Dr. Bechtle, Wilhelm, Leopold und Schmid

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Lebbeus Woods, High Houses

Bechtle muss verrückt gewesen sein. Wie Prof. Leopold. Wie Wilhelm. Wie Sabine.

Von Anfang an …

Frischfleisch hieß ihre neue Arbeit. Im Schaufenster ein Fernseher, der Mitschnitt Sabines, wie sie Luftballons aufbläst, unten links einmontiert und zitternd ein Bild Bechtles, wie er einen Grashalm zwischen die Lippen nimmt. Das sieht so erotisch aus.

zweiundzwanzig dreiundzwanzig vierundzwanzig

Auf ihrer Website hatte sie bekanntgegeben, Tom habe ihr geraten wieder zu schreiben, es komme schließlich nicht drauf an, wie die anderen, dir unbekannte und äußerst unangenehme Leute, sich dazu äußerten, ratsam sei es, der eigenen Stimme zu folgen … während Sabine mit Freunden ihre Arbeit feierte, stolperte Bechtle angetrunken durch die Dunkelheit nach Hause. Er spürte auf der linken Seite ein Stechen, einen ziehenden Schmerz, eine Warnung, dass er kürzer treten musste. Als er sich am nächsten Morgen an den Rechner setzte, sah er im Postkasten eine Mail mit Link auf Sabines Seite, er las:

In meiner Pubertät war ich unausstehlich und meine schwankende Gemütslage bestechend, Ängstlichkeit löst sich mit Erregung.

Noch maß er dem keine Bedeutung bei und beeilte sich, die Maschine wieder runter zu fahren. Er begab sich aufs Institut und studierte am Modell der Fischflosse den äußeren Bogen, der Windkanal war an dem Tag für Tests belegt und so machte er sich am späten Nachmittag wieder auf den Weg. Er setzte sich zur Entspannung an den Monitor, öffnete den Briefkasten und erschrak. Dort meldete Sabine:

Weißt du was, ich bin jetzt wirklich sauer

Er las, sie habe serienweise Briefe versendet und er habe keins ihrer Briefe gelesen,

komm runter von deiner Fischflosse.

Die aufsteigende Wut trieb ihn auf die Straße und entlud sich beim Einkauf einer Flasche Saft in einen Seufzer, gleich schienen die Regale sich seinem Zugriff zu entziehen … sie will Streit. Er spürte es um sich herum dunkel werden, nur ein Schwächeanfall, sagte er dem Ladenbesitzer, der ihm freundlich aber besorgt hoch half:

− Sie sollten sich schonen.

Bechtle erhob sich und stampfte zum Laden hinaus, zuhause legte er sich hin.

Soll sie sich doch mit sich selbst vereinen.

Dazwischen irgendwo … der Seite (:99)

Wie an einer Geraden gezogen, dort vorn ein Punkt im Nebel, unsichtbar, dahin strebt es die Achse entlang. Fast alles weiß man über Biografien und Lebensläufe, den medizinischen, psychischen, häuslichen Phänomenen, man weiß um die unterschiedlichen Physiognomien, den Unternehmungen der Menschheit, der Suche nach dem Absoluten, das bringt ganze Wirtschaftskreisläufe auf den Plan, man gründet Wellness- und Schönheitsfarmen, es folgen die Lifestylemagazine, die Zeitgeistbeilagen, auf den Straßen verkörpern die Schönen auf Plakaten Cremes und Joghurt. Wieder tritt ein Gesicht in Erscheinung, braun gebrannt, mit Sommersprossen, es schlürft an Karotten oder Erdbeereis, während die Farben sich verprügeln. Freund Martin zum Beispiel ging auf jede Party, und seltsamerweise immer nach Hause. Dann war er am Teich mit seinen Freunden zelten und tanzte auf dem Autodach und machte Frauen verrückt, schon fuhr er nach Hause. Er traf sich mit Leuten aus dem Internet an einem der hundert besten Thermen der Welt. Hotelübernachtung mit Doppelbettzimmer. Es gab tausend Fotos, da amüsierte er sich und trotzdem. Das Glück lässt sich nicht provozieren. Das kann doch aber nicht Ergebnis sein eines langen Weges durch die siebzig Jahre Selbsterleben. Der Lebensweg. Da fehlt etwas. Die Zeitschriften. Die Bücher. Die Kinofilme. Die Pausensäle, Cafeterien, Opernsäle, die Marktplätze, die Bahnhöfe, die Kastanienallee. Die Anzeigen, das Internet, alles ein Riesenangebot, und doch irgendwie nichts. Ich schrieb in mein Tagebuch: Da lernte ich Sabine kennen. Ich hatte sie auf einem Fußballspiel das erste Mal gesehen, dann auf einer Podiumsdiskussion, einmal sollte ich ihr beim Umzug helfen, was absurd gewesen wäre – ihr helfen, die Sachen von Klaus zu schleppen. Alle guten Dinge sind drei. Das kann kein Zufall mehr sein. Schließlich wollte ich sie nicht mehr nur sehen. Plötzlich war der Wunsch da. Wie Mottenkugeln, wie Waschpulver, wie meine Hemden, das billige Parfüm, der Himmel wie Schnee so hell.

 

Oder vom Ende her …

Wieder zuhause legt Leopold alles, was ihm seine Ex geschenkt hat, auf einen Haufen. Er legt sich die Jazzsuite No.2, den 6. Walzer von Shostakovich auf und beginnt, um den Berg herum zu tanzen, indem er sein Hemd zerreißt, jeweils auf den dritten Schlag des Walzers in die Mitte tritt, er springt schließlich in die Mitte des Berges aus Wäscheteilen, er fällt hin. Er will nicht mehr aufstehen, er wimmert gerade so leise, wie er glaubt, unhörbar zu sein. In Wirklichkeit brüllt er, wütend und frierend. Er drückt sein Gesicht in den Wäscheberg und versucht, den Geruch seiner Ex zu inhalieren, er riecht sie nicht. Er sollte sich als nächstes um seinen Assistenten kümmern, nicht dass der unter der Bürde der Monate zusammenbricht. Dem Termin beim Amtsgericht will er in gebotener Gelassenheit entgegen sehen. Einen Tag, bevor er spurlos verschwindet.

… ich, Bechtle, der erst bei längerem Hindenken Teile seiner Orientierung wiedergewinnt. Und Schmid beteuert, das könne passieren … das Hirn kompensiere die Verluste seiner unsichersten Seite, dem Ich sozusagen, ein Ich, das sich entfalten muss, bevor es dazu kommt, Ich zu sagen … das Zerbrechlichste am Menschen ist seine Identität, sagt Schmid, darauf muss sich das Gehirn erst einstellen.

 

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