Im fünften Jahr meiner Graphomanie = Mad Boat

Bin im Verzug, stehe im Gehölzwald meiner Sätze, meiner Gedanken, will mich mitteilen und sehe die Mitteilungen der anderen. Interessante Artikel pflastern den Weg. Da kommen mir unzählige Erinnerungen, unzählige Vergleiche, unzählige Unerzählbarkeiten. Stimmungen, Schwankungen, Zwischenrufe und Zurechtweisungen. Schreibe an einem Buch. Warum dies noch erwähnen, da es nichts ist, was meinen Zustand hinreichend erklärt. MAD BOAT nenne ich es inzwischen, eine Dokumentation eines Ausstiegs bei voller Fahrt. Fünf Jahre schon schreibe und wuchte ich an ihm herum. Es wird kaum besser. Es hieß schon Lost in Age, (in Anspielung auf die 50ig Jährigen die der GF so viele Probleme bereiten) es hieß schon Folien über dem Dach (da sagte man zu mir: wie plump ist das denn? – jaja, wenn Autoren Autoren begegnen, fällt Späne), … weiter im Text … es ist dies der Versuch, ergründen und erklären zu wollen, wie ich, also mein Protagonist, zur Figur wird, zum Spielball seiner Geschäftspartner, inzwischen ist die Figur zu meinem Spielball geworden, ich ergänze, ich tilge, ich lösche, ich erweitere, ich prüfe … Pronomina, ich prüfe … all das Intransitive – da ist so häufig von wollte versuchen, wollte ermöglichen, wollte durchschauen, wollte wollen, die Rede – das Passive im Text, die Opferrolle, die Selbstüberschätzung und … ja … die Schwäche in der Figur. In mir. Ich war den Aufgaben nicht gewachsen. Ich war nicht mehr vorhanden. Ich schrieb von einer Figur, die ich einmal war und stelle fest, ich bin diese Figur noch immer. In leichter Abwandlung zwar, in weniger grotesker Selbstverlautbarung, inzwischen gedimmt, geschmälert und kleinlaut geworden, war das mein Ziel?

Brain ist mehr als in dir steckt. (Subtitel)

Nehme den Anfang, setze den Anfang. Prüfe den Anfang. Und höre tausend Stimmen.

Eine Versteigerung. Weber gesehen. Auf ihn zu.
»Was fällt dir ein, so etwas zu schreiben?«
Weber: »Du liest meine Mails?«
»Ja, ich lese noch viel mehr, deine Geschäftsberichte zum Beispiel … dein Gebiss kannst du auch gleich nachbestellen.«

Mit der Linken wollte ich ihm eine langen und stieß im Halbdämmerlicht an den Nachttisch. Wach geworden vom Streit mit Weber. Ich schaff den nichtmal im Traum. Sicher ist ein Fall wie dieser nur eine Erdnuss im Vergleich zu all den Kopfnüssen, die sie in einer Anwaltskanzlei sonst noch verhandeln.

Das kannst du gleich noch einmal prüfen, lesen, streichen, nachbessern, konkretisieren, abstrahieren, übermalen, mit mehr Räumlichkeit versehen, mehr Tiefe, mehr Nachtleben, mehr Ausstellung. Die Objekte der Ausstellung. Die Museumsbesucher. Am Ende war es der Nachttisch. Nicht mehr. Nicht weniger.

Muss dem Weber was anhängen.
Am frühen Morgen, kaum wachgeworden, die falschen Leute im Bett. Auf dem Weg ins Bad erscheinen seine Partner, Helge und Siggi. Ich greife die Zahnbürste, drücke die Tube, Arm in Arm erscheinen Helge, Siggi und Weber aus der Dreikammerlösung, während Weber im Kopf rumspukt, mit gebrochener Nase und blau anschwellendem Auge.
Ich brauch‘ einen Arzt.
Womit Weber recht behielte.
Wahrscheinlich bin ich wirklich krank.
Ich sehe rot unterlaufene Augen, vom Alkohol. Ich sehe ein aufgedunsenes Gesicht.
Du musst weniger trinken. Das geht schon in die dritte Woche.

Was man dem Text nicht ansieht: er ist auf 60 Zeilenanschläge getrimmt. Das hat zur Folge, dass der Satz Du musst weniger trinken. Das geht schon in die dritte Woche. im Buch so aussähe:

Du musst weniger trinken. Das geht schon in die dritte
Woche.

Eine Treppe. Lösche ich schon … sieht der Satz besser aus:

Du musst weniger trinken. Das geht in die dritte Woche.

Nun fehlt es an (von mir gehörtem) Rhythmus. Ich entscheide schon zu entfernen und auf später zu vertrösten. Hat zur Folge. Lese ich das in zwei Wochen noch einmal, fehlt mir wieder der Rhythmus. Ich höre schon wieder Stimmen. Du kannst auch Das geht in die dritte Woche komplett streichen. Eine Information, die nicht tragend ist für den Text. Jaja, Text.

Weber schrieb an Hunger, ich sei nicht ganz dicht. Hunger war davon überzeugt, ich brauch‘ einen Arzt.
Auch Hunger braucht einen. Weber braucht einen.
Der soll mal beweisen, dass ich echt krankhaft bin. Fragt man dort nach, heißt es, nicht so gemeint, man könne ja miteinander. Immer zu Weihnachten ist Weber so weit und schreibt wirres Zeug.
Du musst deine jetzige Situation annehmen … du kommst auf eine andere Entwicklungsstufe … du musst endlich lernen, was du willst.

Punkt. Was mach‘ ich da? Der Text war vor vier Jahren (sic!) ein ganz anderer. Da lief es so:

SPAM: Stutzig macht mich der Hinweis Die Stelle kann gerne von Rentnern, Hausfrauen und auch nebenberuflich getätigt werden. Die Mail beschreibt meine Situation: ich bin frühverrentet [vor einem Jahr verlor ich meinen Job], ich bin Hausmann [seit einem Jahr verlasse ich meine Wohnung nur zu Einkäufen], ich bin hauptberuflich ohne Job [könnte mir eine Nebentätigkeit vorstellen]. Dass es sich um SPAM handelt, kann ich an der Provision über 20 Steine erkennen. Die Anrede sorgt für Trubel in meinem Kopf. Hallo Helge Schmid, steht da. Wenn ich dieses Hallo Helge wiederhole, höre ich die Stimmen, die mich einmal mit Hallo Helge angeschrieben haben. Aus all den Stimmen kristallisiert sich vor allem eine sehr helle, hochgelegte und klirrende Stimme heraus. Hallo Helge, kreischt Gunnar. Ein fröhlicher und gutgelaunter Gunnar. Er ruft mich und macht sich lustig. Erklärt mich zum Rentner, zur Hausfrau, zum Typen, über den er sein Gelächter ausbreitet. Wie damals, als er in einer ersten Säuberungsmaßnahme von mir eingerichtete Applikationen in die Frühverrentung schickte mit den Worten, nun haben wir auch dieses Programm in seinen verdienten Ruhestand verabschiedet. Gunnar schreibt mir Jobangebote und würde sich freuen, wenn ich darauf antworte, nicht, um mit mir ein Gespräch anzufangen, sondern um sich in seinem Vorurteil bestätigt zu sehen: Helge war nicht mehr zurechnungsfähig, nun antwortet er sogar auf SPAM.Wie trinkt man einen Morgenkaffee, ohne die anderen zu denken. Ina ist auf Geschäftsreisen, zwei Wochen. Deswegen verbringe ich meine Morgenstunden allein. Aufgrund des Alkoholkonsums laufen sie gegen frühen Mittag. Ich will nicht gestört werden. Aber immer sitzen die anderen auch da. Nur Ina nicht. Soll ich sie anrufen? Nein. Sie schläft. Am Michigansee. Führt Gespräche mit Lane. Dem Oberguru der Hungers und Webers und Siggis und der anderen Mischpoke … ich soll an mich halten, es niemandem verraten. Ina macht, was handelsüblich ist in solchen Kreisen … wenn jemand schwächelt … dann ziehst du es durch.

Da hieß Rainer noch Helge. Da war ich noch nicht eine Ratgeber-Figur, sondern ein Quasi-Heiliger oder Nicht-Verletzbarer. Ein Androgyn, denn Helge ist skandinavisch weiblich wie männlich. Die Rolle des Heiligen habe ich dem Helge dann ausgetrieben, ihm den Ratgebernamen Rainer verpasst. Schon war das Buch eine Wüste und keine Fatamorgana. Das Frömmlerische war raus. Es hätte ein moderner Roman werden können, ganz im Zeichen des Säkularen – nun. Auch das war mir zu wenig. Ich las nicht umsonst das Reich Gottes von Emanuel Carrere. Kommt hinzu: Meine Frauenfigur, damals hieß sie Elena, war mir zu persönlich geraten, zu nachvollziehbar, im realen Kontext zu ermitteln. Also nannte ich sie Helge. Das war mir ein Vergnügen. Jetzt rennt Helge durch mein Manuskript, quasi androgyn, weder Mann, noch Frau, sondern immerzu wie eine Sirene, wie eine Schiedsrichterfigur im Trainingsanzug. Kann man, darf man, will man. Kann ich, darf ich, will ich.

Seit fünf Jahren nun – und es wird nicht besser – nur anders. Woran liegt das? Ich habe Verdachtsmomente.

Erstens: Schreibe nicht für die anderen mit Texten über dich.
Zweitens: Schreibe über dich so, als sieht dich ein anderer.
Drittens: Unterlasse Rechtfertigungen, Begründungen, Innanansichten (Introspektionen), denn darin erkennst du dich, aber die anderen sind schnell genervt … Moment. Stop. Gehe zurück auf Erstens: Und teile deinen Plan durch zwei:
1) Schreibe nicht für die anderen.
2) Schreibe nicht über dich.
3) Das wird so nichts.

Und raus. Gut. es folgt eine vielwöchige Auseinandersetzung mit Texten übers Schreiben. Die Liste ist lang: Darin vor allem ein Substantiv erscheint: LESEN. Ja. LESEN. Nochmal: LESEN. Das lässt sich sehr unterschiedlich an. Auch hier entsteht ein kleiner Wegweiser:

A) Lese nie um herauszufinden wie er oder sie es macht, denn es ist schon so geschrieben wie er oder sie es macht.
B) Lese nie so, als könntest du das auch. Denn dein eigener Text holt dich ein.
C) Lese nicht um zu verstehen, sondern lese so, als habest du noch nie etwas gelesen.

Da bin ich wieder beim Schreiben. Wo das eine die Kehrseite des anderen ist. Jetzt frage ich dich, persönlich. Warum willst du das, Schreiben? Es gibt ungleich mehr zu lesen. Ja. Die Frage stellt sich mir häufig. Warum Schreiben, wenn Lesen gelernt sein will. Das Lesen nicht als Kampfsportart betrachtet, sondern als Teil einer durch mich hindurchfließenden Sprache. Das Lesen als Kopfmuskelmassage und nicht als Trainingseinheit. Was das zur Folge hat: Alles, was du selbst einmal geschrieben hast, abklopfen nach Muskulatur, Kopfgeburt und Angestrengtheit. Merke: Nur Hpunkt darf angestrengt schreiben (darf er das?), das ist sein Markenzeichen. Alle anderen mögen fließen, strömen, leicht, schon auch stumpf, holpernd oder schwierig, Hauptsache, das spürst du immer gleich auch: Panta rei. Der Text darf fließen, sollte es nicht wollen. Er darf es. Ja. Soweit. Fünf Jahre danach.

Nun prüfe was du gemacht hast:

Sie begegnen mir neuerdings häufiger und grüßen mich, ungehemmt und freudig, als sei ich gestern erst gegangen, wir kommen auf die alten Zeiten zu sprechen, es wachsen die Erkenntnisse. Erst am Abend wird mir bewusst, was ich mir wieder anhören musste. Wie sie über mich reden und denken. Dass es kein Einsehen gibt in die tatsächlichen Vorgänge. Neu ist die Aussage, dass es bei ihnen zu bröckeln beginnt, der heute für das Netzwerk verantwortliche Gunnar zeige noch immer in meine Richtung, auf mich, die Altlast. Die Arbeit seiner Vorgänger, er verwendet den Plural dafür. Wer die anderen sein sollen neben mir, bleibt sein Geheimnis. Inzwischen aber, so höre ich, sei er umstritten. Dass er Störungen und Schwierigkeiten seiner Arbeit auf mich [uns] abschieben will, nimmt ihm niemand mehr ab. Es scheint durchzusickern, dass er den Bockmist noch immer nicht allein schultern will. Immerhin hatte ich den mehr als zwölf Jahre absturzfrei über die Runden gebracht – solange ich ihnen keine Mitteilung mache, wie meine Sicht der Dinge ist … kann er wettern – Rainer war zu sehr mit sich selbst beschäftigt und hat versäumt, den Verantwortlichen in die Suppe zu spucken. Das will er nachholen. Er wird nicht mehr hinter vorgehaltener Hand über Gunnar, Helge, Siggi, Olaf, Weber und die anderen Brainer reden, es wird jetzt offengelegt, was das für Leute sind, es geht nicht anders. Es steht nicht nur ihr Ruf auf dem Spiel.

Schon spüre ich Stolpersteine: Das in Ecken stehende [uns] – und das Substantiv Bockmist. Bei Bockmist hast du immer das Problem, dass er, der Bockmist, auf dich zurückweist. Der Bockmist, der zu schultern sei, kann auch den Text meinen, der geschultert werden will. Schon haben wir zuviel Gewicht in der Sache. Schon haben wir einen Absatz, den möchte man umschreiben. Schon haben wir schon schon schon … nicht schön … sondern schon wieder schon. Was ich an Wieder und Schon und Aber Auch und Und und weißt du was, deutsche Sprache, sage ich … was so leicht klingen will wie englisch Fische fangen … das Deutsche hat zuviel vom Gewicht der Welt … heißt es … und Goethe, heißt es, hätte heutzutage keine Chance mehr … heißt es … was ich noch alles so auf dem Leseweg eingesammelt habe: Was du nicht auf 200 Seiten unterbringen kannst, schaffst du auch nicht auf 400 … hat tatsächlich ein Lektor gesagt … kann es denn wahr sein, dass ihm niemand widerspricht? Nein, es braucht niemand widersprechen, denn eine Teilwahrheit steckt schon im Satz. Nur sind manche Bücher eben viele Bücher in einem. Ein 1000 Seiter wäre in dem Kontext ein Fünf-Bücher-Buch — ich weiß.

Du solltest wieder Poems verfassen. Oder Zweizeiler. Twittern kann man das. Immer mal einen raushauen … hier: Steht genauso in meinem Buch, der Seite 90 Test:

ICH KANN DAS NICHT MEHR HÖREN

Dumm gelaufen. (wenn jetzt irgendjemand die Seite 90 aufschlägt und das liest. Meinst du, er/sie will noch lesen, was er/sie in Händen hält? Mal die PR-Abteilung kontaktieren. Die Werbeagentur. Die wissen sicher einen besseren Spruch. Außerdem: Stell dir vor, du twitterst das: Glaubst du, du kommst ins Gespräch? Außerdem frage ich mich, warum ich für so eine Erkenntnis mehr als 450 Seiten mit 60 Anschlägen und 30 Zeilen verfasst habe. Ein Kreuz. Aus Holz. Plus Papier. Werde es nicht mehr los. Andere sagen dazu: Ein Graphoman. aber solange er unter sich bleibt, kann er keinem schaden. Frage mich, wie lange es noch dauert, dass auch das raus ist. Auf Graphomanie nämlich steht lebenslang! Zum Lesen verurteilt! Die anderen Schriftsteller dürfte es freuen. Wenn sie nicht Ähnliches plagt.

Advertisements

One thought on “Im fünften Jahr meiner Graphomanie = Mad Boat

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s