sich Literatur aus der Musik speist, wie Musik Literatur wird, wie sich beide Kunstsprachen einander gegenüberstehen, bedingen ergänzen, befruchten, bekämpfen, sich im Weg stehen sich abhängig machen voneinander. Musik ist ja nicht einfach nur eine Tonabfolge oder Sprechgesang, Literatur nicht einfach nur ein Darstellen der Wirklichkeit mit anderen Mitteln? Durchdringen sie mich, durchdringe ich sie? Die Verbindungen von weit hinter mir Liegendem und dem noch weiter Entfernten in weiter Zukunft sich immer als dauerhafte Gegenwart darstellt – die mit jedem Schlag aufs Klavier zum Klangraum verhallt? Das Thema ist so groß, ich will ihm trotzdem erliegen.

 

 

Dr. Bechtle, Wilhelm, Leopold und Schmid

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Lebbeus Woods, High Houses

Bechtle muss verrückt gewesen sein. Wie Prof. Leopold. Wie Wilhelm. Wie Sabine.

Von Anfang an …

Frischfleisch hieß ihre neue Arbeit. Im Schaufenster ein Fernseher, der Mitschnitt Sabines, wie sie Luftballons aufbläst, unten links einmontiert und zitternd ein Bild Bechtles, wie er einen Grashalm zwischen die Lippen nimmt. Das sieht so erotisch aus.

zweiundzwanzig dreiundzwanzig vierundzwanzig

Auf ihrer Website hatte sie bekanntgegeben, Tom habe ihr geraten wieder zu schreiben, es komme schließlich nicht drauf an, wie die anderen, dir unbekannte und äußerst unangenehme Leute, sich dazu äußerten, ratsam sei es, der eigenen Stimme zu folgen … während Sabine mit Freunden ihre Arbeit feierte, stolperte Bechtle angetrunken durch die Dunkelheit nach Hause. Er spürte auf der linken Seite ein Stechen, einen ziehenden Schmerz, eine Warnung, dass er kürzer treten musste. Als er sich am nächsten Morgen an den Rechner setzte, sah er im Postkasten eine Mail mit Link auf Sabines Seite, er las:

In meiner Pubertät war ich unausstehlich und meine schwankende Gemütslage bestechend, Ängstlichkeit löst sich mit Erregung.

Noch maß er dem keine Bedeutung bei und beeilte sich, die Maschine wieder runter zu fahren. Er begab sich aufs Institut und studierte am Modell der Fischflosse den äußeren Bogen, der Windkanal war an dem Tag für Tests belegt und so machte er sich am späten Nachmittag wieder auf den Weg. Er setzte sich zur Entspannung an den Monitor, öffnete den Briefkasten und erschrak. Dort meldete Sabine:

Weißt du was, ich bin jetzt wirklich sauer

Er las, sie habe serienweise Briefe versendet und er habe keins ihrer Briefe gelesen,

komm runter von deiner Fischflosse.

Die aufsteigende Wut trieb ihn auf die Straße und entlud sich beim Einkauf einer Flasche Saft in einen Seufzer, gleich schienen die Regale sich seinem Zugriff zu entziehen … sie will Streit. Er spürte es um sich herum dunkel werden, nur ein Schwächeanfall, sagte er dem Ladenbesitzer, der ihm freundlich aber besorgt hoch half:

− Sie sollten sich schonen.

Bechtle erhob sich und stampfte zum Laden hinaus, zuhause legte er sich hin.

Soll sie sich doch mit sich selbst vereinen.

Dazwischen irgendwo … der Seite (:99)

Wie an einer Geraden gezogen, dort vorn ein Punkt im Nebel, unsichtbar, dahin strebt es die Achse entlang. Fast alles weiß man über Biografien und Lebensläufe, den medizinischen, psychischen, häuslichen Phänomenen, man weiß um die unterschiedlichen Physiognomien, den Unternehmungen der Menschheit, der Suche nach dem Absoluten, das bringt ganze Wirtschaftskreisläufe auf den Plan, man gründet Wellness- und Schönheitsfarmen, es folgen die Lifestylemagazine, die Zeitgeistbeilagen, auf den Straßen verkörpern die Schönen auf Plakaten Cremes und Joghurt. Wieder tritt ein Gesicht in Erscheinung, braun gebrannt, mit Sommersprossen, es schlürft an Karotten oder Erdbeereis, während die Farben sich verprügeln. Freund Martin zum Beispiel ging auf jede Party, und seltsamerweise immer nach Hause. Dann war er am Teich mit seinen Freunden zelten und tanzte auf dem Autodach und machte Frauen verrückt, schon fuhr er nach Hause. Er traf sich mit Leuten aus dem Internet an einem der hundert besten Thermen der Welt. Hotelübernachtung mit Doppelbettzimmer. Es gab tausend Fotos, da amüsierte er sich und trotzdem. Das Glück lässt sich nicht provozieren. Das kann doch aber nicht Ergebnis sein eines langen Weges durch die siebzig Jahre Selbsterleben. Der Lebensweg. Da fehlt etwas. Die Zeitschriften. Die Bücher. Die Kinofilme. Die Pausensäle, Cafeterien, Opernsäle, die Marktplätze, die Bahnhöfe, die Kastanienallee. Die Anzeigen, das Internet, alles ein Riesenangebot, und doch irgendwie nichts. Ich schrieb in mein Tagebuch: Da lernte ich Sabine kennen. Ich hatte sie auf einem Fußballspiel das erste Mal gesehen, dann auf einer Podiumsdiskussion, einmal sollte ich ihr beim Umzug helfen, was absurd gewesen wäre – ihr helfen, die Sachen von Klaus zu schleppen. Alle guten Dinge sind drei. Das kann kein Zufall mehr sein. Schließlich wollte ich sie nicht mehr nur sehen. Plötzlich war der Wunsch da. Wie Mottenkugeln, wie Waschpulver, wie meine Hemden, das billige Parfüm, der Himmel wie Schnee so hell.

 

Oder vom Ende her …

Wieder zuhause legt Leopold alles, was ihm seine Ex geschenkt hat, auf einen Haufen. Er legt sich die Jazzsuite No.2, den 6. Walzer von Shostakovich auf und beginnt, um den Berg herum zu tanzen, indem er sein Hemd zerreißt, jeweils auf den dritten Schlag des Walzers in die Mitte tritt, er springt schließlich in die Mitte des Berges aus Wäscheteilen, er fällt hin. Er will nicht mehr aufstehen, er wimmert gerade so leise, wie er glaubt, unhörbar zu sein. In Wirklichkeit brüllt er, wütend und frierend. Er drückt sein Gesicht in den Wäscheberg und versucht, den Geruch seiner Ex zu inhalieren, er riecht sie nicht. Er sollte sich als nächstes um seinen Assistenten kümmern, nicht dass der unter der Bürde der Monate zusammenbricht. Dem Termin beim Amtsgericht will er in gebotener Gelassenheit entgegen sehen. Einen Tag, bevor er spurlos verschwindet.

… ich, Bechtle, der erst bei längerem Hindenken Teile seiner Orientierung wiedergewinnt. Und Schmid beteuert, das könne passieren … das Hirn kompensiere die Verluste seiner unsichersten Seite, dem Ich sozusagen, ein Ich, das sich entfalten muss, bevor es dazu kommt, Ich zu sagen … das Zerbrechlichste am Menschen ist seine Identität, sagt Schmid, darauf muss sich das Gehirn erst einstellen.

 

Du schreibst wie Wagner sinkt

Es ist schon eigenartig. Kaum ein Buch, das einem in Funk und Fernsehen nicht ohne Trailer präsentiert wird. Nicht ein Hörbuch denkbar ohne Hintergrundrauschen oder Soundcollage. Und doch. Auf der Suche nach den Vorlieben der Autoren stehe ich mit relativ leeren Händen da. Was hörte Hermann Hesse, frage ich mich, was Albert Camus. Was mag James Joyce gehört haben, was hört Peter Handke (Beatles und Rolling Stones …)? Von einigen ist es mir untergekommen. Thomas Bernhard zum Beispiel macht das Thema Musik explizit zu seinem Thema. Richard Powers macht es. Thomas Mann machte es. (hier im Streit mit Schoenberg) Adorno ging gleich mal auf den Jazz los. Bei Stefan Zweig bricht die Musik schließlich aus ihm heraus beim Hören des Messias von Händel. Max Frisch fühlte sich eher wie ein Banause an, Teju Cole tritt regelmäßig mit Playlists in Erscheinung, und Nick Hornby macht gleich High Fidelity draus:

Die Frage ließe sich umkehren. Welche Musiker von welchen Büchern inspiriert sind – schließlich all die Literaturverfilmungen, in denen nichts ohne Musik auskommt. Musik, Sprache und Bild eine Wechselbeziehung eingehen, auch wenn kein Satz gelingen will – die Worte längst „gespielt“ sind, zu schweigen von all den Unterwanderungen der Musik durch Lyrik in jedem Popsong.

Auffällig viele Bücher machen die Musik zum Thema. von Nick Hornby (High Fidelity),  über Richard Powers (Der Klang der Zeit), Alissa Walser (Am Anfang war die Nacht Musik), Heinz Strunk (Fleisch ist mein Gemüse), Pascal Mercier (Lea),  Roddy Doyle (die Commitements), Robert Schneider (Schlafes Bruder) Frank Goosen (So viel Zeit) Thommie Bayer (Vier Arten die Liebe zu vergessen) Thomas Mann (Doktor Faustus, Der Zauberberg) Hans Joseph Ortheil (die Erfindung des Lebens). Relativ neu: Julian Barnes (Der Lärm der Zeit – Roman über Schostakowitsch)

Schließlich die Grenzgänger wie E.T.H. Hoffman (Komponist und Autor), oder Philipp Christoph Kayser, Komponist und Schriftsteller – oder Ezra Pound, der gelegentlich auch komponierte …

wie soll man Paul Gerhardt, dem bedeutenden Kirchenlieddichter, einordnen? Wie die Autoren, deren Sprache selbst Musik zu sein scheint, mir fallen Ernst Jandl oder Franz Joseph Czernin, Paul Valery oder Marcel Proust ein, auch Walter Benjamin oder wieder Thomas Bernhard, bei dem alles wie eine Sinfonische Dichtung klingt mit Pianissimostellen sich steigernd zu einem Mezzoforte oder auf Krawall gebürstetem Bruckner mit Strawinksy-Anteilen.

O Haupt voll Blut und Wunden (ein Choral von Paul Gerhardt, in die Matthäus Passion übernommen von Joh. Seb. Bach)

 

Schließlich die Literaturformen, die in den Sprechgesang eingegangen sind vom Folk, über Rap bis hin zum Poetry Slam – du wirst kaum etwas hören, was nicht in irgendeiner Form Rhythmus, musikalischer Linie oder Intonation folgt.

Nicht umsonst wurde letztes Jahr der Literaturnobelpreis an Bob Dylan als Musikerlyriker vergeben … und sicher gäbe es noch ein paar mehr, die für Sprache und Musik ausgezeichnet gehörten, bzw durch ihren Erfolg bei Publikum und Leserhörer schon ausgezeichnet sind, wurden oder werden: Von David Bowie über Sophie Hunger bis hin zu den Eurythmics, Jennie Lennox oder von Sven Regener (seine Wutrede … seine Element of Crime) über Falco bis hin zu Ton Steine Scherben, Udo Lindenberg, fehlen nur noch die Liedermacher von Konstantin Wecker bis Sarah Lesch. Ach ja und an Hans Dieter Hüsch möchte ich auch erinnern (Grenzengänger)!

(Beispiel: Als Kind des Beat und Rock n‘ Roll kann ich gut mit Bob Dylan bis Frank Zappa leben, somit auch mit Jack Kerouac (Ein Beatnick)

oder mit Thomas Pynchon (Alles scheint erlaubt, auch wenn es bisweilen überfordert), bekomme trotzdem Schwierigkeiten mit Büchern und Texten, in denen kaum mehr etwas gewagt wird (Was im Rock n‘ Roll, im Pop, im Jazz, in der neuen Musik erlaubt ist, scheint in der Literatur seltsamerweise Tabu, verpönt, wird schnell abgekanzelt: schnell handelt man sich den Trash-Vorwurf ein, oder ratlose Zuhörer … stattdessen häufig nun Texte, die über viele hundert Seiten einem ganz bestimmten Sound folgen (gibt es den überhaupt, kann es den geben?), als unterläge dem ein Klangteppich, eine einfache Komposition, eine durchgängige Melodie. Macht es gleich auch zur Methode? Warum? Für wen? Um sich von anderem abzuheben? Um als Literaturkomponist anerkannt zu werden? Muss denn alles immer gleich geniös aussehen? Wer hat diese Ansprüche? (nur mal als Exkurs-Frage in den Raum gestellt. Ich kann mich gut erinnern, wie man vor Jahren Wert auf die Feststellung legte, da sei jemand sprachökonomisch motiviert, gemeint war i.d.R. die Vorliebe für kurzes prägnantes und lakonisches Schreiben. Ganz im Sinn eines Popsongs – neueste Variante: eine Geschichte, die du nicht auf 200 Seiten dargestellt bekommst, schaffst du auch nicht auf 400 Seiten?) Im Umkehrschluss: Wie viele Romane beinhaltet James Joyce Ulysses? Komponieren wir nun die große Sinfonie oder verkompostieren wir den 3 Minuten Popsong?)

Komposition. Sound. Klang. Spannungsbogen. Phrasierung. Steigerung. Ablassen der Dynamik. Hören. Sehen. Sehen. Hören. Erste Voraussetzungen für Arrangement, Komposition und „innere Stimmigkeit“? Schau dem Ohr in die Augen. Durchdringe das Konzept. Entwickle Vorlieben?! Versuche zu durchdringen, was dich durchdringt?! Führe hinters Licht, was dich verführt? Ich höre/lese häufig, es habe da jemand einen eigenen Sound, eine eigene Stimme. Das würde ich immer der Musik zuordnen und nicht der Literatur. Im Gegenteil. Sobald ich ein Buch in Händen halte, das sich nach musikalischen Regeln verhält, habe ich nach relativ wenigen Takten seine Machart „durchschaut“, und wenn dem Text keine Inhalte folgen … es sich mit dem literarischen Text eher um „eine Komposition“ handelt, fühle ich mich innerlich erkalten. Also haben wir im Grundgedanken, dass Musik und Literatur wesensverwandt sind, eher eine Kontroverse?

Kannst du komponieren? Du bist von einem Intro beseelt und willst das Ende wissen? Wie viele Minuten gibst du einem Musikstück? Wie viele Stunden einem Buch? Du kommst von ganzen Tönen zu den Triolen. Du kommst von den schnellgesetzten zu den hingeworfenen, du bist im freien Klang wie Fall –  wenn deine Komposition nicht sitzt, atmet oder steht? Die Frage nach der Harmonie sich einem Flötisten anders stellt als einem Tubisten. Siehe da: All das lässt sich übertragen von der Sphäre zum Klang, von der Melodie zum Thema. Von der inneren Ruhe zur Unruhe … im Text. Hast du die Bruchteile von Noten gehört, die ich gerade höre?

[Erst Komponieren dann Musizieren? Oder darf ich Musizieren und die Komposition folgt dem nach? Wie häufig triffst du Leute, die etwas zu erzählen wissen, es aber nicht aufschreiben können. Wie häufig triffst du Musiker, die sich einfach zusammensetzen und erst nach Stunden voneinander lassen können. Wie häufig schon hörtest du jemanden etwas lesen und konntest schon nach wenigen Sätzen nicht mehr folgen. Warum scheint es, als könnten nicht studierte Musiker immer noch mehr zum Besten geben als Studierte schreiben? Gibt es Muster? Gibt es so etwas wie einen Besten Ton?]

Will einen Weg finden, einen Ausweg. Will nicht über Theorie und Komposition sprechen, sondern über Vorliebe und Stimmung oder Atmosphäre. Gibt es eine Romanze ohne Worte? Gibt es so etwas wie ein musikalisches Dogma? Gibt es etwa einen Kult um Technik (Anschlag, Geschwindigkeit, Beat und Phrasierung), will sagen: sind wir nicht doch und noch immer nur romantisch veranlagt geniös gefährdet?

Und bei den einfachsten Dingen scheitere ich. Zum Beispiel was für Musik hören die Autoren aus meinem Bücherregal? [Wieso interessiert mich das plötzlich?] Nun, mich wundert schon: Wie sich Musiker äußern, bewegen, darstellen, experimentell, irritierend und meinetwegen auch „schmutzig, dreckig, abgedreht“ wie vorsichtig introvertiert und lieblich Musiker sich äußern … fast ängstlich – wenn ich das soziologisch betrachten dürfte, ich würde behaupten das ist ebenso regressiv wie unterdrückend … mit dieser Art Softdown bekomme ich auch literarisch keinen Fuß mehr vor den anderen. Da geh ich lieber heulen, weinen, sterben.

Pass auf, ich habe es mal versucht: Eine Schriftstellerplaylist: Hättest du zum Beispiel gedacht, dass Max Frisch Frank Zappa hört? Aber auch Maria Callas?!  Habe ich aufgeschnappt: Hermann Hesse mochte Telemann. Thomas Bernhard hörte Debussys Pelleas Mellisande beim Verfassen der Auslöschung. Mulmig wird mir da von der Vorstellung, die jungen Autoren hören nur noch Villagers … oder … was hat das eine mit dem anderen zu tun … höre ich es aus dem Off. Siehst du ?! Was hätte ich gewonnen, wenn ich wüsste, was der eine oder andere hört. Wahrscheinlich nur ein Vorurteil mehr. Macht das Sinn? / Am Ende muss ein Autor seinen Geschmack noch den Lesern anpassen … wo kommen wir da hin. Obwohl. Ich glaub‘, manch einer macht das.  (Geht das überhaupt?)

Ja. Eigentlich wollte ich nur wissen, was die Schriftsteller meiner Bibliothek so hören in ihrer freien Zeit, in ihrer Reisezeit, in ihrer Schreibzeit. Das Internet hat nicht sehr viel verraten (bisher). Daraus nun zu schließen, sie hörten nichts, halte ich für vermessen, wenn nicht tragisch bis komisch. Habe noch folgende Hinweise gefunden:

Sahrah Fedaku:

Musik in Literatur und Poetik des Modernism: Lowell, Pound, Woolf
Klang und Musik bei Walter Benjamin

und mir eine Playlist während des Verfassens dieses Artikels gebaut:

 

PS: Der Artikel ließe sich gewiss noch in die Neuzeit überführen oder fortführen und mit aktuellen Autoren und Autorinnen anreichern …

Zusammenfassung für Eilige: Autor fragt sich, welchen Einfluss Musik auf die Arbeit eines Schriftstellers hat und würde gern eine Schriftstellerplaylist zusammenstellen. Das ist ihm leider nicht geglückt.

—– Nachträge Artikelsammlung —-

Thomas Bernhard Thomas Bernhards Musik von Wieland Elfferding;

Bedeutung von Musik in Thomas Bernhards dramatischen Werken von Manuela Kloibmüller

Thomas Mann, der Romantiker Deutschlandfunk

Bertold Brecht und die Musik in der Zeit zu Fritz Hennenberg: „Dessau-Brecht – musikalische Arbeiten“, herausgegeben von der Deutschen Akademie der Künste; Henschel-Verlag Berlin (Ost); 34,– DM.

Hanns Joseph Ortheil, vom Vergnügen Mozart zu hören in Literaturkritik

George Steiner, Gespräch mit George Steiner in der Berliner Zeitung:

Es gibt eine Spannung zwischen Wort und Musik, die von Anfang an, schon in der griechischen Mythologie, eine tragische und frustrierte Spannung ist. Die Sprache ist immer eifersüchtig auf die Musik, war es immer. In der Sprache herrschen die Fesseln der Logik. Musik dagegen kennt die Polyphonie, Musik kann mit der Zeit spielen, kann die Zeit umdrehen, im Kanon, im Kontrapunkt. Die Sprache kann es nicht.
Jürg Laederach, über seine Grenzgänge zwischen Sprache und Musik in der NZZ

 

Aber ich kann da nicht jedes Mal eine Kant-Abhandlung neu schreiben, wenn ich etwas in Musik mache.

Lässt sich das mit Schreiben vergleichen?

Was Musik ist, weiss man ja nie genau. Ich denke, dass man mehr oder weniger die Spannweite seiner eigenen Emotionen ablegt oder durchs Instrument hindurchjagt. Das ist sehr interessant, aber es ist spontaner als bei der Literatur.

 

Der umgekehrte Weg: Franz Liszt intoniert Heinrich Heine

 

Ingeborg Bachmann Preis 2017 – Tag 2 –

Aus der Geschichte lernen, mit Geschichten Geschichte verstehen. Rückblicke auf gestern: Daniel Goetsch – Der Name Noemi Schneider – Fifty Shades of Grey John Wray – Madrigal Björn Treber – Weintrieb Karin Peschke – Wiener Kindl … und … endlich wurden sie mal munter … ? … Lesungen Tag 2: Ferdinand Schmalz – mein […]

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