Aus der Reihe Wünschelrouten

Formulierungen auf Klappentexten … die mir den Kauf eines Buches erschweren

„virtuoser Umgang mit Sprache“
„mit all seiner poetischen Kraft“
„endlich entstehen Sätze pur“
„ein Paukenschlag der deutschen Gegenwartsliteratur“
„ein Meisterwerk“ oder „meisterhaft“ oder
„dieser bedeutende Roman ist bereits mein Freund“
„eine Hymne ans Leben“
„ein Glücksfall“

Formulierungen auf Klappentexten, die mich neugierig machen:

„ein Ausfallschritt“ (ins Jenseits)
„ein sprachökonomischer Hammer“ (oder Nagel)
„eine Verzweiflungstat“ (die Auferstehung)
„der Unfall fand um 11.13 Uhr statt“
„dieses Buch kommt ohne Worte aus“ (ein Fest)
„schwierige Zeiten brauchen langen Atem“
„während ich es las, zählte ich die Schafe“
„jeder bedeutende Roman ist bereits ein Fremder“
„endlich Blumen ohne Bügelfalte“
„jetzt bin ich aber ratlos.“ (er fliegt vor unseren Augen in die Unerreichbarkeit.)

Unentschieden bin ich bei

„ein unbezwingbarer Monolith“
„eine Weltkomödie des Herzens“
„der Hunger des Stolzes“
„die kühle Sprödigkeit“
„ein leidenschaftlicher Chronist“
„ein kühnes Buch“

Schreiben Sie was Sie wollen, es muss erstmal Ihnen selbst genügen. Klammern Sie die anderen aus, soweit Sie können. Hören Sie nicht auf sie. Lesen Sie langsam. Schreiben sie schnell. Lesen Sie Ihr Selbstgeschriebenes wiederum langsam. Schreiben Sie langsam. Lesen Sie es schnell. Schreiben Sie lieber weniger als mehr. Lesen sie lieber mehr als weniger. Vergessen Sie nicht zu gehen. Vergessen Sie nicht zu vergessen. Lesen Sie auch mal im Stehen. Schreiben Sie zweimal ICH ICH und fragen Sie sich, was Sie da geschrieben haben. Dann schmücken Sie es aus. Denn sicher haben Sie beim Schreiben von ICH ICH bemerkt, es fehlt jemand. Der Tisch ist ein Tisch. Er hat trotzdem seine Geschichte.

Die Wirktiefe eines Satzes ist durch seine Merkfähigkeit geteilt ein Hinweis auf seine Duldsamkeit ()

 

Bücher Glotzen

Ausgangspunkt sind drei „Veranstaltungen“ – einmal mehr das Literarische Quartett des ZDF (ich verzichte auf den Link). Einmal dieser sehr lesenswerte Artikel. Einmal mein neuerlicher Spaziergang durch die Bücher von drei Autoren: Felix Philipp Ingold Leben & Werk (neugierig geworden über seine „Selbstvermarktung“ in den Feuilletons), Marguerite Duras „Romane“ (spontan im Buchladen gekauft) und Don De Lillo „Null“ (aufmerksam geworden durch eine Kritik in einem Blog).

Einmal mehr stellt sich mir die Frage der Vermittlung – hier möchte ich kurz aufreißen, was mir der 54 Books Artikel mitgegeben hat: Die gesellschaftliche Schichtung nach Bourdieu (1930- 2002): das kulturelle, das soziale und das ökonomische Kapital, die Klassenaufteilung nach herrschender Klasse, Mittelklasse, die Beherrschten. Innerhalb der Herrschenden es wiederum die beherrschten Herrschenden gibt, hierunter wiederzufinden die Feuilleton-Literaturkritiker: oder anders: die herrschenden Herrscher (verfügen über hohes ökonomisches Kapital) auf der einen, die beherrschten Herrscher (Die Intellektuellen verfügen über hohes kulturelles Kapital) auf der anderen. Und trotzdem oder gerade deswegen scheint das ökonomische Kapital mit dem Intellektuellen eine Allianz eingegangen zu sein, die verhindert: Den Aufstieg der Mittelklasse geschweige den der Volksklasse. Der Artikel sieht vor allem die Bloggerszene unter Rechtfertigungsdruck, folgt man einigen Artikeln der etablierten Feuilletonisten, entsteht der Eindruck, Feuilletonisten schauten auf die Bloggerszene von oben herab und gebührten ihnen nicht den Respekt, den sie unzweifelhaft verdient hätte.

In der Sendung das Literarische Quartett fühlte sich Claus Peymann genötigt mal einen klärenden Satz auszustoßen: Kunst habe nichts mit Demokratie zu tun, sondern mit Individualität und sei damit zwangsläufig autoritär. (Streitbar) Dieser Satz lässt sich mehrfach interpretieren. Er kam in meinen Ohren vorerst etwas patriarchal, väterlich – ich vermute hinter dieser Aussage aus Sicht Peymanns eine Selbstreferenz, bedeutet: wenn er als Künstler, als Regisseur jederzeit auf alles und jeden hätte Rücksicht nehmen wollen, er wäre nie zu den Ergebnissen gekommen, die ihm vorschwebten, die ihn letztlich erfolgreich machten. Trotzdem steckt in dem Satz nicht nur eine Provokation in Richtung all derjenigen, die ihr Mittelmaß meinen überall hineintragen und denken zu müssen, sondern vor allem eine Art manifeste Haltung, die dem aus dem Artikel nachkommt: Hier spricht kein Aufstrebender, sondern ein Mächtiger. Er kanzelt sozusagen von oben nach unten. Er weist zurecht. Er will im weiteren Sinn nicht mehr belästigt werden durch dies und das (Möglicherweise eine Projektion)

Felix Philipp Ingold in Werk & Leben gibt sich größte Mühe, all seinen Tagebuchnotizen einen „Ton“ zu verleihen, es ist spürbar, dass er Text „arbeitet“, dass er das Besondere will und sucht, dass er sich nicht zufriedengeben kann und will mit einfacher Polemik, einfacher Wahrheit oder gar treffsicherer Pointe. Das setzt voraus, dass er Zuhörer weiß, hat und kennt. Das setzt voraus, dass er Partner hat, die ihm folgen. Das setzt voraus, dass der ihm zum Vorwurf gemachte Hinweis des Elitären aufgefangen wird von Mitstreitern, die ebenfalls im Club der Dichter angekommen scheinen. Das setzt voraus, dass es einen Olymp geben muss, das setzt voraus, dass Gott sich zwar verabschiedet hat, der Mensch trotzdem geschaffen wurde zu seinem Abbild. Da gibt es noch den aurahaften (Alp-)Traum von Michelangelo, Adams Zeigefinger berührt den Finger Gottes, oder andersherum. Das setzt voraus, dass die innere Stimme sich berufen fühlt, mehr als nur ein Gleichnis zu sein des äußeren Hallraums. (Auch das möglicherweise wieder eine Projektion)

Marguerite Duras. Ich bin regelrecht überrascht. Vor mehr als zwanzig Jahren habe ich sie gelesen, weil meine damalige Lebensgefährtin sie las und ich meine Lebensgefährtin besser verstehen wollte, und mir bewusst wurde, es ist dies eine sicherlich weibliche Stimme, aber doch eine, die mich verführt, entführt, mich pathetisiert, mich überfüllt – und aber mir meine Lebensgefährtin überhaupt nicht näher brachte, sondern sie zu einer mir immer fremderen Figur werden ließ. Meine Lebensgefährtin war nicht mehr nur meine Freundin, sondern plötzlich eine Wort- Sprach- und darüber hinaus eine Angstblase, die mich einschüchterte. Ich war dem Text der Duras damals einfach nicht gewachsen. Ganz anders heute. Ich lese ihre Romane und könnte jubeln, spucken, heulen, kratzen, ja, auch kotzen (das schreibe ich jetzt so locker hierhin, weil auch Duras sich nicht scheut kotzen zu lassen), ich pflüge durch ihre Texte und bin fast auf jeder Seite über Intensität, Hilflosigkeit, Pathos und Steinbruchartigkeit des Textes beglückt, bestürzt, irritiert und nervös gemacht – kurz fasziniert. Ein Fest der Sinne. Ein Fest des Unfertigen. Roh. Ungelenk. Und doch formal überzeugend gesetzt. (Ich lese die deutsche Version.)

Don De Lillo. Ein Schlawiner, ein Sprachökonom, ein Schwatziger, ein in beide Richtungen faszinierender Autor: wie kann man so einen Unsinn fabrizieren, einerseits, wie kann man so opportun schreiben, wie kann man so gefällig sein, und doch auch hier immer wieder Granatsplitter, Tretminen, Fallen. Null ist nicht nur ein Science Fiction sondern bittere Frucht. Etwas Distanzierendes, etwas, was man auch als gewollt bezeichnen kann – und doch erkenne ich an: er gibt sich in keinem seiner Bücher mit reinem Mittelmaß zufrieden, er will immer auch über sich selbst hinaus. (Ist das etwa wieder Projektion?)

Warum ich das erwähne: Die drei unterschiedlichen Bücher haben über sehr unterschiedliche (Vertriebs-)Wege ihren Platz in meine Buchreihen gefunden, und ich finde sie alle drei herausragend – interessant, umwerfend, erzürnend, lebendig im wahrsten Sinn der stummen Sätze.

Der Artikel Kritik des normativen Lesens umschreibt laut meiner Interpretation eine Wirklichkeit, von der man ausgehen kann, dass sie zu teilen sicher einhält, was sie verspricht: Die Wirklichkeit der Macht der Mächtigen, der Herrschenden bestimmt nicht nur ihre Kreise, sondern auch die Vermittlerebenen, meine Regeln, meine Vorlieben, meine individuellen Vorlieben – aber sie überdeterminiert natürlich auch, sie übervorteilt, sie macht zum Willfährigen ihrer Launen und Verlautbarungen. Zur gleichen Zeit entsteht natürlich auch Raum für Deutungshoheit, Interpretation und Gestus – nach ihrer Version von Deutung und Idee. Das führt regelmäßig zu Undiszipliniertheiten und Übergriffigkeiten, jetzt wieder Herr Marc Reichwein Frau Westermann kurzerhand „Tante Westermann“ nennt https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article164288145/Claus-Peymann-kauft-sich-ein-Buch-und-muss-kotzen.html

Gleich auch der Titel des Artikels – eine Entgleisung. Hofbereiter eines Sprachgebrauchs, der dem eigenen Anspruch nach eher Down-Under als UpperEastSide zu bezeichnen wäre. Eigentlich schon überwunden geglaubtes Ideogramm (zu Bildern gewordenes Schriftzeichen), dachte ich, aber die Banalisierung und Rumtrumperei steht plötzlich jedem Berichterstatter zu? Schade nur, dass wir hier über Literatur sprechen und nicht über Tüten und Knallen. Der Freitag nun und der Artikel vom Samstag machen mir bewusst: Meine eigene Lage ist nicht nur die des Mittelstandes, die einer wehrlosen Mittelklasse, nein sie wird zunehmend prekär. Die Literatur schafft nicht nur sich ab, sie hat es auch auf mich abgesehen. Man kauft Bücher und könnte kotzen, so Reichwein. Ich kann mich nicht erinnern, dass Peymann gekotzt hätte. Er hat sich, ganz Peymann, das Recht rausgenommen, Old-Daddy zu spielen und machte davon auch vollumfänglich Gebrauch, sodass es kein Literarisches Quartett mehr war, sondern die Peymann Show zu Lasten der Bücher. Was nur, fragt man sich nun, soll an dieser Art des Bücherbesprechens besser sein als die der liebevollen und natürlich auch manchmal etwas überbordenden Literaturbloggerarbeiten.

Nun – die letzten Monate zeigen, rein politisch, nichts ist überholt, es scheint viel mehr einen Roll Over Come Back zu geben aller Ordnungssysteme von der feudalen Welt – bis zur Kohlhaas’schen Wut, von der Mündigkeit zur Unmündigkeit, von der Show zum Desaster, von der Welt, in der Lucie Müller und Hans Dampf sich glücklicher fühlen, wenn King Louis sagt, wo es lang geht bis hin zur Welt, in der ich nichtmal mehr meinen Augen traue (Deutschland sucht den Superstar) Und trotzdem. Es scheint, langsichtig betrachtet, eher so, als handelte es sich hier um eine Art Spätausläufer alternder Schulen, Ideen – ein Epochenwechsel steht bevor – und klar, der König will nicht abtreten, will den Thron nicht freigeben, woran liegt das? Ich habe unsere monotheistische Sichtweise im Verdacht. (Bei aller Säkularisierung – doch doch – es ist dies ein Vielgötterstaat – lass mich das erläutern.)

Vormals noch monotheistisch katholisch und Staat und Kirche hatten ein großes Interesse an gemeinsamer Arbeit und Ausrichtung, Luther kam sah und schlug 95 Thesen an die Tür, da war es dann erstmal vorbei mit der göttlichmenschlichen Vorherrschaftlichkeit, es folgte ein langer Weg durch die Instanzen, und heute sagen wir dazu Die Kirche hat zu viel Geld, der Staat zu wenig und Gott hat sich verspätet. Wann war noch gleich die Epoche der Renaissance? Das ist 15/16.Jahrhundert. Formalhistorisch korrekt. Nach Luther die Renaissance. Da war Gott schon nur noch Zuschauer einer Menschwerdung besonderer Umstände: In unserer Gott-Kirche-Ich-Staat-Getrennten Welt. Auch haben Wissenschaft, Forschung und Erkenntnis ihm den Rang abgelaufen, aber Fürstentum, Adels- und Ahnenkult und all die anderen Selbsterhaltungsabsichten sorgten noch nicht für den Durchbruch. Schlimmer noch. Das Gefälle zwischen Wohlsein und Unwohlsein vergrößerte sich und da Wohlsein dem Unwohlsein vorzuziehen ist, muss sich gegen das Unwohlsein abgegrenzt werden. Sprich. Geld den Tüchtigen, den Armen die prekäre Lage. Und da Wohlsein sich mittels Geld, Kapital und Wissen vergrößern lässt, beginnen die Gottesbeweise wieder zuzunehmen. Inzwischen aber hat der Gott im Menschen jede Empathie dem digitalen Wahnsinn übereignet, und so kann sich das Prekäre aussuchen, was es will: Gott begegnet ihm im Kartoffelsack auf RTL, als Engel im Künstlerhimmel und als vollgespuckter Eimer auf der Welt am Sonntag. Das macht insofern Sinn, als der Mann mit dem Faible fürs Wohlsein gern mal einen raushaut – weil er glaubt, er treffe immer den richtigen Ton.

Marguerite Duras dagegen ist derzeit für mich das größte Glück im Unglück unserer Zeit. Sie schreibt, wie sie es will, wie sie es kann, oder wie sie es eben nicht kann. Und sie schreibt unmaßstäblich, indem sie sich selbst zum Maßstab erklärt. Das finde ich erstrebenswert im Sinn von Werkstatt, von Work in Progress, von Gestaltung. Denn das was mir die Gesättigten in ihrer Unzufriedenheit vorschreiben wollen, wie ich etwa zu agieren oder gar zu lesen habe – ja, es treibt mich weg. (Randbemerkung: Ich weiß z.B. immer nicht, was mir gesagt werden will mit dem Satz: „Es hat mich gelangweilt“. Das impliziert für mich eher eine Aussage über den oder die so eine Aussage trifft, als über das so beschriebene Buch. Hierzu empfehle ich einen Blick in das Buch Kleine Philosophie der Langeweile von Lars Svendsen (gibt es nur noch gebraucht, daher das Bildchen nur noch ein Bildchen): Wer es prosaischer Will: Oblomow von Gontscharov. Anmerkung zu)

Zurück. Ein Claus Peymann, der sich zur Autorität erklärt, darf sich ja gerne selbst autorisieren, das im Kontext einer Demokratie, da jeder sich selbst autorisieren darf, bitte aber nicht in einem Sinn, in dem ich ihm dafür noch applaudieren soll – und mich reduzieren – und meine eigene Autorität preisgeben. Zumal ein Herr Peymann mir immer gesagt hat, früher, es lohne das Wort Selbst, es lohne das Wort Freiheit, es lohne das Wort Auseinandersetzung – er sagt es noch immer: Kunst sei immer individuell! (Streitbar – sehr streitbar – nach diesem Abend und nach dieser in meinen Augen übergriffigen Betitelung des Feuilletonisten in der Welt über Frau Westermann. („Tante Westermann“) erst recht – in Frage gestellt. (ein Herrenwitz wohl)

Bedeutet im Umkehrschluss: Ein Feuilleton ist in meinen Augen ein schöner Begriff von einem Feuilleton, das hat seine Berechtigung im Lesezirkel von Karl Kraus oder Kurt Tucholsky, und in der Phantasie meinetwegen aufstrebender und ehrgeiziger Literaturkarrieristen. Wirklich wahr? Es ist inzwischen an einer Hand abzuzählen. Nehmen wir die Zeitungen: Süddeutsche, ZEIT, FAZ, NZZ, Standard, Welt – dann zählen wir großzügig noch die Guardians und Times und Washington Post dazu: wer liest die in unseren Breiten?) – nehmen wir die unterschiedlichen Literatursendeformate – es kommen in meinen Augen zwanzig, dreißig, lass es fünfzig sein, zusammen – dem gegenüber sehe ich auf Literaturport 1.600 Autoren – wie viele von denen wurden vom Feuilleton besprochen, entdeckt, gestützt, aufgebaut? Das Verhältnis Autor zu Kritiker scheint umgekehrt reziprok zum Sprachgebrauch von Trash und Filterblase plus dem ganzen obendrauf, was allein im Zeitungsartikel an Überschrift ausgeworfen wurde? Wer eigentlich sorgt hier für Logorrhoe und Sprachverfall? Wer schreibt besser, der Feuilletonist des Spiegel oder der der Welt? Welcher Unterbietungswettbewerb wurde da eingeläutet? (Das Wort Kakophonie habe ich, glaube ich, das erste Mal im Spiegel gesehen, womit die Zeitschrift gemeint ist, nicht mein Gesicht im Spiegel – obwohl – manchmal … ja, man fühlt sich regelrecht mächtig ins Gesicht und so … )

Welche Macht bleibt mir? Meine Kaufkraft, nicht wahr? Im ersten Anfall vom Freitag war ich soweit: Abschwören, abschwören, abschwören. Sagte ich mir. Diesen Leuten da, dieser Szene, kein weiteres Geld. Damit würde ich mich selbst verletzen, und keiner dieser Leute würde es merken. sagen wir so: Früher bin ich ihren Empfehlungen gefolgt. Dadurch erreichten Peter Handke, Elfriede Jelinek oder Christof Ransmayer meine Bibliothek – Thomas Bernhard, A.F.Th. van der Heijden, David Foster Wallace, ein J.J. Voskuil – sie kamen über Privat-Empfehlungen (da gab es noch keine Blogger) in meine Nähe. Ein Martin Walser, ein Peter Handke, selbst ein Max Frisch, stehen in der Gefahr, meine Bibliothek wieder zu verlassen, sollten sie noch einmal vom Feuilleton versehentlich oder absichtlich erwähnt, gefeiert, oder zum Maß der Dinge erhoben werden (Ich will keine Retorte, ich bin eine).

So schon geschehen mit Botho Strauß, Peter Sloterdijk und Salman Rushdie … es führt im Umkehrschluss nicht nur die selbsterfüllende Prophezeiung von selbsternannten Königen und Fürsten zu dauerhafter Präsenz von Autoren oder gar Kritikern, sondern ebenso gut führt ihr Machtmissbrauch zur Abwehrhaltung gegenüber ihrer Präsenz und Vorliebe. Das gilt nicht nur für Kritikerstimmen, sondern im Umkehrschluss auch für Verlage. Wenn sie immer nur Kartell spielen – muss ich ihrem Karussell noch folgen?

Umgekehrt: Sie sind schon samt sonders schnappatmend unterwegs … was sie allerdings nur bedingt selbstverschuldet haben (denken sie), die übermächtige Konkurrenz aus den USA über das Internet – macht zu schaffen. Das herdenhafte des Prekariats, des Pöbelnden, des Volks, der Unter- wie Mittelschichten – macht zu schaffen. Dabei gehen sie offenbar immer noch davon aus, dass die Unter- wie Mittelschicht dumm bis unterbelichtet sei, denn Autofahren sei immernoch aufregender als Lesen. (Was es unbestritten ist – je nach Grenzwert). Oh je. Die RTL-Isierung der Gesellschaft, die Schlammschlachten, die ach so moralfreien Selbstdarsteller … das alles ist Programm … von wem für wen? Wenn eins die Kulturlandschaften tatsächlich unter Strom gebracht hat, ist es die Globalisierung – ja, die Welt ist offener geworden, vielseitiger und vielstimmiger. Dafür rächt man sich jetzt an Bloggern. Die arbeiten auch noch umsonst und machen uns die Honorare kaputt? Auf der Suche nach einem Motiv.

Da entsteht mir eine Frage. Warum sich noch über das Feuilletonwesen erregen? Warum sich darum sorgen. Welche dieser Zeitungen überlebt die nächsten zwanzig Jahre? Sie und mit ihnen ihre Berichterstatter haben offenbar jetzt schon nur noch ihren Überlebenskampf vor Augen. Blogger beschimpfen scheint vor dem Hintergrund so aussichtsreich wie das Verbietenwollen des Internet. Räume gewinnen und manifestieren in dieser Form – nun, das fällt sogar mir auf. Kommt nicht gut an.

Der Blog, die Bloggerin, der Blogger. Unbestritten, dass das neue Lesekulturen nach sich zieht. Natürlich auch den Trash – aber wie waren die Zahlen gleich? http://www.buchmesse.de/images/fbm/dokumente-ua-pdfs/2016/buchmarkt_deutschland_2016_dt.pdf_58507.pdf Darin die Zahl 89.506 erscheint (ohne Selfpublishing.) Da will mir Herr Peymann sagen, er habe sich eine Atwood gegriffen in der Hoffnung, eine große Autorin zu greifen, nun sei er so enttäuscht worden … ist Peymann vielleicht einfach nur sehr schlecht beraten … von wem, seine Empfehlung wird er wohl kaum einem Blogger zu verdanken haben, fürchte ich, so beratungsresistent wie ich ihn einschätze. Weil Kunst hat nichts mit Demokratie zu tun, sondern mit Individualität und somit Autorität.

Es ist unbestritten, dass viele Blogs mir das Lesen abnehmen, erleichtern, mich warnen, mich verleiten, mich reinlegen, mich stimulieren, mir helfen, mir vor den Kopf stoßen.

Dabei geht es aber nicht mehr, oder nicht mehr nur um Deutungshoheit oder Machtraumgewinnung – sicher spielt das immer eine Rolle, als quasi menschennatürliche Regung, aber vor allem fungieren die Blogs als inzwischen viel besserer Filter im ach so unüberschaubaren Buchmarkt. Wenn ich mich orientieren will und „eine faule Socke“ bin, bin ich wahrscheinlich bei den Feuilletonisten gut aufgehoben. (Ja, ich bin dann auch manchmal zu bequem – einschließlich Nebenwirkungen – z.B. (Feuilletonempfehlungen ernstnehmen und lesen und feststellen, naja, das Buch verspricht tatsächlich, was der Feulletonist sagte darüber: Zum Beipiel die Reise in den Westen vom Reclam Verlag – für den stattlichen Preis von 88 Euro hätte ich mir die Bilder aber in Farbe gewünscht)

Seit ich nun aber beim Bloggen Favoriten, Timelines und Abos selbst zusammenstellen darf – und es auch tue – desto bedeutungsloser wird Konfektionsware. (Peter Handkes Pilzsammlung in übergroßer Schrift, damit vierzig Seiten wirken und ausschauen wie 180) – Bücher von der Stange gab es schon immer mehr als genug, auch vor Blogger-, Literatur- und Verlagsmisere. Dumm nur, dass auch die Autoren infiziert wurden, aber das steht auf einem anderen Blatt.

Wie gesagt, ich war von Freitag auf Samstag sehr unglücklich über Peymanns Auftritt – die Sendung Literarisches Quartett werde ich mir (wenn überhaupt) nur noch valiumgefüllt antun – aber der Artikel Kritik des normiertes Lesen hat mir am Sonntag Augen geöffnet. Dies mitteschöne aber wirkungsvolle Wörtchen Distinktion schwebte plötzlich wie eine alles erklärende Schwingkugel durch den Raum. Das ist leider wohl Menschentechnik. Mensch definiert sich über sozialen Rückhalt und Konvergenz (Übereinstimmung) innerhalb seiner Gruppe. Gemeinsames Lachen inklusive.

Da wir nun aber den Monotheismus endlich mal nicht nur in Frage stellen (Das Individuelle stärken?), sondern gleich auch mal über Bord geben wollen, (ich jedenfalls), scheint es zumindest mir folgerichtig, wenn neben der Genius-Debatte auch eine Kompetenzdebatte nochmal gestellt wird: warum soll der, der sein Leben darauf ausrichtet, einen der wenigen Stühle im Himmel der Glorreichen zu besteigen, mehr wissen oder draufhaben als die vielen, die sich in seinen Augen (noch) Schwarmintelligenz nennen, aber in den Augen des Schwarms kaum mehr in Erscheinung treten. Sinn und Zweck des Selbstschutzes im Schwarm (wenn ich von denen arroganterweise als Unter- oder Mittelschicht (ein Leserkäufer nach Prinzip und Verordnung also) betitelt werde – so verhalte ich mich (geschickt), genauso, wie sie es von mir erwarten: sie merken von mir nix!, ich aber merke von ihnen, wie sie immer mehr extrapolieren (extraproletarisieren (zurück zum Volk (?!) /extrapolemisieren , sie sich somit nur weiter … plustern, da fällt auch diese Maske und Marke.

Somit haben wir nichtmal ein Fazit? Oh doch, haben wir: Es bleibt kompliziert. Und trotzdem haben viele der BloggerInnen inzwischen eine größere Autorität für mich als jeder wiederkehrend widerkäuende Feuilletonist. Den Fehler also müssten auch Blogger vermeiden – nur widerkäuen, was Papa schon … usf. Ja, die Krise … auch die geht weiter.

Mit einem guten Diktaphon aber, einem guten Kompass und vielen Bloggern als Freunden im Nest (pardon Netz) … wird sich das ändern … keine Revolte, sondern ein Prozess. Die da meinen, sie könnten sich darüber hinwegsetzen … nun. Zeit wäscht Steine. Ich höre ihnen künftig nicht mehr zu. Wenn ich Bock drauf habe, guck ich Fassbinder an oder Kinski. Und lese Bernhard. Das reicht mir dann i.d.R. für eine gute Portion schlechte Laune bekommen über noch viel schlechtere Stimmung.

Vielen Dank an die Autorin dieses Artikels: http://www.54books.de/zur-kritik-des-normierten-lesens/

dieu

Buchempfehlungen (für das Kreuz und Quer der Bilder und Links: Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker, ich habe gerade keine Zeit mehr das zurechtzurücken …. dauert das immer):

978-3-95757-008-6-x160xx400x-1449570663 42002 9783462049459

u1_978-3-596-90158-6-50031714

978-3-15-010879-6

9885

Blunatek – vom Anfang her

Lieber Rainer. Nach dem, was ich seit Tagen verspüre, bin ich zum Ergebnis gekommen, dass es besser ist, wenn sich unsere Wege wieder trennen [eh sie nochmal zusammenfanden]. Es ist nicht recht, sich rundum zu belasten und die Fragen überhand werden zu lassen. Ich hoffe für Dich, dass Du Deinen Weg machst. Und ich wünsche mir, dass wir uns weiterhin in leichter statt schwerer Erinnerung sehen. Glaub‘ mir, es ist besser für beide –

in Liebe Rosa.

 

… du triffst eine Frau an die fünfzig und sitzt mit ihr zum Kaffee zusammen, noch ist nichts passiert … du schließt sie in den Arm, der Weg führt euch ins Bett … was hast du dir dabei gedacht? Wir sahen uns auf Roberts Beisetzung, mein Mann vor mehr als fünfzehn Jahren – mit ihm teile ich eine Tochter – wenn ich von teilen sprechen kann … die letzten Jahre sorgte er sich nur noch telefonisch, und wenn es gut kam, finanziell, Lena meine Tochter − er ihr Vater. Ich sah Rainer wieder auf Roberts Beisetzung … eine Geschichte, die ich verdrängt habe, die mich nicht mehr betrifft, für die ich mich nicht rechtfertigen muss. Ich ahnte es Stunden vorher, befürchtete es auch … die beiden waren dick befreundet … ihr Verhältnis wurde schwierig. Zwei Jahre einer Übergangsphase … Robert beschwichtigend, Rainer fordernd. Als unsere gemeinsame Tochter geboren war, beruhigte sich Rainer und wurde einsichtig, die beiden gaben sich wieder sich freundschaftlich … ich goss trotzdem Abstand ein, zwischen Rainer und mir … als ob Robert sich im gleichen Vertragsverhältnis befand, kühlte auch er ab … nach Jahren der Gemeinsamkeiten suchte jeder für sich eine eigene Wohnung. Und nun, vierzehn Jahre später, ist er tot. Ich auf seiner Beisetzung … steht Rainer neben mir … erinnerst du dich? Pleasure for me? Ein Running Gag. Das hing damit zusammen, dass er zwischen den Zeiten mit einer Britin flirtete, wieder und wieder setzte er sich in Sprachnester … Pleasure for me. Ob er bleiben dürfe oder gehen … sie habe ihm augenzwinkernd zu verstehen gegeben, es sei ihr ein Vergnügen. It will be nice for me to be … wollte er sagen, sagte aber it will we nice for me to believe. Ein Scherz, den ich ebenso augenzwinkernd beantwortete A pleasure for you or a pleasure for me? Er stand neben mir. Nicht meine Art – angesprochen zu werden, auf Roberts Beisetzung … ich musste etwas sagen. Ich kann mich nicht erinnern, sagte ich. Hilf mir auf die Sprünge.

− Mensch Rosa, verarsch mich nicht, sagte er.

Diese plumpe Art – wie es die Freaks von damals drauf hatten, aber vernachlässigten, dass jedes Alter seine Sprache hat. Dieses Wort verarschen zu hören auf Roberts Beisetzung, schien mir unverträglich mit dem, was geschah. Roberts Urne. Seine Tochter aus zweiter Ehe, sein Sohn, die Geschäftsleute, wie viele davon seine Freunde waren oder Gläubiger, vermag ich nicht zu sagen. Da ich nicht antwortete, abgelenkt von den anderen, wollte er sich schon gehen, entschuldigte sich sogar.

Sorry, my dear. It’s a pleasure for me to believe.

Was das bedeutete … war mir entgangen … Rainer. Sein Charme. Sein alter Witz. Woran glauben, wenn du dich vertan hast. Wusste er denn nicht, dass ich auf diese Art Veranstaltung nicht gut zu sprechen war … wollte er etwas auffrischen, was weder ihm noch mir zustand, schon gar nicht angesichts der Urne, den Tönen der Paul Gerhardt Choräle, den brennenden Kerzen, den üppigen Blumensträußen. Dieses deutsch akzentuierte pleasure for me … ein stürzender Bach in einen Felsengrund, längst war es in mein Mittelohr gedrungen und vollführte einen herrlichen Singsang mit all den Sensibelchen, die mir seit Jahren im Ohr sitzen und nur darauf zu warten scheinen, dass ein etwas stärkerer Wind sie belebt, wie erfüllt von großer Luft standen sie kerzengerade und zupften sich das Kleid zurecht, begrüßten den neuerlichen Windsturz mit einem herzerweichenden Befehl ans innere Auge, sich auf seine Spur zu begeben, ihn nicht aus dem Auge zu lassen, diese Stimme wieder … ich hatte sie vergessen. Was rede ich. Sag‘ einfach, dass es dich nicht betrifft. Du keine Ahnung hast, wenn dir so etwas noch nie geschehen ist. Die ganze Geschichte nochmal von vorn?

Pleasure for me.

Nun bin ich zu lang im Geschäft … meine Handtasche gab eine Visitenkarten frei, sie wies mich als Bewohnerin von Los Angeles aus, die wollte ich ihm geben mit der Bitte, sich in zwei Wochen bei mir zu melden, jetzt sei leider nicht der rechte Zeitpunkt, vertiefende Gespräche zu führen, ich wollte los.

Ergebnis der Veranstaltung. Die Urne war noch nicht abgesenkt … ich schaute mir die Leute an … an diesesm Film hatte ich keinen Anteil mehr … unsere Tochter war in den Staaten geblieben, ich stand zwischen Rainer und den anderen, Roberts Frau kümmerte sich um die Kinder, um alte Freunde … ich fühlte mich fehl am Platz, Rainer fing an, mich zu beklemmen. Ich beschloss, noch während ich ihm die Karte reichte, verstohlen, dass es als Sache erscheinen sollte zwischen ihm und mir, um gleich zu gehen, gar nicht erst auf den Leichenschmaus zu warten, mich nicht auf Gespräche einzulassen … warum, wozu, wieso? Als wäre ich eine Koryphäe, die ihrem Jäger ins Erdloch folgt.

Wenn du magst, Rainer, so lass uns gehen, dachte ich, wollte diesem pleasure for me so weit entkommen, wie es ging, was bedeutet hätte, der Abend war gelaufen. Zurück in meine Berliner Wohnung. Abendessen. Fernsehen. Warten, dass die Sensibelchen die Stimmlage Rainers vergessen und am nächsten Morgen Weiterflug London.

Wenn ich eine Frau bin – gern gesehen und viel unterwegs, wieso soll ich einer Stimme folgen, die ich nicht mehr kenne. Wieso ist das mit den Stimmen mehr als nur Musik fürs Ohr bei den einen, und ein elender Krawall bei anderen – warum nisten sich bestimmte Stimmen bei dir ein, während andere nichtmal das äußere Ohr erreichen? Nun, diese Frage hat sich erübrigt, wenn sich das Gehirn entspannt, du dir Gedanken machst, was übermorgen kommt, was in zwei Wochen.

Was einem alles durch den Kopf geht mit einem Mal.

Statt etwas zu sagen, hakte ich mich bei ihm ein. Ich stand stumm neben ihm, und fühlte mich einknicken. Ich hielt diese Stütze für angemessen, für nicht weiter fraglich. Robert hatte Frau, Sohn und Tochter aus zweiter Ehe zurückgelassen, mich hatte er gar nicht mehr gefragt, und wenn er mich nun neben Rainer stehen sah, eingehakt und irgendwie gerettet, so konnte das Robert nicht mehr erzürnen. Pleasure for me will mich nicht verarschen, dachte ich. Pleasure for me will etwas gutmachen.

Nur ein Scherz. Jeder Witz steht im Verdacht, über den reinen Scherz hinauszugehen, und macht dich zur Teilhaberin einer tiefersitzenden Erkenntnis – das Misstrauen setzt sich fest, ein Misstrauen, das mir galt – denn sicher wollte er mich nicht verarschen. Er trat nicht zufällig in mein Leben, um mir sein vielfaches in Gestalt von Frauen und Kindern zu verraten … was er erlebt hatte in den Jahren. Wenn er mit dieser unreifen Ausdrucksweise sprach, war es noch immer so, dass ich wieder in sein Leben trat, um ihn mit einem toten Mann und der abwesenden Tochter zu konfrontieren. Als Ausgleich zu dieser Schieflage blieb der Humor, ich spürte ihn förmlich in mir pochen. Mein Herz. Die Erinnerungen steigen empor und zeigen den alten Rainer … mit Schnauzbart … wie er seiner Kunst erliegt, die Bilder schießt … sein Fotoapparat – der, immer dabei – sich bald nur noch auf mich zu richtet, morgens mittags abends. Ich vermeide es, nackt durchs Zimmer zu laufen, ich vermeide es, im Bademantel am Küchentisch zu erscheinen, ich vermeide es, Durchsichtiges anzuziehen, sein Fotoapparat bekommt keinen Zutritt ins Schlafzimmer. Pleasure for me und sein zweites Gesicht. Da draußen spricht der Pastor. Weit hinausgerückt aus dem inneren Bild ins äußere. Rosa, halt‘ inne, denkt Rosa … was geht dir durch den Kopf? Wenn zwischen Rainer und mir mein toter Mann steht, meine abwesende Tochter, so stand zwischen ihm und mir dieser schwarze Klotz mit der Brennweite eines mich spiegelnden Glasauges – ich durfte bald Zweifel haben, ob dieser Mann jemals in der Lage sein würde, sich auch mal ohne Werkzeug oder Apparat zu zeigen, sich vielmehr zu verstecken beabsichtigte. Seine Aussage immer war, er sei beschäftigt, dabei, sich weiterzuentwickeln, was nur verdeutlichte: er war kreativ bemüht, sich künstlerisch zu geben, er wusste nicht, wohin mit seinen Händen, mit den Armen. Weit ausholendes Geläuf, sucht etwas zum Festhalten, zum Greifen, sucht eine Stütze. Wir mussten das nur noch durchhalten, diese eine beklemmende Stunde. Da fragt er es direkt. Ob ich später auf den Leichenschmaus mitgehen wolle, oder besser mit ihm einen Kaffee trinken. Ich blickte ihn kurz an. Spürte den Impuls zu gehen, nicht mit ihm, sondern zum Leichenschmaus. Die Pflicht. Die anderen Leute. Was würden sie von Rosa denken, wenn sie sich mit Rainer absetzte. Nun, was sollten sie denken. Sie dachten es doch sonst auch nie.

It will better for me if you believe.

 

IMG_1782

 

Blunatek – Der Motorenfreund

  • aus der Überarbeitung von Blunatek – der Versuch, mit der Behörde in Kontakt zu treten. Rainer hat mehr als zwei Jahre gewartet auf Besserung, da muss er deutlich werden … (Achtung Sound: Vorsicht, 1:1 aufgenommen, ohne nachträgliche Filter.)

 

 

Änderungsanmerkung: … merke, wie ich, seit ich das öffentlich gesetzt habe, unzufrieden werde mit dem Brief. So, wie er da steht, kommt die Gleichsetzung der Busse mit Esel, Pferd und Elefant etwas unbeholfen/ungeschickt/gewollt daher. Dass mir der Text im Kontext wiederum nicht als störend aufgefallen ist, liegt wahrscheinlich daran, dass mir die inneren Beweggründe des Briefs bekannt sind. Das Kapitel beginnt mit:

Reine Notwehr – sagt Rainer. Was greift der mich auch an. Rainer auf hundertachtzig – hör doch – erst stellt er seinen Bus vor mein Arbeitszimmer – ich kann auf die Felgen der Reifen sehen, ein Zimmer weiter auf den Kühlergrill. Aus dem der Lärm herausschlägt, und mich durchbohrt – mehr als fünfzehn Minuten – der Motor brüllt. Ich da raus. Auf den Bus zu. Klopfe ans Fenster – Keine Reaktion. Klopfe wieder. Nichts. Der Bus geschätzt 90 Dezibel – bei geschlossenem Fenster mit Handy gemessen 70 Dezibel – 70 Dezibel sind  eine Maschine im Bauch – fährt mir über die Knochen – vom Verursacher keine Spur.

Rainer springt den Bus an, nichts. Wahrscheinlich eingeschlafen. Busmotorenlärm unterscheidet sich von dem, was Umweltfreaks ihm Glauben machen wollen; man nehme die Insassen und setze sie einzeln in Automobile. Hier nun der Gegenbeweis. Ein Bus, ein Fahrer, eingeschlafen. Der Motor läuft schon zwanzig Minuten. Rainer wartet vergeblich, dass dem der Sprit ausgeht. Die Luft schwefelig – ölig – ein Geruch nach gebratenen Tauben – Mutter und Vater sitzen auf seiner Schulter und erwarten, dass er nicht ausrastet – friedlich verstorben seien sie. Rainer will friedlich leben, antwortet er. Vor ihm der Blechkasten – darin ein Fahrer. Eingeschlafen. Rainer springt gegen die Scheiben – er nimmt seinen Schlüssel zu Hilfe – da hört er den Fahrer – der kommt durch den Gang getankt – die Fahrgasttür öffnet sich – sichtbar wird ein Knilch mit den Abmaßen eines Schemels – ein Zwerg, der schreit, was Rainer einfalle, den Bus zu zerkratzen. Rainer schreit zurück: Schalt‘ verdammt nochmal den Motor aus. Das gehe Rainer einen Scheißdreck an, ruft der Fahrer, er stehe sonst auch hier, niemand habe sich beschwert. Sie Arschloch!, schreit der Fahrer. Rainer nochmal: Sie machen sofort den Scheiß aus, sonst setzt es die Polizei. Dann ruf doch, du wirst schon sehen. Recht hat er. Nichts würde Rainer sehen – einen vorbeifahrenden Streifenwagen vielleicht – Der Rainer hier hindert einen Fahrer daran, für wohlige Temperaturen zu sorgen für Gäste, die mehr als 14.000 Kilometer herangeflogen kommen, um einzukaufen, Wok und Samsonite und Schmuck. Stattdessen ruft Rainer: Du machst den Motor aus. Da der Fahrer keine Anstalten macht, schießt Rainer mit Handy stirnseitig ein Bild vom Nummernschild. Der Fahrer stürmt heraus. Er springt Rainer an den Hals. Du löscht sofort das Bild, ruft er. Ich denk‘ nicht daran, ruft Rainer, der Zwerg hängt auf seinem Rücken, die Finger in Rainers Hals verkrallt. Rainer dreht sich ruckartig um – er schüttelt den Fahrer ab. Der – nicht Rainers Absicht – schlägt mit dem Rücken, schlimmer, mit dem Kopf auf einen die Grünfläche abgrenzenden Poller auf, er bleibt reglos neben dem Poller liegen. Rainer sieht eine Blutlache neben dem Kopf des Fahrers in die Wiese sickern. Es steigt ihm dieser todernste Zwischenfall zu Bewusstsein, er wünscht, er habe einen Alptraum, in dem ein herbeispringender Tourist dem Fahrer eins über den Kopf gezogen hat. Die Blutlache im Rasen vergrößert sich. Der Deal zwischen Busfahrer und Rainer ist entschieden. Er wird in Kürze zum Gespräch mit vier Polizisten gebeten – sie haben wichtiges zu besprechen und führen ihn ab.

——————-
Ausgangspunkt ist das Gespräch Lutz Steiners mit seinem Agenten. Der erwartet von Steiner schon seit Monaten, dass er endlich einen leicht lesbaren Krimi vorbeibringt, stattdessen arbeitet sich Steiner an seiner Biographie ab, das sind die in Plastiktüten vorrätig gehaltenen Aufzeichnungen. Und „schreib doch mal einen Krimi“ kommt ihm als Dienstanweisung eher ungelegen. Schon hat Rainer (eine seiner Figuren) das Problem mit Busfahrer. Ja. Mehr als einmal hat Dr. Schlot dem Steiner gesagt: Du sollst nicht schreiben, du sollst lesen. Dass der Steiner mir in einigen Punkte naheliegt, dürfte aufgefallen sein.

Ungefähr zehn Seiten später dann setzt Rainer einen Brief auf:

 

Sehr geehrter Herr Nie-Da, sehr geehrte Frau Immer-krank, sehr geehrte Schläfer.

Wir sind Anwohner des Eckhauses Zum brüllenden Hirsch und haben ein dringendes Anliegen an Ihre Behörde.

Seit nunmehr zwei Jahren gibt es gegenüber der Zum brüllenden Hirsch liegenden Straßenseite zwei Pferdeställe. Diese wurden eingerichtet, um den Museumsbesuch des Packlagers inklusive Schiffsverkehr mit der Uns-gehört-die-Spree-Reederei und der Uns-gehört-auch-die-Spree-6Sterne-Schiffahrt besser abwickeln zu können. Auch, um etwaige Sichtbarkeiten der Stadtverwaltung und das nette, aber nie besuchte Museum ums Eck, begehbar zu machen. Sieht aus wie eine Kirche. Das ist die uns vorliegende Information zur Begründung der Stallplätze für übers Land gebrachte Pferde.

Wir bitten Sie zu prüfen, ob diese Stallplätze für Pferde nicht auch um die für Esel erweitert werden können. Oder besser gleich auf die andere Uferseite verbracht, nahe der Insel der Brüderlichkeit, da wir durchaus innovative und dem Fortschritt nicht abgeneigte Anwohner sind, und uns der Dung und Kot der Pferde und Esel nicht wirklich gesundheitsbeeinträchtigend erscheint. Die Begründungen lauten wie folgt:

  1. Die Stallplätze für Pferde werden zu 90% von Elefanten aufgesucht, herunterfallen von den Elefanten überwiegend fernöstliche Stadtbesucher, die nichts anderes zu sehen scheinen in der Jenseitigen Straße als Sehenswürdigkeiten, wie es sie auch bei ihnen zuhause gibt. Die Gäste aus Fernost suchen hier einen Kaiser aus der Ming Dynastie und mehrfach auch Konfuzius, sind aber jedes Mal derart enttäuscht von ihrer Suche nach Ihresgleichen, dass sie immer mehr dazu übergehen, sich vor allem in Rudeln und unprüfbaren quasi demonstrativen Gruppen mitten auf der Straße aufzuhalten und dabei so laut zu reden, als wären sie daheim. Die Gäste aus Fernost können den Fußweg aus der Niemandem-gehört-die-Stadt-Straße über die Witzelbrücke kommend, ebenso ohne weiteres zu Fuß zurücklegen, und bräuchten nicht mehr weiter die Rücken der Esel, Pferde und Elefanten überbeanspruchen. (Der Fußweg wäre ungefähr um zwei Yard länger als die Länge der Witzelbrücke.) Die Gäste aus Fernost würden sogar „herzlichst willkommen“ geheißen mit unmittelbarem Blick auf acht grimmige Germanen mit Locken im Haar und Kindern auf dem Arm.
  1. Da die Stallplätze inzwischen überwiegend von Elefanten aus dem fernöstlichen Land blockiert werden, sind sie durch die für die Ruderboote in der Spree zuständigen Stallplätze für Kutsche, Rad und Esel wie Pferd nicht mehr nutzbar. Wenn Bootsfahrer Stallplätze beanspruchen, ist das Elefantenaufkommen i.d.R. höher als gerademal 2 Stallplätze für Pferde. Dann kommt es vor unserem Haus zu regelrechten Orgien, mit trötenden Rüsseln, Dung abwerfenden Ärschen und mindestens 30 minütigen Wartezeiten für die Gäste aus Fernost. Dann stehen hier Pferde, Esel und Elefanten kreuz und quer, die Überstraße entlang. Und können die beiden Stallplätze, die wohl auch für sie eingerichtet wurden, mit bloßem Auge nicht mehr erkennen.
  1. Die Stallplätze für die (vielleicht einmal im Jahr zum „Stadtmodell“ anreisenden Gäste) sind i.d.R. ebenso zugestellt und unsichtbar geworden. Denn A) gibt es direkt vor der Verwaltung zwei weitere Stallplätze. Und B) die vor dem Wir-sind-dann-mal-wech-Park sind eh mit hoher Wahrscheinlichkeit unsichtbar geworden, weil besetzt.
  1. Nicht zumutbar ist, dass diese Stallplätze auch für Übernachtungen genutzt werden. Das bedeutet: Pferde schnaufen die ganze Nacht. Esel meckern dazu. Und Elefanten fühlen sich in ihrer Lebensruhe gestört. Hinzu kommt die etwas unseriöse Angewohnheit der Pferde- Esel- und Elefantenbesitzer, ihre Tiere vor unseren Fenstern zu füttern, zu waschen und einmal ist es sogar zu einer Geburt gekommen eines Fohlen. Umso furchterregender manchmal das Gebrüll am frühen Morgen, wenn die Pferde ihre Hufe scharren, die Esel sich aufs Frühstück freuen und die Elefanten noch gar nicht merken, dass sie wieder aufzustehen haben. Das kann 7.00 Uhr sein, 8.00 Uhr und so weiter. Beispiel: Seit drei Nächten (So 5.10 bis Mi 8.10) werden zwei Pferde der Fa. Berghainer und der Fa. Französische Alp vor dem Fenster zur Übernachtung abgestellt: Ergebnis: Morgens glüht vor allem die Fa. Berghainer gerne vor. Heute Gespräch mit dem Pferdehalter: Keine Einsicht, da das für den Betrieb unabdingbar sei. Es waren schon 15 Minuten, ich schwöre: Stumpf geweckt davon um 7.15Uhr. Mein Vorschlag, die Pferde am Überflussufer abzustellen abgelehnt mit der Begründung, das hier seien genau die richtigen Stallplätze für ihn, wegen der absoluten Maße. Das gebe ihm das Recht hier abzuhängen. Ich sage ja, aber nicht das Pferd so lange auf sein Frühstück warten lassen, sage ich. Ich hätte von seinen Pferden keine Ahnung, sagt er. Stimmt, sage ich. Was ist das für ein schlechtes Pferd, sage ich, wo andere Pferde gerademal zwei Minuten brauchen und dann wegreiten. (Gerade soeben höre ich ein Wiehern – das ist die Fa. Berghainer. Ich schaue zum Fenster hinaus. Da sehe ich das Pferd kerzengrade in der Luft stehen. – Aha? Hat es Mäuse gesehen? Ratten etwa? – Diese Plage hat auch zugenommen.) Das Gespräch mit dem Pferdehalter führte in eine Sackgasse. Ich rief die Heimatfiliale der Firma an. Erst nach Bekanntgabe des Kennzeichens konnte er sich mit seinem Pferd identifizieren. Der Mann auf der anderen Seite behauptete, die Pferde der Fa. Berghainer benötigten morgens mindestens 30 Minuten zum Warmwerden. Dann möge der Herr Steigbügelhalter sein Pferd bitte gerne auf der anderen Überfluss-Seite abstellen – ob der liebe Steigbügelhalter denn diesen Stallplatz auch leicht von seinem Hotel aus erreichen könne, fragte der Herr am Telefon. Aber selbstverständlich, sagte ich, das sind gerademal 150 Meter Fußweg, Bitteschön. Er wollte es dem Steigbügelhalter ausrichten.  
  1. Pferde dieser Art, sage ich, locken weitere Pferde an. Häufig wird, weil bekannt ist, dass es die beiden Stallplätze gibt, sinnloserweise ein weiterer Stallplatz gesucht. Es kommt zu mehrminütigen Wende- und Umkehr- und Hinundher-Manövern. Oder zu mehrmaligem Umkurven des Blocks. Als würde sich so zwischenzeitlich ein Platz ergeben. Absolut vermeidbar durch die Einrichtung der gleichen Plätze (und mehr) am Überfluss-Ufer!
  1. Der Hinweis, man könne ja bei Ordnungswidrigkeit das Amt für Ordnung oder die Polizei anrufen zwecks Einhaltung der Lärmschutzverordnung – zu lang auf der Stelle stehender Pferde, Esel und Elefanten – im Ernst: sie werden mit Decken gekühlt im Sommer, sie werden mit Dung geheizt im Winter, es muss der Sattel geputzt werden, es müssen sich Geschichten erzählt werden von Überfällen und Pferdediebstählen, es werden auch Schweinshaxen gegrillt vorm Fenster – alles schon gehört und gesehen – wir reden viel mit den Steigbügelhaltern – so es geht – denn inzwischen kommen sie auch aus Rumänien, Bulgarien und Ungarn – und die beschweren sich schon mal bei uns mit den Worten: Germany is a free country, this is my busines, and your country is rich — der Hinweis jedenfalls, die Ordnungshüter der Stadt in solchen Fällen anzurufen, führt nicht zum Ziel. Wegen einer derartigen Ordnungswidrigkeit rücke erstens kaum einer aus, zweitens benötigten die Ordnungshüter mehr als 20 Minuten, bis sie auftauchten, da sie am anderen Ende der Stadt auch ständig gerufen werden – und drittens, wegen dem sie anrücken sollten, ist dann i.d.R. wieder verschwunden.
  1. Wir, die Anwohner, haben Schwierigkeiten einzusehen, warum das Wohl der Steigbügelhalter (!) (gewärmte Rücken, gedüngte Hufe – oder einfach nur das stärkende Rauschgefühl beim Laufenlassen und Hören des Schnaubens und Trappelns) vor dem Wohl der Anwohner steht. Auch ist fraglich, ob die etwaigen Steuermehreinnahmen der herbeigebrachten Gäste (sie shoppen und essen gern – die Einnahmen kommen einem Duty-Free Laden zugute und der Ming Dynastie) – die wiederum zahlen keine Steuern, da im Zuge der Völkerverständigung längst davon befreit, sie zahlen demnach auch keine Mehrwertsteuer oder Gewerbesteuer – nichtmal in Anteilen – was aber bekommt unser Land, geschweige denn ein Anwohner dieses Landes? Pferdemist und Nachgeburten bei Fohlengeburten. – Ob also die Steuermindereinnahmen den Verlust auf unserer Seite nicht noch verdoppeln, frage ich Sie. Wir, die Anwohner, werden krank. Wir, die Anwohner, zahlen aber Steuern. Wir, die Anwohner, verlieren unsere Leistungsfähigkeit. Wir, die Anwohner, können kein einziges Wochenende mehr genießen. Wir, die Anwohner, haben vor dem Hintergrund nur noch einen Gedanken: Bloß weg hier. Gut, dann kommen eben andere? Duldungsfähigere? Das wäre zielführend – Sagen Sie mir als Bezirksstadtrat aber bitte nicht, dass Ihnen unsere Stimmen oder unsere Gesundheit egal sind vor dem Hintergrund des höheren Aufkommens von Pferdemist und der Sauerei, die erst das Wasser hier veranstaltet, durch die Elefanten willkürlich verspritzt.

Einen Ausweg aus dieser Misere stellen wir uns so vor: Die beiden Stallplätze vor unserem Haus werden unverzüglich aufgelöst und durch Stallplätze am Überfluss-Ufer ersetzt. Der vielleicht einhundert Meter hinzukommende Fußweg kann kein Argument sein. Jeder der gut gegessen hat, weiß, was ein paar Schritte Gutes tun. Auch die Ruderer und Bootsinhaber könnten über das Überfluss-Ufer abgewickelt werden. Gleiche Begründung: Ein paar Schritte können nicht schaden, und: Der Weg über die Witzelbrücke zu Fuß erbringt schöne Wasser-Querblicke – es hat noch niemandem geschadet, zwei Schritte mit vier weiteren Blickperspektiven zu paaren. Zumal die Rushhour der Bootsliebhaber durch die zwei in dem Fall „lächerlichen“ Stallplätze niemals abgefangen werden können.

Insgesamt würde es auch dem diesseitigen Ufer gut zu Gesicht stehen, wenn das Pferdeaufkommen wieder runtergeritten werden könnte. Es ist doch klar: Die Pferde verstellen den Touristen den Blick auf die Kirche. Und ein gesundes und förderliches Miteinander zwischen Anwohnern und Touristen müsste ebenso im Interesse einer Behörde sein wie das Interesse für Stadt und Kultur – im übrigen: Wir konnten nicht einmal beobachten, dass eine der hier herangeschafften Gäste sich eine oder zwei Minuten in die schicke aber ungenutzte Kirche hineinbegeben hätte.

Wenn Sie, Herr-der-nie-reagiert, sich um die Belange Ihrer Bürger bemühen, kommen wir gerne auf Sie zurück. Sollte sich Ihr Bemühen allerdings darauf beschränken, uns noch größere Toleranz und noch höheres Durchhaltevermögen zuzumuten, haben wir uns missverstanden.

Nochmal zur Verdeutlichung: Hier leben Menschen und keine Maschinen, nach Ihrem Verständnis. Kinder. Rentner. Arbeiter! Die dürfen sich täglich an und ausgehendes Pferdegelächter anhören. Dieses Geräusch im Übrigen durch Mark und Bein geht. Das liegt sicher auch daran, dass wir es hier mit einer ansonsten „ruhigen“ Gegend zu tun haben, das sonst übliche Grundrauschen von ca. 65 Dezibel (A) deutlich niedriger sein dürfte. Wenn aber ein Pferd mit ca. 80 Dezibel (B) zu lachen beginnt oder hier durchreitet – ist für einen Grundschock gesorgt – der wiederholt – und vor allem auch: an Sonntagen! stattfindet.

Vielen Dank für eine baldmöglichste Umstellung und Veränderung dieser misslichen Lage! Der Lärm hier grenzt, um es deutlich zu formulieren: an Verletzung der Organe – ob Ohr, Mittelohr oder ganzer Lungentrakt.

Eine Kommunikation mit den Steigbügelhaltern verbietet sich leider, denn deren Pferde haben die größeren Gehirne. Neulich erst, als ich dem Steigbügelhalter vorschlagen wollte, ob er nicht besser zu einem Pferdeflüsterer mutieren wolle, hat sein Pferd die hinteren Hufe ausgeschlagen und somit einmal mehr verdeutlicht, Pferde sind sehr sensibel, was die Belange ihrer Halter angeht. Mit Pferden kann man reden. Aber es antwortet immer der Steigbügelhalter regelmäßig: „Wissen Sie überhaupt wie wenig ich verdiene.“ Oh ja, der „arme“ Steigbügelhalter. Er muss am Sonntag über das Gehör unbeteiligter und ruhebedürftiger Mitmenschen reiten. Und: „Wissen Sie, was ich Ihnen wünsche? Drei Jugoslawische Pferdezüchter, die Ihnen die Gedärme durchwühlen!“ Zwei Pferdeflüsterer aus dem lieben Rostock … Noch einen habe ich für Sie: Neulich drohte mir ein Mann Südländischer Herkunft (Bayern) mit der Entsendung seiner Brüder in meine Richtung – wenn ich mich nicht bald verpisse. Sehen Sie, wohin das führt? Ich werde noch erschlagen eines Tages, nur weil ich mir das Recht herausnehme, mich Schlafen zu legen.

Mit besten Grüßen

Die Ihnen ausgelieferten Freunde ruhender Nacht, diesseits des Überfluss-Ufers.

gesammelte freunde

Wir setzen uns mit Tränen nieder

 

Im Wechselspiel der Stimmen, was den Evangelisten meint, mit Jesus, mit Alt und Sopran, mit Tenor und Bass, dem Chor. Köstliches Wasser. Ich will bei meinem Jesu wachen – Mutters Lieblingschoral Wir setzen uns

 

Wenn wir den Berg hinauf wanken, hinter der Urne her, und Rainer keine Rücksicht mehr nehmen kann auf die Gäste, ihm fortgehend ein Schluchzen entfährt, er es vor sich sieht. Den Leib Mutters zu Asche geronnen. Der Asche, der er selbst entstammt. Sie es ermöglichte zu leben – und nun zu leiden. Den Schmerz zu spüren des großen Verlustes, des vielleicht größten. Da geht nicht nur zu Asche gewordene Mutter, da geht auch Rainer. Das ist in dieser Stunde das gleiche – Niemand hat den Himmel so gut beschrieben wie Johann Sebastian Bach in der Matthäus Passion. Aus diesem Himmel ruft sie nieder.

 

Der Geist ist willig, das Fleisch ist schwach. Vom Fleisch die Asche den Berg hinauf getragen wird, Rainer in seinem Fleisch dahinter. Gesessen hat sie in ihrem Fleisch. Nun ging sie nieder. Asche der Mutter vor meinem Leib.

 

Wir setzen uns mit Tränen nieder. Bin ich doch täglich von euch besessen, und ihr habt mich nicht begriffen. Du mit Bach-Chorälen groß geworden bist und nun mit einem dieser Choräle zu Grabe getragen wirst. Mein Jesu schweigt zu falschen Lügen stille.

 

Rainer wollte Urlaub machen. Am zweiten Tag plötzlich Vater auf dem Handy, wir haben Probleme mit Mama. Ihr geht es nicht gut, sie liegt im Krankenhaus, sie stirbt wahrscheinlich. Sie ist in meinen Armen zusammengebrochen. Sie hat mich noch gerufen, mein Schatz, hat sie gerufen, mit mir stimmt was nicht, und kurze Zeit später hat sie nur noch gezuckt. Hat sich erbrochen. Ist in meinen Armen zusammengesunken. Ich wusste sofort, es ist ernst. Im Krankenhaus die Diagnose. Ihre Frau hat einen Hirnschlag erlitten, sie muss ruhen. Was nun sei. Sie schläft an Schläuchen. Wie groß die Chancen seien. Nicht groß. Hirnschlag heißt umgangssprachlich klinisch tot – das sei medizinisch gesprochen falsch, es gäbe keinen klinischen Tod, glaubt uns ein Arzt belehren zu müssen in dieser Stunde. Heißt trotzdem, wenn sie wieder wach wird, ist nichts wie früher. Mutter stirbt. Sie hat so viel überstanden, sie kann doch nicht sterben jetzt – sie ist gestorben – später. Es hieß, sie wollte Rainer nochmal sehen. Der war im Urlaub. Vom Tod ertappt beim Versuch, sich zu erholen. Mein Jesu schweigt zu falschen Lügen stille. Wir setzen uns mit Tränen nieder. Mir war der Ernst der Lage nicht bewusst. Ich wollte Urlaub, ich brauchte Urlaub, ich war im Urlaub, man spricht im Urlaub nicht vom Sterben, man spricht von der Hoffnung. Wir sprachen über Mutters Überlebenschance. Wir telefonierten stundenlang. Die Nachrichtenlage wechselte von Stunde zu Stunde. Einmal saß sie im Rollstuhl. Ein anderes Mal war sie wieder tot. Dann saß sie wieder im Rollstuhl mit der Aussicht, sich zu fangen und zurückzufinden. Dann wünschten wir uns doch lieber ihren Tod, sie sollte ruhen still. Aber nicht so plötzlich. Jedes Warten zog sich in die Länge. Jeder Hinweis aus der medizinischen Abteilung wurde wie Brot genommen. Wieder hieß es, sie schafft das. Nur wie? – Köstliches Wasser anders schmeckt. Nach dem dritten Tag hörten wir: Sie überlebt. Ob sie noch etwas gesagt habe. Nein. Sie hat nichts mehr gesagt, sie sprach auch zuletzt nicht viel. Jetzt gar nicht mehr. Wortlos duldend. Verstummt. Wir riefen hilflos, öffne die Augen, sprich nur ein Wort, und überlebe! Vergiss den Urlaub, setz dich ins Flugzeug und flieg hin. Nein bleibe, sie überlebt. Sie lebte noch zehn Tage. Ich bin erschienen, sie verschied.

 

Mein Jesu schweigt zu falschen Lügen stille. Wir setzen uns mit Tränen nieder. Wenn Johann Sebastian Bach mit mir spricht, ich in der falschen Zeit, die Zeit, in der ich lebe, sie spricht − nicht mit mir. Mutter stirbt – haltet ein, hat Jesus gerufen, haltet still! Aber doch nicht so still, dass nichts mehr gilt.

 

Sie lebte schon mehr als eine Woche an Schläuchen, nur die Ahnungen, sie überlebt, auch die Mediziner voll der Hoffnung, nein, Gewissheit, diese Frau überlebt auch das. Sie hat kurz gerufen, mit mir stimmt was nicht, sie wurde nicht mehr wach.

 

Wir fuhren mit der stillen Hoffnung, das sei nur ein Unfall, ins Krankenhaus, da lag sie nun, im Wald, inmitten der Bäume, die sie nicht sah. Die Bäume umstellten das Haus wie Wächter des Todes. Es war nicht anders zu erwarten. Als ich sie vor mir sah. Wie konnten sie mir im Urlaub von Überlebenschancen berichten, sie war, als ich sie sah, nicht mehr meine Mutter, ihre einmal schlanken Finger, aufgedunsen, eine Wärme durchströmte sie, das war nicht sie. Ich sah Computer. Todeswächter. Eine Mutter, die mit offenem Mund schnauft. Meine Mutter. Sie schläft. Ich fasse ihre Hände, die aufgedickten Finger, ich streichle sie, ich blicke ihren Kopf an. Dieser Kopf liefert nicht einen Hinweis, dass ich vor ihr stehe. Vater ruft ihr zu. Mein Bienchen. Erzählt ihr etwas von den Vögeln vor dem Haus. Hörst du die Vögel? Hör die Vögel. Als hörte er sie selbst nicht mehr.

 

Wenn ich aus der Erinnerung in diesem Zimmer stehe, sehe ich vor dem Fenster Mülltonnen, blaue Tüten,  die letzten Minuten meiner Mutter sichtbar geworden im Blau der Mülltüten. Dieses Bild mit sich rumtragen.

 

Am nächsten Morgen, beim Frühstück, Telefon. Die Mitteilung aus dem Krankenhaus, dass Mutter verstorben sei. In der Nacht habe sie ein weiterer Hirnschlag ereilt. Gestorben am 05.01.2011, morgens um vier Uhr. Gestorben, ohne Rainer wiedergesehen zu haben. Gestorben, nachdem Rainer sie berührte. Die endlosen Gespräche hatten uns auf diesen Moment vorbereitet. Insgeheim war allen klar, besser sie ruht nun sanft als dass sie lebt in Qual. Vater gefasster als ich. Wir müssen nochmal hin. Wir sind nochmal hin. Wir saßen in einem sechs Quadratmeter großen Zimmer, der Chefarzt entschuldigte sich für seine Kollegen, die am Wochenende mit Arbeitsintensität vielleicht etwas unsensiblen Kollegen, die überall zu tun haben – nur zu verständlich. Ich sah Steckdosen. Entschuldigen Sie, Steckdosen. Ich sah das Plastik der Fußleisten. Ich sah, dass der Tisch, an dem wir saßen, von Ikea stammt. Ich sah das Logo von Microsoft XP auf ihren Rechnern. Ich hörte ein Telefon klingeln. Ich sah routinierte Tagträumer, ich hörte, dass sie Trostworte haben für den Tod. Ich hörte sie die Tode verwechseln. Was ihr Geschäft ist, wo ich aus den Fenstern gucke und die Mülltonnen sehe. Aus denen Tüten blau herausragen. Ich Mitleid habe, für sie, die sie Mitleid haben für uns, obwohl das Leiden endet, für Mutter. Man wird dem Tod nicht gerecht, der Tod nicht mir, nicht uns. Nicht lebendig, nicht persönlich, die Verwalter des Todes, der Maschinen des Todes, ruhen nun auch. Vater weint, und ruft ruhe sanft. Das sehe ich. Der pathetische Tod-Haufen ruht, ihre ausgesogenen Glieder. Ich sehe, sie sind bemüht, sie konnten es nicht ändern. Den Tod, den unabänderlichen. So viele Menschen geboren werden, so viele sterben, wir halten still. Der Tod, drei Buchstaben. Die Mülltüten vor dem Fenster der gestorbenen Fraumutter.

 

Die Betroffenheit macht den das Auto fahrenden Nachbarn redselig, er spricht mit Blick in den Rückspiegel, zu Rainer, er spricht mit Handauflegen zu Vater, er spricht über seinen eigenen verlorenen Sohn, in Amerika, er spricht über Professoren in Heidelberg, er spricht über den Schnee auf den Hängen, er spricht von Füchsen, sie kommen in die Niederungen der Dörfer des Hungers wegen, es seien inzwischen zu viele, die in den Gemeinden rumstreunen, er spricht mit dem im Rückspiegel sich abzeichnenden Rainer, der nichts sagen kann, der still sitzt im Auto ohne Sinn. Was folgen wird, ist die Absprache mit der Todesverwaltung, dem Bestatter, dem Pfarrer, den Nachbarn mit stumpfem Gesicht, dem Postboten, der noch nie so viele Briefe gleichzeitig zustellte, dem fortlaufenden Gebell der Türglocke, wieder steht ein betroffenes Gesicht vor der Tür, man bittet um Verständnis, dass Vater sich mitgenommen fühlt, aber es einfach nicht belächeln kann, dieses sich selbst bezogene Ausharren im nun ewigen Schlaf der eigenen Frau, die mehr als vierzig Jahre lebendig neben ihm war, und nun als Bild auf der Kommode steht, neben abgelegten Schmuckstücken, einer Halskette, an der die Eheringe festgemacht sind, wie ein kleiner Altar aufgestellt, und auch schon ein paar Notizen zum Beerdigungstext liegen da, es sind die Worte Ich will mich in dir versenken, ist dir gleich die Welt zu klein. Die damit zu tun bekommen, zeigen Mitgefühl. Da ist ein Schreiner, der zimmert für den Tod. Bringt vorgefertigte Broschüren mit. Mit Preistafel, auch die Todesanzeige schaltet er. Die Krawatte lila. Meine Seele ist betrübt bis an den Tod. Rainers Zorn könnte sich gleich ergießen, aber Vater benötigt abschließende und schlussendlich beruhigende Worte. Die Broschüre mit den Eichensärgen und den monströsen in dunkelbraun und schwarz – schwer sanken sie nieder – verschwinden wieder im schwarzen Koffer, nachdem der Kiefernsarg zur Verbrennung gefunden ist, die Broschüre mit den Urnen bleibt unter Tränen setzen wir uns nieder, bis die schlichte Keramik-Urne gefunden ist, kastanienbraun und ohne Schmuck, glänzend beinah. Stumm werden die Preisstufen zur Kenntnis genommen, vor Vater verschwiegen, die eigene Mutter bestatten, aus einer Hand. Ganz etwas, worauf man nicht gefasst war. Als er mit schwarzem Koffer die Klinke übergibt an den Pfarrer und auch der Todesgeduld mitbringt, sich Zeit nimmt, seine Ansprache vorzubereiten. Einleitend mit den Worten Lasst uns beten kurz und still, Wir setzen uns mit Tränen nieder, der Pfarrer tatsächlich weint, Vater weint, Rainer weint, Mutter uns anschaut durch das Bild auf der Altar gleichen Kommode, auch Jesus schwieg nun stille. Ob Rainer etwas untergebracht haben will in seines, des Pfarrers Rede, Rainer sagt: – vor allem will ich hören, dass Mutter Kraftquelle war der Familie, die gezügelte große Frau, ausgesprochen als stärkster Muskel unserer Seelen, vor allem ist es die Kraft dieser Frau, verbreitert in ihren Kindern, die von ihr ausging, sie hätte die Liebe verdient, die sie gab, ohne Zögern, ohne Unterlass, ohne Grenze, unser stolzes Pferd, sagte Rainer, von der Schönheit dieser Frau lass uns hören, und wenn wir wieder zusammen sind, will ich nie mehr zweifeln. – Einverstanden. Weil der Pfarrer Tod erprobt ist, lässt er beten. Ob Vater etwas beten will. Und Vater betet wie Rainer, wie der Pfarrer, still, und wortlos. Ich verleugne nicht die Schuld, aber deine Gnad und Huld ist viel größer als die Sünde, die sich stets in mir befinde. Ob Vater eine bestimmte Musik vorschlagen wolle, oder Rainer etwas wünschte, man sich einig wurde im Vertrauen auf die Organistin, die immer schon, seit mehr als zwanzig Jahren, die Choräle und Lieder vortrug, nur eines wäre Mutters Wunsch: der Schlusschor aus der Matthäuspassion, nicht gesungen vom Gemeindechor, sondern einzig gespielt auf der Orgel. – Ohne Chor ist das nur die halbe Wahrheit. – Aber selbst die wäre Mutters Herzenswille, sie möge es versuchen, und es anmerken, falls es unmöglich erscheint. – Einverstanden. Und bitte keine Nachfeier, nur noch in der engsten Familie, einmal Ruhe und Stille bist du.

 

Zeit, Mutter zu gedenken, bleibt zwischen den Stunden, die auf die Beisetzung warten lassen, mehr als drei Tage, mehr als die Stunden vor dem Regal, den Büchern, eine Reihe aus der Sammelwut, und wenn man die Bücher anfasst, aufschlägt, spürt man, alle von Seite zu Seite gelesen, auch von Rainer ein paar davon gelesen, alle anderen von Mutter aufgeschlagen und durchgearbeitet, man spürt ihre Finger auf allen Seiten, man sieht die Buchstaben aus den Büchern wandern, Rainer findet auch das Fotoalbum, mit den Großeltern, man erkennt die Ähnlichkeiten zwischen Großmutter und Mutter. Man sieht sogar Urgroßeltern, auf gelbem Papier, mit dem Vollbart des Urgroßvater, auch der Urgroßmutter scheint der Geruch ihrer Zeit anzuhängen, Strenge, Autorität, Urgroßvater grimmig, Urgroßmutter gutmütig, das setzt sich fort in den Bildern der Großeltern, und wird aufgelöst bei den eigenen Eltern, da nun Mutter ernst blickt, und Vater heiter, wobei sie sich gegenseitig angesteckt zu haben scheinen in Heiterkeit. Das wird etwas zurückgedreht in den ersten Farbbildern, da Vater heiter, Mutter wieder ernst wirkt. In den Bildern es keinen Hinweis gibt auf glückliche oder unglückliche Zustände, man das Rainer-Baby sieht, wie es einen unverhältnismäßig großen Kopf hebt und freundlich lächelt auf dem Schwarz-Weiß-Bild. Man die Motorradjacke sieht aus den frühen Sechzigern, man Vater und Mutter glücklich lachen sieht in den Siebzigern. Die Achtziger sich in selbstgestrickten Pullovern und Jacken zeigen, Mutter einmal zu sehen ist, allein, mit großherzigem Lachen, den Arm in die Hüfte gestemmt, so, als zeige sie wieder Bereitschaft, anzufassen, was liegengeblieben ist. Tatkraft zeigt. Durchsetzungswillen. Und doch. Das erste Bild, da sich in den Augen Sorge auszubreiten scheint, da sie betrübt ist. Nur wenn man genauer hinsieht, nicht, wenn man nicht weiß, aus welcher Phase das Bild stammt. Das muss gewesen sein, als Rainer ein halbes Jahr außer Haus war wegen des Verkehrsunfalls, bei dem er fast ums Leben kam. Unbestritten, diese Frau hat ihn geliebt. So nehmt mein Herz hinein. Die Bildersammlung in den späten Achtzigern abreißt. Was nichts mit der Digitalisierung zu tun haben kann. Was auf Nachfrage bei Vater auch keine zufriedenstellende Antwort ergibt. Geradeso, als gab es nach dem Fortgang der Kinder keinen Anlass mehr zum Schießen von Bildern. Es auch keinen Folgeband mehr gibt. Dann, erst nach der Jahrhundertwende, Urlaubsbilder der Eltern. Tunesien. Israel. Dänemark. Nach der Geburt der Kinder der Schwestern wieder Babybilder, Kinderbilder. Mutter wie Vater überwiegend sitzend. Einmal der in die Beuge gestemmte linke Arm. Tatendrang. Oder waren das Hüftschmerzen – Mutter sich der Erinnerung verweigert in diesen Stunden, da sie oh Haupt voll Blut und Wunden, gegangen ist, zu dieser Stunde in den Ofen geschoben wird im Kiefernsarg. Rainer und Vater versäumt hatten nachzufragen, ob man bei der Einäscherung anwesend sein darf, sie diesen Moment nicht als Bestandteil an der Prozedur verstanden – hätte der Zimmermann doch bekanntgegeben, wenn dem so wäre – Rainer wundert sich künftig, wenn im Fernsehen Familienangehörige der Einäscherung beiwohnen. Was die Geschwindigkeit dieser Stunden betrifft, man kaum bei Sinnen war, die Veranstaltung schon als Rechnung vorlag – und am Abend kam die Taube wieder und trug ein Ölblatt in dem Munde, o schöne Zeit, o Abendstunde! Man familiär zusammensitzt und schweigt. Freunde die Erlaubnis erteilt bekommen, sich mit ins Wohnzimmer zu setzen, noch einmal die Kraft der Mutter zu besprechen, aber auch ihre Einsamkeit in den letzten Jahren. Da alle Kinder groß waren. Diese Frau für nichts als ihre Kinder gelebt hat. Weswegen ihre Aufgabe vollbracht, nachdem die Kinder groß. So lässt es sich vermuten, wenn man spürt, dass sie sich dem Leben plötzlich verweigert. Sie hat nie etwas gesagt. Die paar Weh-Weh-Rufe einmal ausgenommen. Nie geklagt. So Vater. Und kaum dass er einmal Nie sagt oder noch einmal Nie, es aus ihm herausbricht. Wir setzen uns mit Tränen nieder. Wenn der Himmel ruft und die Erde stirbt. Angst haben wir vor dem einen Moment, wenn es den Berg hinaufgeht mit der Urne. Das war kein Klagen, das war Wut. Wenn sie klagte, dann im Zorn, kein Klagen. So Vater. Rainer kann es bestätigen.

 

Wenn wir den Berg hinauf wanken, hinter der Urne her, und Rainer keine Rücksicht nehmen kann auf die Gäste, ihm fortgehend ein Schluchzen entfährt, er es vor sich sieht. Den Leib Mutters zu Asche geronnen. Der Asche, der er selbst entstammt. Sie es ermöglichte zu leben – nun zu leiden. Den Schmerz zu spüren des großen Verlusts, des vielleicht größten. Da geht zu Asche geworden Mutter, da geht Rainer. In dieser Stunde – Niemand sich von der Erde so gut empor geschrieben hat wie Johann Sebastian Bach … aus diesem Himmel ruft sie nieder.

 

Vor der eingestellten Urne kniend hielt sich Rainer an der Krempe seines Mantels und sah es unverrückbar: Sie hat auf meinen Dank gewartet. Nun knie vor ihr nieder und werde still.

 

Nachtrag: eine sehr sehenswerte Aufführung, insbesondere verweise ich auf den Einsatz ‚Die Gefangensetzung Jesu‘ mit Übergang zu Blitz und Donner, ein unfassbar gelungener Übergang zwischen Betroffenheit und Wut … wenn der Himmel grollt: 0:57:02 „27a. So ist mein Jesus nun gefangen (Aria)“ Ein Meisterwerk der Chormusik. Bedenkt man noch, dass es bald wieder in der Schublade verschwand, und es erst Bartholdy war, der es wiederaufführte … inzwischen gilt es als eins der bedeutendsten Werke der Musikgeschichte.

 

und noch ein Nachtrag: total ergriffen hat mich die Aufführung von Simon Rattle in der Philharmonie aus dem jahr 2010, hier ein kleiner schmerzlicher Eindruck:

die ganze Aufführung kann noch bis Montag, den 17.04.2017 kostenfrei auf der Website der Berliner Philharmoniker gesehen werden: Matthäus-Passion mit Simon Rattle in der Berliner Philharmonie

Unbedingte Empfehlung. Drei Sternstunden!

Graphomanisches Bibliophonieren

Die Bücherfalle – Ein Überlebensbericht

sitze in der Wort- Satz- und Plotfalle – Spiel Satz und Sieg? Frage mich in letzter Zeit häufiger, was Bücher aus mir gemacht haben, warum ich ihnen je verfallen war, und warum nun die Wirkung der Bücher nachlässt, zum Erliegen kommt, ich nur noch schwer zu begeistern bin.

Das muss etwas mit meinem Gehirn zu tun haben, denke ich einerseits (ich werde nicht mehr jünger, mein Gehirn ist trotzdem auf Erfolg gebucht, und Bücher nehmen viel Zeit in Anspruch und geben davon 4321 Zero zurück?), es hat andererseits mit der Masse an Büchern zu tun, die mich erdrückt, nicht weil ich sie kaufe, könnte ich nicht, sondern weil ich sie kaufen müsste, und lesen, aber ich finde mich in der Buchlandschaft nicht mehr zurecht. Zu viele Verlage, zu viele Publikationen, zu viel Markt.

Die Begeisterung hat mich gestern am Sonntag mit einem Buch über Syrien auf den Boden der Tatsachen geworfen – (wieder ein Buch, da ich dachte – das kann ich auch) Ist das richtig formuliert? – nein, wie immer, es ist anders zu formulieren – denn den Boden der Tatsachen gibt es nur im Slogan von den Tatsachen als Boden – diese sich jeweils und das auch noch tagesabhängig anders darstellen. Bin auf dem besten Weg, unter dem Boden der Tatsachen einzubrechen. Dabei sollte der Weg das Ziel sein, nun bin ich offenbar übers Ziel hinaus und sammle mich, bücke mich, suche mich. Verloren im Dickicht der Bücher.

Feststellen kann ich, es ist immer wieder eine Wanderung von innen nach außen, dann wieder von außen nach innen. Der Jugendliche las zwei Meister, Herman Hesse und Thomas Mann, der eine, Hesse, führte auf den Weg nach innen, der andere Mann, nach außen. Hesse stellte in mir die Spiegel auf, Mann die außerhalb von mir. Mit Hesse ging es in die Sehnsucht, mit Mann in die Ratio.

Später folgten Handke und Bernhard. Auch hier. Handke führte mich ins fragile Ich, von außen nach innen, der Bernhard rettete mich von diesem Innen und führte mich wieder nach Außen – beide waren sie egoistisch genug, mich meinem Ego zu überliefern. Dieses Ego sah sich zwei stärkeren Egos ausgesetzt. Es musste eine Loslösung her.

Spätestens als ich selbst zu schreiben anfing, war es ums Ego geschehen, es bröselte und krümelte und brauchte Rezepte, Ideen, und vor allem mehr Halt, Struktur, vielleicht einen Plot. Erschwerend noch, da das eigene Leben an Erzählungen gewonnen hatte, an Erlebnissen, Erfahrungen. Dieses Erleben  wollte sich mitteilen und schrieb nur kryptischen Blödsinn – was nicht gut ist für den Jugendlichen auf dem Weg zum gestandenen Kerl, der zu Selbstbewusstsein kommen will, für Jemanden, der herausarbeiten will und muss, wer er ist in diesem Spiel.

Das war zu einer Zeit, da Schriftsteller und Autoren noch einen guten Ruf genossen. Das war zu einer Zeit, da ein Schriftsteller noch jemand war, der der Welt etwas zu berichten weiß: Böll, Walser, Grass, Frisch. Eine Zeit, da Frauen noch in der Minderheit waren, Christa Wolf, Ingeborg Bachmann, Marguerite Duras. Eine Zeit, da Camus, Beckett und Sartre überwunden schienen, weil ihre Botschaft eher die einer Nullkommanix-Botschaft glich – denn absurd, oder existentiell oder einfach nur zu hell unter der algerischen Sonne – was ist daran schon neu? – es folgte der Versuch, das Ganze mit dem eigenen Leben ins Verhältnis zu setzen.

Längst war Literatur eine Art Gegenwelt geworden. Denn meine Wirklichkeit wurde die eines Baumeisters, nicht der Worte, sondern tatsächlich der Bauwerke, ich hatte immer weniger Zeit zu lesen und beschränkte meine Aufnahme von Literatur auf Zeitschriften, Feuilleton und Dichter, eine Franz Joseph Czernin Zeit. Das Lautmalen, die Schleier, Schnitte Fädeln der Wortkünstler wurde zur Konstruktion, Form, dem Raum und der Funktion der Gebäudeplanung. Unmittelbar gefolgt vom Binärcode der Maschinen, die mir weitere Sprachen unterjubelten, von Pascal, Basic zum Framework und der Matrix im Kino. Da waren von Struktur und Konstruktion längst nur noch Skelett und Hülle über.

Selbst die Philosophen schienen in mir zum Schweigen geneigt. Die lang anhaltende Affäre mit der Sprache wird zum Belagerungszustand schweigender Halbkrimineller mit Tarnkappe und Revolver im Anschlag, die regelmäßig im Mitternachtstalk in Erscheinung treten, und der Welt ihr Absurdistan oder ihre Nebelwolke oder ihre ureigene Welt der Blasen mitteilt. Um mich herum Sätze, Sätze, und keine Schätze, Geheimnisse oder Ecken, Kanten, Säulen, geschweige denn Ordnung.

Die Krönung im Salat A la Carte der Beliebigen: Thomas Pynchon, James Joyce und Uwe Johnson. Passend dazu: Während ich mich sogar mit Marcel Proust anzufreunden begann, sprach man im deutschsprachigen Raum von Popliteratur und Poetry-Slam, Depeche Mode im Einklang mit How are you, tell me your lies written down in the book.

Schließlich noch passender sprach man nicht mehr von Literatur oder literarischen Räumen, sondern von Genre, Plot und Erfolg beim Bücherherstellen, die Selbstpublikation suggerierte das Nichtnötige der Publikumsverlage, schon waren aus meinen Säulenheiligen Mann, Bernhard, Handke, Frisch und nehmen wir noch die Amerikaner Philip Roth und Foster Wallace und T.C. Boyle dazu, nur noch Schausteller ihrer Erfolgsgeschichte geworden, mit der ich, auf die eigene Ortlosigkeit bezogen, inzwischen nichts anzufangen weiß, außer am Cocktailabend unter Freunden zu berichten, nichts Neues im Westen.

Da greift der orientierungslos Gewordene wieder auf Klassiker zurück, Fontane ebenso wie Gontscharow, und Dostojewski ist nun mal ein ebenso lesenswerter wie Bulgakov. Und Tschüss. Mit niemandem mehr kompatibel. Denn auf der anderen Straßenseite schreiben Dieter Bohlen und Helmuth Schmidt ihre Memoiren.

Im Fernsehen gehen sie regelmäßig aufeinander los, wenn es um Bücher geht. Die Säulenheiligen sind weggebrochen und ich bin dort angekommen, wo jede Ratio sich eines Tages wiedersieht: Auf einer weiten Wiese ohne Waldessaum, Baum oder Tränke. Fünfzig Jahre gesucht, sämtliche Steine angehoben, und doch irgendwie schon wieder Sisyphos, Prometheus gefesselt. Da wird es Zeit, sich zu prüfen. Sich neu hinzustellen. Es nochmal zu wagen. Mit wem? Da draußen werden inzwischen Leserekorde hergestellt, ich denke schon über eine Maschine nach, die mir das Lesen abnimmt … sie alle einzuholen … was ein Stress aber auch … die Maschine soll über Nacht zwanzig Bücher gelesen haben, mir sagen, ob es sprachlich etwas zu entdecken gibt, inhaltlich, gibt es etwa Neues? Und stelle fest: Die Maschine gibt es schon in vielfacher Ausführung … hier wie dort. Die Maschine frisst viel, wenn nicht alles – und ich käue wieder. Halt Stopp und aus.

Am schlimmsten erscheint mir der Anspruch, nun, selbst schreiben zu wollen. Inzwischen ist ein Autor nur noch eine selbsterfüllende Prophezeiung seines eigenen Understatements, besehen im kreischenden Licht des Understatements der anderen, das wirft Schatten. Halt Stopp Kreuz.

Ein Ausweg muss her: Innehalten, Pause. Ruhe finden. Habe mir vorgenommen:

Die Bücher, die mich als Jugendlicher faszinierten. Hesses Steppenwolf und Manns Zauberberg, noch einmal lesen. Erstmal nur die. Die schwarze Weide von Thomas Lange habe ich schon versucht und bin abgebogen. Herman Melvilles „Moby Dick“ las ich bis zur Hälfte. Ernest Hemingways „Der alte Mann und das Meer“ – hat mich fasziniert und gefesselt. Widerentdeckt habe ich Thomas Wolfe „Schau heimwärts Engel“, großartig! Das ganze letzte Jahrhundert hat noch so einige Wiederentdeckungen offen. Was mir auch aufgefallen ist: Filme im Original ohne Synchronisation. Und was mir auch aufgefallen ist: Lesen ist ein zurückgenommener Akt. Denn Lesen ist besser als Schreiben ohne die anderen. (Fühl mich ja ständig unter Druck – warum? Das ist ja schlimmer als bei den Apostolischen)

Und was ich mir auch vornehmen muss: Die Welt einzäunen, indem ich sie aussperre: Facebook reduzieren. Die Selbstoptimierung in Frage stellen. Mich selbst wieder pflegen, putzen, reinigen, denn ich bekomme Pusteln und Juckreiz inzwischen, wenn mir ein Buch zu nah tritt – oder die, der, der die sich hinter dem Buch verbirgt. Der Autor/die Autorin – ist nicht mehr mein Freund, wenn zu viel Ich/Autor mir zeigen will, wie toll Autor ist, und ich soll auch noch klatschen? Nein Starkult – schon immer … darf nur Depeche Mode! Kann dies Dreibuchstaben-Ich nicht mehr sehen, ohne zu denken drei Buchstaben und dann so ein Aufriss?

So wie die eigene Biografie kreuzgelesen wird, lese ich sie nun quer. Ich brauche nämlich ein bisschen Optimismus für etwas und nicht Skepsis dagegen  … die einfache Formel für Erfolg beim Lesen und Schreiben – ein Tag ohne Lächeln ist wie ein Buch ohne Seiten/Saiten? Keine Ahnung. Dieser Autor hier hat eine Enzyklopädie des Schweigens geschrieben. Zwanzig Bände und auf Seite 3.750 steht:

Ich  jetzt. (Die anderen Seiten – Nun sie schweigen.) Ungefähr So: (                     )

Ich frage schon immer, was mit all den Büchern passieren soll in meiner Bibliothek. Soll ich sie verschenken? Und wenn sie weg sind, alles von vorn? Das wird zu Irritationen führen. Bekomme ja in nicht weniger als drei Tagen bereits neue Ware – ach ja. Wie nennt man die Krankheit? Zu meiner Graphomanie (           ) gesellt sich die Bipliophanie (|||||||||||) ? Neuerdings nennt sich das sogar Bibliodiversität? (/>/>/>/<\\||||) Habe neulich den Umberto Eco durch seine Privatbibliothek laufen sehen:

Die Frage, ob Frühstück im Bett mehr macht als nur Krümel ich gern an die Bücher zurückgebe: Macht lesen hungrig oder satt? – es gibt so Tage. Da macht mich ein einziger Satz schon verrückt: Wie lautete der Satz? Ich habe ihn vergessen. Suche ihn nun wieder. Im Satz der anderen.

 

 

Brotkrümel Prosa

„Herr Dr. Held, Sie sind ja schlimmer als vermutet. Ich war noch aufmerksam, aber Sie wirken nur noch fahrig, verschleudert und zerstreut. Schreiben Sie doch ein Stück, schreiben Sie es, machen Sie voran!“

Welche Rolle spielt das? Ich glaube fast, keine … den Zugang zu meinen Leuten, den Musikern, die sich gut kennen … er scheint verbaut … das Mannschaftsgefühl bleibt im Saxophon klirrend stecken schräg – die Improvisationslust früher Jahre wie verpufft, das Arrangement stand über der Lust am Spiel – mal ehrlich, schaffst du Albert Ayler noch? Das Stroh kommt nicht zum Pferd, das Pferd muss los. Die Stimme einer Orgelpfeife.

„Du darfst dem keine Bedeutung beimessen.“

„Wir haben uns noch nicht befreit – wer schreibt schon Geschichten … habe immer Minderheitengrößenwahn gespielt, weil ich an besondere Menschen geriet. Die ich für nicht besonders hielt, wurden ausgeblendet, durften sich mit Chor, Schema und Pianissimo befassen, mit dem Wechsel von C nach F zum G. Ich war Fis Moll und Tremolo, Mezzoforte, im viel zu lauten Licht. Ich konnte das Gemeinsame kaum mehr ertragen und denke, dass, je gemeinsamer dir ein Mensch erscheint, er dir im Lauf der Zeit seine ganze Symphonie einmal resigniert verkünden wird. Wir waren von Solisten umgeben, einer der lautesten muss ich gewesen sein, da ich mich dem piano piano verweigerte, dem Unisono der Mehrheit im Orchester. Musik ist mehr als nur das Zusammenspiel unter Gleichen, wenn du erst im Orchestergraben sitzt, und niemand dich mehr sieht, außer dein Kollege am Kontrabass, Cello oder da vorn an der Geige – die spielen immer drüben irgendwo – weit weg von unserer Saxophonistenherrlichkeit.“

 

Es gibt Dinge, die man nicht beschreiben kann, ohne dabei zu denken, es lohnt nicht, dass das Auge dieses Etwas schon wieder erblickt, ich kann nicht immer hinsehen, wie sich jemand setzt. Es kann ein noch so außergewöhnliches sich Hinsetzen sein, da setzt sich zum Beispiel jemand auf seinen Sitz hinterm Kontrabass, das ist ein so außergewöhnliches Hinsetzen, dass es in diesem Satz erscheint … ich denke … ich frage mich: Es gibt zu viele Dinge mit noch mehr dieser vielen Dinge. Die Dinge sind erst ohne Bedeutung, zum Glück, ich müsste sonst verrückt geworden sein vor dem Zuviel der Details, der Vielzahl der Objekte, ich höre das Wimmern seiner Saiten. Ich ändere das Wimmern im Kratzen seiner Saiten. Ich sehe seinen Nachbarn kommen, sich hinsetzen, der Stuhl jetzt quietscht. Ich höre ihn atmen, ich höre mich atmen, das Kontrabass kommt mir ungeheuerlich vor, es atmet alle Saiten seines Spiels, die Töne wuchern und spülen herüber. Ich möchte antworten. Der kurze Tinnitus im Ohr lässt mich schaudern.

 

„Zur Freiheit gehört, dass man den Leuten etwas zumuten kann. Es darf nicht immer nur  gefallen.“

 

Nein, so frei sind wir nicht, es bedeutet nur, dass es schmerzt, immer besser zu werden, und herausragend sein bedeutet wiederum, sich seinen Mängeln erneut zu widmen und sich mit ihnen arrangieren, sie überwinden, sie umfahren, sich ihnen wieder und wieder stellen. Die eine Passage im Gehirn – auf diesem Blatt Papier.

 

Lebenskurven. Ein Musiker. Geb.58 Saxophon. Erste Erfolge feiert er mit 20. (1978) Mit 35 (1988) heiratet er und hat immer weniger Geld; er wird Bachinterpret. Mit 45 (1998) verliert er seine Frau. 2008 spürt er seine Finger klamm werden. 2010 sieht er seine erste Liebe wieder. 2014 stirbt er. Sein Name: Gregor Held. Wie klingt bloß sein Name?

Meine Moralinskizze – heute

Meine persönliche Moralinspritze für heute:

Nicht wirken wollen sondern Verstehen (Hannah Arendt)
https://www.youtube.com/watch…

Da mir die Beliebigkeit bisweilen über den Kopf wächst, orientiere ich mich … nicht am Zeitgeist, denn der ist derzeit konfus, sondern an Kopfgrößen, die es schon gab, Individuation zum Beispiel gegen Identität: (Joseph Beuys)

https://www.youtube.com/watch…

Täglich kreist die Neugier mit Blick in die verschiedenen Schatullen der Verausgabung anderer wie um ständig zu ortende heilige Statuen – stattdessen ich mir angewöhnen will, erstmal die eigenen Gründe (neu) zu errichten. Beim Mithören des Gesprächs der Hochkaräter Beuys, Weibel, Ligeti – weiterführende Links im Beitrag selbst, folgende Assoziationen, Doppelpunkt:

– Ein sich bewegendes Ich ist einem Ego im Stillstand vorzuziehen. Einem Ego mit prosperierender Absicht gehe ich aus dem Weg. Geben ist seliger denn Nehmen. Das Ego ist kein reiner Selbstzweck.

– Vielfalt entsteht nicht im Glauben an sie, sondern im Handeln in ihr.

– Abgrenzungen erzeugen i.d.R Zwanghaftigkeit und Ängste. (manchmal auch notwendig als Konsolidierung) Zuwendungen und neudeutsch gesprochen Empathien dagegen Gesellschaftlichkeit, Zuversicht und Selbstbewusstsein im Rahmen der anderen, im Gegenüber! Macht Hoffnung. (Eine Gesellschaft scheint erst dann kohärent, wenn auch seine schwächsten Teilnehmer nicht überrollt, vergesssen oder ausgegrenzt werden – eine Gesellschaft, die sich um die Krankheit ihrer Mitglieder sorgt, ist einer Gesellschaft, die nur die Kraft des Stärkeren hervorhebt und ihr auch noch huldigt, vorzuziehen. Die Kraft jedes Einzelnen ist durch sein Ableben limitiert. Optimal ist das alles nicht.)

– der in sich Gefestigte wirkt häufig steinern hart und unnahbar. Der sich Bewegende erzeugt Schwingung, Resonanz und Neugier. Schwierigkeit: die durch Schauspielerei übertünchte und unsichtbar gewordene Verbohrtheit, die sich gern locker und cool gibt. Enttarnung ist aber nicht mein Geschäft. Denn Schauspielern kann ich ihm auch. (Prinzip Wie du mir so ich dir. Lüge und Verlassenheit)

– Wer nur sich und die Seinigen sieht, ist geblockt durch sich und die Seinigen.

Wünsche: Literatur die inspiriert, und nicht immer Literatur sein will. Denn Geben ist seliger denn Nehmen.

– ja, alles ist beliebig. Auch Regelwerk, Kononisierung, oder Traditionen feststellen, überdenken oder recyclen. Auch ich bin ungefragt zur Welt gekommen, ein Zufall der beliebiger nicht sein kann für mich, ein Zufall, den die Eltern sich wünschten. Der kurze Glücksmoment erzeugt gleich seinen fragenden Geist. Das Kind braucht seine Pfeiler. Diese können eng gesteckt sein oder weit. Das Kind ist ersteinmal seiner eigenen Eltern bewusst. Das Elternhaus bestimmt die ersten Jahre – dann folgt das größere Feld. Und die Verantwortung der anderen für alle. Das Lernen beginnt und hört nie auf. Wer das Ziel vor Augen hat, suche ein neues. Unsere Gesellschaft krankt an ihren Erfolgen. Das ließe sich unendlich weitertreiben. Es treibt mich um.

– warum sich noch an Diskursen beteiligen, die nur dem Erfolgsmodell des Verlautbarers folgen? Warum wieso – wozu. Jede Ideologie braucht Opposition. Freiheit kann nicht bedeuten, dass zwei sagen wie sich 98 zu verhalten haben. Freiheit kann auch nicht bedeuten, das 98 sagen wie sich 2 zu verhalten haben. Demokratie bedeutet nicht gleich die Macht der Vielen über wenige, genausowenig die Macht Weniger über Viele – Demokratie bedeutet jeden Tag aufs Neue suchen, erforschen, Wissen wollen und Horizonte erweitern. Das ist evolutionär weniger revolutionär. Der Mensch hat keine andere Wahl, als sich seiner Umgebung zu widmen, seiner nahen wie fernen. Der Mensch ist individuell aber nicht allein. Auch das hat Moral.

Just three minutes ? was ist Trash ?

Abgesehen davon … dass … ja, dass mir die Berichterstattung über all das … alles … ja, alles .. es geht mir auf den  … (heiligen Geist).  Was willst du? Wieso, wozu? Erklär mir nicht wieder, warum es damals schief ging, wenn du, vor dem Hintergrund des Wissens darüber, mir heute nicht erklären kannst, warum … das alles … ja … schief geht.

Jeder historische Vergleich bekommt Pilze … wirkt wie eine Konstruktion … lässt sich darstellen als Fiktion von etwas … als alternativer Fakt … als Postfakt … als Puderfakt … Donald Duck sucht einen neuen Vornamen … alles ein großer Doppelter Express mit Spritz und wenn du mir noch einmal erklären willst, dass Sex und so … Laufen und so … und sowieso … was willst du?

Nun, guck dir das an:

http://www.rollingstone.com/music/lists/10-best-music-videos-of-2016-w456728/schoolboy-q-groovy-tony-w456738

Vor allem die Links: Olivia Newton-John’s 1981 clip for „Physical.“ (Other leotard-heavy entries over the years include Eric Prydz’s „Call on Me,“ David Banner’s „Play“ and Ariana Grande’s recent SoulCycle promo „Side to Side.“)

Niemand ist kaputter als der da … ich noch mehr … guck ich mir das an, Verzerrung. Ja und? Wie viele Bilder, glaubst du, hintereinander geschnitten, verträgst du pro Sekunde? / es folgt der Echoraum, die Filterblase. After the Sun comes Rain und so … ach so? Ja, so!

Es klingelt das Handy. Was gibt’s? Du störst. Ich schreibe gerade einen Brief an meinen Alptraum.  Hast du das? Nein, verstehe ich nicht, du bist unhöflich. Ach ja? Kitsch mich nicht an!

Außerdem habe ich den Anschluss verpasst … mit meiner Moral. Vom Reden von Anstand und Sitte. Mach’s wie Janet Jackson …. lalalalalalalalalala … Don’t do it … play this tape und pampaboo …

Und du fragst mich, wie bitte konnte das passieren … gestern schon dachte ich, nein, das hat nichts mit Flüchtlingspolitik zu tun  … oder mit  wir schaffen das … sondern mit der Überdrehung der Filmrollen, von Superacht auf stream me need me … love me … that’s the way love goes … zuviel Drehbuch ist im Plot … zu viel Plot im Text … zu viel Dreh in Bild und Ton.

Der Groove ist so was von unmoralisch … nicht wahr? Ja … f* dich Love goes round the world … du musst nicht immer von der Logik der Geschichte ausgehen, sondern von ihrer Hebelwirkung … wenn es so viel Phantasie gibt im Markt, geht sie mit round the world.

Red‘ mir bitte nicht von den Abgehängten und den wütenden Männern, was nur ein Witz ist gegen das, was aus dir wird, wenn du nur eine Stunde vor dem Tape verbringst.

Hier. Trink Benzin. Sleep the Heat.

Was willst du mir sagen? – nichts. Punkt und Trash ist das ohne die Frage zu stellen warum wozu. Diese Fragen sind akademischer Natur. Vielleicht will ich darauf hinaus: Mir geht Jesus komplett auf den (heiligen) Geist, denn weder ist Gott tot, noch keine Frau … und was kann ich mit all diesen inneren Schweinereien anfangen vor dem Hintergrund der äußeren Schweinereien?

Weiß ich nicht, spüre, dass ich mir selbst etwas vormache … denn schnell zücke ich den Revolver und zeige auf die anderen, die anderen, die anderen .. all die, die dieses Debakel mit zu verantworten haben. Die schnell schießenden Bilder. Da entsteht romantisch Sehnsucht. Das ist mir zu wenig zu viel. Da hilft kein Rufen? Gewöhn dich dran.

Was möglich ist, wird geschehen. Was denkbar ist machbar. Und deswegen geschieht alles gleichzeitig. Auch das, wogegen du dich nicht zur Wehr setzen kannst.

Meine Frage war: Wie konnte das passieren? Was? Nun die Entdemokratisierung der westlichen Welt. Wieso stelle ich mir diese Frage erst jetzt? Ein Zuviel an Freiheit etwa? Denn das macht sie weich und angreifbar? Oder ist sie nur ein großer Schwamm … eine Blase  … gegen für weder oder noch?

Mach’s wie Janet Jackson’s „That’s the Way Love Goes.“ … lalalalala … oder blablabla … Hallo Welt? Sehen Sie? Der Wähler guckt in die Röhre. Einmal in vier Jahren auf den Wahlschein. Und schon wird die Diktatur moderater? Welche Gefahren siehst du? Willst du schon wieder … relativieren? Differenzieren? Ausformulieren?

Hey Käptn … geht’s noch? Excuse me Sir. Oh, yes. Mam …

Die Diagnose geht so: es ist zu viel … Excuse me … Sorry … How much? Five Dollars.

Plus ein bisschen Rhythmus dazu. Stampf. Elektrosmog und mach mal halblang … du bist nur Fragment.

Wie konnte Weimar kaputt gehen? Nun. Die Frage war sicher vielversprechend, zieht aber nicht. Denn I’m drawn by directors cut … mein Hirn wird sich selbst zum Rätsel.

Da braucht es Zukunftsforscher … die machen Schluss mit Chaos. Das weiterdreht … das kriegst du nicht besorgt. Die Ordnungsliebenden. Kannst du versuchen, als Präsident. Für Ordnung Struktur und Chaosordnung sorgen, wenn du infiziert bist vom Erfolgsmodell des Trash und Porn im Dauerwrestling. Bums, leg ich mich mal hin.

Lass mich also in Ruhe mit deiner Jesus-Moral. Lass stecken die Kreativität um Ästhetik und Erhabenheit … sei minimal-istisch, die andern sind lalalala-lauter. Only a … One-Klick-Wonder. Und was in den Vereinigten Staaten das Weiße Haus bezog, hat Gold in den Haaren – glaubst du, das bleibt relativ das Gleiche wie was wo wie?.

Nein, ich schaue, sehe, alterniere Fakten. Das ist Stone-Washed schnell geschossen … das Wesen von Demokratie ist nicht, dass alles mit allem geteilt wird, sondern alles durch alles geteilt alle Möglichkeiten ergibt, sich in sich selbst zu verlieben.

(Die Antwort auf die Frage: Hat sich die Figur auch mal verliebt?)

Keine Zeit mehr für Porno auf Adorno. Keine Lust mehr auf Versprechungen. Mach dein eigenes Ding! Es geht nicht anders. Hör nicht auf die anderen. Denn die blocken dein Gehirn. Das Schöne an Pop ist, nach drei Minuten ist i.d.R. quicky ausgepoppt.

Pop will eat itself.

 

Ausgang des Artikels: Kate Tempest Europe is lost.

europe-lost

Der Klassiker:

… unter Vorbehalt …

… wie ich das liebe … ich bin überall unterwegs … und krieg immer weniger mit … man schleudert Worte, Sätze, erzeugt Staunen, Entsetzen, Wut, auch davon krieg ich immer weniger mit, weil ich es schon kenne, die immer gleichen Substantive. Manchmal bin auch ich über das Tagesergebnis mehr als erstaunt, wenn ich wieder einmal feststelle, ganz schön verdaddelt habe ich mich.

Wollte ich nicht produktiv werden? Nun bin ich ständig abgelenkt, ich fülle mich ab, und das Gehirn setzt immer mehr auf Durchzug. Null komma null null eins. Promille Alltag im Netz.

Sag jetzt nicht, dass du die Orientierung verlierst. Doch, sage ich. Dich.

Wir schauen uns gemeinsam Filme an, sie dort, ich hier, und ab und an schickt sie mir ein Like. Ich schaue nach und schmunzele über den Inhalt, wahrscheinlich eine Katze.

Die Katze guckt einen Horrorstreifen. Man hört Stöhnen eines Geschlechtsverkehrs, man hört Schüsse, Schreie. Hektisches Möbelrücken. Die Pupillen der Augen weiten sich, sie duckt sich unter, sie bewegt ihren Kopf im Rhythmus der Ereignisse … und ich bin schon ganz in ihrem Kopf.

Da springt sie die Kamera an. Und aus. Vergessen in dem Moment, da sie sprang. Steh auf, sagt sie, geh! Spring! Raus aus diesem Film. Die Gäste kommmen. Häng ihre Mäntel auf. Und aus.

– unter Vorbehalt, in der Hektik des Moments entstanden.