FUTURE II – Musik und Kultur der USA

 

Vor mir liegt ein interessantes Heft der Berliner Philharmoniker.

Die USA und die Musik

Anja Dilk: „Trumps Botschaft könnte klarer nicht sein: Kultur interessiert nicht mehr. Geisteswissenschaften brauchen wir nicht. Eure Zeit ist vorbei. Es ist ein Signal an die liberale Kultur- und Wissenschaftswelt der amerikanischen Küstenregionen – und eine Kampfansage an all das, wofür sie steht: Toleranz und Freiheit, Kritik und Vernunft, hinterfragen und durchdenken, das Ideal der amerikanischen Aufklärung schlechthin.“  Oder: „Die USA werden nochmal neu verhandelt.“ Oder: „Der Rapper Eminem erregte enormes Aufsehen mit einem wütenden Video, in dem er Trump wüst beschimpfte und seine eigenen Fans aufforderte, sich zwischen ihm und dem Präsidenten zu entscheiden. Kein wohlfeiler Protest unter Gleichgesinnten, im Gegenteil: Ein Großteil von Eminems Fans stammt aus Gesellschaftsschichten, die mehrheitlich Trump wählten.“ Trumps Freunde hier zu finden sind, Ted Nugent; das ist der mit der Southern Rock Attitüde, passend dazu: Kid Rock: Feuer, Schlamm und Bier … Burning : „Trump macht keinen Hehl daraus, was für ihn Kultur bedeutet: Wrestling und Casinos, Golf und billige Fernsehserien, pompöse Architektur, die ihm hilft, seinen Reichtum zur Schau zu stellen. Sein schlechter Geschmack ist ihm nicht nur egal, er stellt ihn sogar aus.“ Und auch: „Die Stimmung im Land ist kulturfeindlicher geworden. Und es sieht nicht so aus, als würde das liberale Bürgertum dem genug entgegensetzen können.“

Alex Ross: „Welchen Sinn hat es, schöne Dinge zu erschaffen oder sich an der Schönheit der Vergangenheit zu erfreuen, wenn allerorten die Hässlichkeit überhand nimmt?“ Am Beispiel Leonard Bernsteins, der wenige Tage nach Kennedys Tod  Mahlers Auferstehungssinfonie dirigierte und anschließend seine vielzitierten Worte fand: ‚Das wird die Antwort auf die Gewalt sein: Wir werden noch intensiver Musik machen, noch schöner, noch hingebungsvoller als jemals zuvor.‘ Ein Raunen. Denn. Zu bezweifeln ist nun, ob bessere Kunst zu einer besseren Gesellschaft führt. Konkret nämlich benennt er rein musikalische Werte: Intensität, Schönheit und Hingabe können der Gewalt nicht Einhalt gebieten, laufen vielmehr Gefahr, zur Hintergrundmusik zu verkommen.“ Oder. Am Beispiel des Gedichts First Fight, then Fiddle (1949) von Gwendolyn Brooks:

– tragt den Hass
vor euch her und lasst die Harmonie zurück,
Seid taub für Musik und blind für die Schönheit,
gewinnt den Krieg. Vergießt Blut, es ist nicht zu spät,
damit ein zivilisierter Raum entstehen kann,
in dem wir unsere Geigen voller Anmut spielen können.

Im Prinzip: Wenn man einen Ort der Zuflucht erschafft oder eine Atempause genießt, erklärt man sich dadurch noch lange nicht einverstanden mit den Verhältnissen. Oder: Letzlich haben Künstler, die sich selbst treu bleiben wollen, keine Wahl, wie sie reagieren. Alex Ross vergräbt sich in der rebellischen und wütenden Musik von Julius Eastman, Evil Nigger und Crazy Nigger, monumerntale Kompositionen im minimalistischen Stil. Ein Eintauchen sei auch möglich in Bachs Passionen. (Hier die Johannes Passion … die Matthäus Passion wieder zu Ostern?!)  Oder Trost Spendendes von Wallace Stevens, während die Twintowers in sich einstürzten … es ist schon bezeichnend, dass ich beim Suchen von The Noble Rider And The Sound Of Words auf Herr der Ringe gestoßen werde … nehmen wir zur Einführung den hier

Susanne Stähr über Leonard Bernstein: ‚Mein Sohn ein Klezmer – ein armseliger Bettelmusikant?‘ Als Sohn eines Ukrainischen Einwanderers, stieß Leonard, eigentlich Louis, bei Crazy Clara, seiner Tante, zehnjährig auf ein abgestandenes Klavier und fand plötzlich, Selbstaussage, zu seiner eigenen Welt. Seine Klavierlehrerein empfahl dem besonders talentierten dann 13 Jährigen eine Weiterbildung in Boston, das scheiterte fast an den zu zahlenden drei Dollar pro Stunde, diese Dollar brachte er schließlich selbst auf, durch Klavierunterricht und in einer Jazzband auf Hochzeiten … ich kürze ab: „Leonard Bernstein ist wirklich eine amerikanische Erfindung: seine Lehrer kamen aus Europa, aus der deutschen Tradition, der Jazz gab ihm wichtige Impulse, und dann hatte er diese spezifische amerikanische Art, alles aufsaugen zu wollen, und da er genug Talent hatte, kam ein Bernstein dabei heraus, er hat uns gezeigt, wie wundervoll Amerika sein kann.“

 

Thomas May: MADE IN THE USA. Ein historischer Überblick in sechs Schlaglichtern. Die klassische Musik der Vereinigten Staaten steckte stets in einer Identitätskrise.

Ich beschränke mich mit der Auflistung der Schlaglichter, im Zeitraffer:
Aus der New York Times über die Aufführung von Antonin Dvoraks 9. Sinfonie in der Carnegie Hall: ‚Aus dem Herzen der (amerikanischen Anm.) Sklaverei … erhob sich die spontane musikalische Stimme des Volkes. Und diese Volksmusik fand einen Widerhall im amerikanischen Herzen.‘ Oder: Edward MacDowell: hier Klavier Concert Nr.1, deutlich zu spüren. Ausgesprochen ‚amerikanisch‘ klingt es nicht. So konzentriert man sich erstmal weniger auf den Schöpfungsakt, sondern mehr auf die Aufführungspraxis und Darstellung. Die sogenannte Hochkultur sich verdrängen ließ von populärer Kultur. ‚Die Geschichte der Klassik in den USA ist voller Brüche. Traditionslinien wie in Europa waren hier nie zu finden.‘ Beispiel Louis Moreau Gottschalk. La nuit de Tropique. Eine Verkörperung oder Mischung aus Coolem und Ausgeklügeltem mit Kindlichem und Primitivem. Oder Charles Ives Sinfonie Nr 2 , Steve Reich Musik für 18 Musiker und John Adams. Short Ride in a Fast Machine. Sie unter Minimalismus zu subsumieren nicht wirklich hilfreich erscheint, daher der Arbeitstitel Nonkonformismus eine der größten Konstanten in der amerikanischen klassischen Musik sei.

Und klar: John Cage In A Landscape Beethoven irrt!, Pauline Oliveros A Love Song, Meditationen über den Klang selbst, Menedith Monk Turtle Dreams – ‚meine Musik hat ein Herz, einen Geist und ein körperliches Element.‘ Die Querdenker.

Schließlich George Gerschwin Rhapsody in Blue. Und das Duke Ellington Orchestra. Hier Take the A-trane  als Brückenbauer. Schnell noch meine Lieblings-Ellington-Aufnahme Money Jungle !! Gerschwin zumindest als Vorbild zur Überwindung der Kluft zwischen Kunst und Unterhaltung herhalten darf. Es fehlen nur noch Aaron Copland Billy The Kid bringt schließlich die amerikanische Prärie zum Erklingen (Kommentar eines Users) …  und siehe Susanne Stähr, Leonard Bernstein.

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Dagegen nun Ted Nugent und Donald Trash. Muss die sogenannte Hochkultur jetzt die Fenster öffnen, und wütend Wind reinlassen? Muss ein neues Kunststück vollbracht werden, The Competition For The Idiots, frei nach Dostojewski? (Man darf gespannt sein.)

Ich sehe Karten neu gemischt. Sehe nicht, dass Donnies Trompete stimmt, geschweige einen Ton über getrichen F hervorbringt. Fürchte aber, dass das Publikum darauf abfährt. Ein Traum wird wahr: Nichts können und der mächtigste Mann der Welt sein. Wer will das nicht? Kleinjungenträume funktionieren wie James Bond, stellvertretend für den Loser seiner Zeit den großen Schuh machen.

Streng genommen gehört der Mann auf den Index, das macht ihn populär. Gespräche mit einem Kindskopf, wie soll ich dem moralisch begegnen, da ich selbst einmal Fan war von Jimmys brennender Gitarre und der Janis, die ihre Leute mal eben feuert wegen fehlender Visa. Man hofft, dies Konzert, die Veranstaltung, der Trip, sei bald vorbei, nach neunzig Minuten in der Regel. Dieser Trip jedoch so voller selbsterfüllender Prophezeiungen, er dauert schon zwölf Monate und wahrscheinlich noch drei Jahre, wenn nicht sieben. God save the Queen.

Bleiben Hoffnung und Glaube, dass Junk, Fast Word und der ewige Twitterpräsens nicht die neuen Lehrmeister sind, sondern nur Hype of Type. So wie Donald erstmal nur ein Hype of Type ist (zur Pop-Ikone aufgestiegen. Nichts können, alles erreichen, so what?) Auch das sog. bürgerliche Hochkulturlager scheint hungrig zu sein nach diesem schnellen und lauten Bums. (Sonst würde nicht so viel über ihn berichtet.) Wenn erst das Elend real geworden ist, und Donald allenthalben behauptet, er sei die Reinkarnation des Realen, nur die Bürgerlichen haben es noch nicht begriffen. Der einfache Mann große Sehnsüchte verspürt nach Fiktion, Viralem und Feudalem. Einer von uns musste ja gewinnen. Jetzt hat’s Donny erwischt. Erinnert an Willkommen Mr Chance, English Being There aus 1979. (Das war noch zarte Ironie. Hm)

Da ist einer Präsident der Vereinigten Saaten of Amerika geworden, die er, nach Einschätzung der Lage, zu den Devided States of Desintegrated People umbauen will. Das Glück ist bei den Blöden. Mit Gottes Hilfe. (Der Zusammenhang zwischen Klerikalem, Fundamentalem, Glauben und konservativer Wertevorstellung bleibt uns nicht erspart.)

Die Daily Soap wurde von seiten der Hochkultur belächelt und verpönt, die Daily Soap erobert die Regale, die Nachrichten, steigt ins Brainstorm des kleinen Mannes ein, das hohe Anspruchsdenken bleibt auf die beschränkt, die es sich leisten können. Die es sich leisten können, brauchen keine Kulturförderung. Also weg mit der Förderung. Standpunkte, die man auch hierzulande bei Liberalaffinen durchaus häufiger zu hören bekommt. Erinnnere mich an ein Gespräch mit zwei Abgeordneten der Liberalaffinen, die machten sich lustig über ihren Mann von der Kultur. Der saß schließlich als, Zitat: „fraktionsloser Spinner“ im Abgeordnetenhaus. So kanns kommen. Immerhin.

Da gibt es ja noch die, die das ganze Geld in Opernhäuser und Konzerthallen versenken in der Hoffnung, es sickere etwas davon zu Herrn Duftermann durch. Herr Duftermann aber braucht keine Kultur, er handelt mit Immobilien. Das ist ihm Kunst genug. Das Haus vom Klaus.

Ganz ohne Fantasie oder Vision wird es trotzdem alles nichts. Deswegen Trump auf den Realitätssinn umgeschaltet hat, überschuldet zwar, aber in der Form einer Überschuldung, da wird das zum Kompliment. Zum Ritter geschlagen von der Deutschen Bank. Erinnere mich an ein Gespräch mit einem aufstrebenden Internetaffinen, wer heute Steuern zahlt, ist ein Idiot. Und wie umgeht man Steuern? Man hinterlässt regelmäßig Verluste, regelmäßig so große, da bleibt nur die Flucht über den großen Teich. (Oder nach Holland) Das war 1995. Wer nicht reich ist an Schulden, kann auch von Kunst und Kultur keine Ahnung haben. Denn ohne Schulden keine Kunst. Sein Standpunkt.

Guck hier mein Federdruckluftgewehr hat 85 Dezibel, sagt Herr Mordhorst. Nicht dass uns die Motzkis und Duftermanns durch die Straßen ziehen mit ihren von mir subventionierten Pauken und Trompeten, und ungeschoren vor meinem Fenster herumdemonstrieren. Du willst auf sie zielen? Fragt Dr. Husten. Ach, komm, eine Taube vom Himmel schießen will ich. Einen Landrover durch den Schlamm steuern. Der zerlumpten Seele das letzte Hemd ausziehen. Spielhöllen gründen und Risikoanleihen auf sie. (Polyphoner Dauerregen). Eine gemeinohrstiftende Musik für alle, bitte!

Jeder Mensch hat ein Recht auf musikalische Betätigung! Harfe. Gitarre. Klavier. Und Federkernluftgewehr. 85 Dezibel. Womit glaubst du, kannst du deine Freunde schneller faszinieren? Du musst nicht Sklave gewesen sein, um den Blues zu spielen.

Jaja, die USA hat ein Identitätsproblem, mit der Klassik. Das birgt 500x500Gefahren, weltweit … auch für Europa, da es unbestritten Überschneidungen gibt zwischen denen und uns, sie sind von uns … wie wir von Afrika!  Our Roots began in Africa. Aber uns immer auch ein Stückchen weit voraus. Sprach ein Gebet: Oh Herr, lass uns diesmal nicht den Amis folgen. Bitte, Oh Herr, steh uns bei. Bitte, Oh Herr, werde sichtbar! Wie Sie sehen, auch ich werde religiös. So tief bin ich gesunken. Mit mir Oh America.

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Leonard Bernstein Yes

 

Ein Jahr ist es her, seit sich der White Trash im Weißen Haus ausbreitet. Als brauche man nur Spielzeugabteilungen leer zu kaufen, am besten die mit Pump Guns und Big Jims und Barbies und Kevins, Big Jim verspricht neues Kinomaterial für die, die sich angesprochen fühlen, Donny tauscht mal eben das Publikum aus. (Fühle mich weit in meine Kindheit zurückversetzt. Da erteilte man uns Kinoverbot, so weit kommt’s noch.)

Das konzentrierte und gediegen bürgerliche Publikum gegen die, für die Big Jim ein Dolfin Diver, ein Karate-, ein Soccer-, ein Sports-Man ist. In diesem Adventure-Game um Macht und Recht und Story Telling. Die politische Bühne ausgetauscht gegen eine Daily Soap, in der noch immer der Böse den Guten zwingen will, der Gute dem Bösen in die Parade rauscht. White Trash ist für den Moment geschaffen, soll unterhaltsam sein, eindrücklich und immer durch den nächsten Joke, Witz oder Bums verdrängt. Der Country Club feiert Hochkonjunktur. Die Pussys drehen sich um Stangen und rekeln ihre Kurven den Genießern von Stuten, Hengsten, Pick Ups und dem neuesten Ford Cherokee entgegen, White Trash Goes Cinema.

Das braucht man nicht zu lernen, nicht studieren, das hat man drauf oder nicht, oder geschenkt bekommen. Und hat man es nicht drauf, muss God bless America ein bisschen helfen. Es kämpft sich das Recht auf Trash und Siff durchs Museum an die Macht und verwüstet Bankett und Sitten. Alles schon dagewesen mit Mikro, rückkoppelnden Lautsprecherboxen den Versumpften auf die Sprünge zu helfen. Wie lautet gleich das Narrativ zu diesem Betriebsunfall? Hollywood oder Holy Wood? Ich glaube, es hat das Bürgerliche das sich selbst eingebrockt. Guck dir das Kinoprogramm der letzten zwanzig Jahre an. Alles vorgezeichnet. Alles provoziert. Da braucht man keine Krokodilstränen heulen jetzt. Hat der Plot denn die schlimmstmögliche Wendung genommen? Glaube ja. Fehlt nur, dass die zurückgebliebenen Deutschen dem nun folgen. Die Frage wirft sein Spiegelbild auf mich: wie lange will ich dem noch folgen? Kleiner Mann, was nun? Herr Duftermann macht noch immer auf Immobilien, der Herr Dr. Husten bringt mich in die Anstalt wegen Graphomanie und der Herr Mordhorst … nun der Herr Mordhorst denkt noch drüber nach.

Lieblingsroman derzeit: Hans Fallada, Der Trinker. Duftermann und Dr. Husten und der Herr Mordhorst sind von dort. Danke Hans!)

 

 

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