Ilse Aichinger – Die größere Hoffnung

Was eine Karussellfahrt, im Kreis geht es, vom Leben weg dem Tod entgegen, ins Blaue hinein, dem Morgenstern entgegen, am Rand stehen die roten Buchen und schlagen sich die Köpfe blutig – die Kinder kennen keine Scham, ihre Unmittelbarkeit geht über die Gefahr. Ein verstörendes Buch. Was tut man? Man sucht das Licht in dieser Kunst- wie Alltagssprache, die ist immer poetisch und klar. Ein Herz zerreißender Roman.

„Dein Haar ist schwarz und gekraust, du bist ein Fremder!“ Sie werfen sich auf das fremde Kind und wollen es verbrennen, da stellt sich heraus, es ist wohl David, König David, auf dem Weg ins Heilige Land, da wollen die Kinder auch hin, ein Spiel zwischen Himmel und Hölle, und die, die sind, so sagt er, sind immer und die nicht sind sind nie. Die aber sind, sind überall, und die nicht sind sind nirgends. Die glauben zu sein, sind nicht, nur die zweifeln an sich, dürfen landen, nur die gelitten haben.“

„Das Leben eine Zumutung, das Sterben auch.“ Sagt Ilse Aichinger, geb. 1921 in Wien, gestorben 2016 in Wein, 95 Jahre gelebte Gegenwart. Ein verstörendes Buch. Und so nah. Die Ellen, Kind zweier falscher Großeltern, die Kinder, mit denen sie spielt, sind Heimatlose, niemand verbürgt sich für sie, und versuchen zu fliehen, zu überleben, über geschlossene Grenzen hinweg. Die Nachricht „Es ist alles abgeblasen, die Deportationen nach Polen sind eingestellt“, erweist sich als frohe Botschaft die nicht stimmt.

Du bist in diesem Roman in unserer Zeit, hier heißen die Botschaften Fakenews, die Kreisfahrt der Erzählung ist die hundertachtzig Grad Kehre der ewigen Leugner, die Schreckensnachrichten sind real kaum in Sprache zu gießen, du wünscht dir über alles surreale Landschaften aus Friedenstüchern in Weiß, in leichtem Singsang, tatsächlich dröhnen die Schuhe und Rufe durch Straßen, dass du glaubst, das Abendland selbst ist wieder Rächer der Entgleisten. Es hat sich nicht gelohnt das alles zu erleben, zu erzählen, wenn zwei oder drei von denen meinen, es muss sich wiederholen. Wenn Deutschlands rechte Arme wieder steifgeworden zum Gruß Muskelkraft proben und Stimmengewalt.

Ilse Aichinger benennt den Faschismus nichtmal unmittelbar, sie lässt ihn in düsteren Bildern erstehen, und auch das ist nicht, was erzürnt oder erschreckt – das kennen wir: die Nationalsozialisten wurden schon bei Fallada zu Die Anderen, bei Erich Nossack ebenso. Auch bei Alfred Andersch Sansibar und der letzte Grund konnte ich das sehen. Selbst das Thema der Flucht ist kein neues, das hatten wir bei Franz Werfel in Jakobinsky, in Anna Seghers Transit, selbst das Surreale, oder besser Irreale kennen wir schon aus Draußen vor der Tür von Wolfgang Borchert, anders ist hier die Erzählerperspektive, das Kind. Das hat zwei falsche Großeltern. Die dürfen noch nicht deportiert werden, da das Kind noch Kind ist. In Aichingers Leben selbst wird dann bei Volljährigkeit der Ilse die Großmutter deportiert.

Was das Buch lesenswert macht, schamlos und gnadenlos: es ist aus ihrer Zeit wie für unsere Zeit. Das Surreale, Irreale, der Expressionismus, all das ist zurück, wir leben in Welten der Gegenwelten, jeder dreht dem anderen einen Bär auf, wo nichtmal ein Glimmstengel ist. Du bist in den Geschichten hoffnungslos dem Erzählstrom ausgesetzt, der innerhalb weniger Sätze wechselt zwischen hier wie dort jenseits wie diesseits, und ob da der Kraushaarige wirklich verbrannt werden will, kannst du gleich auch den Kinderphantasien zuschreiben, was zum Schluss jäh desillusioniert wird, denn das Kind, die Ellen, „wurde, noch ehe die Schwerkraft sie wieder zur Erde zog, von einer explodierenden Granate in Stücke gerissen. Über den umkämpften Brücken stand der Morgenstern.“

Und aus.

Zehn Kapitel hat der Roman, wenn du so willst, Erzählungen. Sie sind im Einzelnen scheinbar leicht zu lesen, wegen der einfachen Sprache, aber doch – aufgespasst – es ist mir vorgekommen wie ein schonmal geschriebenes Werk, auseinandergeschnitten und an beliebigen Stellen wieder zusammengesetzt, so wie Kinder erzählen, mal hier mal dort, es fliegen dir so manches Mal die Geschichten auseinander, und setzen sich nur im Kopf wieder zusammen – bist selbst eine andere Geschichte geworden.

ein Geflecht aus Traum, Märchen, Mythos und Historie. Monologe wechseln ab mit Dialogen, auktoriales Erzählen mit personalem *Florian Wille in der Süddeutschen 2007

Faszinierend der Wechsel zwischen Realem Stoff und dem Stoff im Traum. Furchtbar, was sie da spielen, furchtbar was sie phantasieren, und doch sind es nur Kinder, denkst du. Bedenkst du, dass Kinder Geisterkutschen vom Blau des Morgenhimmels heruntererzählen. Kinder haben keine Angst, auch das verlassene Kind hat keine Angst? Ilse Aichingers erster und einziger Roman, und jetzt, da Deutsche glauben, es sei an der Zeit, Kinderköpfe mit Schreckgespenstern ihrer Ahnen und Vorfahren zu stopfen, möchte man rufen: Gebt euren Vätern und Müttern ihr Leben zurück, schenkt es euren Kindern auch, oder wollt ihr ewig daran glauben, dass es gut sei, des anderen Menschen Leben zu stehlen?

Ein weiterer Aspekt dieses Romans: Für Schriftsteller*innen und solche die es gern sein wollen, ein großartiges Lehrbuch, wie du Wirklichkeit behandeln kannst, wenn du von ihr gefangengesetzt scheinst. Gilt auch für die, die glauben, von ihrer Phantasie verschlungen worden zu sein. Und aber auch: Ganz hohe Kunst! Nicht umsonst immer wieder hervorgeholt. Ich lese sie schon zum dritten Mal. Die Wirktiefe lässt keineswegs nach.

Wer will hier auch:
https://oe1.orf.at/artikel/455347 oder hier:

https://www.deutschlandfunk.de/unerkundbar-undurchschaubar.700.de.html?dram:article_id=85284

Als Taschenbuch:

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Ich beziehe mich auf ein Erbstück aus Mutters Sammlung mit einem Begleittext von Helmut Koopmann aus der Reihe Bibliothek des 20.Jahrhunderts herausgegeben von Walter Jens und Marcel Reich Ranicki.

Außerdem in der Reihe 1oo Bücher Bibliothek der Süddeutschen Zeitung Band 72.

 

 

 

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3 Antworten auf „Ilse Aichinger – Die größere Hoffnung

    1. Unbedingt! Lesen meine ich. Du kannst auch einzelne Kapitel lesen und wirst verblüfft sein. Kapitel 3 „Das heilige Land“, selten so beindruckt, nervös gemacht und irritiert. Mich verblüfft immer wieder, wie sie mit einfachsten Sprachmitteln expressionistische und surreale Momente erzeugt, ohne dabei zu verrutschen, im Gegenteil ein Bilderstrom entsteht ganz der Wirklichkeit entlehnt. „Namen sind Fußangeln.“ Oder „Was sonst greift ihr an als das Nichts? – sangen die Pappeln.“ Oder: „Die Kinder flogen. Sie flogen gegen das Gesetz ihrer schweren Schuhe.“ Dir auch schöne Tage, eine schöne Woche, einen schönen Herbstanfang!

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