Okay Boomer!

Eine Erwider-Glosse!

geschrieben im Sommer irgendwann, und da ich dieses Jahr so publikumsunwirksam war, zum Abschluss dieses Jahrzehnts eine Art Widerkäuer aus meiner Widerspenstigkeitsschublade, die so gar nicht mehr in die Zeit will … Take it Smile.

Generation Y weiß was los ist:

https://www.zeit.de/2019/07/generation-babyboomer-klimawandel-generationenvertrag-rente-generationenwechsel

Babyboomer antwortet:

Stichworte gibt es genug: Trump wehrt sich gegen Vorwürfe, er arbeite zu wenig, Berliner Neubau kommt ins Stocken. Sehe das fröhliche Schaulaufen in langen Berlinale Nächten, dort auch ein Türsteherfilm präsentiert wird und ich weiß, ich bin nirgends dabei (darf nirgends mehr rein), sehe, ich soll abschieben, das Deportationsschiff stehe bereit, ich bin Jahrgang 1964, Babyboomer und für die ganze Misere verantwortlich.

Die Misere ließe sich verschlagworten: Der Generationenvertrag funktioniere nicht, die Generation Y ist in Wirklichkeit Generation Praktikum, ich sei nun verantwortlich zu machen und soll gehen. Raymond_Federman grüßt aus dem Jenseits; hier insbesondere zu empfehlen Die Nacht zum 21. Jahrhundert oder aus dem Leben eines alten Mannes : Roman, Nördlingen : Greno, 1988, Neuausgabe: Frankfurt am Main : Suhrkamp, 1991.

der alte Mann und das Meer, Käpt’n Ahab auf Walfang.

Während sie (Fleißige der Generation Y und mit ihnen die Autorin des Artikels bei der Zeit) müde vom langen Arbeitstag tellerweise Spaghetti mit Tomatensoße verschlingen und einen billigen Rotwein nach dem anderen öffnen, sehe ich auf der Liste meiner Hausärztin erhöhte Cholesterinwerte und gestiegenes Herzinfarktrisiko und soll unbedingt Diät machen, obwohl die erhöhten Cholesterinwerte genetischen Ursprungs sind, Bewegung tut Not, aber bei dem Pieselwetter dort draußen mag ich nicht joggen.

Solltest du aber. Dreimal wöchentlich mindestens, sagte die Hausärzten, ebenfalls Generation Babyboomer. (Wir unter uns, wie immer!) Der Höhepunkt der Babyboomerei war 1964, genau mein Jahrgang. Und ich bin schuld an der Misere, soll mich vom Acker machen, das Deportations(Raum-)schiff wartet.

In der Spree habe ich keins gesichtet (nur Ausflugsschiffe mit vielen meiner Elterngeneration – Babyboomer kaum, die sitzen in den Büros). Wahrscheinlich liegt das Schiff, das mich abschiebt, bei Rostock. Dort wartet allerdings von den 1.357.304 Geborenen der Babyboomer wahrscheinlich dann nur ich, weil wieder nur ich es wörtlich nehme, und weniger ironisch: Schieb(t) ab!

Wir hätten den Generationenvertrag gekündigt, weil wir zu wenige Kinder zum Ausgleich unserer Überzahl in die Welt gesetzt hätten, und die, die wir in die Welt gesetzt haben, ertragen uns nicht mehr.

Weniger Pop, mehr Kinder!

Wir hätten mehr zeugen und weniger poppen sollen, damit sich die Generation Y erstrecht gegenseitig auf den Füßen steht.

(So wie wir es erlebten in überfüllten Klassenzimmern, im Gleichmarsch des Wehrdienstes oder wie ich im Hippietouch des Zivildienstleistenden mit der Folge, dass wir spät erst auf der Uni auftauchten und dort auch noch, der Regelfall, zwei oder drei Semester zu lang verbrauchten, weil wir nebenbei unser Studium finanzierten mussten, und als wir endlich im zeugungsfähigen Alter von über dreißig, i.d.R. fünfundreißig waren, dachten wir vor allem erstmal ans Geldverdienen und selbständig werden, ja, ans erwachsen werden, und als wir endlich erwachsen waren, hatten wir uns einen Hunderttausendeuro Schein aufs Festgeldkonto erspart und vergessen Kinder zu zeugen, das machten die anderen, die, deren Kinder heute sagen, wir seien Partygänger gewesen, Hedonisten und selbstverliebt und nicht bereit, Verantwortung zu übernehmen für die Zukunft der Kinder, die wir nicht gezeugt hatten. (Wir werden gern verwechselt mit der Generation X, und auch mit den sogenannten 68igern.)

Kann mich sehr wohl erinnern an eine Veranstaltung im Wehrersatzdienst, da predigte uns ein Graumelierter, wir, Teil der Ersten Welt, wären die größten Umweltschädlinge dieser Welt, und jedes weitere Kind würde die Umweltbelastung erhöhen, besser sei es, KEINE Kinder in die Welt zu setzen in dieser ersten Welt, sondern uns zurückzuhalten und … abgesehen davon, dass von den mehr als 700.000 weiblichen Babyboomern auch kaum Signale verströmt wurden, mach mir ein Kind.

Im Gegenteil forderte diese zweite Hälfte unserer Generation Gleichberechtigung und Chancengleichheit und gleichwertige Berufschancen und gleiche Bezahlung.

Kann man uns jetzt zum Vorwurf machen, dass wir unsere zweite Hälfte der Generation nicht ans Ruder gelassen haben? Ich persönlich kann mir diesen Schuh nicht anziehen, da ich in einem technischen Bereich aktiv war und bin, für den sich die andere Hälfte unserer Generation noch immer kaum interessiert. Ich schraubte an Mimosoft, Linux und Applewirtschaften herum, die andere Hälfte unserer Generation freute sich, als sie endlich Internetzugang hatte, ohne immer den männlichen Teil unserer Generation anfragen zu müssen.

Die Schuhe passen wieder nicht.

Nein, ich kann mir den Schuh, Frauen nicht an den Start gelassen zu haben, nicht anziehen. Ich kann mir auch den Schuh, keine Kinder gezeugt zu haben, nicht anziehen, denn die eine hatte eine Spirale, die nächste nahm die Antibabypille, wieder eine andere führte Strichlisten, und die, die schließlich schwanger wurde, ließ es abtreiben und entschied sich für ein anderes Leben.

Die, die ich liebte, und mit der ich es mir vorstellen konnte, liebte einen anderen und die, die ich nicht schwängern konnte, weil sie nicht schwängerbar war, ließ sich die Eierstöcke entfernen und konvertierte zum Buddhismus.

Ich hatte spät erst die Möglichkeit, eine Frau fürs Leben zu finden, die aber hatte auch schon zwei Versuche, Kinder zu kriegen, abbrechen müssen, unwillentlich.

Den Schuh, keine Kinder in die Welt gesetzt zu haben, kann ich mir so gesehen nicht anziehen, zum Glück für mich habe ich zwei Schwestern, die insgesamt elf Kinder in die Welt gesetzt haben, ELF!

Und keine dieser Kinder, die ja nun (fast) alle Generation Y sind, würde mich in die Verantwortung nehmen wollen, dass ich nicht noch für mehr Konkurrenz gesorgt habe, sondern fragen mich immer etwas mitleidig, ob ich denn glücklich sei ohne Kinder. Ja, nein, antworte ich, einerseits, andererseits, sage ich. Es ändert nichts. Aber nun muss ich sehen, dass man für mich das Deportationsschiff vorgesehen hat. Schiebt ab!, ruft die Journalistin da aus ihrem Weitwinkel, wahrscheinlich bei Igramm gefiltert.

Ich sehe, sie hat einen schwierigen Job. Macht statt IT auf Journalismus und lässt sich sicherlich bevormunden von Graumelierten meiner Generation, aber wahrscheinlich auch unter Druck setzen von Ihresgleichen, das aber ist Spekulation.

Die Journalistin, die das schreibt, ist Generation Y. Davor gab es die Generation X, das waren die Hedonisten und Drogenabhängigen und Psychodurchgeknallten, das wahre Nachtleben fand in den Neunzigern statt, heute wird wieder in die Hände gespuckt, nur dass es sich nicht lohnt, denn die Babyboomer blockieren die Plätze.

Die schönen Grauhaarigen

Haben graumeliertes Silberhaar, sind schöne, gepflegte Menschen und zwingen der Nachfolgegeneration ihre Work-Life-Balances, ihre gewaltfreie Sprache und ihre sonstigen Unterdrückungsmechanismen auf, während es weltweit so aussieht, als würden alternde Patriarchen und Stammesväter ihre letzte Ölung genießen.

Allenthalben lugt Autoritäres und Autokratisches ums Eck, und sicher ist auch daran unsere Generation schuld. Zumindest beteiligt.

Unsere Generation hat diese Monstren Big Five aus den USA erst groß und möglich gemacht. Die Big Five, die uns hier alles durchleuchten und jeden und alles entmündigen und enteignen, und zwisten und Streit sähen, die steigenden Mieten, die explodierenden Energiekosten, das Sterben der Innenstädte, das Aussterben der Infrastrukturen, die Verrohung der Sitten, die neurechten Ideologien, die Verfrachtung unserer eigenen Kinder in die Callcenter der Big Five und ihre Ableger.

Die Finanzkrise, die einstürzenden Twintowers, die Radikalisierung, das Auferstehen der Religionsfanatiker, die blinde Gefolgschaft hinter sozialdarwinistisch besser aufgestellten Autokraten – haben alles wir verzapft?! Mit unserem Drang, schöne grauhaarige Menschen zu sein. Nichtmal die DDR haben wir verschont. Und nun sitzen in allen Ecken die Wutbürger, und fangen zu motzen an und rufen nach Nationalstaatlichkeit und Überschaubarkeit und Provinzialismus, das sind natürlich auch wir. (die falschen Mehrheiten?!)

Die Generation Babyboomer das wahrscheinlich provinziellste Völkchen, das jemals die Welt erblickte. Obwohl ich mir habe sagen lassen, dass es das Babyboomerphänomen nur in der westlichen Welt gab, während es heute vor allem in den sogenannten BRIC Staaten um sich greife, oder in Afrika. Nun gut, das sind wahrscheinlich begrifflich betrachtet Erbsen mit Kartoffeln verglichen. Die Journalistin meinte schon uns, da kann ich nicht ausweichen.

Ich soll deportiert werden, die anderen kommen später.

Das zur Ausgangsposition, das zur Selbstläuterung. Ich habe mir ja die Mühe gemacht, den ganzen Artikel zu lesen, und auch die Contra-Position, muss aber feststellen. Ich bin zwar gemeint, aber ich war nicht dabei.

Ich habe nämlich gesehen, dass die Generation Y sich das vornimmt, was wir uns notgedrungen auch vornehmen mussten: Eigeninitiative, Durchhaltevermögen, Idee und Wille. (Alle Dacore) Sollten wirklich alle Menschen Journalist*Innen werden wollen, wäre allerdings bald Schluss mit lustig, aber warum, bitte, werden sie nicht Jurist*Innen, Informatiker*Innen, Mechaniker*Innen, Maschinenbauer*Innen, warum wollen so viele Psychologin, Geisteswissenschaftlerin, Schriftstellerin oder Leserin werden, und wahrscheinlich weniger Programmiererin … nun, der Herr im Himmel hat sich weggedreht.

Diesen Kampf führten wir damals auch. Wer Geisteswissenschaft studiert, dem droht die Sozialfalle, heute nennt sich das Wohlstandsverhängnis, unser Versäumnis? Wenn ich meine Kinder, die ich nicht habe, dazu erziehen könnte, was Vernünftiges zu machen … bräuchte ich nicht so eine Angst haben um mein Pausenbrot und meine Ausbildung … sondern würde beharrlich und ausdauernd mein Ding verfolgen?

Da bin ich eben auch ratlos. Und das ist tatsächlich, was man unserer Generation, den Babyboomern zum Vorwurf machen könnte: Nicht ihre grauen Haare und nicht, das sie schöne Menschen werden wollten, sondern ihre Ratlosigkeit, ihre Angst vor der Zukunft. Wie im übrigen auch im Schreiben der Journalistin zu erkennen: in jedem zweiten Satz winkt das Substantiv Ratlosigkeit. Gerade und wegen der immensen Herausforderungen. Und eh sie eine Kooperative oder ein gemeinsames Handeln erwartet oder impliziert, wird schön am Deportationsschiff gebaut.

Nun schiebt endlich ab!

Sie werden wohl auch nicht daran gedacht haben als Sie lasen: Schiebt ab! Dieses Schiebt ab ist wohl eher umgangssprachlich gemeint, von wegen, macht mal Platz hier, ja, aber Frau Journalistin. Wohin sollen wir? Wir waren schon immer zu viele, und immer hat man uns gesagt, ihr seid zuviele. Wir aber haben uns für ein Solidarisierungsprinzip entschieden, nicht für ein kapitalistisches, das kommt aus den USA, das waren wir nicht, das waren die anderen, die Börsianer und die … jaja, wer hat damals vor den Amis gewarnt? Nun haben wir den Salat. Big Five, und lauter rastlos ratlose Schafe. Statt auszurufen, tut was dagegen, packt es an, gründet eine eigene Firma: sollen erstmal 1.3 Millionen Menschen abschieben! Nicht abgeschoben werden, sondern freiwillig gehen.

Vielen Dank aber auch – für nichts.

Bin ich froh, dass ich kein Kind zur Welt gebracht habe, stell dir vor, es würde dir jeden Tag zum Vorwurf machen, dass du es in die Welt gesetzt hast.

ERGÄNZUNGEN:

Mal erzählen, wie du als über Vierzigjähriger, hier als Babyboomer an einem Einstellungsgespräch teilnimmst, das von einem glatzköpfig intellektuell wirkenden Brillenträger der Generation X geführt wird … und du nach wirklich tollem und erfrischendem Gespräch nie wieder was von ihm hörst …

Mal erzählen wie sich zwei der Generation Y um Praktikantenplätze streiten, sie jeweils bereit sind, für weniger als 500 monatlich zu arbeiten, genommen wird dann aber der Praktikant der Generation X, der sogar 800 monatlich bekommt.

Mal erzählen von den ganzen Generation Y Kandidaten, wie sie von einem Babyboomer erwarten, dass er ihnen Festplatten, Lüfter, Lampen, Telefone und Tische, ja eigentlich alles, was sie selbst so verranzen und vermüllen, sauber hält. (Den Babyboomer mit einem Hausmeister oder der Reinigungskraft verwechseln, obwohl er ausgebildeter IT-ler ist mit der Höflichkeitsattitüde, immer helfen zu wollen. Das haben wir ja als Helfersyndrom untergejubelt bekommen und immer noch nicht abgestellt.)

Mal erzählen von der Teppichnummer: Da alles raus muss, Tische, Lampen, Stühle, Rechner, alles! Und der Babyboomer bis spät in der Nacht noch am Rumräumen ist, vor allem auch die Arbeitsplätze der Generation Y, die offenbar dachten, der Babyboomer muss in seinen jungen Jahren viel Zeit im Fitnessstudio verbracht haben, dahin zieht es den der Generation Y jetzt auch, während der Babyboomer erschöpft nach Hause wankt und daheim erstmal viele Spaghetti und wahllos Rotwein in sich hineinfüllt, damit er morgen garantiert nicht mehr aufsteht und anschließend, wie es Gewohnheit ist des Babyboomers, eine Woche krank feiert. Was nur nicht viel bringt, denn der Babyboomer hat sich ja aus der sozialen Verantwortung herausgestohlen, indem er schon seit Jahren Freiberufler ist, damit er erstens weniger Sozialbeiträge zahlt, zweitens kaum soziale Kontakte pflegt, und drittens sowieso nur daran denkt, wie er bald ein Leben führt auf den Malediven oder sonstwo auf Kosten der Generation Y.

Mal erzählen davon, dass während eines Vorstellungsgesprächs der Mann der Generation Y sein Apple-Book mitbrachte, aber offenbar vergessen hatte, daheim den Kanal für die pornografischen Inhalte aus seiner Timeline zu entfernen, sodass die Frau Personalchefin, klar doch Babyboomerin, nicht anders konnte, als ihm einen schönen Tag zu wünschen.

Mal erzählen vom Schlangestehen zur Mittagspause, da auch der Babyboomer Hunger hat, aber ein Jungspund der Generation Y weniger Zeit mitgebracht hat, und einfach so tut, als sei der Babyboomer durchsichtig.

Es gäbe noch so einiges zu erzählen, auch wie der Babyboomer damals noch betrachtet wurde von den 68igern, aber das wird ja inzwischen alles in einen Topf gerührt … der Babyboomer ist wahrscheinlich nur ausversehen gezeugt worden, weil alle das machten damals, im Autokino.

Natürlich hat der Babyboomer den Artikel der Frau aus der Generation Y richtig verstanden: er soll Platz machen. Verraten sei auch: Der Herr Babyboomer hat schon so viel Platz gemacht vor den Leuten der Generation X, da sollte Generation Y mal lieber drauf achten, dass Generation X sich hier nicht alles unter den Nagel reißt, zum Beispiel das Abdrehen schlechter Spielfilme, in denen immer nur Nazis drin vorkommen, aber das wäre natürlich ein anderes Drehbuch.

Es müssen ja immer erst die Babyboomer verkloppt werden, immer schon, es waren einfach zu viele. Wo sind aber die Verantwortlichen für dieses ungeschützte und kondomfreie Verhalten derjenigen, die offenbar unter Bombenhagel und Nahrungsmittelverknappung und andere Spezialitäten litten, so sehr, dass es die ihnen folgende Generation mal besser haben sollte.

Und zwar so viel besser, dass sie von heute aus betrachtet von sich als Friedensgeneration sprechen kann, sieht man mal vom täglichen Kleinkrieg ab, oder vom größeren um den Irak und Afghanistan und Syrien … (aber das waren ja immer die Amis, hat der Babyboomer immer gesagt, hat nur niemand hingehört) Auch das hat der Babyboomer einfach nicht im Griff: er dreht und wendet die Themen immer so, dass am Ende ein großer Brei rauskommt, Ergebnis und Beweis seiner spätpubertären Neigung, es immer noch allen rechtmachen zu wollen, vor allem sich selbst.

Resumee.

Die Frau Autorin hat offenbar ein heißes Eisen angefasst, denn es haben sich viele Leute dazu geäußert. Aber eins hat die Autorin vergessen zu erwähnen. Die Graumelierten, von denen sie da spricht, die so viel Macht haben, und alles blockieren, angeblich, sind in der Minderheit. Das sind die, die sich gegen ihre Rivalen durchgesetzt haben, die, die mehr Glück hatten, und die, die mehr erben konnten, aber die Masse, sprich die Menge der Babyboomer, teilen mehr oder weniger das Schicksal mit der Generation Y insofern, als auch sie nicht an den großen Fleischtöpfen sitzen, sondern an den ihnen zugeteilten.

Und die Proportionen dieser verteilten Portionen sind nicht gerade üppig. Ein Haus in Berlin kostet inzwischen 6.000 Euro/qm, wie soll nun der Babyboomer mit seinen ersparten 100.000 da mithalten? Ach so, 30qm reichen auch?! Weil Generation Y muss sich ja auch die hundert Qm mit vier Mithungrigen teilen. (Glaubt denn Miss Generation Y, wir hätten in einer Vorstadtvilla studiert? Was glaubt Frau Generation Y, wie schnell es geht, von monatlich 3500 Mark auf monatlich 3500 Euro zu kommen? Ein Jahr, zwei? Unter direktiven Maßgaben schafft das so manch einer über Nacht!)

Nach dem, wie ich den Artikel verstehe, habe ich da eine Lesart übersehen. Die Generation Y selbst will den Generationenvertrag quasi scheibchenweise abkündigen,  und tut schnell mal so, als hätte die Generation Babyboomer vergessen, Verantwortungsmilch zu trinken.  Jetzt schon hat Generation Y Angst, die ganzen Methusalems der Babyboomer nicht mehr durchfüttern zu können.

Stell dir vor, die rebellieren irgendwann. Zahnlos geworden zwar, aber durchaus mit Wut im Bauch, weil hungrig. Da ist das heute gesättigte Land noch weit von entfernt, meine: die Leute nicht sattzukriegen. Heißt ja jetzt schon überall: Sorge selbst vor, der Staat macht eh pleite … wahrscheinlich bald. Die Frau Generation Y hat noch nicht zur Kenntnis genommen, dass wir unseren Eltern unser Leben zu verdanken haben und dass wir bereit sind, einen Großteil unseres Verdienstes für ihre Generation aufzubringen, und verschweigt aber auch, wie viele dieser Babyboomer aus eigenen Stücken, ihre eigenen Kinder (das erkenne ich an meinen Schwestern und Freunden, die ihrem Kinderwunsch nachkamen!) außerdem noch unterstützen. Das nämlich hat die Frau der Generation Y noch nicht gesehen: Dass die Generation Babyboomer zu großen Teilen sehr vieles von dem, was sie erreicht hat, mit ziemlich viel Eigeninitiative und sehr hohem Kraftaufwand und viel Geduld, viel Lernen und Umlernen, erreicht hat. Und leider droht die Kulisse hierfür nun von ausgerechnet den Konservativen (Republikanern in den USA) und Zaristen der ehemaligen UDSSR und anderen Brexitiers und selbstsüchtigen Gestalten zerstört zu werden, das aber, liebe Generation Y ist nicht das Verbrechen und Versehen der Generation Babyboomer, sondern die durch alle Schichten dieser Zeit raunende Ratlosigkeit gegen eine Übermacht an Ideologie und Verantwortungslosigkeit – die vor allem von Seiten der Damen und Herren Nachkriegsgeneration getragen wird. Oder ist Donald Trump auch Babyboomer? Nein, er ist geboren 1946 – also Elterngeneration der Babyboomer. Bitte. Danke. Ja. Beim nächsten Mal bitte mal die eigenen Eltern fragen, wo die nächste Eisdiele ist. Vielleicht gibt es diesmal zwei statt eine Kugel?

Mit anderen Worten. So gut ging es uns noch nie. Alle miteinander. Wenn ich das Gelbwestenspektakel sehe, das Nehmt uns mal ernst Geplärr aus Dresden, das wir brauchen Manifeste Grenzen Gezänk aus Italien, das sind vor allem reichwarme und selbstgerechtgefällige Warmduschergeschichten, da kommen mal zwei Tropfen kälteres Wasser aus dem Hahn und schon bricht alles zusammen?

Großes Vertrauen in diese Leute kann ich nicht hegen. Heißt. Appell an mich aus  der Babyboomer Generation: Ja, weiter so! Helfen, wo Not ist, der Lohnzettel streicht einem regelmäßig fast 50% des Gehalts … ansonsten … richtig. Sieh zu, dass du wegkommst. Auf diese von uns gezeugte Generation kann man sich nicht verlassen, die finden unsere grauen Haare seien was wie Sperrholz. Welches Schiff besteige ich nun? Hab noch zehn Jahre bis zur Rente. Dann will man mich nicht mehr. Aber wahrscheinlich hat die von uns gezeugte Generation ja dann den Machtschalter endlich gefunden und weiß wie man es besser macht. Soziale Gerechtigkeit für alle, oder soziales Gewissen für die, die man kennt?

Ich könnte, wollte, müsste … noch stundenlang weiter … Holz sammeln.

Achtung: das ist nur eine Glosse mit hin und wieder nagelnden Brettern *grrr*

Wünsche allen, auch den Okay Boomern ein frohes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins Neue Jahr . In 2020 wird alles besser. Denn der Untergang der Welt droht ja erst 2023 – Bis dahin lasst uns tanzen, leben, glücklich sein!

Und das Kinder zeugen den anderen überlassen – wir sind dafür wirklich schon zu alt.

Er redet immer so viel …

… über die Abkehr von der transparenten Gesellschaft

Im Tagesspiegel: https://www.tagesspiegel.de/politik/soziale-medien-eine-abkehr-von-der-transparenten-gesellschaft/23837036.html (Abkehr von der transparenten Gesellschaft), die Sueddeutsche: https://www.sueddeutsche.de/digital/habeck-twitter-facebook-1.4278309 (So einfach ist das alles nicht)

Beide Artikel kommentieren die „Selbstgeißelung“ des Mit-Vorsitzenden der Grünen Robert Habeck, nachdem er sich nun schon das zweite Mal mehr oder weniger per Twitter „verplappert“ habe. Beiden Artikeln ist anzumerken, dass sie denen folgen, die mit dem Internet und hier explizit im Nutzen der sogenannten Sozialen Medien einen Hinzugewinn an demokratischen Möglichkeiten sehen, beiden Artikeln ist anzumerken, dass sie Argumente ins Feld führen, die genausogut in ihr Gegenteil verkehrt werden können. Insbesondere der Transparenzgedanke des Artikels im Tagesspiegel macht mich stutzig.

Frage: Wieviel Transparenz ist erreicht, wenn mehr oder weniger ALLE die Möglichkeiten der sogenannten sozialen Medien nutzen? Stellen wir uns vor, es würden zu einem Thema tatsächlich ALLE ihre Meinung äußern, wieviele dieser Meinungen würden dann wohl zählen, bzw. gehört werden? Alle? Allein die Auswertung ALLER Meinungen zu einem Thema würde Monate benötigen. Und wer sollte sie eigentlich auswerten, wenn nicht jeder Einzelne? Wie würde das jeden Einzelnen dauerhaft binden, wenn nicht sogar überfordern. Durch die Freiheit ALLER, sich zu ALLEM zu äußern, ist demnach nicht etwa die Transparenz gestiegen, sondern die Instransparenz – du erkennst im Dschungel der Meinungen keine Leitplanken mehr.

Es liegt also ein grundsätzliches Missverständnis vor in der Vermutung, die Gesellschaft sei durch das Nutzen von Social Media transparenter geworden, das Gegenteil ist der Fall: Die Unübersichtlichkeit und das Chaos der Vielen Meinungen hat zugenommen. Diese Vielfalt zu lenken, zu steuern, in Machbares zu verwandeln, stellt eine ungleich höhere Hürde dar, als ersteinmal Leitplanken zu errichten und dann zu sehen, wie die Gesellschaft sich entlang der Leitplanken orientiert.

Wir haben unbetreitbar im Internet eine regellose Gesellschaft ohne Leitbild, ohne Konzept (Außer dem Regelwerk der Anbieter?!). Dem einen gefällt das, den anderen macht es orientierungslos. Was tun? Behauptung: Nicht die Transparenz hat zugenommen, sondern das Chaos – und damit die Willkür.

Die etwa von Ausdifferenzieren, Komplexität oder Vielstimmigkeit sprechen, werden immer weniger gehört (sie gehen im Vielstimmigkeitsmomentum unter), die mit den einfachen Antworten dagegen hört fast jeder (Demagogen, Populisten und Verführer feiern Hochkonjunktur. Der sogenannte Transparenzgedanke führt sich selbst ad absurdum. Die Demokratie wählt sich ab.)

Frage: Seid wann sind Firmen wie FB, Instagramm, Whatsapp (alles in einer Hand!), Amazon, Apple, Microsoft oder Google Institutionen des öffentlichen Rechts? Wer verpflichtet mich, diesen Firmen meine Daten, meine Ansichten, mein Privatvermögen (mein Denken) zu übereignen? Der Teilnehmer auf der anderen Seite etwa, der ebenso nichts anderem als seiner Selbstenteignung beiwohnt?

Wer hat mir den Auftrag erteilt, mein Wissen den Firmen zu übereignen, damit sie ihre Logistik und ihre Algorithmen auf mich und die anderen abpassen? Wer hat diesen Firmen erlaubt, mich auszuhorchen und mein Verhalten zu arithmetisieren, zu verdinglichen, zu optimieren? Ich etwa? Wenn ich es war, der ihnen die Erlaubnis erteilte durch mein leichtfertiges OK unter deren Geschäftsbedingungen, dann bin doch auch ich es, der ihnen diese Erlaubnis wieder entziehen darf?

Wir sehen leider ein noch größeres Problem: Sie führen über mich Buch, auch wenn ich ihre Dienste nicht beanspruche, denn Tracking, Nachverfolgung und Weitergabe meiner Surfgewohnheiten sind per Session und Besuch anderer Seiten wie z.B. der Sueddeutschen und dem Tagesspiegel impliziert. Der persönliche Datenschutz ist angesichts der freiwilligen Selbstenteignung eine Farce. (Dazu gehört ebenfalls, dass ich nach Einführung der DSVGO nun überall noch einmal zustimmen muss, dass sie mich weiterverfolgen.)

Geschützt wäre ich nur, würde ich deren Dienste gar nicht erst wahrnehmen? (Nun, so einfach ist es wirklich nicht. So kompliziert ist es im Gegenteil. Wir erleben geradezu, wie ein sogenanntes Umsonstmodell (sie bieten mir ja regelmäßig ihre Dienste kostenfrei an) einhergeht mit einer Aufmerksamkeitsökonomie zulasten der Ausdifferenziertheit, der Vielstimmigkeit, der Pluralität (das Umsonstmodell macht alles, was etwas kostet, teuer, und da das Umsonstmodell von vielen Umsonstmodellen umstellt ist, wird das, was etwas kostet, schutzlos sinnlos, wenn nicht wertlos, da kann es kosten was es will.

Mit anderen Worten: das werbefinanzierte Internet frisst seine Kinder, und gibt Macht denen, die sie vergrößern, und macht wort- und gegenstandslos, wer ihnen folgt. Die Folgekosten dieser Umsonstkultur fallen der Demokratie auf die Füße, indem an ihrer Stelle die Willkür entsteht. Ich spüre es an meinem eigenen Surf-Verhalten: nicht mehr fähig, die Zukunft zu denken, zu suchen, zu gestalten, folge ich, was sich mir zufällig bietet, die Ausweitung des Präsens zum ewigen Jetzt. Wie soll da Verantwortung entstehen, für was?)

Ich sagte es oben schon: die Vielstimmigkeit blockiert sich selbst, die „leisen“ Töne gehen im Konzert der Allgemeinheiten unter, der am Trashigsten kommt, am meisten winkt, am schrägsten erscheint, am provokativsten brüllt, der und so weiter … gewinnt.

Gegen Trump scheint es kein Mittel zu geben, alles, was du gegen ihn sagst, münzt er zu einem noch größeren Unsinn um und vergrößert so nur das Chaos. Am Ende ruft er den Notstand aus. Es winkt Diktatur. Danke Chaos. Danke Twitter. Danke Follower.

Und da so viele schräg und trashig erscheinen, erscheint das Netz inzwischen wie eine Veranstaltung der Dauernerds und Ewigpräsenten und Lautesten. Und das, weil inzwischen ALLE mitmachen und ALLE ein Interesse verfolgen?: sich selbst zu vermarkten. Werbung zu machen für das eigene ICH.

In Haubecks Erklärung steckt ein Hinweis, dem auch ich auf den Leim gegangen bin: https://www.robert-habeck.de/texte/blog/bye-bye-twitter-und-facebook/

„Kann sein, dass das ein politischer Fehler ist, weil ich mich der Reichweite und direkten Kommunikation mit doch ziemlich vielen Menschen beraube.“

Insbesondere die (implizierte) Reichweite scheint irrezuleiten … dieses Jeder mit Jedem und Alle mit Allen. Ist einfach und salopp gesagt, Irrsinn, rein physisch nicht möglich, und siehe unten, mit der Zeit relativ sinnfrei, denn wo du erst Fans hast, folgen die anderen. – und setzen dich unter Druck, ob du willst oder nicht.

Das hat das sogenannte Social Media ebenfalls zutage gefördert: Sobald du eine gewisse Bekanntheit erreichst, hast du nicht mehr nur Freunde, dagegen viele Neider, Konkurrenten und Mitbewerber, um es mal vorsichtig auszudrücken. Die Suggestion von Social Media ist gleich ihr doppelter Boden: I Like it heißt eben nicht I like it, sondern ich mache auf mich/dich aufmerksam. Das I like it ist in den seltensten Fällen ein echtes oder wirkliches Like, sondern mit der Zusatzbotschaft versehen: folge du mir auch! ()

Das mag ja noch gefallen, wenn einem gefällt, was dich liked. Mit Zunahme der Bekanntheit aber kommen die Disliker, die, die dir dein Geschäftsmodell madig machen wollen, und was schwerer wiegt: dich benutzen, ihre eigenen Reihen zu füttern, zu stärken, zu blöffen, zu pushen – GEGEN dich. (Das Internet bringt also weniger zusammen, als es suggeriert, es treibt eher auseinander und bildet Fronten und fragmentiert die Gesellschaft. (Ob Twitter, Facebook, Instagram, Whatsapp, Amazon … die Wege sind gepflastert mit Burned Out Nutzern, Selbstüberschätzern, Zuspitzern, zerrütteten und zerstrittenen Familien, nervösgewordenen Kindern und hippeligen Mit-Life-Crisis-Verfolgten.)

Hast du erst einen dieser neuen Freundfeinde in der Timeline, kannst du sicher sein, dahinter warten weitere. Da kannst du noch so sehr in bester Absicht unterwegs gewesen sein, die anderen warten nur noch auf deine Fehler. Auf dein Versagen, deine Ausrutscher, deine Mismatches – um dich zu fixen. Da kann innerhalb kürzester Zeit dein Erfolg von früher ausschauen wie ein einziges Verhängnis: häufigster Vorwurf: er will nur sich. Er benutzt die anderen für seine Absichten. (Immer auch Projektion) Und wenn du zu dem gar nichts mehr sagst, also schweigst: wirst du ignoriert. Und aus.

Insbesondere Politiker sind da ohne Chance. Sollten sie sich verpflichtet fühlen, überall und immer mitzumachen, mitzureden, mitzudenken, oder wie hier, sich der direkten Kommunikation zu verschreiben. Sie stoßen zwangsläufig an Grenzen.

Ich brauche niemandem zu erklären, dass ein Tag nur 24 Stunden hat. Und wieviel Zeit das Internet beansprucht, wenn man es ernsthaft betreibt, brauche ich auch niemandem mehr zu erklären. Und das, um von politischen Gegnern aufgespürt zu werden, damit sie mir ans Bein treten? Ich soll das sogar tolerieren? Im Namen der demokratischen Rituale? Da spuckt mir einer ins Gesicht und ich soll das unter Meinungsfreiheit abbuchen? Oder gar wie Jesus ihm noch die andere Wange hinhalten?

Zum Thema ist in den letzten Wochen und Monaten und Jahren schon so viel geschrieben worden, ich kann wenig Neues dazu beisteuern, außer dass mir das Ganze regelmäßig ebenfalls über den Kopf zu wachsen droht, was schlimmer ist: die Verrohung, das Sensationelle, das Laute und Provokative, all das hat auch schon von mir Besitz ergriffen. Ich will plötzlich auch: Dabeisein. Gesehenwerden. Bekanntsein. Mitmischen. Meine Meinung sei gefragt. (Wollte ich wirklich Bekanntheit über das Augenscheinliche hinaus, ich müsste aufrüsten, mich exponieren, provozieren oder mich ständig zeigen … will ich das, kann ich das? Ich spiele Bass, ein eher leises Instrument. Hintergründig und weniger laut.)

Frage: Wer eigentlich hat den Firmen wie FB, Google, Microsoft, Apple und Amazon erlaubt, sich als Stellvertreter demokratischer Institutionen aufzuspielen und mich zu locken, zu übervorteilen und, um es salopp zu sagen: zu verschaukeln? (Sie bringen mich mit Leuten zusammen, da wäre ich nie drauf gekommen, Bots zum Beispiel.)

Nach nun mehr 25 Jahren Internetnutzung sehe ich vor allem eins: Das Erstarken nationalistischer Tendenzen (Panama First), provinzielles Verhalten (wie ich dir, so-du-mir), die Zunahme der Intoleranz, das Einheizen unlauterer Sprache (neudeutsch Hatespeech is in) – was bitte hat das mit Demokratie zu tun – da es nur noch um Sensation und Affektives geht – die SHOW? Nur wer auf den Bauch des anderen zielt, trifft dessen Verstand?

Die Frage kann ich nur noch so beantworten: Ich lerne, einen Bogen um diese mich bevormundenden Firmen FB, Google, Amazon, Apple und Microsoft zu machen. Ich habe geholfen, sie groß zu machen, nun helfe ich mir, sie wieder loszuwerden. (Es gibt tatsächlich Alternativen!)

Mit Verlaub, das Internet ist in seiner jetzigen Form nicht mehr mein Haus, nicht mehr mein Ort. Es entspricht nicht mehr meinem Denken. Ein Donald Trump ist mir Warnung genug. Ein Salvini reicht. Ein Orban, ein Erdogan, ein Bolsonaro, ein Duerte. Diese Figuren sind Ergebnis einer sogenannten Vielstimmigkeitsblase des Internet um FB, Google, Amazon, Microsoft und Apple (Bill Gates mit China Atomstrom wieder solonfähig machen will – https://winfuture.de/news,89025.html (in dem Artikel bezeichnenderweise nur die Vorteile und Vorzüge der Idee dargestellt sind – deswegen gleich den hier auch: https://www.zeit.de/wissen/umwelt/2013-10/atomkraft-risiken-bill-gates/seite-2 – und wünsche niemandem, dass Bill Gates so etwas wie eine Adaption von MS-DOS 5 in Erwägung zieht beim Planen von Atomkraftwerken.

Zusammenfassung: Was will uns der Autor sagen?

Nun. Für 2019 habe ich mir vorgenommen: Filtern und blocken. Wir hatten in 2018 eine Öffentlichkeit, die sich überwiegend um das Thema Migration bewegte, um die sog. Neurechten, den Verfassungsschutz, und seltener um die Themen IT-Sicherheit und KI-künstliche Intelligenz, und seltener, dass wir, Europa, von China und den USA abgehängt werden, technologisch, und seltener, dass dort drüben Panama First regiert, der von den gleichen Leuten an die Macht gebracht wurde, die nun Großbritannien zerreißen, und seltener, dass Neokonservative (Faschisten) Italien aushebeln, und seltener, dass Ungarn und Polen ihre Rechtsstaatlichkeit aufgeben, und seltener, dass die Foren der Zeitungen vertrollt werden, und seltener, dass wir es zulassen, wie Afrika zum Binnenmarkt der EU verkommen soll, und seltener, dass Schattenfirmen in unseren Breiten Immobilienblasen schaffen, und sehr selten, dass mehr als 2000 obdachlose Frauen auf Berliner Straßen leben, und selten, dass und dass und dass … es gibt derart viele Themen … da brauch ich nichtmal Freund der Linken oder Grünen zu sein, ich kann sogar Freund der FDP sein … der CDU … (der SPD etwa?) stattdessen ich immer nur hören und lesen soll, was Gauland und Co zum Thema zu sagen haben: Nichts außer ihr schäbig verschrobenes Whataboutism für den Bauch. (Wird gefiltert geblockt)

Außerdem will ich in 2019 meinen Sachen folgen, will mich nicht ständig irreleiten lassen, will wissen, was ich will, was mit mir zu tun hat und warum ich meine Dinge nicht voranbringe, aber ständig dem folgen soll, was andere für mich als ach so wichtig bereithalten.

Nachdem ich im letzten Jahr mein Facebookkonto gelöscht habe … und ich es nicht einen Tag vermisste, ich im Gegenteil von vielen, die dort noch immer und wider besseres Wissen unterwegs sind, höre, es ermüde sie, es sei nichts Relevantes mehr erkennbar, selbst meine russischen Freunde hätten sich zurückgezogen, außer ein paar selbstdarstellende Künstler hier und da, außerdem: ich glotzte doch nur noch FB-TV. Und sollte immerzu feiern, was die anderen feiern. Sollte mich ausschließlich interessieren dafür, was die anderen tun und beabsichtigen: sich selbst vergrößern. Ich bin es so leid, dieses Leben der anderen, ich will ein eigenes zurück!

Schlussbemerkung: Der Hinweis aus dem Tagesspiegel von einer transparenteren Gesellschaft durch Social Media ist nahezu absurd: Habe diesen hier gefunden, und möchte anmerken: http://www.spiegel.de/politik/ausland/trumps-ex-wahlkampfchef-manafort-gab-umfragedaten-an-russen-weiter-a-1247107.html was glaubst du? Ein Entscheidungsträger XY hat die Information AB von DE … streng vertraulich, wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass er sich verplappert, wenn er ständig twittert? Damit scheidet auch die Frage aus: ob man einem Politiker noch trauen kann, der sich nicht zutraut, auf Twitter oder Faceook aktiv zu sein. Im Gegenteil: Das Vertrauen in Panama First ist aufgrund seiner unsäglichen Twitterei zumindest bei mir unter NULL. Nur weil JEDER glaubt, er sei erst lupenrein und sauber, wenn er JEDEM mitteilt, wie er sie es morgens seine Brötchen beschmiert, heißt es nicht, dass er trotzdem nicht auch dunkle Geschäfte betreibt in Panama First.

Manchmal scheint das Naive so mancher Autoren nämlich auch mir das Gehirn zu vernebeln … oder hängt das nur mit zu hohem Internetkonsum zusammen? Weil alle reden, rede ich auch? Es sei mir unbenommen. Dann aber bitte sei es auch ihm unbenommen, meinem Gerede sein Gerede entgegenzustellen. So gleicht sich das aus.

Im Ergebnis dann kommt herum: Als hätte niemand geredet. Denn in der Regel redet er mehr noch als ich … er hat noch ein Konto bei …. und bei … und bei … Ich hab es schon immer geahnt: Wenn ALLE schreiben, gibt es keine mehr die LESEN. Wenn ALLE reden, gibt es keine mehr die ZUHÖREN. Insofern.

Das habe ich mir auch für 2019 vorgenommen: MEHR LESEN. Das bildet Verstand.

Denn so einfach ist das alles nicht.

!!! FROHES NEUES JAHR 2019 !!!

Copyright Foto: ist von mir in Rom geschossen.

 

 

 

Die New York Times und Trump, Die Mythenplagen und das Fest

Die letzten Tage verfolgte ich eine großartige Reportage und einen interessanten Film auf Arte:

Reportage-Link zu Mission Wahrheit, mit der New York Times auf den Spuren Trumps auf Arte Teil 1, Teil 2, Teil 3 , Teil 4 noch bis: 05/12/2018

Film-Link zu Der die Zeichen liest von Kirill Semjonowitsch Serebrennikow Der die Zeichen liest noch bis: 06/12/2018

Etwas schwieriger tue ich mich mit

Der Weg in die Unfreiheit: Russland, Europa, Amerika von Timothy Snyder

41pg-hdzpcl-_sx320_bo1204203200_

ich verlinke hierhin Der Freitag, im MDR – mit anderen Worten, es reicht nicht hin, Putin zu dämonisieren oder alleinverantwortlich machen zu wollen (das wäre denn doch zu einfach)

– was in den Debatten der letzten Monate zu kurz kommt: der Konsumismus, die Sucht und mit ihr die Verführbarkeit, die Faszination für Lug und Trug, Chaos und Thrill, die Suche nach dem großen Plot. Vergessen, dass das eigene Immunsystem hin und wieder gestärkt werden muss. Die Membranen werden durchlässiger, die Empfindlichkeiten nehmen zu, es wird nicht mehr miteinander geredet, es wird gebrüllt. Homo Sapiens kurz vor Eskapismus (=Realitätsflucht) und Abflug. Das allein der übergeordneten Lenkung, Vernunft oder Führung (=Fügung) zuzuschreiben, ist schon auch Teil der Lust an der Show. Der Spaß am Boom und BigBang.

Snyder ist weniger vor der Intention, Putin alles anzulasten, lesbar, sondern vor dem Hintergrund der Selbstreferenz auf eine westliche Kultur, die trotz (oder gerade wegen?) der Moderne sich gern verführen und belügen und betrügen lässt.

Seele gesucht. Und Geist.

Die sittliche Erneuerung wartet seit mehr als 20 Jahren auf Inhalt. Da dieser auf politischer Bühne nur noch verrechnet wird in Haushaltsdebatten, entstehen zwangsläufig Leerräume jenseits der Zahlen und Tabellen, die sollen und werden mystisch gefüllt und hypnotisiert. Beobachtbar bei den Biedermeiern und völkisch Nationalen, die keine rationalen Vorschläge zur Arithmetik der Gesellschaft liefern, sondern sie mit einer Mythenplage überziehen, die sich in den Begrifflichkeiten Heimat, Volk, Nation – im Urschlamm der Archaik – ein Zuhause sucht. Die Urhütte ruft. Die Familie als Hort des Glücks. Das Private will seine Heiligkeit zurück. Ein einziger Schrei nach Liebe. Da kommt die Kirche und mit ihr die Religion gerade recht.

Die Renaissance der Macht des Klerus.

Dem Volk seinen Nebel, den Schleier, die Rituale, das Festessen oder das Abendmahl zurückbringen. Opium fürs Volk hieß es unter Marx, heute will der in der Moderne Heimatlose: dem Mammon frönen und diesen denen wegnehmen, die ihn angeblich in seine selbst verschuldete Unmündigkeit gebeamt haben, alles schon da gewesen.

Neu ist beziehungsweise hinzugewonnen wurde: lass ihn dir absegnen vom Geist (Gottes), denn Gott ist bei denen mit den Schnellfeuerwaffen. (Weite Teile der Katholiken in Italien bekunden offen ihre Sympathien für Salvini.) Neu daran ist: Faschismus, Autokratie und pyramidiale Systeme sind digital zu denken mit Einparteiensystemen und Monotheismus. Diesen Misstand hatte das Christentum mit der Reformation angefangen aufzulösen. Die Reformation führte die Westliche Welt zu einer Effizienz vieler ihrer Mitglieder, die vor der Digitalen Revolution noch ohnegleichen war, die digitale Revolution nun macht alle effizient, der reformatorische und aufklärerische Impetus scheint sich zu überholen, im Gegenteil, der Mensch scheint sich über die digitale Revolution selbst zu enteignen, die freie Zeit nimmt zu (die Freiheit nimmt reziprok dazu ab, sie wird überbestimmt durch die Freiheit der anderen), die Arbeit wird umverteilt bzw. im Idealfall abgeschafft, die Langeweile gewinnt Raum, das Prinzip Brot und Spiele wird reinstalliert, der Gesättigte trifft auf den Gesättigten und neidet ihm seine Grundstücke. Die Freiheit einiger erfährt  inzwischen den Wechsel zur Kleptomanie. (Die Kleptokratie folgt ihrer Freiheit.) Oder wie heißt es so schön abergläubisch: Hochmut kommt vor dem Fall. Diesmal allerdings wird daraus ein Kniefall aller vor den Wenigen?

Die Gesellschaften stehen an der Kipplinie zwischen einer Welt als Scheibe, von der die andere Hälte hinuntergestoßen werden kann und einer Welt als Kugel, in der man sich immer wieder begegnet (und verfolgt).

Bekannt ist: Monotheistische Religionen sind unverträglich mit Reformatorischem, unverträglich mit der Macht, die vom Volk ausgeht, unvereinbar mit demokratischer Vielstimmigkeit, der Monotheismus predigt Gott Vater Sohn und Heiligen Geist als Hirte der menschlichen Seele, das menschliche Sein ruft nach Selbstverwirklichung, Liebe und Besitz. Der Monotheismus und mit ihm seine Religionen versprechen das ewige Leben. Der menschliche Wille findet sein Ende im eigenen Ableben. Die Schere zwischen Wollen und Haben führt zur Ambivalenz zwischen denen die haben und denen die wollen. Da das unweigerlich zu Kämpfen und Krämpfen führt, das Toben und Streiten und Zanken gerade auch durch die Digitale Revolution zugenommen haben, werden die Rufe nach Ordnung, System und Ruhe lauter, da bietet sich der Dreieinigkeitsmythos der christlichen Lehre geradezu an – auch der väterliche Gedanke eines Allah, ganz zu schweigen vom in sich ruhenden Buddha.

„Wir wollen nicht ein Stück vom Kuchen, wir wollen die ganze Bäckerei.“

Auch wenn hinter all diesen Heilsversprechen eine noch gähnendere Leere winkt als es die Moderne per se anbietet. (Es sei denn Beten hilft.) Gleiches Recht für alle, gleicher Raum für alle, gleicher Überfluss an Vielfalt wird neuerdings verwechselt mit einem sozialistischen Raum der Gleichmacherei und der Einheitspartei – die Wirklichkeit wird ausgeblendet; die lautet: noch nie war die Welt in sich vielfältiger, ambivalenter, disparater, chaotischer, spannender. Da aber zur Angewohnheit gemacht wurde, die Welt nur noch zweidimensional durchs Smartphone zu betreten und zu erleben, wirkt plötzlich alles wie gleicher unter Ungleichen (die Unterschiede sich nur noch in der Smartphone-Marke erkennen lassen?!). Da rufen die Sakralen und Klerikalen nach Ordnung und Struktur, nach Form und Ritual, obwohl die Ordnung durch die 50 quadratzentimeter Glasscheibe des Smartphone hergestellt ist, nur das Chaos im Kopf nimmt zu, davon man sich hin und wieder abstrahieren will.

Lass es die anderen richten, heißt es plötzlich, wir brauchen wieder Diktat und genauso Stringenz, Steuerung und (noch mehr an) Effizienz. Alle Macht dem Wolf unter den Schafen. Alle Macht dem Einen. Monotheismus und Demokratie bleiben unvereinbar. Umso weniger erstaunlich, als all die neuen Autokraten sehr starke Gottverbundenheit an den Tag legen. Erste Amtshandlung Bolsonaros: vor dem Volk im Fernsehen zu beten. Ein Schuft der dabei Schuftiges denkt.

Da kann hundertmal die Wahrheit versucht werden, die Wirklichkeitsverzerrung feiert Konjunktur, tatsächlich stellt sich zunehmend die Frage, was wird aus dem Homo Sapiens, wenn er/sie trotz immer höherem IQ hinter jedem noch so abstrusem Geist hertrabt. Wo Fakenewsveranstaltungen mehr Aufmerksamkeit ziehen als jeder demokratische Diskurs?

Aufmerksamkeitsökonomie

Eigenartig auch: der Populist darf alles geschmacklos und emotional unbescholten von sich geben, sich als Rambo seinem italienischen Volk breitbarten und den freien Verkauf von Schnellschussgewehren proklamieren, während der sich der Wahrheit oder den Tatsachen verschrieben hat, (der Aufklärung oder der Reformation, dem Humanismus oder der Gerechtigkeit), von denen am Horizont auferstehenden Klerikalen (Messianischen) verlacht wird, verhöhnt und ermahnt, geradeso, als stünde am Horizont eine Allianz der Heiligen der orthodoxen Religionen wider deren Gespenster von der Humanität.

Jeder Versuch, die Neuen Klerikalen bei der Gründung ihrer Sekten zu ertappen, kann per Klick und Drop und Hashtag gegengetweetet werden, und stellt nicht etwa die, die verschleiern, entsäkularisieren oder quäkern und sektieren wollen, bloß, sondern die, die aufklären.

Bisweilen ein Tweed um alte Rituale. Das Schwinden der Pyramide klerikalen Denkens beklagt den Verlust seiner (durchweg männlichen) Autorität und da das Versprechen der Partizipation aller an einer gerechteren Welt nach Diskurs der Aufklärer nicht für alle eingetroffen scheint, will die Autorität der Klerikalen und mit ihr die des Einen Gottes wiederhergestellt werden. Wo sich alle verarmt anfühlen, entsteht eine neue Dimension von Gerechtigkeit: macht die wenigen (Klerikalen) freier, und lässt alle anderen ärmer (bescheidener) werden, wenn wir dann noch von den Informationskanälen der Wenigen abgeschnitten würden, merkten wir als Arme dieser Welt nicht mehr, in welcher Welt wir leben. Lasst uns die Reichen der Welt nicht mehr sichtbar sein (vernehmen), lasst uns das Recht auf Erden durch Gott mitteilen, lasst uns die Wahrheit wegsperren, lasst uns zu jedem Tweed einen Gegentweed einfallen. Alles was ist, ist nur eine Sicht auf die Dinge. Alles andere ist, was ist, Fake.

Auch die Wahrheit nur ein anderes Wort für Fake.

Dass nun unter den neuen Autokraten Falschaussagen wie Wahrheiten verhandelt werden, scheint nicht mehr nur Methode zu haben, sondern verfängt insofern, als die Gegenargumente und Positionen nicht mehr zum Tragen kommen. (durch die Hohe Frequenz an Falschaussagen werden alle anderen Frequenzen überblendet) Man redet schnappatmend täglich und stündlich (Minütlich pro Sekunde!) aufs Neue über ihren Ungeist und ihre Unsitten, arbeitet und stellt die Menge ihrer Lügen heraus, und hat bald keine Kraft mehr, eigenen Überzeugungen zu folgen. (Du beschäftigst dich nur noch mit deren Lügen.) Wenn erst der Glaube an Humanismus, Aufklärung, Menschlichkeit schwindet … haben wir die Apokalypse der Johannesoffenbarung als Livemitschnitt hautnah zum Abendbrot mit Knalleffekt und Implosion – zum Brötchen mit Butter und Käse. (Zum Käse … s.u.)

… dass dem nun eine Verantwortung jedes Einzelnen vor dem Gesamten vorangestellt werden müsste, scheint zunehmend aus den Diskursen zu entweichen, die neuen Strategen arbeiten effizient: verwirre deine Gegner und marschiere weiter! (Möglichst in der Gruppe, im Sinn eines Gemeinschaftsgefühls! Das nennt sich neue Identität, gemeinsamer Wille und wenn das nicht hilft, greife zum Schwert – kauf dir ein Schnellschussgewehr.) Längst greifen keine Kontrollmechanismen – die Immunsysteme sind schon porös, allen voran fahren die Raumkapseln der Internetmonopole (die Sozialen Medien) ungebremst und ungezügelt dem nächstmöglich größten Blödsinn entgegen, sie nennen es Verschwörungstheorien, und spielen sich auf als Dämonen des freien Schlagabtauschs, als Gönner der Freiheit, ohne dafür in Haftung genommen zu werden. Am Ende der Demokratie es nichtmal einen Rechnungsempfänger mehr gibt für den Verlust der Freiheit.

Wenn erst die Internetmonopole in Sachen Freiheit und Demokratie das Gewaltmonopol innehaben, bzw. den Aufruf zur Selbstjustiz nicht unterbinden helfen, was bleibt da übrig?

Die Wahrheit, die Wahrheit! Macht Angst.

Das Nasegeweiß und Geplapper der anderen. (Ausnahme zur Regel: solange die Freiheit der Internetmonopole nicht beschnitten wird, ist auch das Feudale, Autokratische, Oligarchische oder Fürstliche der Initiatoren und Mentoren dieser Vernebelungswelten Programm (und kann ausgebaut werden).

Der Brainwash beginnt schon mit dem Hinweis: dass eine Demokratie diese Neudeutung der Freiheit wird aushalten müssen. (Die Freiheit einiger Weniger, alle anderen am Nasenring durch die Arena zu schleifen.)

Und eins kann man schon jetzt absehen: Die Demokratie kann es auf Dauer gegen Bits, Bytes, Bots und KI nicht aufnehmen, denn zur tragenden Säule der Demokratie gehört das Individuum, die Persönlichkeit, der Respekt des einen vor den anderen.

Die Persönlichkeiten aber stehen inzwischen einer Wand aus Bots und Fakes und künstlicher Intelligenz, auch Algorithmus genannt, gegenüber. Solange die Matrix (das Netz) in der Hand weniger ist, bleibt es ein Leichtes, die Bestechlichkeit der Vielen aufrecht zu halten. Durch die Verkrümmung und Verdrehung der Wirklichkeit. Die Realität des Einzelnen unter die Bedrohung der Anderen zu stellen. Der Wille zur Camouflage (=Verschleierung) führt in die Verzweiflung, der Lohn der Angst erzeugt Panik und Schauder mit hohem Unterhaltungswert, man könnte glauben, der letzte Tag bricht an. Täglich im Angesicht des Smart Phones. Big Brother ist keine Metapher mehr, sondern real gewordenes Diktat.

Scotty, beam me … bottomdown

Google will nichts dabei empfinden, China ein Google anzubieten, das im Sinne Chinas Zensur erlaubt. Facebook will nichts dabei empfinden, wenn Liebhaber des sog. 3. Reichs private Gruppen bilden und ihren Antisemitismus, ihren Rassismus und ihr Herrenmenschentum ausleben. Es gibt genug Leute, die nichts dabei empfinden, Server bereitzustellen, die Rassisten und Misanthropen anziehen. Was umso prekärer erscheint, als die Mischung aus Rassismus und Misanthropie vereinbar erscheint mit der Lehre von einem Gott, der Hirten als Stammeshäuptlinge einsetzt, die gegen Abtreibung sind, gegen Sex vor der Ehe, gegen Homosexualität, gegen Feminismus und gegen die, die Führerfiguren wie diese neuen Messianischen ächten – die ja nur Hirtenfiguren seien im Sinne Gottes als Seelenretter der Menschheit.

Beobachtbar ist auch: die Christlichnationalen oder Christlichfaschistoiden beherrschen inzwischen das Netz, und wenn man in weite Kreise der Wirtschaft hineinschaut, bekommt man das wahre Gefühl für Demokratie hautnah zu spüren: nach Diktat verreist.

(Das Märchen von erfolgreichem Wirtschaften, das nur unter demokratischen Verhältnissen möglich ist, wird ebenso gecancelt, China macht es vor.)

Das ist nichtmal mehr ein Punktsieg für die Autoritätsgläubigen, sondern ein „großer Sieg“ in der Fläche, in der Masse, der Breite, der Tiefe der Gesellschaft. Letzten Endes zieht das noch die Resignation jedes Einzelnen nach sich, oder es gibt bald eine Gegenbewegung … zu fürchten ist Ersteres … die Wahlergebnisse der Midterms zeigen es an. Wer, wie ich gehofft hatte, dass Trump einen Denkzettel verpasst bekommt, muss enttäuscht sein, wie viele diesem Dompteur (Eine Karikatur der Demokratie) noch immer ihre Referenz erweisen, und zu befürchten ist; diese Karikatur wird wiedergewählt in zwei Jahren (als Beweis für die Demokratie als Karikatur). Hoffnung macht, dass das Repräsentatenhaus bunter geworden ist, vielstimmiger, vor allem auch: weiblicher. Zu befürchten ist nun auch wieder: dies Bunte und Vielstimmige übertönt der Misanthrop mit einfachsten Mitteln. Zuckerbrot und Peitsche. Teile und Herrsche. So abgefrühstückt diese Begriffe auch sind, sie gelten noch immer. Es gegen das Bekannte nichts Unbekanntes einzuwenden gibt und umgekehrt, gegen Fakes sehen Wahrheiten bieder aus, uncool und so wenig Rock ’n Roll. Donald Trump ist der Auferstandene, der Messias, ein Jimi Hendrix im Vergleich zu Joni Mitchel. Mehr Gaga als Jazz. Mehr Punk als Klassik. Mehr Perücke als Glatze. Mehr wehender Mantel als Birkenstock. (Obwohl wer weiß.) Lasst uns beten.

Ein einziger Schrei nach Liebe

Da Trump Widerspruch kaum duldet, und aber beliebt sein will, besteht allerdings noch mehr Anlass zur Hoffnung: dass ihm, wenn seine vor allem männliche Gefolgschaft gesättigt ist vom ständigen Plot der Verwüstung, Zerstörung und Dekonstruktion, doch noch immunisiert und wieder auf Verantwortung, Respekt und Menschlichkeit zurückschaltet, ihm am langen Arm die Gefolgschaft schwindet, er schlussendlich nicht anders wird können als auf Präsidenten-Modus zu schalten, statt weiterhin Burger essend Wrestling und die Macht des Stärkeren zu promoten … er bald auch, das ist chaosimmanent in so einem verwüsteten Umfeld, Rivalen, Gegner und Dispositionen heranzüchtet, eigenartig ist auch: je mehr er auf der New York Times rumtrampelt, desto größer wird die New York Times. Ein fast schon entropisches Prinzip: Verunglimpfst du deine Gegner, vergrößert sich dein Schatten.

Aus der Schlusssequenz des Films Der die Zeichen sieht, prädikat sehenswert! (Da irrt ein Jüngling mit Bibelzitaten durch die Zeit, so entstehen etliche sehr eigenwillige Momente des Zusammenpralls von Wort und Gegenstand, oder anders: stell dir vor, du nimmst die Bibel wörtlich, und versuchst mit ihrer Hilfe die Wirklichkeit zu verstehen, zu deuten, zu interpretieren.)

„Ah … es gibt einen neuen Hirten? … Und wir sind die Schafe? Er sitzt da oben und wir sind alle unten. Und wer hat ihn gewählt? … Keiner. Das ist es ja. Niemand hat ihn gewählt. Das ist eine wunderbare Vorstellung. Eine wunderbare Vorstellung. Es gibt einen Vater, der sich um alles und jeden kümmert. Doch diese Vorstellung funktioniert nur, wenn wir Kinder sind. Wenn wir noch klein sind. Ein Vater, der wirklich alles sieht. Der nach seinem Gutdünken straft. Der irrational und grausam ist. Wieso verstehen Sie denn nicht, dass das eine totalitäre Diktatur ist?“

Weitere Empfehlungen:

Ein Blick auf dieses Interview in Brandeins – warum sich Tschaikowsky besser verkauft als Strawinski: Tschüss Tschaikoswky mit kleiner Liste der Komponisten aus der Romantik bis zur neuen Musik.

„Immer nur Käsekuchen macht keinen Spaß“: Berthold Seliger

Wer viel Zeit hat und Geduld und neugierig ist, wie sich die Sektiererei um die Bolschewiki und der Gottglaube im Sumpf Moskaus entfalten und gestalten ließ, dem sei dieses Monumentalwerk ans Herz gelegt, eine Rezension kann ich nicht anbieten, da ich es nur zum Frühstück lese, nie mehr als drei Seiten, das kann also noch eine Weile andauern. Yuri Sletzkine, das Haus der Regierung: Anbieten kann ich die Zeit, die Welt

51k2byind4ml-_sx332_bo1204203200_

Außerdem, außerhalb der Reihe: „Papa, du musst jetzt gehen, damit wir in Ruhe frühstücken können“: aus dem Film Das Fest von Thomas Vinterberg. Ein entsetzlich starker Film, noch immer!

Mit besten Grüßen und Wünschen in die Runde.

 

 

Ilse Aichinger – Die größere Hoffnung

Was eine Karussellfahrt, im Kreis geht es, vom Leben weg dem Tod entgegen, ins Blaue hinein, dem Morgenstern entgegen, am Rand stehen die roten Buchen und schlagen sich die Köpfe blutig – die Kinder kennen keine Scham, ihre Unmittelbarkeit geht über die Gefahr. Ein verstörendes Buch. Was tut man? Man sucht das Licht in dieser Kunst- wie Alltagssprache, die ist immer poetisch und klar. Ein Herz zerreißender Roman.

„Dein Haar ist schwarz und gekraust, du bist ein Fremder!“ Sie werfen sich auf das fremde Kind und wollen es verbrennen, da stellt sich heraus, es ist wohl David, König David, auf dem Weg ins Heilige Land, da wollen die Kinder auch hin, ein Spiel zwischen Himmel und Hölle, und die, die sind, so sagt er, sind immer und die nicht sind sind nie. Die aber sind, sind überall, und die nicht sind sind nirgends. Die glauben zu sein, sind nicht, nur die zweifeln an sich, dürfen landen, nur die gelitten haben.“

„Das Leben eine Zumutung, das Sterben auch.“ Sagt Ilse Aichinger, geb. 1921 in Wien, gestorben 2016 in Wein, 95 Jahre gelebte Gegenwart. Ein verstörendes Buch. Und so nah. Die Ellen, Kind zweier falscher Großeltern, die Kinder, mit denen sie spielt, sind Heimatlose, niemand verbürgt sich für sie, und versuchen zu fliehen, zu überleben, über geschlossene Grenzen hinweg. Die Nachricht „Es ist alles abgeblasen, die Deportationen nach Polen sind eingestellt“, erweist sich als frohe Botschaft die nicht stimmt.

Du bist in diesem Roman in unserer Zeit, hier heißen die Botschaften Fakenews, die Kreisfahrt der Erzählung ist die hundertachtzig Grad Kehre der ewigen Leugner, die Schreckensnachrichten sind real kaum in Sprache zu gießen, du wünscht dir über alles surreale Landschaften aus Friedenstüchern in Weiß, in leichtem Singsang, tatsächlich dröhnen die Schuhe und Rufe durch Straßen, dass du glaubst, das Abendland selbst ist wieder Rächer der Entgleisten. Es hat sich nicht gelohnt das alles zu erleben, zu erzählen, wenn zwei oder drei von denen meinen, es muss sich wiederholen. Wenn Deutschlands rechte Arme wieder steifgeworden zum Gruß Muskelkraft proben und Stimmengewalt.

Ilse Aichinger benennt den Faschismus nichtmal unmittelbar, sie lässt ihn in düsteren Bildern erstehen, und auch das ist nicht, was erzürnt oder erschreckt – das kennen wir: die Nationalsozialisten wurden schon bei Fallada zu Die Anderen, bei Erich Nossack ebenso. Auch bei Alfred Andersch Sansibar und der letzte Grund konnte ich das sehen. Selbst das Thema der Flucht ist kein neues, das hatten wir bei Franz Werfel in Jakobinsky, in Anna Seghers Transit, selbst das Surreale, oder besser Irreale kennen wir schon aus Draußen vor der Tür von Wolfgang Borchert, anders ist hier die Erzählerperspektive, das Kind. Das hat zwei falsche Großeltern. Die dürfen noch nicht deportiert werden, da das Kind noch Kind ist. In Aichingers Leben selbst wird dann bei Volljährigkeit der Ilse die Großmutter deportiert.

Was das Buch lesenswert macht, schamlos und gnadenlos: es ist aus ihrer Zeit wie für unsere Zeit. Das Surreale, Irreale, der Expressionismus, all das ist zurück, wir leben in Welten der Gegenwelten, jeder dreht dem anderen einen Bär auf, wo nichtmal ein Glimmstengel ist. Du bist in den Geschichten hoffnungslos dem Erzählstrom ausgesetzt, der innerhalb weniger Sätze wechselt zwischen hier wie dort jenseits wie diesseits, und ob da der Kraushaarige wirklich verbrannt werden will, kannst du gleich auch den Kinderphantasien zuschreiben, was zum Schluss jäh desillusioniert wird, denn das Kind, die Ellen, „wurde, noch ehe die Schwerkraft sie wieder zur Erde zog, von einer explodierenden Granate in Stücke gerissen. Über den umkämpften Brücken stand der Morgenstern.“

Und aus.

Zehn Kapitel hat der Roman, wenn du so willst, Erzählungen. Sie sind im Einzelnen scheinbar leicht zu lesen, wegen der einfachen Sprache, aber doch – aufgespasst – es ist mir vorgekommen wie ein schonmal geschriebenes Werk, auseinandergeschnitten und an beliebigen Stellen wieder zusammengesetzt, so wie Kinder erzählen, mal hier mal dort, es fliegen dir so manches Mal die Geschichten auseinander, und setzen sich nur im Kopf wieder zusammen – bist selbst eine andere Geschichte geworden.

ein Geflecht aus Traum, Märchen, Mythos und Historie. Monologe wechseln ab mit Dialogen, auktoriales Erzählen mit personalem *Florian Wille in der Süddeutschen 2007

Faszinierend der Wechsel zwischen Realem Stoff und dem Stoff im Traum. Furchtbar, was sie da spielen, furchtbar was sie phantasieren, und doch sind es nur Kinder, denkst du. Bedenkst du, dass Kinder Geisterkutschen vom Blau des Morgenhimmels heruntererzählen. Kinder haben keine Angst, auch das verlassene Kind hat keine Angst? Ilse Aichingers erster und einziger Roman, und jetzt, da Deutsche glauben, es sei an der Zeit, Kinderköpfe mit Schreckgespenstern ihrer Ahnen und Vorfahren zu stopfen, möchte man rufen: Gebt euren Vätern und Müttern ihr Leben zurück, schenkt es euren Kindern auch, oder wollt ihr ewig daran glauben, dass es gut sei, des anderen Menschen Leben zu stehlen?

Ein weiterer Aspekt dieses Romans: Für Schriftsteller*innen und solche die es gern sein wollen, ein großartiges Lehrbuch, wie du Wirklichkeit behandeln kannst, wenn du von ihr gefangengesetzt scheinst. Gilt auch für die, die glauben, von ihrer Phantasie verschlungen worden zu sein. Und aber auch: Ganz hohe Kunst! Nicht umsonst immer wieder hervorgeholt. Ich lese sie schon zum dritten Mal. Die Wirktiefe lässt keineswegs nach.

Wer will hier auch:
https://oe1.orf.at/artikel/455347 oder hier:

https://www.deutschlandfunk.de/unerkundbar-undurchschaubar.700.de.html?dram:article_id=85284

Als Taschenbuch:

u1_978-3-596-11041-4-54813166

Ich beziehe mich auf ein Erbstück aus Mutters Sammlung mit einem Begleittext von Helmut Koopmann aus der Reihe Bibliothek des 20.Jahrhunderts herausgegeben von Walter Jens und Marcel Reich Ranicki.

Außerdem in der Reihe 1oo Bücher Bibliothek der Süddeutschen Zeitung Band 72.

 

 

 

Der Ghostwriter ist tot – RIP Philip Roth

Kaum ein Autor dessen Texte beim Lesen so nachhallen – Kann mich erinnern, wenn ich nicht weiterwusste mit dem Eigenen – Roth lesen, zwei Stunden, und das Gehirn, das Herz, der Bauch ist wieder gefüllt. Du kannst ihn aufschlagen wo du willst, es springt dir eine Geschichte entgegen:

S.149 Mein Leben als Mann:

Bevor ich meine Wohnung verließ, verbrachte ich allerdings mehrere Stunden mit dem Abfassen verschiedener Briefe an Susan, in denen ich ihr mitteilte, wohin ich reisen würde – und dann zerriss ich sie alle. Aber was, wenn Susan mich „brauchte“?

s. 67 Portnoys Beschwerden:

„Und gibt es, so wie die Dinge liegen, nicht genug ganze Worte, die man sich hinter geschlossenen Türen zuflüstern kann? Es gibt sie! O ja, es gibt sie! Hässliche und kalte Worte, die nach dem Äther und Alkohol der Krankenhausgänge riechen, Worte mit dem Charme steriler chirurgischer Instrumente, Worte wie Abstrich und Biopsie … Und dann gibt es jene Worte, die ich allein zu Hause, verstohlen im Lexikon nachschlage, nur, um dort zu sehen, als greifbare, augenscheinliche Gewissheit dieser entferntesten aller Wirklichkeiten gedruckt zu sehen, Worte wie Vulva und Vagina und Zervix, Worte, deren präzise Erklärung mir nie wieder als Quelle unerlaubter Lust dienen wird …“

s. 20 The Great American Novel

TOD

„Zehn Tage sind vergangen, vier davon unter einem Sauerstoffzelt, wo ich aus der Bewusstlosigkeit erwachte und mich in eine Frühgeburt verwandelt wähnte. Nicht nur ein ganzes Leben lag vor mir, sondern noch zwei Monate als Dreingabe dazu!“

Endlos kann man diese Bücher durchzitieren, es sind Wendungen und Windungen pro Satz, Richtungswechsel, Mehrfacherzählungen – Assoziationsströme und Bewusstseinsverlagerungen, kaum ein Autor beherrschte das Umfahren von Slalomstangen so gut wie der gestern im Alter von 85 verstorbene Autor Philip Roth!

Geeinigt hat sich die Literaturkritik auf seine Trilogie des Nathan Zuckerman „Der Ghostwriter“, „Zuckermans Befreiung“ und „Die Anatomiestunde“. – Und schließlich der Höhepunkt seiner Kunst: „Der menschliche Makel“ und „Verschwörung gegen Amerika.“ Als schämte er sich sogar für die Verschwörung gegen Amerika, da er schrieb, wie Charles Lindbergh, der berühmte Fliegerheld, Faschistenfreund und Antisemit, im Jahr 1940 einen erdrutschhaften Sieg über Franklin D. Rossevelt erlangt und sich Angst unter den Juden Amerikas ausbreitet, verkündete Philip Roth 2012, keine literarischen Werke mehr zu verfolgen:

„Der Kampf mit dem Schreiben ist vorbei … Jeden Morgen schaue ich auf diesen Zettel (am Computer festgemachter gelber Zettel), und das gibt mir sehr viel Kraft.

Ein Schock für die literarische Öffentlichkeit, ein Schock für mich. Jetzt, auf dem Höhepunkt der Umkehrung von Faktenlage zur reinen Spekulation und der vielfachen Verschwörungen lehnt er sich zurück und bestaunt sein eigenes Werk – dachte ich für mich – jetzt, wo alles gesagt scheint und aus sich herausgepresst, und die Weltgeschichte sich dem selbstprophezeiten Taumel ergibt – schweigt er. Jetzt wäre er nötiger denn je, dachte ich. Allein, es war schon geschrieben, sein Werk vollbracht. Wir können das alles noch einmal lesen.

S. 249 Sabaths Theater

„Jetzt begann sie über die Szene zu lachen, die er ihr so slapstickhaft vorspielte. „No“, sagte sie und tätschelte ihm missbilligend den Oberschenkel. „No loco.“

Diese Schnipsel – wie ich sie liebe. Pro Satz eine Geschichte …

Aus „Mein Mann, der Kommunist“, fällt mir dann eine Postkarte entgegen. Darauf steht: Hallo Du. Das Buch habe ich gefunden, laut Kritiken wäre es ziemlich zynisch. Musst mal sehen, ob du damit was anfangen kannst. Ich denk an dich und freue mich auf Freitag. Kuss … Ich. Wer war dieses Ich. Telefonnummer Gabriel kann ich noch erkennen – wer war Gabriel? Dass space-ige der Postkarte, eine grünglitzernde Spirale, lässt mich Rosa vermuten, vielleicht war es Mara – ich weiß es nicht mehr.

s.123 Mein Mann der Kommunist

„Ich habe Angst vor dir, Ira“, sagte Goldstine. „Ich hatte schon immer Angst vor dir. Du bist ein wilder Mann, Ira. Ich werde nicht warten, dass du mir antust, was du Butts angetan hast. Erinnerst du dich an Butts? Erinnerst du dich an den kleinen Butts? Steh auf und verschwinde, Eisenman. Und nimm den kleinen Arschkriecher mit.“

Typisch wieder. Ein treibender Erzähler, die Wendungen lassen dich erst ruhen, wenn du durch bist? Das Gleichgewicht wahren – die Extreme in einem Satz. Ein Jongleur ungleich schwerer Kugeln – und doch hat man nie das Gefühl, dass er die Balance nicht hinkriegt. Beispiele, Beispiele.

S.145 Amerikanisches Idyll

„Ihre ganze Energie, die Kraft des Widerstands, die sie zuvor anderwertig eingesetzt hatte, trat jetzt ungehindert zutage; und dadurch, dass sie die alte Behinderung einfach ignorierte, erlebte sie nicht nur zum ersten Mal in ihrem Leben das volle Gefühl der Freiheit, sondern auch die berauschende Macht der Selbständigkeit.“

Ich sag’s doch. Endlos zitierbar –

S.155 Der menschliche Makel

„Es machte ihm so viel Spaß, mit ihr zusammenzusein, dass eines Nachts die Wahrheit einfach aus ihm heraussprudelt. Er erzählt ihr sogar, dass er geboxt hat, und auch das ist etwas, dass er Steena nie sagen konnte. Bei Ellie ist das ganz leicht.“

Das Profane mit Sportlichem, das Lächerliche mit Überhöhtem, die Übertreibung mit Konkretem. Niemand konnte das so drängend, pausenlos und so einfach – trotzdem so, dass das Gehirn beim Lesen viele Löcher ausleuchtet, viele Schattenbereiche – wie gesagt. Die Tiefe, ja. Der Sexus. Ja. Die Selbstironie. Ja. Die Reflektion. Die Wandlung. Das Werden, die Charakterbildung, das Kämpfen um Worte – das alles ablesbar in einem mehr als dreißig Bücher dicken Werk. Unvergessen die Jungs, die um die Wette furzen und einem der Typen dabei Festland abging.

Und wenn von einem Namen nur der Ghostwriter bleibt – schon Nathan Zuckerman hatte es mit der Suche nach einer Vaterfigur – durch sich, durch seine Frauengestalten, durch jede Pore atmet oder schimmert ein Spiegel, in der die Täuschungen und Enttäuschungen nebeneinander zu stehen scheinen und zu erkennen sind wie all die inneren Bilder, die dich entweder betrügen oder neu aufstehen lassen. Ein Autor aus dem Vollen. Ein Autor, der es nicht scheute, Triviales wie Sport, Anstrengendes wie Familie und Hintergründiges der Literaten- und Kunstwelt mit der Verruchtheit der Präsidentensuite zu paaren oder zu verflechten. Er muss, sich selbst fortschreibend, beim Verfassen des einen Buchs schon ans nächste gedacht haben. Sich hinters Licht zu führen, um daraus wieder Stoff zu gewinnen.

Jetzt hat er das Licht ausgemacht. Man wird und darf gespannt sein, was der Nachlass hergibt. Das dürfte, bei dem Werk, ein sehr umfangreicher Zettelkasten sein – vielleicht täusche ich mich.

S. 77 Täuschung

„Also, folgende Situation. Zuckerman, meine Hauptfigur, stirbt. Sein junger Biograph isst mit jemandem zu Mittag, und er spricht über seine Schwierigkeiten, mit dem Buch in Gang zu kommen. Er ist auf einen krassen Mangel an Objektivität in der Reaktion der Leute auf Zuckerman gestoßen. Von jedem bekommt er eine andere Geschichte. Es gibt zwei Alpträume für einen Biographen, sagt er. Einer ist, dass du von jedem dieselbe Geschichte bekommst, und der andere ist, dass du von jedem eine andere Geschichte bekommst. (…)“

Nachdem vermute ich einen schlummernden Zettelkasten. Könnte aber auch sein, dass der einsame wilde Mann die letzten Ruhejahre genutzt hat, alle Spuren zu verwischen. Denn es gibt nur einen Zuckerman. Nur einen Philip Roth. Nur einen Ghostwriter. Ruhe Sanft du ständiger Begleiter. Wenn ich einen Autor wirklich hochgeschätzt habe, dann Philip Roth.

Life is just a short period of time in which you are alive.

— Philip Roth , Amerikanisches Idyll

 

Nachruf in der FAZ:

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/autoren/nachruf-auf-philip-roth-ein-riese-unter-den-grossen-15602963.html

 

Rom, Träume – Räume – Bilder

… Mussolini, Faschismus und der Film Noir, Pasolini, Morante, Moravia, Gadda und die Zeit des Dolce Vita. Raffael, Leonardo, Michelangelo. Das alte Rom, das Kaiserrom, das Italienische Rom. Der Vatikan, die Via Alta, der Plaza del Popolo, die spanische Treppe. Zaha Hadid, Peter Eisenman, Bruno Zevi, Lucio Passarelli, Renzo Piano. Das die wenigen Begriffe und Namen, die spontan durch den Kopf geistern. Rom die ewige Stadt. Rom der Puls am Tiber. Rom die Touristen. Rom der Lärm. Rom die Ruhe. Die vielen Kapellen.

Rom, Räume – Mussolini

9783937834658Unbedingt empfehlen will ich das Buch von Maike Albath: Rom, Träume aus dem Berenberg Verlag 2013, damals gelesen, heute gelesen, zwei unterschiedliche Welten gesehen – jetzt wo ich vier Tage in dieser mehr als widersprüchlichen und lauten und schönen wie historisch überladenen Stadt war. Jetzt wo ich mich erinnere und noch einmal lese:

„Ein Volk, das Verbrechen seines Regierungschefs toleriert, wird zum Komplizen dieses Verbrechens. Schlimmer noch: Wenn es sie unterstützt und auch noch applaudiert, wird es sogar zum Verursacher dieser Verbrechen (…) Ob die Mehrheit des italienischen Volkes wusste: dass die meisten seiner Taten Verbrechen waren? Fast immer wusste es das, aber die Italiener sind so beschaffen, dass sie ihre Stimmen eher dem Starken geben als dem Richtigen, und wenn man sie zwischen Vorteil und Pflicht wählen lässt, entscheiden sie sich, auch wenn sie um ihre Pflicht wissen, für ihren Vorteil. Mussolini, ein mittelmäßiger Typ, grob, ohne jede Kultur, von vulgärer, aber effektvoller Beredsamkeit, war ein perfekter Spiegel der Italiener. Im Innersten schwach, aber Bewunderer der Stärke, entschieden, gegen seine Natur stark zu wirken. Käuflich, korrumbierbar. Ein Schmeichler. Ein Katholik, ohne an Gott zu glauben. Er bestach andere. Eingebildet. Eitel. Gutherzig. Eine simnple, berechenbare Sinnlichkeit. Ein guter Familienvater, aber mit Geliebter. Skeptisch und sentimental. Mit Worten gewalttätig, doch vor der Grausamkeit und der Gewalt floh er und zog Kompromisse, Korruption oder Erpressung vor. An der Oberfläche leicht zu rührern, doch nicht in der Tiefe. Wenn er Gutes tat, dann aus diesem Grunde oder aus Eitelkeit, um seine Macht zu ermessen. Er bezeichnete sich als volkstümlich, um der Mehrheit zu schmeicheln, tatsächlich war er ein Snob und verehrte das Geld. Er hegte tiefe Verachtung für die Menschen, aber ihre Bewunderung tat ihm gut. Wie eine Hure, die sich von einem alten Mann aushalten lässt und dann mit einem jüngeren Liebhaber über ihn lästert, polemisierte Mussolini gegen das Bürgertum und machte sich bei der Masse beliebt. Sie wie die Hure glaubt, von einem jungen Schönen geliebt zu werden, der sie jedoch nur ausnutzt und verlassen wird, wenn sie ihm nicht mehr nützt, verhielt sich Mussolini mit der Masse. Ihn blendete das Prestige bestimmter Begriffe: Geschichte, Kirche, Familie, Volk, Vaterland usw. Die Substanz der Dinge begriff er nicht, er verachtete sie aus Unverständnis. Die Substanz der Dinge begriff er nicht, er verachtete sie aus Unverständnis, aber auch aus Egoismus und Ungeschlachtheit.“

Zitiere ich aus Maika Albath, Rom, Träume – sie wiederum zitiert aus den Tagebüchern Elsa Morantes vom 1.Mai 1945, als Mussolini und seine Geliebte Clara Petacci von Partisanen hingerichtet wurde. Rom die Stadt der Gegensätze. Wo wir überall waren:

Renzo Piano,  Auditorium Parco della Musica

Pier Luigi Nervi, Palazzetto dello Sport

Palazzetto dello Sport

Zaha Hadid – Maxxi Museo Nationale

Derzeit eine absolut empfehlenswerte Ausstellung über Bruno Zevi noch bis zum September. Als über Architektur noch lebendig gestritten und diskutiert wurde. Btw man sich auch für Berlin wieder eine offene Diskussion wünscht und nicht immer nur Leitbilddebatten. Du am Beispiel Rom eine mehr als zweitausendjährige Schichtung ablesen kannst und verfolgen. Du sicher die Frage stellen kannst, wie es möglich ist, ein Forum Mussolini unkommentiert und frei von jeder Wertung öffentlich und nicht bewacht „auszustellen“ – oder zu zeigen. Selbst die Bodenmosaiken dem Duce Referenz erweisen. Oder, Höhepunkt: ein vorbeikommender Jogger sich vor der Duce-Säule bekreuzigt. Da ich im Museum keine Bilder von der Ausstellung geschossen habe, der Katalog mir auch nicht zusagte, hier ein paar Suchergebnisse zu den dort ausgestellten Architekten: Lucio Pasarelli Maurizio Sacripanti, Luigi Pellegrin, Franco Albini, Giovanni Michelucci, Mario Ridolfi and Carlo Mollino last but not least: Bruno Zevi

Foro Mussolini

DUx Mussolini

Ja, er bekreuzigte sich angesichts dieses steinigen Phallus. (der Schattenmann dort hinten … ;o) Dann das Skulpturenkabinett – was eine Groteske oder Satire auf den Faschismus – wo man es ernst meinte, des männlichen Stärkegefühls, sie stehen dort und schauen grimmig, manch einer wirft Steine. Foro Mussolini

der gleiche hercules im verbund

VIA APPIA Wiki

via alta

Goethe sitzt hier in Front des Grabmals der Caecilia Metella:

220px-johann_heinrich_wilhelm_tischbein_-_goethe_in_der_roemischen_campagna

VIA MARGUTTA Wiki

Aus Wiki: Die Gasse wurde 1953 durch das Paar Gregory Peck und Audrey Hepburn in Ein Herz und eine Krone bekannt. In der Via Margutta wohnten unter anderen Giulietta Masina, Anna Magnani, Federico Fellini, Renato Guttuso und Giorgio de Chirico. Früher malten noch in der Nähe Pablo Picasso, Gaspar van Wittel, Jusepe de Ribera, Nicolas Poussin, Pieter van Laer und Peter Paul Rubens.

Das Monumente Emanuele II Wiki, auch Schreibmaschine genannt, von niemandem geliebt, von allen mit Verwunderung bestaunt

Die Villa Farnesina – Raffael und die Renaissance Wiki

Tempietto di Bramante Wiki

Aus Wiki: „Er wurde über der vermeintlichen Kreuzigungsstelle des Apostels Petrus von dem italienischen Renaissance-Baumeister Donato Bramante errichtet, nach dem er auch benannt ist. Die Bedeutung dieses Kirchenbaus liegt in der Zusammenführung eines antiken Peripteros-Tempels mit neuen römischen Architekturelementen in harmonischen und eleganten Proportionen. Der Tempietto gilt als Schlüsselwerk der Architektur der Hochrenaissance, wie auch als Initialbau für den Typ der zentralen Grabeskirche.“

Hin und wieder eine Pasta, ein Spritz oder ein Bier aus der Provinz – der Rotwein – alles in allem eine Stadt, die sich dir auf den ersten Blick wuchtig, architektonisch und ebenso dicht wie kolossal darstellt, und im zweiten Blick erst erschließt, oder seine eigene Geschichte erzählt pro Ort und Straße. Im ersten Blick Menschen, viele, am Petersdom genauso wie in der Via del Corso, hin und wieder das Militär seine Soldaten abstellt, in der U-Bahn, am Plaza Spagna oder an der Villa Medici. Das Chaos im Parlament mit gescheiterter Regierungsbilung sich im Chaos der durch die Gassen quälenden Autos und Motorroller spiegelt, um am nächsten Tag schon eine erfolgreiche Gesprächsbereitschaft der Rechten mit den sogenannten Liberalen (die 5Sterne Bewegung) ohne Berlusconi zu verkünden. Das Gewusel auf den Straßen davon nichts mitbekommen hat. Anfangs wirkten die Römer auf mich unnahbar, städtisch gehetzt – kommst du ein paarmal am gleichen Ort vorbei, wird schon gegrüßt, stehen zwei oder drei zum Gespräch zusammen, ganz perdu. An Rom scheiden sich die Geister, heißt es, die Widersprüche sind unübersehbar. Um die Tiefen zu ersehen oder zu erblicken, werden wir ein zweites Mal hinfahren müssen.

Roma1

Petersdom und Vatikan sahen wir nur im Vorübergleiten – zu viele Eintrittssuchende. Michelangelo wurde von den Decken und Wandmalereien des Raffael in der Villa Farnesina mehr als kompensiert.

roma2

Rom Stadtgrundriss:

map_of_northern_rome2c_piazza_del_popolo2c_by_nolli

Berlin Stadtgrundriss:

bb44a2df02ca65da2f15f266e43e2122

ein Zufall nur?

24-1

Beste Grüße in die Runde!

 

 

Fueilletonitis – von Kantor über Murkx zum Blubber-Bingo

NZZ:

Die russischen Intellektuellen haben sich korrumpieren lassen – Begegnung mit dem Freigeist Maxim Kantor

„Wie seine Farben trägt Kantor auch Geschichte gern opulent auf, wobei er mitunter die Grenze zur Überorchestrierung streift, wenn nicht überschreitet, zumal sein umfangreicher Roman mit einer Mephisto-Gestalt auch ins Phantastische umschlägt und sich geschichtsphilosophischer Spekulation nicht verweigert. Letzteres reiht sich ein in die russische Tradition der essayistischen Erzählung, wie sie etwa Wassili Grossman in «Alles fliesst» gehandhabt hat.“

DIE ZEIT:

Gibt es gar nichts zu sagen?

Jana Hansel erkämpft oder nichtbekämpft die Lethargie der sog. linken Intellektualität mit dem Emporkömmlichen rechter Denke. (der gegenseitige Vorwurf des Pharisäerns der Wirklichkeit Fußfessel Hohn und Spott beschreibt) Niemand traut sich zu widersprechen?

Schaue ich in den Kommentarbereich, sehe ich die üblichen „Gesinnungsethiker, das System der Open Borders, die besserverdienende Libertinage oder die Zerrbilder einer Bourgoisie, den historischen Endkampf und hochfantasierte Interventionen und die Anstellungskörperschaften, die Abkömmlinge der Avantgarde, den Tunnel der Doofheit, den schwarzgrünhellroten Plan, die Jubelrufe der moralkapitalistischen Basis“,

vor allem erkenne ich dick aufgetragen:

liberale, kapitalistische und kulturlinke Werte, ökologischer Landbau, bildungsbürgerliche Milieus, nettes Lifestyle-Accessoire“, dabei dient mir ein einfacher Filter: je höher ein Kommentar bewertet ist, desto sicherer die Fangquote: „warte darauf, dass Günther Grass von den Toten aufersteht und uns mit seiner obligatorischen politischen Grütze überzieht und den verbliebenen rotgrünen Champagnersozialisten ein Lächeln ins Gesicht zaubert“ … oder „Dieses unsägliche Schwadronieren“  (gemeint ist Habermas) und gleich nochmal: ein Dummschwätzer vor dem Herrn – warum ich dazu nichts sagen kann? // Das Niveau, Frau Hansel, das Niveau. Muss ich denn jedes Stöckchen springen? Muss ich?

Der Spiegel:

Der rechte Glaube

Es gibt Christen in der AfD – und Rechte in den Kirchen. Wie bringen sie ihren Glauben in Einklang mit Hetze und Rassismus? Was nicht passt, wird passend gedacht. von Annette Langer

„Der Schutz des ungeborenen Lebens, das traditionelle Familienbild und die Ablehnung der Homosexualität sind Themen, die die AfD für einige Christen attraktiv machen“, sagt der Bischof der evangelischen Landeskirche Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz (EKBO), Markus Dröge. „Aber diese Gläubigen wissen nicht, was sie alles miteinkaufen. Sie werden zum Feigenblatt für eine Partei, die die Grundlagen der freiheitlichen Demokratie demontieren will.“

Sueddeutsche Zeitung:

Attackieren! Ignorieren! Argumentieren!

Mit dem Einzug der AfD ist der Ton im Bundestag rauer geworden. Die anderen Parteien wählen sehr unterschiedliche Strategien im Umgang mit dem neuen Gegner. Von Stefan Braun und Jens Schneider, Berlin

„Eines hat sich mit dem Einzug der AfD in den Bundestag auf alle Fälle geändert: die anderen Parteien werden ganz neu herausgefordert. Sie müssen teilweise beißende Kritik über sich ergehen lassen. Sie müssen mehr denn je auf die Einhaltung der Regeln achten, um dem Vorwurf zu begegnen, sie würden die Rechte der AfD einschränken, sie mithin diskriminieren. Und sie müssen sich jeden Tag neu überlegen, wie sie auf Anwürfe und Provokationen reagieren.“

Die Presse:

Nazis & Goldmund: Was (rechte) Sprache verrät

„Wörter sind Waffen. Wir holen sie uns zurück“, so Steinbuch. „Aber nicht, um Feindbilder zu zementieren, sondern: Wie können Literatur und Kunst zu einer emanzipierten, kritikfähigen Gesellschaft beitragen? Auch, zu hinterfragen: Was heißt ein Wort wie Freiheit oder Demokratie heute noch?“, ergänzt Arzt. Im täglichen Fluss immer neuer Meldungen verursacht eine problematische Aussage vielleicht einen kurzen Aufschrei, Aufregung verebbt schnell wieder. „Wir aber machen halt und sagen: Schaut, dieses Wort, dieser Satz ist gefallen“, erklärt er. Steinbuch pflichtet bei: „Wir wollen die Komplexität von Begriffen vor Augen führen, so, dass man anfängt, nachzudenken.“ Link zu den Poeten hier (der im Artikel funzt net)

Der Tagesspiegel:

Genial verdorbener Witz – Tristam Shandys Lawrence Sterne für 98 Euro

„Für Goethe und Nietzsche war er „der schönste Geist“ und „der freieste Schriftsteller“ seiner Zeit. Lessing, einer seiner begeisterten Leser, hätte dem bereits mit Mitte fünfzig Verstorbenen gern fünf Jahre seines Lebens abgetreten, „und hätt ich auch gewiss gewußt, dass mein ganzer Überrest nur acht oder zehn betrüge, mit der Bedingung aber, dass er hätte schreiben müssen, gleich was, Leben und Ansichten oder Predigten oder Reisen.“

Außerdem im Tagesspiegel:

Unser Mann im Kinosaal

Das „Schreibheft“ präsentiert den Schriftsteller Graham Greene als Filmkritiker.

„Nein, so geht Filmkritik wirklich nicht mehr: so hopplahopp ohne Gespür für den ersten Satz gleich ins Meinen hineingesprungen. So wertungsversessen vor jedem Bemühen, Tonfall und Atmosphäre szenisch zu veranschaulichen. Und zum Teil so glanzlos heruntergefiedelt, als wüsste der Autor dieser Texte aus den Jahren 1928 bis 1941 nicht, welche Möglichkeiten intelligenter Journalismus bietet. Wie kommt es, dass es trotzdem ein Vergnügen ist, Graham Greene bei der Arbeit zuzusehen?

Ein nicht unerheblicher Reiz besteht sicher darin, den britischen Weltklasseerzähler in unkonzentrierteren Momenten zu ertappen – und gleichzeitig zugeben zu müssen, dass sich auch im Parlando eine erstaunliche Beobachtungsgabe versteckt.“

Standard:

Künstliche Intelligenz als Poetin: Als die Maschine lernte, Klassiker zu sein

Computer schreibt Gedicht im Standard

Auf den ersten, flüchtigen Blick erregt das untenstehende Opusculum keine besondere Aufmerksamkeit. Ein Geheimnis hüllt gleich die Anfangsstrophe in ein diffus verschwimmendes Licht. „Auf der Flucht gezimmert in einer Schauernacht“: Es fällt schwer, diese Aussage nicht für selbstbezüglich zu halten. Häufig genug machen moderne Texte von der Möglichkeit Gebrauch, von sich selbst zu sagen, was es mit ihnen auf sich hat. Um den Leser nur umso gezielter hinters Licht zu führen. –

Sonnenblicke auf der Flucht

Auf der Flucht gezimmert in einer
Schauernacht.
Schleier auf dem Mahle
Säumliche Nahrung, dieses Leben.

Die heiligen Lippen der Schande. *grrrrrrrrr

Im Tagespiegel:

Schwätzer, Trolle, Wortverdreher

Wie für unsere Zeit geschrieben: Mit „Humbug und Variationen“ des Rumänen Caragiale ist einer der großen Spötter der Weltliteratur zu entdecken:

„Von Ion Luca Caragiales Feder zum Rrrumänen geadelt, besitzt er nicht viel Haltung, dafür Meinungen im Übermaß. Im Politischen eignet ihm ein haltloser Wankelmut, dem nur der patriotische Blick auf den äußeren Feind Einhalt gebietet. Im Privaten hält er es ähnlich. Denn nachdem er sich aus den Hitzen der Jugend ins Phlegma der mittleren Jahre geflüchtet hat, verteidigt er mit schlitzohriger Sturheit nur den müden Anschein seiner bürgerlichen Ehre. Die wahre Rrrumänin ist nicht besser. Sie hält sich nur dafür. Mit ein paar Brocken Französisch macht sie auf Dame von Welt, lebt ansonsten aber in der tiefsten Provinz ihres geltungssüchtigen Herzens, und das am liebsten auf Kosten anderer.“

Zum Buzzword-Bingo, auch Bulshit-Bingo oder Besprechungs-Bingo gibt es auf Wikipedia Passendes.

Was bleibt? Der Schwarm der Schmarrn. Der Schaum der Löffel. Das Helium frisst die Luft. Das Selbstzeugnis als Programm. So sammeln sich die Fragen. Alles sichtbar. So viele der Fragen – die Antworten warten auf den nächsten Crash. Das Fatale am System, es wird auch die treffen, die ihn herbeizitieren. Die Uhr steht täglich kurz vor Zwölf. Egal an welchem Ende der Welt du dich befindest.

 

Schönwetter Blues – I should have a Party

unverkennbar der Sommer kommt!

Aus der Abteilung Blues and Roots Zoe Schwarz Blue Commotion trocken irdisch kraftvoll, very british – ;o) UK-Blues-Award !! Qobuz: Zoe Schwarz Blue Commotion ; Artists Homepage Paul Robinson drums, Pete Whittaker piano, Rob Koral guitar, Zoe Schwarz vocal Reviews: „The bluesy vocals of Zoë Schwarz have won a significant following. Her combination with the […]

über Zoe Schwarz Blue Commotion + Others — Verhoovens Jazz

bei dem Wetter ! Schönen Sonntag noch und kommt gut in die Woche, nehmt euch die Platte mit aufs Ohr und genießt den Sommer !  Further on up the Road – meinetwegen auch das

Die Beste Clapton Platte aller kannst du sagen was du willst:

eigentlich wollte ich was anderes posten. Mal wieder Text liefern. Die Musiker aber haben mir einen Strich durch die Rechnung gemacht. Jetzt, wo die Laune ganz obenauf ist (noch ein Tipp: JOGGEN ist das Beste für Leib, Seele und Kopf! Macht das, wenn ihr den Blues habt. Nehmt eure Beine in die Arme und lauft um die Blöcke. Gerade Sonntags morgens, die Stadt so schön müde und leer, der Brain vom Kopf in die Füße rutscht und weglaufen will! Du bist mal für eine Weile all deiner Ansprüche befreit.)  – will ich gar nichts mehr sagen. Außer: Kopf hoch. Ich spring wieder in den Garten, ja. Further on up the Road. Schmeiß doch das ganze Grummeln Grübeln und Nachdenken mal in die Spree! Wenigstens für heute! Morgen ist Montag, morgen erst. Heute ist SONNENTAG!

Osteroratorium und Johannes Passion

Wer die Hinweise zur Matthäuspassion verpasst hat, kann hier noch mal nachlesen: (die Hinweise zur Johannes Passion wollte ich gestern platzieren, aber es gab kaum Internet in unserem Haus, deswegen heute zu Ostern. Ostern nun die Auferstehung zum Thema hat, und weniger die Leidensgeschichte Jesu. Tatsächlich hat Bach ein Osteroratorium geschrieben, mit Pauken und Trompeten, aber auch schönen ruhigen und tragenden Passagen. Eine fast schon ansteckende Heiterkeit „Kommt, eilet und laufet, ihr flüchtigen Füße, Erreichet die Höhle, die Jesum bedeckt! Lachen und Scherzen Begleitet die Herzen, Denn unser Heil ist auferweckt.“ Zum Text. Und wer hören/sehen will (ist auch sonst ein ziemliches Gerassel und Geklimper auf der Aufnahme, find ich aber schon wieder sympathisch):

https://www.youtube-nocookie.com/embed/rVP7mU47doA

Ich möchte noch mal Bezug nehmen auf Die Johannes Passion. Sie zählt neben der doppelchörigen Matthäuspassion, dem Weihnachtsoratorium, dem Magnificat und der h-Moll Messe zu den großen Choralwerken der Leipziger Jahre Johann Sebastian Bachs. Was dieser Passion allerdings fehlt ist eine absolute Gestalt. Bach nahm wieder und wieder Änderungen vor, konzeptionell, im Detail. Die so entstandenen Fassungen lassen das Werk auch heute noch als eine der rätselhaftesten und zugleich faszinierendsten seiner Schöpfungen erscheinen. (Aus dem Booklet des Albums von Konrad Junghänel.)

Anerkannte Aufführung aus 2000 vom Bach Collegium Japan:

https://www.youtube-nocookie.com/embed/SiKgrevzT-g

Bach collegium Japan, Chor und Orchester des Bachcollegiums Japan, mit 50 Musikern und Musikerinnen, wie es zu Zeiten Bachs üblich war.

Johann Sebastian Bach (1685-1750)

St John Passion, BWV 245 (1724)

Midori Suzuki, soprano
Robin Blaze, countertenor
Gerd Türk, tenor
Stephan MacLeod, bass baritone
Chiyuki Urano, bass

Bach Collegium Japan
Masaaki Suzuki, conductor

Japan, Tokyo, Suntory Hall in Tokyo, 2000

26091059z

Zu Inhalt und Werkgestalt und der verschiedenen Fassungen verweise ich unbedingt auf Wikipedia – „Die Texte der Arien sowie der Chöre in den Sätzen 1, 22 und 39 entstammen weder der Bibel noch überlieferten Kirchenliedern. Ihr Verfasser ist unbekannt und die Bach-Forschung geht davon aus, dass diese frei hinzugedichteten Texte nicht von einem einzigen Librettisten stammen. Insbesondere gibt es keine gesicherten Hinweise darauf, dass Bach selbst ihr Autor wäre“ Den gesamten Text gibt es hier.

Hier noch eine wunderbare Aufnahme, diesmal wieder ohne Chor, und doch so großartig:

https://www.youtube-nocookie.com/embed/i7HtIJjlJSc

Itay Jedlin – Conductor Maïlys de Villoutreys – Soprano Chantal Santon Jeffery – Soprano Lucile Richardot – Alto Leandro Marziotte – Alto Vincent Lièvre-Picard – Tenor David Munderloh – Tenor Stephen Collardelle – Tenor Nicolas Brooymans – Bass Tomáš Král – Bass Johann Sebastian Bach – BWV 245 „St. John Passion“ Recording from the „Festival d’Ambronay“, 2014

Für die Stereoanlage/das Wohnzimmer zu empfehlen:

4015023242517

FonoForum: „Überhaupt profitiert die Einspielung des Cantus Cölln unter Konrad Junghänel von einer ganz natürlichen Expressivität. Eine so selbstverständliche Sprachformung – der auch das Orchester folgt – kann erst dann entstehen, wenn die barocke Klangrede allen Beteiligten längst in Fleisch und Blut übergegangen ist. Das gilt für die dramatischen Chöre und kontemplativen Choräle (traumhaft: „In meines Herzens Grunde“) ebenso wie für die Arien und Hans Jörg Mammels Evangelistenbericht.“

Und somit allen Frohe OSTERN!

ps … ich kann mich im Netz kaum bewegen, ein einziges Gzucke und gGerucke, der Provider hat das noch nicht im Griff offenbar. Sucht wohl noch nach Süßigkeiten