Matthäus Passion – hoch3

Einmal im Jahr Und setze dich mit Tränen nieder.

Zitat:

„… damit dieses eine wohlklingende Harmonie gebe zur Ehre Gottes und zulässiger Ergötzung des Gemüts … alle Musik … nur zu Gottes Ehre. Wo dieses nicht in acht genommen wird, da ist’s keine eigentliche Musik, sondern ein Geplärr und Geleyer.“

Johann Sebastian Bach (1685 – 1750), deutscher Komponist, Organist, Hofkapellmeister, Musikdirektor der Stadt Leipzig

Die Musik Bachs als vollkommene und unvergängliche Schönheit.

„Er schreibt tonal, aber ohne Farbexzesse. Er besitzt eine unendliche Palette an Grautönen … Der Frieden und die Andacht der letzten Fuge sind überwältigend. Er moduliert nie im konventionellen Sinn, lässt aber den Eindruck eines expandierenden Universums entstehen. Glenn Gould über Johann Sebastian Bach, über die Kunst der Fuge, in „Jenseits der Zeit“, Film von Bruno Monsaingeon, arte, 13. Mai 2005.

Adorno, der BACH gegen seine Liebhaber verteidigt: “ … an BACH halten sich alle, die des Glaubens wie der Selbstbestimmung entwöhnt, oder ihrer nicht mehr fähig, nach Autorität suchen, weil es gut wäre geborgen zu sein – sie genießen Die Ordnung seiner Musik, weil sie sich unterordnen dürfen – (Ironiefalle, denn Adorno verteitigt Bach durchaus als modernen Strukturalisten, wenn du so willst, muss ich jetzt nicht weiter ausführen – denn es geht um Jesus auf dem Weg zum Kreuz, nirgends so vollendet dargestellt wie in Johann Sebastian Bachs Matthäuspassion aus dem Jahr 1727)
330px-leipzig_thomaskirche
Thomaskirche in Leipzig: Ort der Uraufführung im Jahr 1727
 Matthäus Passion Herreweghe 1998:

0794881478521

NZZ: über den Auftritt in der Tonhalle 2017: „Nun, nochmals 18 Jahre später, kann man in der Tonhalle in gewisser Hinsicht den Endpunkt dieser Entwicklung erleben: eine Wiedergabe, die in jeder Hinsicht reflektiert und entsprechend ausgewogen wirkt – so sehr, dass man sie ohne grössere Korrekturen wiederum auf Platte bannen könnte.“

Sueddeutsche Zeitung: „es ist doch sehr schön, es ist so schön, er erinnert inzwischen an den alten Yoda aus „Star Wars“, ist also gütig und weise, aber auch sehr achtsam und genau. Alles ist äußerst filigran, was bei der außerordentlichen Qualität der Musiker, gerade bei den vielen solistisch zu begleitenden Passagen, mit Leichtigkeit gelingt.so schön.“

Persönliches Fazit: Eine sehr ausgeglichene Inszenierung, es erscheinen Orchester, Chor und Solisten und Solistinnen sehr gut auf einander abgestimmt. Eine solide Gangart, ohne emotionale Überhöhung und Dramaturgie. Wer nicht erschüttert werden will, sondern der Passionsgeschichte in Respekt und Abstand folgen will, wird hier nicht enttäuscht.

Auf Youtube stehen die aktuellste Aufnahme 2017 zur Verfügung oder die von 2013 von 3sat aus der Kölner Philharmonie:_

Matthäuspassion von Ton Koopman von 2005

1390388832

Im Deutschlandfunk: “ Johannespassion aggressiver als Matthäuspassion – Koopman: Ich glaube, das sind beide unglaubliche Chef d’Oeuvre, richtige Höhepunkte seiner Arbeit. Johannespassion, ich glaube, man kann auch sagen, die aggressivere. Die Musik ist aggressiv, das Volk ist noch mehr beschäftigt, dass Christus ans Kreuz soll. Ich finde als Holländer, dass zum Beispiel auch das Wort „Jüden“ – mit Umlaut – eigentlich kräftiger, aggressiver klingt als „Jude“ in der Matthäuspassion. Ich weiß nicht, ob das stimmt für einen Deutschen, aber jedenfalls ich als Nichtdeutscher empfinde das so. Der Text ist in der Matthäuspassion doch etwas lieber.“

Und weil es schwierig ist, zu dieser Aufnahme gescheite Stimmen zu sammeln, beschränke ich mich auf einen allgemeinen Artikel in der NZZ über die Matthäus Passion, und verrate gerne auch, dass die Ton Koopmann Aufnahme meine Lieblingsaufnahme ist, weil Die Solisten und Solistinnen: Ein großer Evangelist: Jörg Dürmüller ein ebenso großer Christus: Ekkehard Abele. Was ein Sopran: Cornelia Samuelis Was ein Alt: Bogna Bartosz, Prima Tenor Paul Agnew Kräftiger Bass: Klaus Mertens / jedes der gesungene Worte glasklar und verständlich.

Das Orchester: auf das Nötigste beschränkt und reduziert. Die Intonation leicht beschwingt, trocken. Die Arien werden nicht etwa übertönt oder überschattet, sondern ins Gewölbe der St. Joris Kirche quasi hineingehoben. Getragen von immer weich mitlaufenden Basslinien. Großes Lob gehört auch den Tontechnikern!

Der Chor: Der Amsterdam Baroque Choir (sic!) Und schließlich Ton Koopman selbst. Mitreißend. Immer hellwach. Immer in ganzer Person und Intelligenz präsent. Das springt über.

 

St. Matthew Passion McCreesh (2003)

4742002

Ohne Chor – acht Solisten und Solistinnen übernehmen!

The Guardian „The dramatic impact of this unique new version of the St Matthew Passion is astonishing, thanks not only to the incisiveness of the performance under Paul McCreesh, but to the vivid immediacy of the recorded sound, with words exceptionally clear. “ ;

Die Zeit „Und ziemlich keuchend wickelt Mc-Creesh manche Arie ab, etwa Gebt mir meinen Jesum wieder. Bis auf den fabelhaften Mezzo Magdalena Kozená, die ergreifend scheue Sopranistin Deborah York und den Evangelisten Mark Padmore sind die Chorsolisten, aus deren Reihen natürlich sämtliche Arien, Dialoge und sogar die Christus-Partie bestritten werden, ein wenig überfordert; eine Plage ist das hohle Timbre von Susan Bickley“;

Klassikakzente: „Bei all den Aufführungen des Stücks an einer Vielzahl von Spielorten, mit einer ausgezeichneten Solistenriege und in wohlüberlegter Aufstellung kam das oft beschworene Problem der klanglichen Unausgewogenheit überhaupt nicht auf. Im Gegenteil: Endlich einmal konnte man Bachs brillanten Holzbläsersatz, der von großen Chören oft überdeckt wird, überhaupt hören. Vor allem trat der Text, der eigentliche Kern der lutherischen Musik, mit eindringlicher Klarheit und Lebendigkeit zutage.“

Mein persönliches Fazit: Wer das Orchester in seinen Details hören möchte ist hier gut aufgehoben, wer die Choräle in seiner Fülle möchte, wird sie vermissen, da hilft es auch nicht, dass man den Nachhall offenbar nochmal nachträglich „reingeplustert“ hat, vom Gesamteindruck: kann nicht wirklich nachvollziehen, warum diese Aufnahme in den Himmel gelobt wurde, wo sie offenbar im Kirchengewölbe hängengeblieben scheint. Ein Versuch war es wert.

 


 

Weiterführende Aufnahmen, die ich gern noch hören will.

0723385325116

  • Künstler: Amaryllis Dieltiens, Siri Karoline Thornhill, Tim Mead, Gerd Türk, Julian Podger, Charles Daniels, Kampen Boys Choir, The Netherlands Bach Society, Jos van Veldhoven
  • Label: DDD, 2010
  • Bestellnummer: 4950817
  • Erscheinungstermin: 1.3.2013
  • FonoForum: „Der Chor der Niederländischen Bachvereinigung singt homogen und textverständlich und ist auch in den Massenszenen hellwach; das Orchester artikuliert ebenfalls sprachhaft und bringt die Farbigkeit der historischen Instrumente zum Leuchten. Als Solisten versammelt die Aufnahme einige der begehrtesten Barockinterpreten unserer Zeit, wie etwa Gerd Türk als souveränen Evangelisten oder Peter Harvey als menschlichen Jesus. Die Sopranistin Siri Karoline Thornhill berührt mit ihrer schlichten Darbietung der Arie „Blute nur, du liebes Herz“ – und phrasiert dabei mit natürlicher Musikalität.“

0782124839024

 

  • Künstler: Stolte, Burmeister, Schreier, Rotzsch, Adam, Gewandhausorchester Leipzig, Erhard & Rudolf Mauersberger
  • Label: Berlin, ADD, 1970
  • Bestellnummer: 8182203
  • Erscheinungstermin: 21.2.2005
  • klassik. com: „Lupenreine Intonation in der Höhe, gepaart mit bestechender Transparenz der Faktur – Der Zusammenklang mit den beiden Chören ist herausragend ausgewogen, ebenso mit den Solisten. Berlin Classics präsentiert Bachs musikalischen Kultgegenstand in einer diesem Gegenstand würdigen Verpackung.“

0825646434725

  • Künstler: Christoph Pregardien, Michael Schade, Christine Schäfer, Dorothea Röschmann, Arnold Schoenberg Chor, Wiener Sängerknaben, Concentus Musicus Wien, Nikolaus Harnoncourt
  • Label: DDD, 2000
  • Bestellnummer: 3667736
  • Erscheinungstermin: 30.3.2007
  • G. Willmes in FonoForum: »Die herrliche Besetzung steht stellvertretend für Harnoncourts interpretatorisches Konzept: Kulinarik ist das höchste Gebot, der einstige Asket hat keine Angst mehr vor schönen Tönen. Harnon- courts Tempi sind dabei noch zügiger geworden, das Spiel des Concentus musicus zupackender und virtuoser, die Artikulation vitaler. Selbst die Choräle wirken emotional hoch aufgeladen. «

————-zur Geschichte, dem Text, den Details ist der Wikipedia Artikel sicherlich der mit Abstand umfangreichste auf den ersten Blick und auch sehr zu empfehlen.

Text der Matthäus Passion einsehbar hier: Incl. natürlich dem Schlusschor schlechthin:

Wir setzen uns mit Tränen nieder
und rufen dir im Grabe zu,
ruhe sanfte, sanfte ruh.
Ruht, ihr ausgesognen Glieder,
euer Grab und Leichenstein
soll dem ängstlichen Gewissen
ein bequemes Ruhekissen
und der Seelen Ruhstatt sein,
höchst vergnügt schlummern da die Augen ein. 

Zur Mythen- und Legendenbildung um dies Werk gehört sicher die Wiederaufführung durch Felix Mendelssohn Bartholdy 1827 in Berlin. (Vielleicht noch diese kleine PDF des SWR dazu.) Zur Frage, warum geweint wird … hier eine Seminarbarbeit.

„Hörer weinen, weil die Passion allgemeine Dimensionen des menschlichen Lebens und der Beziehungen in ihm in metaphorischer Weise dramatisiert, insbesondere Schicksale der Eltern-Kind-Beziehung, Objektverlust und Trauerprozess; Schuld, Reue, Vergebung; Versöhnung und Wiedervereinigung; schließlich Anerkennung des eigenen Todes.“

 

 

 

 

Advertisements