Der Ghostwriter ist tot – RIP Philip Roth

Kaum ein Autor dessen Texte beim Lesen so nachhallen – Kann mich erinnern, wenn ich nicht weiterwusste mit dem Eigenen – Roth lesen, zwei Stunden, und das Gehirn, das Herz, der Bauch ist wieder gefüllt. Du kannst ihn aufschlagen wo du willst, es springt dir eine Geschichte entgegen:

S.149 Mein Leben als Mann:

Bevor ich meine Wohnung verließ, verbrachte ich allerdings mehrere Stunden mit dem Abfassen verschiedener Briefe an Susan, in denen ich ihr mitteilte, wohin ich reisen würde – und dann zerriss ich sie alle. Aber was, wenn Susan mich „brauchte“?

s. 67 Portnoys Beschwerden:

„Und gibt es, so wie die Dinge liegen, nicht genug ganze Worte, die man sich hinter geschlossenen Türen zuflüstern kann? Es gibt sie! O ja, es gibt sie! Hässliche und kalte Worte, die nach dem Äther und Alkohol der Krankenhausgänge riechen, Worte mit dem Charme steriler chirurgischer Instrumente, Worte wie Abstrich und Biopsie … Und dann gibt es jene Worte, die ich allein zu Hause, verstohlen im Lexikon nachschlage, nur, um dort zu sehen, als greifbare, augenscheinliche Gewissheit dieser entferntesten aller Wirklichkeiten gedruckt zu sehen, Worte wie Vulva und Vagina und Zervix, Worte, deren präzise Erklärung mir nie wieder als Quelle unerlaubter Lust dienen wird …“

s. 20 The Great American Novel

TOD

„Zehn Tage sind vergangen, vier davon unter einem Sauerstoffzelt, wo ich aus der Bewusstlosigkeit erwachte und mich in eine Frühgeburt verwandelt wähnte. Nicht nur ein ganzes Leben lag vor mir, sondern noch zwei Monate als Dreingabe dazu!“

Endlos kann man diese Bücher durchzitieren, es sind Wendungen und Windungen pro Satz, Richtungswechsel, Mehrfacherzählungen – Assoziationsströme und Bewusstseinsverlagerungen, kaum ein Autor beherrschte das Umfahren von Slalomstangen so gut wie der gestern im Alter von 85 verstorbene Autor Philip Roth!

Geeinigt hat sich die Literaturkritik auf seine Trilogie des Nathan Zuckerman „Der Ghostwriter“, „Zuckermans Befreiung“ und „Die Anatomiestunde“. – Und schließlich der Höhepunkt seiner Kunst: „Der menschliche Makel“ und „Verschwörung gegen Amerika.“ Als schämte er sich sogar für die Verschwörung gegen Amerika, da er schrieb, wie Charles Lindbergh, der berühmte Fliegerheld, Faschistenfreund und Antisemit, im Jahr 1940 einen erdrutschhaften Sieg über Franklin D. Rossevelt erlangt und sich Angst unter den Juden Amerikas ausbreitet, verkündete Philip Roth 2012, keine literarischen Werke mehr zu verfolgen:

„Der Kampf mit dem Schreiben ist vorbei … Jeden Morgen schaue ich auf diesen Zettel (am Computer festgemachter gelber Zettel), und das gibt mir sehr viel Kraft.

Ein Schock für die literarische Öffentlichkeit, ein Schock für mich. Jetzt, auf dem Höhepunkt der Umkehrung von Faktenlage zur reinen Spekulation und der vielfachen Verschwörungen lehnt er sich zurück und bestaunt sein eigenes Werk – dachte ich für mich – jetzt, wo alles gesagt scheint und aus sich herausgepresst, und die Weltgeschichte sich dem selbstprophezeiten Taumel ergibt – schweigt er. Jetzt wäre er nötiger denn je, dachte ich. Allein, es war schon geschrieben, sein Werk vollbracht. Wir können das alles noch einmal lesen.

S. 249 Sabaths Theater

„Jetzt begann sie über die Szene zu lachen, die er ihr so slapstickhaft vorspielte. „No“, sagte sie und tätschelte ihm missbilligend den Oberschenkel. „No loco.“

Diese Schnipsel – wie ich sie liebe. Pro Satz eine Geschichte …

Aus „Mein Mann, der Kommunist“, fällt mir dann eine Postkarte entgegen. Darauf steht: Hallo Du. Das Buch habe ich gefunden, laut Kritiken wäre es ziemlich zynisch. Musst mal sehen, ob du damit was anfangen kannst. Ich denk an dich und freue mich auf Freitag. Kuss … Ich. Wer war dieses Ich. Telefonnummer Gabriel kann ich noch erkennen – wer war Gabriel? Dass space-ige der Postkarte, eine grünglitzernde Spirale, lässt mich Rosa vermuten, vielleicht war es Mara – ich weiß es nicht mehr.

s.123 Mein Mann der Kommunist

„Ich habe Angst vor dir, Ira“, sagte Goldstine. „Ich hatte schon immer Angst vor dir. Du bist ein wilder Mann, Ira. Ich werde nicht warten, dass du mir antust, was du Butts angetan hast. Erinnerst du dich an Butts? Erinnerst du dich an den kleinen Butts? Steh auf und verschwinde, Eisenman. Und nimm den kleinen Arschkriecher mit.“

Typisch wieder. Ein treibender Erzähler, die Wendungen lassen dich erst ruhen, wenn du durch bist? Das Gleichgewicht wahren – die Extreme in einem Satz. Ein Jongleur ungleich schwerer Kugeln – und doch hat man nie das Gefühl, dass er die Balance nicht hinkriegt. Beispiele, Beispiele.

S.145 Amerikanisches Idyll

„Ihre ganze Energie, die Kraft des Widerstands, die sie zuvor anderwertig eingesetzt hatte, trat jetzt ungehindert zutage; und dadurch, dass sie die alte Behinderung einfach ignorierte, erlebte sie nicht nur zum ersten Mal in ihrem Leben das volle Gefühl der Freiheit, sondern auch die berauschende Macht der Selbständigkeit.“

Ich sag’s doch. Endlos zitierbar –

S.155 Der menschliche Makel

„Es machte ihm so viel Spaß, mit ihr zusammenzusein, dass eines Nachts die Wahrheit einfach aus ihm heraussprudelt. Er erzählt ihr sogar, dass er geboxt hat, und auch das ist etwas, dass er Steena nie sagen konnte. Bei Ellie ist das ganz leicht.“

Das Profane mit Sportlichem, das Lächerliche mit Überhöhtem, die Übertreibung mit Konkretem. Niemand konnte das so drängend, pausenlos und so einfach – trotzdem so, dass das Gehirn beim Lesen viele Löcher ausleuchtet, viele Schattenbereiche – wie gesagt. Die Tiefe, ja. Der Sexus. Ja. Die Selbstironie. Ja. Die Reflektion. Die Wandlung. Das Werden, die Charakterbildung, das Kämpfen um Worte – das alles ablesbar in einem mehr als dreißig Bücher dicken Werk. Unvergessen die Jungs, die um die Wette furzen und einem der Typen dabei Festland abging.

Und wenn von einem Namen nur der Ghostwriter bleibt – schon Nathan Zuckerman hatte es mit der Suche nach einer Vaterfigur – durch sich, durch seine Frauengestalten, durch jede Pore atmet oder schimmert ein Spiegel, in der die Täuschungen und Enttäuschungen nebeneinander zu stehen scheinen und zu erkennen sind wie all die inneren Bilder, die dich entweder betrügen oder neu aufstehen lassen. Ein Autor aus dem Vollen. Ein Autor, der es nicht scheute, Triviales wie Sport, Anstrengendes wie Familie und Hintergründiges der Literaten- und Kunstwelt mit der Verruchtheit der Präsidentensuite zu paaren oder zu verflechten. Er muss, sich selbst fortschreibend, beim Verfassen des einen Buchs schon ans nächste gedacht haben. Sich hinters Licht zu führen, um daraus wieder Stoff zu gewinnen.

Jetzt hat er das Licht ausgemacht. Man wird und darf gespannt sein, was der Nachlass hergibt. Das dürfte, bei dem Werk, ein sehr umfangreicher Zettelkasten sein – vielleicht täusche ich mich.

S. 77 Täuschung

„Also, folgende Situation. Zuckerman, meine Hauptfigur, stirbt. Sein junger Biograph isst mit jemandem zu Mittag, und er spricht über seine Schwierigkeiten, mit dem Buch in Gang zu kommen. Er ist auf einen krassen Mangel an Objektivität in der Reaktion der Leute auf Zuckerman gestoßen. Von jedem bekommt er eine andere Geschichte. Es gibt zwei Alpträume für einen Biographen, sagt er. Einer ist, dass du von jedem dieselbe Geschichte bekommst, und der andere ist, dass du von jedem eine andere Geschichte bekommst. (…)“

Nachdem vermute ich einen schlummernden Zettelkasten. Könnte aber auch sein, dass der einsame wilde Mann die letzten Ruhejahre genutzt hat, alle Spuren zu verwischen. Denn es gibt nur einen Zuckerman. Nur einen Philip Roth. Nur einen Ghostwriter. Ruhe Sanft du ständiger Begleiter. Wenn ich einen Autor wirklich hochgeschätzt habe, dann Philip Roth.

Life is just a short period of time in which you are alive.

— Philip Roth , Amerikanisches Idyll

 

Nachruf in der FAZ:

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/autoren/nachruf-auf-philip-roth-ein-riese-unter-den-grossen-15602963.html

 

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