Bücher Glotzen

Ausgangspunkt sind drei „Veranstaltungen“ – einmal mehr das Literarische Quartett des ZDF (ich verzichte auf den Link). Einmal dieser sehr lesenswerte Artikel. Einmal mein neuerlicher Spaziergang durch die Bücher von drei Autoren: Felix Philipp Ingold Leben & Werk (neugierig geworden über seine „Selbstvermarktung“ in den Feuilletons), Marguerite Duras „Romane“ (spontan im Buchladen gekauft) und Don De Lillo „Null“ (aufmerksam geworden durch eine Kritik in einem Blog).

Einmal mehr stellt sich mir die Frage der Vermittlung – hier möchte ich kurz aufreißen, was mir der 54 Books Artikel mitgegeben hat: Die gesellschaftliche Schichtung nach Bourdieu (1930- 2002): das kulturelle, das soziale und das ökonomische Kapital, die Klassenaufteilung nach herrschender Klasse, Mittelklasse, die Beherrschten. Innerhalb der Herrschenden es wiederum die beherrschten Herrschenden gibt, hierunter wiederzufinden die Feuilleton-Literaturkritiker: oder anders: die herrschenden Herrscher (verfügen über hohes ökonomisches Kapital) auf der einen, die beherrschten Herrscher (Die Intellektuellen verfügen über hohes kulturelles Kapital) auf der anderen. Und trotzdem oder gerade deswegen scheint das ökonomische Kapital mit dem Intellektuellen eine Allianz eingegangen zu sein, die verhindert: Den Aufstieg der Mittelklasse geschweige den der Volksklasse. Der Artikel sieht vor allem die Bloggerszene unter Rechtfertigungsdruck, folgt man einigen Artikeln der etablierten Feuilletonisten, entsteht der Eindruck, Feuilletonisten schauten auf die Bloggerszene von oben herab und gebührten ihnen nicht den Respekt, den sie unzweifelhaft verdient hätte.

In der Sendung das Literarische Quartett fühlte sich Claus Peymann genötigt mal einen klärenden Satz auszustoßen: Kunst habe nichts mit Demokratie zu tun, sondern mit Individualität und sei damit zwangsläufig autoritär. (Streitbar) Dieser Satz lässt sich mehrfach interpretieren. Er kam in meinen Ohren vorerst etwas patriarchal, väterlich – ich vermute hinter dieser Aussage aus Sicht Peymanns eine Selbstreferenz, bedeutet: wenn er als Künstler, als Regisseur jederzeit auf alles und jeden hätte Rücksicht nehmen wollen, er wäre nie zu den Ergebnissen gekommen, die ihm vorschwebten, die ihn letztlich erfolgreich machten. Trotzdem steckt in dem Satz nicht nur eine Provokation in Richtung all derjenigen, die ihr Mittelmaß meinen überall hineintragen und denken zu müssen, sondern vor allem eine Art manifeste Haltung, die dem aus dem Artikel nachkommt: Hier spricht kein Aufstrebender, sondern ein Mächtiger. Er kanzelt sozusagen von oben nach unten. Er weist zurecht. Er will im weiteren Sinn nicht mehr belästigt werden durch dies und das (Möglicherweise eine Projektion)

Felix Philipp Ingold in Werk & Leben gibt sich größte Mühe, all seinen Tagebuchnotizen einen „Ton“ zu verleihen, es ist spürbar, dass er Text „arbeitet“, dass er das Besondere will und sucht, dass er sich nicht zufriedengeben kann und will mit einfacher Polemik, einfacher Wahrheit oder gar treffsicherer Pointe. Das setzt voraus, dass er Zuhörer weiß, hat und kennt. Das setzt voraus, dass er Partner hat, die ihm folgen. Das setzt voraus, dass der ihm zum Vorwurf gemachte Hinweis des Elitären aufgefangen wird von Mitstreitern, die ebenfalls im Club der Dichter angekommen scheinen. Das setzt voraus, dass es einen Olymp geben muss, das setzt voraus, dass Gott sich zwar verabschiedet hat, der Mensch trotzdem geschaffen wurde zu seinem Abbild. Da gibt es noch den aurahaften (Alp-)Traum von Michelangelo, Adams Zeigefinger berührt den Finger Gottes, oder andersherum. Das setzt voraus, dass die innere Stimme sich berufen fühlt, mehr als nur ein Gleichnis zu sein des äußeren Hallraums. (Auch das möglicherweise wieder eine Projektion)

Marguerite Duras. Ich bin regelrecht überrascht. Vor mehr als zwanzig Jahren habe ich sie gelesen, weil meine damalige Lebensgefährtin sie las und ich meine Lebensgefährtin besser verstehen wollte, und mir bewusst wurde, es ist dies eine sicherlich weibliche Stimme, aber doch eine, die mich verführt, entführt, mich pathetisiert, mich überfüllt – und aber mir meine Lebensgefährtin überhaupt nicht näher brachte, sondern sie zu einer mir immer fremderen Figur werden ließ. Meine Lebensgefährtin war nicht mehr nur meine Freundin, sondern plötzlich eine Wort- Sprach- und darüber hinaus eine Angstblase, die mich einschüchterte. Ich war dem Text der Duras damals einfach nicht gewachsen. Ganz anders heute. Ich lese ihre Romane und könnte jubeln, spucken, heulen, kratzen, ja, auch kotzen (das schreibe ich jetzt so locker hierhin, weil auch Duras sich nicht scheut kotzen zu lassen), ich pflüge durch ihre Texte und bin fast auf jeder Seite über Intensität, Hilflosigkeit, Pathos und Steinbruchartigkeit des Textes beglückt, bestürzt, irritiert und nervös gemacht – kurz fasziniert. Ein Fest der Sinne. Ein Fest des Unfertigen. Roh. Ungelenk. Und doch formal überzeugend gesetzt. (Ich lese die deutsche Version.)

Don De Lillo. Ein Schlawiner, ein Sprachökonom, ein Schwatziger, ein in beide Richtungen faszinierender Autor: wie kann man so einen Unsinn fabrizieren, einerseits, wie kann man so opportun schreiben, wie kann man so gefällig sein, und doch auch hier immer wieder Granatsplitter, Tretminen, Fallen. Null ist nicht nur ein Science Fiction sondern bittere Frucht. Etwas Distanzierendes, etwas, was man auch als gewollt bezeichnen kann – und doch erkenne ich an: er gibt sich in keinem seiner Bücher mit reinem Mittelmaß zufrieden, er will immer auch über sich selbst hinaus. (Ist das etwa wieder Projektion?)

Warum ich das erwähne: Die drei unterschiedlichen Bücher haben über sehr unterschiedliche (Vertriebs-)Wege ihren Platz in meine Buchreihen gefunden, und ich finde sie alle drei herausragend – interessant, umwerfend, erzürnend, lebendig im wahrsten Sinn der stummen Sätze.

Der Artikel Kritik des normativen Lesens umschreibt laut meiner Interpretation eine Wirklichkeit, von der man ausgehen kann, dass sie zu teilen sicher einhält, was sie verspricht: Die Wirklichkeit der Macht der Mächtigen, der Herrschenden bestimmt nicht nur ihre Kreise, sondern auch die Vermittlerebenen, meine Regeln, meine Vorlieben, meine individuellen Vorlieben – aber sie überdeterminiert natürlich auch, sie übervorteilt, sie macht zum Willfährigen ihrer Launen und Verlautbarungen. Zur gleichen Zeit entsteht natürlich auch Raum für Deutungshoheit, Interpretation und Gestus – nach ihrer Version von Deutung und Idee. Das führt regelmäßig zu Undiszipliniertheiten und Übergriffigkeiten, jetzt wieder Herr Marc Reichwein Frau Westermann kurzerhand „Tante Westermann“ nennt https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article164288145/Claus-Peymann-kauft-sich-ein-Buch-und-muss-kotzen.html

Gleich auch der Titel des Artikels – eine Entgleisung. Hofbereiter eines Sprachgebrauchs, der dem eigenen Anspruch nach eher Down-Under als UpperEastSide zu bezeichnen wäre. Eigentlich schon überwunden geglaubtes Ideogramm (zu Bildern gewordenes Schriftzeichen), dachte ich, aber die Banalisierung und Rumtrumperei steht plötzlich jedem Berichterstatter zu? Schade nur, dass wir hier über Literatur sprechen und nicht über Tüten und Knallen. Der Freitag nun und der Artikel vom Samstag machen mir bewusst: Meine eigene Lage ist nicht nur die des Mittelstandes, die einer wehrlosen Mittelklasse, nein sie wird zunehmend prekär. Die Literatur schafft nicht nur sich ab, sie hat es auch auf mich abgesehen. Man kauft Bücher und könnte kotzen, so Reichwein. Ich kann mich nicht erinnern, dass Peymann gekotzt hätte. Er hat sich, ganz Peymann, das Recht rausgenommen, Old-Daddy zu spielen und machte davon auch vollumfänglich Gebrauch, sodass es kein Literarisches Quartett mehr war, sondern die Peymann Show zu Lasten der Bücher. Was nur, fragt man sich nun, soll an dieser Art des Bücherbesprechens besser sein als die der liebevollen und natürlich auch manchmal etwas überbordenden Literaturbloggerarbeiten.

Nun – die letzten Monate zeigen, rein politisch, nichts ist überholt, es scheint viel mehr einen Roll Over Come Back zu geben aller Ordnungssysteme von der feudalen Welt – bis zur Kohlhaas’schen Wut, von der Mündigkeit zur Unmündigkeit, von der Show zum Desaster, von der Welt, in der Lucie Müller und Hans Dampf sich glücklicher fühlen, wenn King Louis sagt, wo es lang geht bis hin zur Welt, in der ich nichtmal mehr meinen Augen traue (Deutschland sucht den Superstar) Und trotzdem. Es scheint, langsichtig betrachtet, eher so, als handelte es sich hier um eine Art Spätausläufer alternder Schulen, Ideen – ein Epochenwechsel steht bevor – und klar, der König will nicht abtreten, will den Thron nicht freigeben, woran liegt das? Ich habe unsere monotheistische Sichtweise im Verdacht. (Bei aller Säkularisierung – doch doch – es ist dies ein Vielgötterstaat – lass mich das erläutern.)

Vormals noch monotheistisch katholisch und Staat und Kirche hatten ein großes Interesse an gemeinsamer Arbeit und Ausrichtung, Luther kam sah und schlug 95 Thesen an die Tür, da war es dann erstmal vorbei mit der göttlichmenschlichen Vorherrschaftlichkeit, es folgte ein langer Weg durch die Instanzen, und heute sagen wir dazu Die Kirche hat zu viel Geld, der Staat zu wenig und Gott hat sich verspätet. Wann war noch gleich die Epoche der Renaissance? Das ist 15/16.Jahrhundert. Formalhistorisch korrekt. Nach Luther die Renaissance. Da war Gott schon nur noch Zuschauer einer Menschwerdung besonderer Umstände: In unserer Gott-Kirche-Ich-Staat-Getrennten Welt. Auch haben Wissenschaft, Forschung und Erkenntnis ihm den Rang abgelaufen, aber Fürstentum, Adels- und Ahnenkult und all die anderen Selbsterhaltungsabsichten sorgten noch nicht für den Durchbruch. Schlimmer noch. Das Gefälle zwischen Wohlsein und Unwohlsein vergrößerte sich und da Wohlsein dem Unwohlsein vorzuziehen ist, muss sich gegen das Unwohlsein abgegrenzt werden. Sprich. Geld den Tüchtigen, den Armen die prekäre Lage. Und da Wohlsein sich mittels Geld, Kapital und Wissen vergrößern lässt, beginnen die Gottesbeweise wieder zuzunehmen. Inzwischen aber hat der Gott im Menschen jede Empathie dem digitalen Wahnsinn übereignet, und so kann sich das Prekäre aussuchen, was es will: Gott begegnet ihm im Kartoffelsack auf RTL, als Engel im Künstlerhimmel und als vollgespuckter Eimer auf der Welt am Sonntag. Das macht insofern Sinn, als der Mann mit dem Faible fürs Wohlsein gern mal einen raushaut – weil er glaubt, er treffe immer den richtigen Ton.

Marguerite Duras dagegen ist derzeit für mich das größte Glück im Unglück unserer Zeit. Sie schreibt, wie sie es will, wie sie es kann, oder wie sie es eben nicht kann. Und sie schreibt unmaßstäblich, indem sie sich selbst zum Maßstab erklärt. Das finde ich erstrebenswert im Sinn von Werkstatt, von Work in Progress, von Gestaltung. Denn das was mir die Gesättigten in ihrer Unzufriedenheit vorschreiben wollen, wie ich etwa zu agieren oder gar zu lesen habe – ja, es treibt mich weg. (Randbemerkung: Ich weiß z.B. immer nicht, was mir gesagt werden will mit dem Satz: „Es hat mich gelangweilt“. Das impliziert für mich eher eine Aussage über den oder die so eine Aussage trifft, als über das so beschriebene Buch. Hierzu empfehle ich einen Blick in das Buch Kleine Philosophie der Langeweile von Lars Svendsen (gibt es nur noch gebraucht, daher das Bildchen nur noch ein Bildchen): Wer es prosaischer Will: Oblomow von Gontscharov. Anmerkung zu)

Zurück. Ein Claus Peymann, der sich zur Autorität erklärt, darf sich ja gerne selbst autorisieren, das im Kontext einer Demokratie, da jeder sich selbst autorisieren darf, bitte aber nicht in einem Sinn, in dem ich ihm dafür noch applaudieren soll – und mich reduzieren – und meine eigene Autorität preisgeben. Zumal ein Herr Peymann mir immer gesagt hat, früher, es lohne das Wort Selbst, es lohne das Wort Freiheit, es lohne das Wort Auseinandersetzung – er sagt es noch immer: Kunst sei immer individuell! (Streitbar – sehr streitbar – nach diesem Abend und nach dieser in meinen Augen übergriffigen Betitelung des Feuilletonisten in der Welt über Frau Westermann. („Tante Westermann“) erst recht – in Frage gestellt. (ein Herrenwitz wohl)

Bedeutet im Umkehrschluss: Ein Feuilleton ist in meinen Augen ein schöner Begriff von einem Feuilleton, das hat seine Berechtigung im Lesezirkel von Karl Kraus oder Kurt Tucholsky, und in der Phantasie meinetwegen aufstrebender und ehrgeiziger Literaturkarrieristen. Wirklich wahr? Es ist inzwischen an einer Hand abzuzählen. Nehmen wir die Zeitungen: Süddeutsche, ZEIT, FAZ, NZZ, Standard, Welt – dann zählen wir großzügig noch die Guardians und Times und Washington Post dazu: wer liest die in unseren Breiten?) – nehmen wir die unterschiedlichen Literatursendeformate – es kommen in meinen Augen zwanzig, dreißig, lass es fünfzig sein, zusammen – dem gegenüber sehe ich auf Literaturport 1.600 Autoren – wie viele von denen wurden vom Feuilleton besprochen, entdeckt, gestützt, aufgebaut? Das Verhältnis Autor zu Kritiker scheint umgekehrt reziprok zum Sprachgebrauch von Trash und Filterblase plus dem ganzen obendrauf, was allein im Zeitungsartikel an Überschrift ausgeworfen wurde? Wer eigentlich sorgt hier für Logorrhoe und Sprachverfall? Wer schreibt besser, der Feuilletonist des Spiegel oder der der Welt? Welcher Unterbietungswettbewerb wurde da eingeläutet? (Das Wort Kakophonie habe ich, glaube ich, das erste Mal im Spiegel gesehen, womit die Zeitschrift gemeint ist, nicht mein Gesicht im Spiegel – obwohl – manchmal … ja, man fühlt sich regelrecht mächtig ins Gesicht und so … )

Welche Macht bleibt mir? Meine Kaufkraft, nicht wahr? Im ersten Anfall vom Freitag war ich soweit: Abschwören, abschwören, abschwören. Sagte ich mir. Diesen Leuten da, dieser Szene, kein weiteres Geld. Damit würde ich mich selbst verletzen, und keiner dieser Leute würde es merken. sagen wir so: Früher bin ich ihren Empfehlungen gefolgt. Dadurch erreichten Peter Handke, Elfriede Jelinek oder Christof Ransmayer meine Bibliothek – Thomas Bernhard, A.F.Th. van der Heijden, David Foster Wallace, ein J.J. Voskuil – sie kamen über Privat-Empfehlungen (da gab es noch keine Blogger) in meine Nähe. Ein Martin Walser, ein Peter Handke, selbst ein Max Frisch, stehen in der Gefahr, meine Bibliothek wieder zu verlassen, sollten sie noch einmal vom Feuilleton versehentlich oder absichtlich erwähnt, gefeiert, oder zum Maß der Dinge erhoben werden (Ich will keine Retorte, ich bin eine).

So schon geschehen mit Botho Strauß, Peter Sloterdijk und Salman Rushdie … es führt im Umkehrschluss nicht nur die selbsterfüllende Prophezeiung von selbsternannten Königen und Fürsten zu dauerhafter Präsenz von Autoren oder gar Kritikern, sondern ebenso gut führt ihr Machtmissbrauch zur Abwehrhaltung gegenüber ihrer Präsenz und Vorliebe. Das gilt nicht nur für Kritikerstimmen, sondern im Umkehrschluss auch für Verlage. Wenn sie immer nur Kartell spielen – muss ich ihrem Karussell noch folgen?

Umgekehrt: Sie sind schon samt sonders schnappatmend unterwegs … was sie allerdings nur bedingt selbstverschuldet haben (denken sie), die übermächtige Konkurrenz aus den USA über das Internet – macht zu schaffen. Das herdenhafte des Prekariats, des Pöbelnden, des Volks, der Unter- wie Mittelschichten – macht zu schaffen. Dabei gehen sie offenbar immer noch davon aus, dass die Unter- wie Mittelschicht dumm bis unterbelichtet sei, denn Autofahren sei immernoch aufregender als Lesen. (Was es unbestritten ist – je nach Grenzwert). Oh je. Die RTL-Isierung der Gesellschaft, die Schlammschlachten, die ach so moralfreien Selbstdarsteller … das alles ist Programm … von wem für wen? Wenn eins die Kulturlandschaften tatsächlich unter Strom gebracht hat, ist es die Globalisierung – ja, die Welt ist offener geworden, vielseitiger und vielstimmiger. Dafür rächt man sich jetzt an Bloggern. Die arbeiten auch noch umsonst und machen uns die Honorare kaputt? Auf der Suche nach einem Motiv.

Da entsteht mir eine Frage. Warum sich noch über das Feuilletonwesen erregen? Warum sich darum sorgen. Welche dieser Zeitungen überlebt die nächsten zwanzig Jahre? Sie und mit ihnen ihre Berichterstatter haben offenbar jetzt schon nur noch ihren Überlebenskampf vor Augen. Blogger beschimpfen scheint vor dem Hintergrund so aussichtsreich wie das Verbietenwollen des Internet. Räume gewinnen und manifestieren in dieser Form – nun, das fällt sogar mir auf. Kommt nicht gut an.

Der Blog, die Bloggerin, der Blogger. Unbestritten, dass das neue Lesekulturen nach sich zieht. Natürlich auch den Trash – aber wie waren die Zahlen gleich? http://www.buchmesse.de/images/fbm/dokumente-ua-pdfs/2016/buchmarkt_deutschland_2016_dt.pdf_58507.pdf Darin die Zahl 89.506 erscheint (ohne Selfpublishing.) Da will mir Herr Peymann sagen, er habe sich eine Atwood gegriffen in der Hoffnung, eine große Autorin zu greifen, nun sei er so enttäuscht worden … ist Peymann vielleicht einfach nur sehr schlecht beraten … von wem, seine Empfehlung wird er wohl kaum einem Blogger zu verdanken haben, fürchte ich, so beratungsresistent wie ich ihn einschätze. Weil Kunst hat nichts mit Demokratie zu tun, sondern mit Individualität und somit Autorität.

Es ist unbestritten, dass viele Blogs mir das Lesen abnehmen, erleichtern, mich warnen, mich verleiten, mich reinlegen, mich stimulieren, mir helfen, mir vor den Kopf stoßen.

Dabei geht es aber nicht mehr, oder nicht mehr nur um Deutungshoheit oder Machtraumgewinnung – sicher spielt das immer eine Rolle, als quasi menschennatürliche Regung, aber vor allem fungieren die Blogs als inzwischen viel besserer Filter im ach so unüberschaubaren Buchmarkt. Wenn ich mich orientieren will und „eine faule Socke“ bin, bin ich wahrscheinlich bei den Feuilletonisten gut aufgehoben. (Ja, ich bin dann auch manchmal zu bequem – einschließlich Nebenwirkungen – z.B. (Feuilletonempfehlungen ernstnehmen und lesen und feststellen, naja, das Buch verspricht tatsächlich, was der Feulletonist sagte darüber: Zum Beipiel die Reise in den Westen vom Reclam Verlag – für den stattlichen Preis von 88 Euro hätte ich mir die Bilder aber in Farbe gewünscht)

Seit ich nun aber beim Bloggen Favoriten, Timelines und Abos selbst zusammenstellen darf – und es auch tue – desto bedeutungsloser wird Konfektionsware. (Peter Handkes Pilzsammlung in übergroßer Schrift, damit vierzig Seiten wirken und ausschauen wie 180) – Bücher von der Stange gab es schon immer mehr als genug, auch vor Blogger-, Literatur- und Verlagsmisere. Dumm nur, dass auch die Autoren infiziert wurden, aber das steht auf einem anderen Blatt.

Wie gesagt, ich war von Freitag auf Samstag sehr unglücklich über Peymanns Auftritt – die Sendung Literarisches Quartett werde ich mir (wenn überhaupt) nur noch valiumgefüllt antun – aber der Artikel Kritik des normiertes Lesen hat mir am Sonntag Augen geöffnet. Dies mitteschöne aber wirkungsvolle Wörtchen Distinktion schwebte plötzlich wie eine alles erklärende Schwingkugel durch den Raum. Das ist leider wohl Menschentechnik. Mensch definiert sich über sozialen Rückhalt und Konvergenz (Übereinstimmung) innerhalb seiner Gruppe. Gemeinsames Lachen inklusive.

Da wir nun aber den Monotheismus endlich mal nicht nur in Frage stellen (Das Individuelle stärken?), sondern gleich auch mal über Bord geben wollen, (ich jedenfalls), scheint es zumindest mir folgerichtig, wenn neben der Genius-Debatte auch eine Kompetenzdebatte nochmal gestellt wird: warum soll der, der sein Leben darauf ausrichtet, einen der wenigen Stühle im Himmel der Glorreichen zu besteigen, mehr wissen oder draufhaben als die vielen, die sich in seinen Augen (noch) Schwarmintelligenz nennen, aber in den Augen des Schwarms kaum mehr in Erscheinung treten. Sinn und Zweck des Selbstschutzes im Schwarm (wenn ich von denen arroganterweise als Unter- oder Mittelschicht (ein Leserkäufer nach Prinzip und Verordnung also) betitelt werde – so verhalte ich mich (geschickt), genauso, wie sie es von mir erwarten: sie merken von mir nix!, ich aber merke von ihnen, wie sie immer mehr extrapolieren (extraproletarisieren (zurück zum Volk (?!) /extrapolemisieren , sie sich somit nur weiter … plustern, da fällt auch diese Maske und Marke.

Somit haben wir nichtmal ein Fazit? Oh doch, haben wir: Es bleibt kompliziert. Und trotzdem haben viele der BloggerInnen inzwischen eine größere Autorität für mich als jeder wiederkehrend widerkäuende Feuilletonist. Den Fehler also müssten auch Blogger vermeiden – nur widerkäuen, was Papa schon … usf. Ja, die Krise … auch die geht weiter.

Mit einem guten Diktaphon aber, einem guten Kompass und vielen Bloggern als Freunden im Nest (pardon Netz) … wird sich das ändern … keine Revolte, sondern ein Prozess. Die da meinen, sie könnten sich darüber hinwegsetzen … nun. Zeit wäscht Steine. Ich höre ihnen künftig nicht mehr zu. Wenn ich Bock drauf habe, guck ich Fassbinder an oder Kinski. Und lese Bernhard. Das reicht mir dann i.d.R. für eine gute Portion schlechte Laune bekommen über noch viel schlechtere Stimmung.

Vielen Dank an die Autorin dieses Artikels: http://www.54books.de/zur-kritik-des-normierten-lesens/

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Buchempfehlungen (für das Kreuz und Quer der Bilder und Links: Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker, ich habe gerade keine Zeit mehr das zurechtzurücken …. dauert das immer):

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