Andrej Tarkowski – über Musik – der Schriftstellermonolog

Aus der Reihe Meisterwerke sichten.

Andrej Tarkowski ’s- Stalker, ein Drehbuch nach dem Roman Picknick am Wegesrand von Arkadi und Boris Strugazki. unmittelbar nach dieser Sequenz (die Tapes bitte auf Youtube anschauen, falls Meldung, dass es hier nicht gezeigt werden kann):

folgt ein kleiner Ausflug über die Musik:

Sind sie aufgewacht?

Sie haben vom Sinn … unseres Lebens gesprochen … von der Uneigennützigkeit der Kunst

Nehmen wir die Musik. Sie ist am wenigsten mit der Wirklichkeit verbunden. Vielmehr …  zwar verbunden, aber … ohne Idee … mechanisch … durch den bloßen Klang … ohne Assoziationen, trotzdem dringt die Musik durch irgendein Wunder bis in die Seele.

Was gerät ins Schwingen in uns. Als Antwort auf die zur Harmonie gebrachten Geräusche. Und verwandelt sie für uns in eine Quelle erhabenen Genusses. Verbindet und erschüttert uns. Wozu ist das alles? Und vor allem, für wen? Sie werden antworten, für niemanden, und für nichts, nur so. Uneigennützig. Nein, kaum … kaum. Alles hat doch letzen Endes seinen Sinn. Sinn … und Ursache …

folgt des Schriftstellers Monolog (was ein Bühnenbild!):

Und noch ein Experiment. Experimente. Fakten. Die Wahrheit in letzter Instanz. Ah. Dabei gibt es keine Fakten, und hier sowieso nicht, hier ist alles von jemand erfunden, alles ist jemandes idiotische Erfindung.  Spüren Sie denn das nicht? Aber man muss natürlich unbedingt dahinter kommen, wessen. Warum? Was haben sie von ihrem Wissen. Wessen Gewissen schreckt das auf? Meins? Ich habe kein Gewissen, ich hab‘ nur so und so viel Nerven. Wenn mich irgend so ein Dreckskerl beschimpft, gibt es eine Wunde.  Lobt mich einer von der Sorte, noch eine Wunde.  Legt man seine ganze Seele  aufs Tablett, sein Herz, fressen, sie Seele und Herz. Serviert man eine Scheußlichkeit, fressen sie die Scheußlichkeit. Sie sind ja brav und alle durch die Bank gebildet. Sie leiden alle unter sensorieller Schwindsucht. Und alle drängen sich um einen. Journalisten, Redakteure, Kritiker, Weiber, die schlimmer als die Kletten sind. Und alle fordern ma … schnell …  mehr. Was bin ich Teufel noch mal für ein Schriftsteller, wenn ich das Schreiben hasse. Wenn es für mich eine Qual ist, eine schmerzhafte entwürdigende Beschäftigungen wie das Ausdrücken von Hämorrhoiden. Früher dachte ich, dass von meinen Bücher jemand besser wird … Irrtum, mich brauchte überhaupt keiner,  wenn ich verreckt bin, haben sie mich in zwei Tagen vergessen und fallen über einen anderen her. Ich habe gedacht, ich könnte sie umformen, nein geformt wurde ich. Sie haben mich geschaffen nach ihrem Ebenbild. Früher war die Zukunft nur Fortsetzung der Gegenwart, weiter nichts, die Veränderung winkte irgendwo in der Ferne, hinter dem Horizont, heute haben wir alles in einer Kanne, Gegenwart und Zukunft. Hat die Allgemeinheit das eigentlich begriffen? Sie will gar nicht, das ist ihr alles zu anstrengend, sie will nur fressen …

Sie haben aber Glück. mein Gott, jetzt werden Sie hundert Jahre alt.

Ja, warum nicht ewig. Wie der ewige Jude.

wer will, ein 15 Minuten  Ausflug in die Bildkomposition von Tarkowski:

The Silence of Poetic Harmony

Ausgangspunkt für mich noch immer, wie sich Literatur aus der Musik speist, wie Musik Literatur wird, wie sich beide Kunstsprachen einander gegenüberstehen, bedingen ergänzen, befruchten, bekämpfen, sich im Weg stehen sich abhängig machen voneinander. Musik ist ja nicht einfach nur eine Tonabfolge oder Sprechgesang, Literatur nicht einfach nur ein Darstellen der Wirklichkeit mit anderen Mitteln? Durchdringen sie mich, durchdringe ich sie? Die Verbindungen von weit hinter mir Liegendem und dem noch weiter Entfernten in weiter Zukunft sich immer als dauerhafte Gegenwart darstellt – die mit jedem Schlag aufs Klavier zum Klangraum verhallt? Das Thema ist so groß, ich will ihm trotzdem erliegen.

 

 

Dr. Bechtle, Wilhelm, Leopold und Schmid

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Lebbeus Woods, High Houses

Bechtle muss verrückt gewesen sein. Wie Prof. Leopold. Wie Wilhelm. Wie Sabine.

Von Anfang an …

Frischfleisch hieß ihre neue Arbeit. Im Schaufenster ein Fernseher, der Mitschnitt Sabines, wie sie Luftballons aufbläst, unten links einmontiert und zitternd ein Bild Bechtles, wie er einen Grashalm zwischen die Lippen nimmt. Das sieht so erotisch aus.

zweiundzwanzig dreiundzwanzig vierundzwanzig

Auf ihrer Website hatte sie bekanntgegeben, Tom habe ihr geraten wieder zu schreiben, es komme schließlich nicht drauf an, wie die anderen, dir unbekannte und äußerst unangenehme Leute, sich dazu äußerten, ratsam sei es, der eigenen Stimme zu folgen … während Sabine mit Freunden ihre Arbeit feierte, stolperte Bechtle angetrunken durch die Dunkelheit nach Hause. Er spürte auf der linken Seite ein Stechen, einen ziehenden Schmerz, eine Warnung, dass er kürzer treten musste. Als er sich am nächsten Morgen an den Rechner setzte, sah er im Postkasten eine Mail mit Link auf Sabines Seite, er las:

In meiner Pubertät war ich unausstehlich und meine schwankende Gemütslage bestechend, Ängstlichkeit löst sich mit Erregung.

Noch maß er dem keine Bedeutung bei und beeilte sich, die Maschine wieder runter zu fahren. Er begab sich aufs Institut und studierte am Modell der Fischflosse den äußeren Bogen, der Windkanal war an dem Tag für Tests belegt und so machte er sich am späten Nachmittag wieder auf den Weg. Er setzte sich zur Entspannung an den Monitor, öffnete den Briefkasten und erschrak. Dort meldete Sabine:

Weißt du was, ich bin jetzt wirklich sauer

Er las, sie habe serienweise Briefe versendet und er habe keins ihrer Briefe gelesen,

komm runter von deiner Fischflosse.

Die aufsteigende Wut trieb ihn auf die Straße und entlud sich beim Einkauf einer Flasche Saft in einen Seufzer, gleich schienen die Regale sich seinem Zugriff zu entziehen … sie will Streit. Er spürte es um sich herum dunkel werden, nur ein Schwächeanfall, sagte er dem Ladenbesitzer, der ihm freundlich aber besorgt hoch half:

− Sie sollten sich schonen.

Bechtle erhob sich und stampfte zum Laden hinaus, zuhause legte er sich hin.

Soll sie sich doch mit sich selbst vereinen.

Dazwischen irgendwo … der Seite (:99)

Wie an einer Geraden gezogen, dort vorn ein Punkt im Nebel, unsichtbar, dahin strebt es die Achse entlang. Fast alles weiß man über Biografien und Lebensläufe, den medizinischen, psychischen, häuslichen Phänomenen, man weiß um die unterschiedlichen Physiognomien, den Unternehmungen der Menschheit, der Suche nach dem Absoluten, das bringt ganze Wirtschaftskreisläufe auf den Plan, man gründet Wellness- und Schönheitsfarmen, es folgen die Lifestylemagazine, die Zeitgeistbeilagen, auf den Straßen verkörpern die Schönen auf Plakaten Cremes und Joghurt. Wieder tritt ein Gesicht in Erscheinung, braun gebrannt, mit Sommersprossen, es schlürft an Karotten oder Erdbeereis, während die Farben sich verprügeln. Freund Martin zum Beispiel ging auf jede Party, und seltsamerweise immer nach Hause. Dann war er am Teich mit seinen Freunden zelten und tanzte auf dem Autodach und machte Frauen verrückt, schon fuhr er nach Hause. Er traf sich mit Leuten aus dem Internet an einem der hundert besten Thermen der Welt. Hotelübernachtung mit Doppelbettzimmer. Es gab tausend Fotos, da amüsierte er sich und trotzdem. Das Glück lässt sich nicht provozieren. Das kann doch aber nicht Ergebnis sein eines langen Weges durch die siebzig Jahre Selbsterleben. Der Lebensweg. Da fehlt etwas. Die Zeitschriften. Die Bücher. Die Kinofilme. Die Pausensäle, Cafeterien, Opernsäle, die Marktplätze, die Bahnhöfe, die Kastanienallee. Die Anzeigen, das Internet, alles ein Riesenangebot, und doch irgendwie nichts. Ich schrieb in mein Tagebuch: Da lernte ich Sabine kennen. Ich hatte sie auf einem Fußballspiel das erste Mal gesehen, dann auf einer Podiumsdiskussion, einmal sollte ich ihr beim Umzug helfen, was absurd gewesen wäre – ihr helfen, die Sachen von Klaus zu schleppen. Alle guten Dinge sind drei. Das kann kein Zufall mehr sein. Schließlich wollte ich sie nicht mehr nur sehen. Plötzlich war der Wunsch da. Wie Mottenkugeln, wie Waschpulver, wie meine Hemden, das billige Parfüm, der Himmel wie Schnee so hell.

 

Oder vom Ende her …

Wieder zuhause legt Leopold alles, was ihm seine Ex geschenkt hat, auf einen Haufen. Er legt sich die Jazzsuite No.2, den 6. Walzer von Shostakovich auf und beginnt, um den Berg herum zu tanzen, indem er sein Hemd zerreißt, jeweils auf den dritten Schlag des Walzers in die Mitte tritt, er springt schließlich in die Mitte des Berges aus Wäscheteilen, er fällt hin. Er will nicht mehr aufstehen, er wimmert gerade so leise, wie er glaubt, unhörbar zu sein. In Wirklichkeit brüllt er, wütend und frierend. Er drückt sein Gesicht in den Wäscheberg und versucht, den Geruch seiner Ex zu inhalieren, er riecht sie nicht. Er sollte sich als nächstes um seinen Assistenten kümmern, nicht dass der unter der Bürde der Monate zusammenbricht. Dem Termin beim Amtsgericht will er in gebotener Gelassenheit entgegen sehen. Einen Tag, bevor er spurlos verschwindet.

… ich, Bechtle, der erst bei längerem Hindenken Teile seiner Orientierung wiedergewinnt. Und Schmid beteuert, das könne passieren … das Hirn kompensiere die Verluste seiner unsichersten Seite, dem Ich sozusagen, ein Ich, das sich entfalten muss, bevor es dazu kommt, Ich zu sagen … das Zerbrechlichste am Menschen ist seine Identität, sagt Schmid, darauf muss sich das Gehirn erst einstellen.

 

Du schreibst wie Wagner sinkt

Es ist schon eigenartig. Kaum ein Buch, das einem in Funk und Fernsehen nicht ohne Trailer präsentiert wird. Nicht ein Hörbuch denkbar ohne Hintergrundrauschen oder Soundcollage. Und doch. Auf der Suche nach den Vorlieben der Autoren stehe ich mit relativ leeren Händen da. Was hörte Hermann Hesse, frage ich mich, was Albert Camus. Was mag James Joyce gehört haben, was hört Peter Handke (Beatles und Rolling Stones …)? Von einigen ist es mir untergekommen. Thomas Bernhard zum Beispiel macht das Thema Musik explizit zu seinem Thema. Richard Powers macht es. Thomas Mann machte es. (hier im Streit mit Schoenberg) Adorno ging gleich mal auf den Jazz los. Bei Stefan Zweig bricht die Musik schließlich aus ihm heraus beim Hören des Messias von Händel. Max Frisch fühlte sich eher wie ein Banause an, Teju Cole tritt regelmäßig mit Playlists in Erscheinung, und Nick Hornby macht gleich High Fidelity draus:

Die Frage ließe sich umkehren. Welche Musiker von welchen Büchern inspiriert sind – schließlich all die Literaturverfilmungen, in denen nichts ohne Musik auskommt. Musik, Sprache und Bild eine Wechselbeziehung eingehen, auch wenn kein Satz gelingen will – die Worte längst „gespielt“ sind, zu schweigen von all den Unterwanderungen der Musik durch Lyrik in jedem Popsong.

Auffällig viele Bücher machen die Musik zum Thema. von Nick Hornby (High Fidelity),  über Richard Powers (Der Klang der Zeit), Alissa Walser (Am Anfang war die Nacht Musik), Heinz Strunk (Fleisch ist mein Gemüse), Pascal Mercier (Lea),  Roddy Doyle (die Commitements), Robert Schneider (Schlafes Bruder) Frank Goosen (So viel Zeit) Thommie Bayer (Vier Arten die Liebe zu vergessen) Thomas Mann (Doktor Faustus, Der Zauberberg) Hans Joseph Ortheil (die Erfindung des Lebens). Relativ neu: Julian Barnes (Der Lärm der Zeit – Roman über Schostakowitsch)

Schließlich die Grenzgänger wie E.T.H. Hoffman (Komponist und Autor), oder Philipp Christoph Kayser, Komponist und Schriftsteller – oder Ezra Pound, der gelegentlich auch komponierte …

wie soll man Paul Gerhardt, dem bedeutenden Kirchenlieddichter, einordnen? Wie die Autoren, deren Sprache selbst Musik zu sein scheint, mir fallen Ernst Jandl oder Franz Joseph Czernin, Paul Valery oder Marcel Proust ein, auch Walter Benjamin oder wieder Thomas Bernhard, bei dem alles wie eine Sinfonische Dichtung klingt mit Pianissimostellen sich steigernd zu einem Mezzoforte oder auf Krawall gebürstetem Bruckner mit Strawinksy-Anteilen.

O Haupt voll Blut und Wunden (ein Choral von Paul Gerhardt, in die Matthäus Passion übernommen von Joh. Seb. Bach)

 

Schließlich die Literaturformen, die in den Sprechgesang eingegangen sind vom Folk, über Rap bis hin zum Poetry Slam – du wirst kaum etwas hören, was nicht in irgendeiner Form Rhythmus, musikalischer Linie oder Intonation folgt.

Nicht umsonst wurde letztes Jahr der Literaturnobelpreis an Bob Dylan als Musikerlyriker vergeben … und sicher gäbe es noch ein paar mehr, die für Sprache und Musik ausgezeichnet gehörten, bzw durch ihren Erfolg bei Publikum und Leserhörer schon ausgezeichnet sind, wurden oder werden: Von David Bowie über Sophie Hunger bis hin zu den Eurythmics, Jennie Lennox oder von Sven Regener (seine Wutrede … seine Element of Crime) über Falco bis hin zu Ton Steine Scherben, Udo Lindenberg, fehlen nur noch die Liedermacher von Konstantin Wecker bis Sarah Lesch. Ach ja und an Hans Dieter Hüsch möchte ich auch erinnern (Grenzengänger)!

(Beispiel: Als Kind des Beat und Rock n‘ Roll kann ich gut mit Bob Dylan bis Frank Zappa leben, somit auch mit Jack Kerouac (Ein Beatnick)

oder mit Thomas Pynchon (Alles scheint erlaubt, auch wenn es bisweilen überfordert), bekomme trotzdem Schwierigkeiten mit Büchern und Texten, in denen kaum mehr etwas gewagt wird (Was im Rock n‘ Roll, im Pop, im Jazz, in der neuen Musik erlaubt ist, scheint in der Literatur seltsamerweise Tabu, verpönt, wird schnell abgekanzelt: schnell handelt man sich den Trash-Vorwurf ein, oder ratlose Zuhörer … stattdessen häufig nun Texte, die über viele hundert Seiten einem ganz bestimmten Sound folgen (gibt es den überhaupt, kann es den geben?), als unterläge dem ein Klangteppich, eine einfache Komposition, eine durchgängige Melodie. Macht es gleich auch zur Methode? Warum? Für wen? Um sich von anderem abzuheben? Um als Literaturkomponist anerkannt zu werden? Muss denn alles immer gleich geniös aussehen? Wer hat diese Ansprüche? (nur mal als Exkurs-Frage in den Raum gestellt. Ich kann mich gut erinnern, wie man vor Jahren Wert auf die Feststellung legte, da sei jemand sprachökonomisch motiviert, gemeint war i.d.R. die Vorliebe für kurzes prägnantes und lakonisches Schreiben. Ganz im Sinn eines Popsongs – neueste Variante: eine Geschichte, die du nicht auf 200 Seiten dargestellt bekommst, schaffst du auch nicht auf 400 Seiten?) Im Umkehrschluss: Wie viele Romane beinhaltet James Joyce Ulysses? Komponieren wir nun die große Sinfonie oder verkompostieren wir den 3 Minuten Popsong?)

Komposition. Sound. Klang. Spannungsbogen. Phrasierung. Steigerung. Ablassen der Dynamik. Hören. Sehen. Sehen. Hören. Erste Voraussetzungen für Arrangement, Komposition und „innere Stimmigkeit“? Schau dem Ohr in die Augen. Durchdringe das Konzept. Entwickle Vorlieben?! Versuche zu durchdringen, was dich durchdringt?! Führe hinters Licht, was dich verführt? Ich höre/lese häufig, es habe da jemand einen eigenen Sound, eine eigene Stimme. Das würde ich immer der Musik zuordnen und nicht der Literatur. Im Gegenteil. Sobald ich ein Buch in Händen halte, das sich nach musikalischen Regeln verhält, habe ich nach relativ wenigen Takten seine Machart „durchschaut“, und wenn dem Text keine Inhalte folgen … es sich mit dem literarischen Text eher um „eine Komposition“ handelt, fühle ich mich innerlich erkalten. Also haben wir im Grundgedanken, dass Musik und Literatur wesensverwandt sind, eher eine Kontroverse?

Kannst du komponieren? Du bist von einem Intro beseelt und willst das Ende wissen? Wie viele Minuten gibst du einem Musikstück? Wie viele Stunden einem Buch? Du kommst von ganzen Tönen zu den Triolen. Du kommst von den schnellgesetzten zu den hingeworfenen, du bist im freien Klang wie Fall –  wenn deine Komposition nicht sitzt, atmet oder steht? Die Frage nach der Harmonie sich einem Flötisten anders stellt als einem Tubisten. Siehe da: All das lässt sich übertragen von der Sphäre zum Klang, von der Melodie zum Thema. Von der inneren Ruhe zur Unruhe … im Text. Hast du die Bruchteile von Noten gehört, die ich gerade höre?

[Erst Komponieren dann Musizieren? Oder darf ich Musizieren und die Komposition folgt dem nach? Wie häufig triffst du Leute, die etwas zu erzählen wissen, es aber nicht aufschreiben können. Wie häufig triffst du Musiker, die sich einfach zusammensetzen und erst nach Stunden voneinander lassen können. Wie häufig schon hörtest du jemanden etwas lesen und konntest schon nach wenigen Sätzen nicht mehr folgen. Warum scheint es, als könnten nicht studierte Musiker immer noch mehr zum Besten geben als Studierte schreiben? Gibt es Muster? Gibt es so etwas wie einen Besten Ton?]

Will einen Weg finden, einen Ausweg. Will nicht über Theorie und Komposition sprechen, sondern über Vorliebe und Stimmung oder Atmosphäre. Gibt es eine Romanze ohne Worte? Gibt es so etwas wie ein musikalisches Dogma? Gibt es etwa einen Kult um Technik (Anschlag, Geschwindigkeit, Beat und Phrasierung), will sagen: sind wir nicht doch und noch immer nur romantisch veranlagt geniös gefährdet?

Und bei den einfachsten Dingen scheitere ich. Zum Beispiel was für Musik hören die Autoren aus meinem Bücherregal? [Wieso interessiert mich das plötzlich?] Nun, mich wundert schon: Wie sich Musiker äußern, bewegen, darstellen, experimentell, irritierend und meinetwegen auch „schmutzig, dreckig, abgedreht“ wie vorsichtig introvertiert und lieblich Musiker sich äußern … fast ängstlich – wenn ich das soziologisch betrachten dürfte, ich würde behaupten das ist ebenso regressiv wie unterdrückend … mit dieser Art Softdown bekomme ich auch literarisch keinen Fuß mehr vor den anderen. Da geh ich lieber heulen, weinen, sterben.

Pass auf, ich habe es mal versucht: Eine Schriftstellerplaylist: Hättest du zum Beispiel gedacht, dass Max Frisch Frank Zappa hört? Aber auch Maria Callas?!  Habe ich aufgeschnappt: Hermann Hesse mochte Telemann. Thomas Bernhard hörte Debussys Pelleas Mellisande beim Verfassen der Auslöschung. Mulmig wird mir da von der Vorstellung, die jungen Autoren hören nur noch Villagers … oder … was hat das eine mit dem anderen zu tun … höre ich es aus dem Off. Siehst du ?! Was hätte ich gewonnen, wenn ich wüsste, was der eine oder andere hört. Wahrscheinlich nur ein Vorurteil mehr. Macht das Sinn? / Am Ende muss ein Autor seinen Geschmack noch den Lesern anpassen … wo kommen wir da hin. Obwohl. Ich glaub‘, manch einer macht das.  (Geht das überhaupt?)

Ja. Eigentlich wollte ich nur wissen, was die Schriftsteller meiner Bibliothek so hören in ihrer freien Zeit, in ihrer Reisezeit, in ihrer Schreibzeit. Das Internet hat nicht sehr viel verraten (bisher). Daraus nun zu schließen, sie hörten nichts, halte ich für vermessen, wenn nicht tragisch bis komisch. Habe noch folgende Hinweise gefunden:

Sahrah Fedaku:

Musik in Literatur und Poetik des Modernism: Lowell, Pound, Woolf
Klang und Musik bei Walter Benjamin

und mir eine Playlist während des Verfassens dieses Artikels gebaut:

 

PS: Der Artikel ließe sich gewiss noch in die Neuzeit überführen oder fortführen und mit aktuellen Autoren und Autorinnen anreichern …

Zusammenfassung für Eilige: Autor fragt sich, welchen Einfluss Musik auf die Arbeit eines Schriftstellers hat und würde gern eine Schriftstellerplaylist zusammenstellen. Das ist ihm leider nicht geglückt.

—– Nachträge Artikelsammlung —-

Thomas Bernhard Thomas Bernhards Musik von Wieland Elfferding;

Bedeutung von Musik in Thomas Bernhards dramatischen Werken von Manuela Kloibmüller

Thomas Mann, der Romantiker Deutschlandfunk

Bertold Brecht und die Musik in der Zeit zu Fritz Hennenberg: „Dessau-Brecht – musikalische Arbeiten“, herausgegeben von der Deutschen Akademie der Künste; Henschel-Verlag Berlin (Ost); 34,– DM.

Hanns Joseph Ortheil, vom Vergnügen Mozart zu hören in Literaturkritik

George Steiner, Gespräch mit George Steiner in der Berliner Zeitung:

Es gibt eine Spannung zwischen Wort und Musik, die von Anfang an, schon in der griechischen Mythologie, eine tragische und frustrierte Spannung ist. Die Sprache ist immer eifersüchtig auf die Musik, war es immer. In der Sprache herrschen die Fesseln der Logik. Musik dagegen kennt die Polyphonie, Musik kann mit der Zeit spielen, kann die Zeit umdrehen, im Kanon, im Kontrapunkt. Die Sprache kann es nicht.
Jürg Laederach, über seine Grenzgänge zwischen Sprache und Musik in der NZZ

 

Aber ich kann da nicht jedes Mal eine Kant-Abhandlung neu schreiben, wenn ich etwas in Musik mache.

Lässt sich das mit Schreiben vergleichen?

Was Musik ist, weiss man ja nie genau. Ich denke, dass man mehr oder weniger die Spannweite seiner eigenen Emotionen ablegt oder durchs Instrument hindurchjagt. Das ist sehr interessant, aber es ist spontaner als bei der Literatur.

 

Der umgekehrte Weg: Franz Liszt intoniert Heinrich Heine

 

Ingeborg Bachmann Preis 2017 – Tag 2 –

Aus der Geschichte lernen, mit Geschichten Geschichte verstehen. Rückblicke auf gestern: Daniel Goetsch – Der Name Noemi Schneider – Fifty Shades of Grey John Wray – Madrigal Björn Treber – Weintrieb Karin Peschke – Wiener Kindl … und … endlich wurden sie mal munter … ? … Lesungen Tag 2: Ferdinand Schmalz – mein […]

über Ingeborg Bachmann Preis 2017 – Tag 2 – — Verhoovens Bücher Blog

Preis der deutschen Schallplattenkritik 2017 Longlist 3

https://embed.spotify.com/?uri=spotify:user:verhooven:playlist:7p1JiPrOxEVlYtCAIMtNQ4

Was immer solche Listen ausüben, einsammeln, vernachlässigen oder übersehen – ob die Radarsysteme wirklich alles unter die Lupe bekommen, vermag ich nicht zu beurteilen, immerhin verhilft es zu einem Überblick. Von diesem aus die Nebenverästelungen und Nebenstraßen angegangen werden können. Viel Spaß mit der Entdeckungsreise, die sicher die eine oder andere Überraschung freisetzt. Die vollständige […]

über Preis der Deutschen Schallplattenkritik – 2017 Longlist 3 — Verhoovens Jazz

Ingeborg Bachmann Preis 2017 erster Tag

Vorneweg – fulminate Antrittsrede von Franzobel – deckt sich mit Politikverdruss und Übersättigung – es scheint das Nischenprodukt Literatur am Urknall einer Neuorientierung mehr als nur zuschauend beteiligt – wenn am Anfang das Wort stand, so steht der Anfang im Wort – täglich neu. Lesungen: Karin Peschke – Wiener Kindl H.Winkels: zu wenig, zu einfach, […]

über Ingeborg Bachmann Preis 2017 – Tag 1 – — Verhoovens Bücher Blog

Im fünften Jahr meiner Graphomanie = Mad Boat

Bin im Verzug, stehe im Gehölzwald meiner Sätze, meiner Gedanken, will mich mitteilen und sehe die Mitteilungen der anderen. Interessante Artikel pflastern den Weg. Da kommen mir unzählige Erinnerungen, unzählige Vergleiche, unzählige Unerzählbarkeiten. Stimmungen, Schwankungen, Zwischenrufe und Zurechtweisungen. Schreibe an einem Buch. Warum dies noch erwähnen, da es nichts ist, was meinen Zustand hinreichend erklärt. MAD BOAT nenne ich es inzwischen, eine Dokumentation eines Ausstiegs bei voller Fahrt. Fünf Jahre schon schreibe und wuchte ich an ihm herum. Es wird kaum besser. Es hieß schon Lost in Age, (in Anspielung auf die 50ig Jährigen die der GF so viele Probleme bereiten) es hieß schon Folien über dem Dach (da sagte man zu mir: wie plump ist das denn? – jaja, wenn Autoren Autoren begegnen, fällt Späne), … weiter im Text … es ist dies der Versuch, ergründen und erklären zu wollen, wie ich, also mein Protagonist, zur Figur wird, zum Spielball seiner Geschäftspartner, inzwischen ist die Figur zu meinem Spielball geworden, ich ergänze, ich tilge, ich lösche, ich erweitere, ich prüfe … Pronomina, ich prüfe … all das Intransitive – da ist so häufig von wollte versuchen, wollte ermöglichen, wollte durchschauen, wollte wollen, die Rede – das Passive im Text, die Opferrolle, die Selbstüberschätzung und … ja … die Schwäche in der Figur. In mir. Ich war den Aufgaben nicht gewachsen. Ich war nicht mehr vorhanden. Ich schrieb von einer Figur, die ich einmal war und stelle fest, ich bin diese Figur noch immer. In leichter Abwandlung zwar, in weniger grotesker Selbstverlautbarung, inzwischen gedimmt, geschmälert und kleinlaut geworden, war das mein Ziel?

Brain ist mehr als in dir steckt. (Subtitel)

Nehme den Anfang, setze den Anfang. Prüfe den Anfang. Und höre tausend Stimmen.

Eine Versteigerung. Weber gesehen. Auf ihn zu.
»Was fällt dir ein, so etwas zu schreiben?«
Weber: »Du liest meine Mails?«
»Ja, ich lese noch viel mehr, deine Geschäftsberichte zum Beispiel … dein Gebiss kannst du auch gleich nachbestellen.«

Mit der Linken wollte ich ihm eine langen und stieß im Halbdämmerlicht an den Nachttisch. Wach geworden vom Streit mit Weber. Ich schaff den nichtmal im Traum. Sicher ist ein Fall wie dieser nur eine Erdnuss im Vergleich zu all den Kopfnüssen, die sie in einer Anwaltskanzlei sonst noch verhandeln.

Das kannst du gleich noch einmal prüfen, lesen, streichen, nachbessern, konkretisieren, abstrahieren, übermalen, mit mehr Räumlichkeit versehen, mehr Tiefe, mehr Nachtleben, mehr Ausstellung. Die Objekte der Ausstellung. Die Museumsbesucher. Am Ende war es der Nachttisch. Nicht mehr. Nicht weniger.

Muss dem Weber was anhängen.
Am frühen Morgen, kaum wachgeworden, die falschen Leute im Bett. Auf dem Weg ins Bad erscheinen seine Partner, Helge und Siggi. Ich greife die Zahnbürste, drücke die Tube, Arm in Arm erscheinen Helge, Siggi und Weber aus der Dreikammerlösung, während Weber im Kopf rumspukt, mit gebrochener Nase und blau anschwellendem Auge.
Ich brauch‘ einen Arzt.
Womit Weber recht behielte.
Wahrscheinlich bin ich wirklich krank.
Ich sehe rot unterlaufene Augen, vom Alkohol. Ich sehe ein aufgedunsenes Gesicht.
Du musst weniger trinken. Das geht schon in die dritte Woche.

Was man dem Text nicht ansieht: er ist auf 60 Zeilenanschläge getrimmt. Das hat zur Folge, dass der Satz Du musst weniger trinken. Das geht schon in die dritte Woche. im Buch so aussähe:

Du musst weniger trinken. Das geht schon in die dritte
Woche.

Eine Treppe. Lösche ich schon … sieht der Satz besser aus:

Du musst weniger trinken. Das geht in die dritte Woche.

Nun fehlt es an (von mir gehörtem) Rhythmus. Ich entscheide schon zu entfernen und auf später zu vertrösten. Hat zur Folge. Lese ich das in zwei Wochen noch einmal, fehlt mir wieder der Rhythmus. Ich höre schon wieder Stimmen. Du kannst auch Das geht in die dritte Woche komplett streichen. Eine Information, die nicht tragend ist für den Text. Jaja, Text.

Weber schrieb an Hunger, ich sei nicht ganz dicht. Hunger war davon überzeugt, ich brauch‘ einen Arzt.
Auch Hunger braucht einen. Weber braucht einen.
Der soll mal beweisen, dass ich echt krankhaft bin. Fragt man dort nach, heißt es, nicht so gemeint, man könne ja miteinander. Immer zu Weihnachten ist Weber so weit und schreibt wirres Zeug.
Du musst deine jetzige Situation annehmen … du kommst auf eine andere Entwicklungsstufe … du musst endlich lernen, was du willst.

Punkt. Was mach‘ ich da? Der Text war vor vier Jahren (sic!) ein ganz anderer. Da lief es so:

SPAM: Stutzig macht mich der Hinweis Die Stelle kann gerne von Rentnern, Hausfrauen und auch nebenberuflich getätigt werden. Die Mail beschreibt meine Situation: ich bin frühverrentet [vor einem Jahr verlor ich meinen Job], ich bin Hausmann [seit einem Jahr verlasse ich meine Wohnung nur zu Einkäufen], ich bin hauptberuflich ohne Job [könnte mir eine Nebentätigkeit vorstellen]. Dass es sich um SPAM handelt, kann ich an der Provision über 20 Steine erkennen. Die Anrede sorgt für Trubel in meinem Kopf. Hallo Helge Schmid, steht da. Wenn ich dieses Hallo Helge wiederhole, höre ich die Stimmen, die mich einmal mit Hallo Helge angeschrieben haben. Aus all den Stimmen kristallisiert sich vor allem eine sehr helle, hochgelegte und klirrende Stimme heraus. Hallo Helge, kreischt Gunnar. Ein fröhlicher und gutgelaunter Gunnar. Er ruft mich und macht sich lustig. Erklärt mich zum Rentner, zur Hausfrau, zum Typen, über den er sein Gelächter ausbreitet. Wie damals, als er in einer ersten Säuberungsmaßnahme von mir eingerichtete Applikationen in die Frühverrentung schickte mit den Worten, nun haben wir auch dieses Programm in seinen verdienten Ruhestand verabschiedet. Gunnar schreibt mir Jobangebote und würde sich freuen, wenn ich darauf antworte, nicht, um mit mir ein Gespräch anzufangen, sondern um sich in seinem Vorurteil bestätigt zu sehen: Helge war nicht mehr zurechnungsfähig, nun antwortet er sogar auf SPAM.Wie trinkt man einen Morgenkaffee, ohne die anderen zu denken. Ina ist auf Geschäftsreisen, zwei Wochen. Deswegen verbringe ich meine Morgenstunden allein. Aufgrund des Alkoholkonsums laufen sie gegen frühen Mittag. Ich will nicht gestört werden. Aber immer sitzen die anderen auch da. Nur Ina nicht. Soll ich sie anrufen? Nein. Sie schläft. Am Michigansee. Führt Gespräche mit Lane. Dem Oberguru der Hungers und Webers und Siggis und der anderen Mischpoke … ich soll an mich halten, es niemandem verraten. Ina macht, was handelsüblich ist in solchen Kreisen … wenn jemand schwächelt … dann ziehst du es durch.

Da hieß Rainer noch Helge. Da war ich noch nicht eine Ratgeber-Figur, sondern ein Quasi-Heiliger oder Nicht-Verletzbarer. Ein Androgyn, denn Helge ist skandinavisch weiblich wie männlich. Die Rolle des Heiligen habe ich dem Helge dann ausgetrieben, ihm den Ratgebernamen Rainer verpasst. Schon war das Buch eine Wüste und keine Fatamorgana. Das Frömmlerische war raus. Es hätte ein moderner Roman werden können, ganz im Zeichen des Säkularen – nun. Auch das war mir zu wenig. Ich las nicht umsonst das Reich Gottes von Emanuel Carrere. Kommt hinzu: Meine Frauenfigur, damals hieß sie Elena, war mir zu persönlich geraten, zu nachvollziehbar, im realen Kontext zu ermitteln. Also nannte ich sie Helge. Das war mir ein Vergnügen. Jetzt rennt Helge durch mein Manuskript, quasi androgyn, weder Mann, noch Frau, sondern immerzu wie eine Sirene, wie eine Schiedsrichterfigur im Trainingsanzug. Kann man, darf man, will man. Kann ich, darf ich, will ich.

Seit fünf Jahren nun – und es wird nicht besser – nur anders. Woran liegt das? Ich habe Verdachtsmomente.

Erstens: Schreibe nicht für die anderen mit Texten über dich.
Zweitens: Schreibe über dich so, als sieht dich ein anderer.
Drittens: Unterlasse Rechtfertigungen, Begründungen, Innanansichten (Introspektionen), denn darin erkennst du dich, aber die anderen sind schnell genervt … Moment. Stop. Gehe zurück auf Erstens: Und teile deinen Plan durch zwei:
1) Schreibe nicht für die anderen.
2) Schreibe nicht über dich.
3) Das wird so nichts.

Und raus. Gut. es folgt eine vielwöchige Auseinandersetzung mit Texten übers Schreiben. Die Liste ist lang: Darin vor allem ein Substantiv erscheint: LESEN. Ja. LESEN. Nochmal: LESEN. Das lässt sich sehr unterschiedlich an. Auch hier entsteht ein kleiner Wegweiser:

A) Lese nie um herauszufinden wie er oder sie es macht, denn es ist schon so geschrieben wie er oder sie es macht.
B) Lese nie so, als könntest du das auch. Denn dein eigener Text holt dich ein.
C) Lese nicht um zu verstehen, sondern lese so, als habest du noch nie etwas gelesen.

Da bin ich wieder beim Schreiben. Wo das eine die Kehrseite des anderen ist. Jetzt frage ich dich, persönlich. Warum willst du das, Schreiben? Es gibt ungleich mehr zu lesen. Ja. Die Frage stellt sich mir häufig. Warum Schreiben, wenn Lesen gelernt sein will. Das Lesen nicht als Kampfsportart betrachtet, sondern als Teil einer durch mich hindurchfließenden Sprache. Das Lesen als Kopfmuskelmassage und nicht als Trainingseinheit. Was das zur Folge hat: Alles, was du selbst einmal geschrieben hast, abklopfen nach Muskulatur, Kopfgeburt und Angestrengtheit. Merke: Nur Hpunkt darf angestrengt schreiben (darf er das?), das ist sein Markenzeichen. Alle anderen mögen fließen, strömen, leicht, schon auch stumpf, holpernd oder schwierig, Hauptsache, das spürst du immer gleich auch: Panta rei. Der Text darf fließen, sollte es nicht wollen. Er darf es. Ja. Soweit. Fünf Jahre danach.

Nun prüfe was du gemacht hast:

Sie begegnen mir neuerdings häufiger und grüßen mich, ungehemmt und freudig, als sei ich gestern erst gegangen, wir kommen auf die alten Zeiten zu sprechen, es wachsen die Erkenntnisse. Erst am Abend wird mir bewusst, was ich mir wieder anhören musste. Wie sie über mich reden und denken. Dass es kein Einsehen gibt in die tatsächlichen Vorgänge. Neu ist die Aussage, dass es bei ihnen zu bröckeln beginnt, der heute für das Netzwerk verantwortliche Gunnar zeige noch immer in meine Richtung, auf mich, die Altlast. Die Arbeit seiner Vorgänger, er verwendet den Plural dafür. Wer die anderen sein sollen neben mir, bleibt sein Geheimnis. Inzwischen aber, so höre ich, sei er umstritten. Dass er Störungen und Schwierigkeiten seiner Arbeit auf mich [uns] abschieben will, nimmt ihm niemand mehr ab. Es scheint durchzusickern, dass er den Bockmist noch immer nicht allein schultern will. Immerhin hatte ich den mehr als zwölf Jahre absturzfrei über die Runden gebracht – solange ich ihnen keine Mitteilung mache, wie meine Sicht der Dinge ist … kann er wettern – Rainer war zu sehr mit sich selbst beschäftigt und hat versäumt, den Verantwortlichen in die Suppe zu spucken. Das will er nachholen. Er wird nicht mehr hinter vorgehaltener Hand über Gunnar, Helge, Siggi, Olaf, Weber und die anderen Brainer reden, es wird jetzt offengelegt, was das für Leute sind, es geht nicht anders. Es steht nicht nur ihr Ruf auf dem Spiel.

Schon spüre ich Stolpersteine: Das in Ecken stehende [uns] – und das Substantiv Bockmist. Bei Bockmist hast du immer das Problem, dass er, der Bockmist, auf dich zurückweist. Der Bockmist, der zu schultern sei, kann auch den Text meinen, der geschultert werden will. Schon haben wir zuviel Gewicht in der Sache. Schon haben wir einen Absatz, den möchte man umschreiben. Schon haben wir schon schon schon … nicht schön … sondern schon wieder schon. Was ich an Wieder und Schon und Aber Auch und Und und weißt du was, deutsche Sprache, sage ich … was so leicht klingen will wie englisch Fische fangen … das Deutsche hat zuviel vom Gewicht der Welt … heißt es … und Goethe, heißt es, hätte heutzutage keine Chance mehr … heißt es … was ich noch alles so auf dem Leseweg eingesammelt habe: Was du nicht auf 200 Seiten unterbringen kannst, schaffst du auch nicht auf 400 … hat tatsächlich ein Lektor gesagt … kann es denn wahr sein, dass ihm niemand widerspricht? Nein, es braucht niemand widersprechen, denn eine Teilwahrheit steckt schon im Satz. Nur sind manche Bücher eben viele Bücher in einem. Ein 1000 Seiter wäre in dem Kontext ein Fünf-Bücher-Buch — ich weiß.

Du solltest wieder Poems verfassen. Oder Zweizeiler. Twittern kann man das. Immer mal einen raushauen … hier: Steht genauso in meinem Buch, der Seite 90 Test:

ICH KANN DAS NICHT MEHR HÖREN

Dumm gelaufen. (wenn jetzt irgendjemand die Seite 90 aufschlägt und das liest. Meinst du, er/sie will noch lesen, was er/sie in Händen hält? Mal die PR-Abteilung kontaktieren. Die Werbeagentur. Die wissen sicher einen besseren Spruch. Außerdem: Stell dir vor, du twitterst das: Glaubst du, du kommst ins Gespräch? Außerdem frage ich mich, warum ich für so eine Erkenntnis mehr als 450 Seiten mit 60 Anschlägen und 30 Zeilen verfasst habe. Ein Kreuz. Aus Holz. Plus Papier. Werde es nicht mehr los. Andere sagen dazu: Ein Graphoman. aber solange er unter sich bleibt, kann er keinem schaden. Frage mich, wie lange es noch dauert, dass auch das raus ist. Auf Graphomanie nämlich steht lebenslang! Zum Lesen verurteilt! Die anderen Schriftsteller dürfte es freuen. Wenn sie nicht Ähnliches plagt.

Aus der Reihe Wünschelrouten

Formulierungen auf Klappentexten … die mir den Kauf eines Buches erschweren

„virtuoser Umgang mit Sprache“
„mit all seiner poetischen Kraft“
„endlich entstehen Sätze pur“
„ein Paukenschlag der deutschen Gegenwartsliteratur“
„ein Meisterwerk“ oder „meisterhaft“ oder
„dieser bedeutende Roman ist bereits mein Freund“
„eine Hymne ans Leben“
„ein Glücksfall“

Formulierungen auf Klappentexten, die mich neugierig machen:

„ein Ausfallschritt“ (ins Jenseits)
„ein sprachökonomischer Hammer“ (oder Nagel)
„eine Verzweiflungstat“ (die Auferstehung)
„der Unfall fand um 11.13 Uhr statt“
„dieses Buch kommt ohne Worte aus“ (ein Fest)
„schwierige Zeiten brauchen langen Atem“
„während ich es las, zählte ich die Schafe“
„jeder bedeutende Roman ist bereits ein Fremder“
„endlich Blumen ohne Bügelfalte“
„jetzt bin ich aber ratlos.“ (er fliegt vor unseren Augen in die Unerreichbarkeit.)

Unentschieden bin ich bei

„ein unbezwingbarer Monolith“
„eine Weltkomödie des Herzens“
„der Hunger des Stolzes“
„die kühle Sprödigkeit“
„ein leidenschaftlicher Chronist“
„ein kühnes Buch“

Schreiben Sie was Sie wollen, es muss erstmal Ihnen selbst genügen. Klammern Sie die anderen aus, soweit Sie können. Hören Sie nicht auf sie. Lesen Sie langsam. Schreiben sie schnell. Lesen Sie Ihr Selbstgeschriebenes wiederum langsam. Schreiben Sie langsam. Lesen Sie es schnell. Schreiben Sie lieber weniger als mehr. Lesen sie lieber mehr als weniger. Vergessen Sie nicht zu gehen. Vergessen Sie nicht zu vergessen. Lesen Sie auch mal im Stehen. Schreiben Sie zweimal ICH ICH und fragen Sie sich, was Sie da geschrieben haben. Dann schmücken Sie es aus. Denn sicher haben Sie beim Schreiben von ICH ICH bemerkt, es fehlt jemand. Der Tisch ist ein Tisch. Er hat trotzdem seine Geschichte.

Die Wirktiefe eines Satzes ist durch seine Merkfähigkeit geteilt ein Hinweis auf seine Duldsamkeit ()

 

Bücher Glotzen

Ausgangspunkt sind drei „Veranstaltungen“ – einmal mehr das Literarische Quartett des ZDF (ich verzichte auf den Link). Einmal dieser sehr lesenswerte Artikel. Einmal mein neuerlicher Spaziergang durch die Bücher von drei Autoren: Felix Philipp Ingold Leben & Werk (neugierig geworden über seine „Selbstvermarktung“ in den Feuilletons), Marguerite Duras „Romane“ (spontan im Buchladen gekauft) und Don De Lillo „Null“ (aufmerksam geworden durch eine Kritik in einem Blog).

Einmal mehr stellt sich mir die Frage der Vermittlung – hier möchte ich kurz aufreißen, was mir der 54 Books Artikel mitgegeben hat: Die gesellschaftliche Schichtung nach Bourdieu (1930- 2002): das kulturelle, das soziale und das ökonomische Kapital, die Klassenaufteilung nach herrschender Klasse, Mittelklasse, die Beherrschten. Innerhalb der Herrschenden es wiederum die beherrschten Herrschenden gibt, hierunter wiederzufinden die Feuilleton-Literaturkritiker: oder anders: die herrschenden Herrscher (verfügen über hohes ökonomisches Kapital) auf der einen, die beherrschten Herrscher (Die Intellektuellen verfügen über hohes kulturelles Kapital) auf der anderen. Und trotzdem oder gerade deswegen scheint das ökonomische Kapital mit dem Intellektuellen eine Allianz eingegangen zu sein, die verhindert: Den Aufstieg der Mittelklasse geschweige den der Volksklasse. Der Artikel sieht vor allem die Bloggerszene unter Rechtfertigungsdruck, folgt man einigen Artikeln der etablierten Feuilletonisten, entsteht der Eindruck, Feuilletonisten schauten auf die Bloggerszene von oben herab und gebührten ihnen nicht den Respekt, den sie unzweifelhaft verdient hätte.

In der Sendung das Literarische Quartett fühlte sich Claus Peymann genötigt mal einen klärenden Satz auszustoßen: Kunst habe nichts mit Demokratie zu tun, sondern mit Individualität und sei damit zwangsläufig autoritär. (Streitbar) Dieser Satz lässt sich mehrfach interpretieren. Er kam in meinen Ohren vorerst etwas patriarchal, väterlich – ich vermute hinter dieser Aussage aus Sicht Peymanns eine Selbstreferenz, bedeutet: wenn er als Künstler, als Regisseur jederzeit auf alles und jeden hätte Rücksicht nehmen wollen, er wäre nie zu den Ergebnissen gekommen, die ihm vorschwebten, die ihn letztlich erfolgreich machten. Trotzdem steckt in dem Satz nicht nur eine Provokation in Richtung all derjenigen, die ihr Mittelmaß meinen überall hineintragen und denken zu müssen, sondern vor allem eine Art manifeste Haltung, die dem aus dem Artikel nachkommt: Hier spricht kein Aufstrebender, sondern ein Mächtiger. Er kanzelt sozusagen von oben nach unten. Er weist zurecht. Er will im weiteren Sinn nicht mehr belästigt werden durch dies und das (Möglicherweise eine Projektion)

Felix Philipp Ingold in Werk & Leben gibt sich größte Mühe, all seinen Tagebuchnotizen einen „Ton“ zu verleihen, es ist spürbar, dass er Text „arbeitet“, dass er das Besondere will und sucht, dass er sich nicht zufriedengeben kann und will mit einfacher Polemik, einfacher Wahrheit oder gar treffsicherer Pointe. Das setzt voraus, dass er Zuhörer weiß, hat und kennt. Das setzt voraus, dass er Partner hat, die ihm folgen. Das setzt voraus, dass der ihm zum Vorwurf gemachte Hinweis des Elitären aufgefangen wird von Mitstreitern, die ebenfalls im Club der Dichter angekommen scheinen. Das setzt voraus, dass es einen Olymp geben muss, das setzt voraus, dass Gott sich zwar verabschiedet hat, der Mensch trotzdem geschaffen wurde zu seinem Abbild. Da gibt es noch den aurahaften (Alp-)Traum von Michelangelo, Adams Zeigefinger berührt den Finger Gottes, oder andersherum. Das setzt voraus, dass die innere Stimme sich berufen fühlt, mehr als nur ein Gleichnis zu sein des äußeren Hallraums. (Auch das möglicherweise wieder eine Projektion)

Marguerite Duras. Ich bin regelrecht überrascht. Vor mehr als zwanzig Jahren habe ich sie gelesen, weil meine damalige Lebensgefährtin sie las und ich meine Lebensgefährtin besser verstehen wollte, und mir bewusst wurde, es ist dies eine sicherlich weibliche Stimme, aber doch eine, die mich verführt, entführt, mich pathetisiert, mich überfüllt – und aber mir meine Lebensgefährtin überhaupt nicht näher brachte, sondern sie zu einer mir immer fremderen Figur werden ließ. Meine Lebensgefährtin war nicht mehr nur meine Freundin, sondern plötzlich eine Wort- Sprach- und darüber hinaus eine Angstblase, die mich einschüchterte. Ich war dem Text der Duras damals einfach nicht gewachsen. Ganz anders heute. Ich lese ihre Romane und könnte jubeln, spucken, heulen, kratzen, ja, auch kotzen (das schreibe ich jetzt so locker hierhin, weil auch Duras sich nicht scheut kotzen zu lassen), ich pflüge durch ihre Texte und bin fast auf jeder Seite über Intensität, Hilflosigkeit, Pathos und Steinbruchartigkeit des Textes beglückt, bestürzt, irritiert und nervös gemacht – kurz fasziniert. Ein Fest der Sinne. Ein Fest des Unfertigen. Roh. Ungelenk. Und doch formal überzeugend gesetzt. (Ich lese die deutsche Version.)

Don De Lillo. Ein Schlawiner, ein Sprachökonom, ein Schwatziger, ein in beide Richtungen faszinierender Autor: wie kann man so einen Unsinn fabrizieren, einerseits, wie kann man so opportun schreiben, wie kann man so gefällig sein, und doch auch hier immer wieder Granatsplitter, Tretminen, Fallen. Null ist nicht nur ein Science Fiction sondern bittere Frucht. Etwas Distanzierendes, etwas, was man auch als gewollt bezeichnen kann – und doch erkenne ich an: er gibt sich in keinem seiner Bücher mit reinem Mittelmaß zufrieden, er will immer auch über sich selbst hinaus. (Ist das etwa wieder Projektion?)

Warum ich das erwähne: Die drei unterschiedlichen Bücher haben über sehr unterschiedliche (Vertriebs-)Wege ihren Platz in meine Buchreihen gefunden, und ich finde sie alle drei herausragend – interessant, umwerfend, erzürnend, lebendig im wahrsten Sinn der stummen Sätze.

Der Artikel Kritik des normativen Lesens umschreibt laut meiner Interpretation eine Wirklichkeit, von der man ausgehen kann, dass sie zu teilen sicher einhält, was sie verspricht: Die Wirklichkeit der Macht der Mächtigen, der Herrschenden bestimmt nicht nur ihre Kreise, sondern auch die Vermittlerebenen, meine Regeln, meine Vorlieben, meine individuellen Vorlieben – aber sie überdeterminiert natürlich auch, sie übervorteilt, sie macht zum Willfährigen ihrer Launen und Verlautbarungen. Zur gleichen Zeit entsteht natürlich auch Raum für Deutungshoheit, Interpretation und Gestus – nach ihrer Version von Deutung und Idee. Das führt regelmäßig zu Undiszipliniertheiten und Übergriffigkeiten, jetzt wieder Herr Marc Reichwein Frau Westermann kurzerhand „Tante Westermann“ nennt https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article164288145/Claus-Peymann-kauft-sich-ein-Buch-und-muss-kotzen.html

Gleich auch der Titel des Artikels – eine Entgleisung. Hofbereiter eines Sprachgebrauchs, der dem eigenen Anspruch nach eher Down-Under als UpperEastSide zu bezeichnen wäre. Eigentlich schon überwunden geglaubtes Ideogramm (zu Bildern gewordenes Schriftzeichen), dachte ich, aber die Banalisierung und Rumtrumperei steht plötzlich jedem Berichterstatter zu? Schade nur, dass wir hier über Literatur sprechen und nicht über Tüten und Knallen. Der Freitag nun und der Artikel vom Samstag machen mir bewusst: Meine eigene Lage ist nicht nur die des Mittelstandes, die einer wehrlosen Mittelklasse, nein sie wird zunehmend prekär. Die Literatur schafft nicht nur sich ab, sie hat es auch auf mich abgesehen. Man kauft Bücher und könnte kotzen, so Reichwein. Ich kann mich nicht erinnern, dass Peymann gekotzt hätte. Er hat sich, ganz Peymann, das Recht rausgenommen, Old-Daddy zu spielen und machte davon auch vollumfänglich Gebrauch, sodass es kein Literarisches Quartett mehr war, sondern die Peymann Show zu Lasten der Bücher. Was nur, fragt man sich nun, soll an dieser Art des Bücherbesprechens besser sein als die der liebevollen und natürlich auch manchmal etwas überbordenden Literaturbloggerarbeiten.

Nun – die letzten Monate zeigen, rein politisch, nichts ist überholt, es scheint viel mehr einen Roll Over Come Back zu geben aller Ordnungssysteme von der feudalen Welt – bis zur Kohlhaas’schen Wut, von der Mündigkeit zur Unmündigkeit, von der Show zum Desaster, von der Welt, in der Lucie Müller und Hans Dampf sich glücklicher fühlen, wenn King Louis sagt, wo es lang geht bis hin zur Welt, in der ich nichtmal mehr meinen Augen traue (Deutschland sucht den Superstar) Und trotzdem. Es scheint, langsichtig betrachtet, eher so, als handelte es sich hier um eine Art Spätausläufer alternder Schulen, Ideen – ein Epochenwechsel steht bevor – und klar, der König will nicht abtreten, will den Thron nicht freigeben, woran liegt das? Ich habe unsere monotheistische Sichtweise im Verdacht. (Bei aller Säkularisierung – doch doch – es ist dies ein Vielgötterstaat – lass mich das erläutern.)

Vormals noch monotheistisch katholisch und Staat und Kirche hatten ein großes Interesse an gemeinsamer Arbeit und Ausrichtung, Luther kam sah und schlug 95 Thesen an die Tür, da war es dann erstmal vorbei mit der göttlichmenschlichen Vorherrschaftlichkeit, es folgte ein langer Weg durch die Instanzen, und heute sagen wir dazu Die Kirche hat zu viel Geld, der Staat zu wenig und Gott hat sich verspätet. Wann war noch gleich die Epoche der Renaissance? Das ist 15/16.Jahrhundert. Formalhistorisch korrekt. Nach Luther die Renaissance. Da war Gott schon nur noch Zuschauer einer Menschwerdung besonderer Umstände: In unserer Gott-Kirche-Ich-Staat-Getrennten Welt. Auch haben Wissenschaft, Forschung und Erkenntnis ihm den Rang abgelaufen, aber Fürstentum, Adels- und Ahnenkult und all die anderen Selbsterhaltungsabsichten sorgten noch nicht für den Durchbruch. Schlimmer noch. Das Gefälle zwischen Wohlsein und Unwohlsein vergrößerte sich und da Wohlsein dem Unwohlsein vorzuziehen ist, muss sich gegen das Unwohlsein abgegrenzt werden. Sprich. Geld den Tüchtigen, den Armen die prekäre Lage. Und da Wohlsein sich mittels Geld, Kapital und Wissen vergrößern lässt, beginnen die Gottesbeweise wieder zuzunehmen. Inzwischen aber hat der Gott im Menschen jede Empathie dem digitalen Wahnsinn übereignet, und so kann sich das Prekäre aussuchen, was es will: Gott begegnet ihm im Kartoffelsack auf RTL, als Engel im Künstlerhimmel und als vollgespuckter Eimer auf der Welt am Sonntag. Das macht insofern Sinn, als der Mann mit dem Faible fürs Wohlsein gern mal einen raushaut – weil er glaubt, er treffe immer den richtigen Ton.

Marguerite Duras dagegen ist derzeit für mich das größte Glück im Unglück unserer Zeit. Sie schreibt, wie sie es will, wie sie es kann, oder wie sie es eben nicht kann. Und sie schreibt unmaßstäblich, indem sie sich selbst zum Maßstab erklärt. Das finde ich erstrebenswert im Sinn von Werkstatt, von Work in Progress, von Gestaltung. Denn das was mir die Gesättigten in ihrer Unzufriedenheit vorschreiben wollen, wie ich etwa zu agieren oder gar zu lesen habe – ja, es treibt mich weg. (Randbemerkung: Ich weiß z.B. immer nicht, was mir gesagt werden will mit dem Satz: „Es hat mich gelangweilt“. Das impliziert für mich eher eine Aussage über den oder die so eine Aussage trifft, als über das so beschriebene Buch. Hierzu empfehle ich einen Blick in das Buch Kleine Philosophie der Langeweile von Lars Svendsen (gibt es nur noch gebraucht, daher das Bildchen nur noch ein Bildchen): Wer es prosaischer Will: Oblomow von Gontscharov. Anmerkung zu)

Zurück. Ein Claus Peymann, der sich zur Autorität erklärt, darf sich ja gerne selbst autorisieren, das im Kontext einer Demokratie, da jeder sich selbst autorisieren darf, bitte aber nicht in einem Sinn, in dem ich ihm dafür noch applaudieren soll – und mich reduzieren – und meine eigene Autorität preisgeben. Zumal ein Herr Peymann mir immer gesagt hat, früher, es lohne das Wort Selbst, es lohne das Wort Freiheit, es lohne das Wort Auseinandersetzung – er sagt es noch immer: Kunst sei immer individuell! (Streitbar – sehr streitbar – nach diesem Abend und nach dieser in meinen Augen übergriffigen Betitelung des Feuilletonisten in der Welt über Frau Westermann. („Tante Westermann“) erst recht – in Frage gestellt. (ein Herrenwitz wohl)

Bedeutet im Umkehrschluss: Ein Feuilleton ist in meinen Augen ein schöner Begriff von einem Feuilleton, das hat seine Berechtigung im Lesezirkel von Karl Kraus oder Kurt Tucholsky, und in der Phantasie meinetwegen aufstrebender und ehrgeiziger Literaturkarrieristen. Wirklich wahr? Es ist inzwischen an einer Hand abzuzählen. Nehmen wir die Zeitungen: Süddeutsche, ZEIT, FAZ, NZZ, Standard, Welt – dann zählen wir großzügig noch die Guardians und Times und Washington Post dazu: wer liest die in unseren Breiten?) – nehmen wir die unterschiedlichen Literatursendeformate – es kommen in meinen Augen zwanzig, dreißig, lass es fünfzig sein, zusammen – dem gegenüber sehe ich auf Literaturport 1.600 Autoren – wie viele von denen wurden vom Feuilleton besprochen, entdeckt, gestützt, aufgebaut? Das Verhältnis Autor zu Kritiker scheint umgekehrt reziprok zum Sprachgebrauch von Trash und Filterblase plus dem ganzen obendrauf, was allein im Zeitungsartikel an Überschrift ausgeworfen wurde? Wer eigentlich sorgt hier für Logorrhoe und Sprachverfall? Wer schreibt besser, der Feuilletonist des Spiegel oder der der Welt? Welcher Unterbietungswettbewerb wurde da eingeläutet? (Das Wort Kakophonie habe ich, glaube ich, das erste Mal im Spiegel gesehen, womit die Zeitschrift gemeint ist, nicht mein Gesicht im Spiegel – obwohl – manchmal … ja, man fühlt sich regelrecht mächtig ins Gesicht und so … )

Welche Macht bleibt mir? Meine Kaufkraft, nicht wahr? Im ersten Anfall vom Freitag war ich soweit: Abschwören, abschwören, abschwören. Sagte ich mir. Diesen Leuten da, dieser Szene, kein weiteres Geld. Damit würde ich mich selbst verletzen, und keiner dieser Leute würde es merken. sagen wir so: Früher bin ich ihren Empfehlungen gefolgt. Dadurch erreichten Peter Handke, Elfriede Jelinek oder Christof Ransmayer meine Bibliothek – Thomas Bernhard, A.F.Th. van der Heijden, David Foster Wallace, ein J.J. Voskuil – sie kamen über Privat-Empfehlungen (da gab es noch keine Blogger) in meine Nähe. Ein Martin Walser, ein Peter Handke, selbst ein Max Frisch, stehen in der Gefahr, meine Bibliothek wieder zu verlassen, sollten sie noch einmal vom Feuilleton versehentlich oder absichtlich erwähnt, gefeiert, oder zum Maß der Dinge erhoben werden (Ich will keine Retorte, ich bin eine).

So schon geschehen mit Botho Strauß, Peter Sloterdijk und Salman Rushdie … es führt im Umkehrschluss nicht nur die selbsterfüllende Prophezeiung von selbsternannten Königen und Fürsten zu dauerhafter Präsenz von Autoren oder gar Kritikern, sondern ebenso gut führt ihr Machtmissbrauch zur Abwehrhaltung gegenüber ihrer Präsenz und Vorliebe. Das gilt nicht nur für Kritikerstimmen, sondern im Umkehrschluss auch für Verlage. Wenn sie immer nur Kartell spielen – muss ich ihrem Karussell noch folgen?

Umgekehrt: Sie sind schon samt sonders schnappatmend unterwegs … was sie allerdings nur bedingt selbstverschuldet haben (denken sie), die übermächtige Konkurrenz aus den USA über das Internet – macht zu schaffen. Das herdenhafte des Prekariats, des Pöbelnden, des Volks, der Unter- wie Mittelschichten – macht zu schaffen. Dabei gehen sie offenbar immer noch davon aus, dass die Unter- wie Mittelschicht dumm bis unterbelichtet sei, denn Autofahren sei immernoch aufregender als Lesen. (Was es unbestritten ist – je nach Grenzwert). Oh je. Die RTL-Isierung der Gesellschaft, die Schlammschlachten, die ach so moralfreien Selbstdarsteller … das alles ist Programm … von wem für wen? Wenn eins die Kulturlandschaften tatsächlich unter Strom gebracht hat, ist es die Globalisierung – ja, die Welt ist offener geworden, vielseitiger und vielstimmiger. Dafür rächt man sich jetzt an Bloggern. Die arbeiten auch noch umsonst und machen uns die Honorare kaputt? Auf der Suche nach einem Motiv.

Da entsteht mir eine Frage. Warum sich noch über das Feuilletonwesen erregen? Warum sich darum sorgen. Welche dieser Zeitungen überlebt die nächsten zwanzig Jahre? Sie und mit ihnen ihre Berichterstatter haben offenbar jetzt schon nur noch ihren Überlebenskampf vor Augen. Blogger beschimpfen scheint vor dem Hintergrund so aussichtsreich wie das Verbietenwollen des Internet. Räume gewinnen und manifestieren in dieser Form – nun, das fällt sogar mir auf. Kommt nicht gut an.

Der Blog, die Bloggerin, der Blogger. Unbestritten, dass das neue Lesekulturen nach sich zieht. Natürlich auch den Trash – aber wie waren die Zahlen gleich? http://www.buchmesse.de/images/fbm/dokumente-ua-pdfs/2016/buchmarkt_deutschland_2016_dt.pdf_58507.pdf Darin die Zahl 89.506 erscheint (ohne Selfpublishing.) Da will mir Herr Peymann sagen, er habe sich eine Atwood gegriffen in der Hoffnung, eine große Autorin zu greifen, nun sei er so enttäuscht worden … ist Peymann vielleicht einfach nur sehr schlecht beraten … von wem, seine Empfehlung wird er wohl kaum einem Blogger zu verdanken haben, fürchte ich, so beratungsresistent wie ich ihn einschätze. Weil Kunst hat nichts mit Demokratie zu tun, sondern mit Individualität und somit Autorität.

Es ist unbestritten, dass viele Blogs mir das Lesen abnehmen, erleichtern, mich warnen, mich verleiten, mich reinlegen, mich stimulieren, mir helfen, mir vor den Kopf stoßen.

Dabei geht es aber nicht mehr, oder nicht mehr nur um Deutungshoheit oder Machtraumgewinnung – sicher spielt das immer eine Rolle, als quasi menschennatürliche Regung, aber vor allem fungieren die Blogs als inzwischen viel besserer Filter im ach so unüberschaubaren Buchmarkt. Wenn ich mich orientieren will und „eine faule Socke“ bin, bin ich wahrscheinlich bei den Feuilletonisten gut aufgehoben. (Ja, ich bin dann auch manchmal zu bequem – einschließlich Nebenwirkungen – z.B. (Feuilletonempfehlungen ernstnehmen und lesen und feststellen, naja, das Buch verspricht tatsächlich, was der Feulletonist sagte darüber: Zum Beipiel die Reise in den Westen vom Reclam Verlag – für den stattlichen Preis von 88 Euro hätte ich mir die Bilder aber in Farbe gewünscht)

Seit ich nun aber beim Bloggen Favoriten, Timelines und Abos selbst zusammenstellen darf – und es auch tue – desto bedeutungsloser wird Konfektionsware. (Peter Handkes Pilzsammlung in übergroßer Schrift, damit vierzig Seiten wirken und ausschauen wie 180) – Bücher von der Stange gab es schon immer mehr als genug, auch vor Blogger-, Literatur- und Verlagsmisere. Dumm nur, dass auch die Autoren infiziert wurden, aber das steht auf einem anderen Blatt.

Wie gesagt, ich war von Freitag auf Samstag sehr unglücklich über Peymanns Auftritt – die Sendung Literarisches Quartett werde ich mir (wenn überhaupt) nur noch valiumgefüllt antun – aber der Artikel Kritik des normiertes Lesen hat mir am Sonntag Augen geöffnet. Dies mitteschöne aber wirkungsvolle Wörtchen Distinktion schwebte plötzlich wie eine alles erklärende Schwingkugel durch den Raum. Das ist leider wohl Menschentechnik. Mensch definiert sich über sozialen Rückhalt und Konvergenz (Übereinstimmung) innerhalb seiner Gruppe. Gemeinsames Lachen inklusive.

Da wir nun aber den Monotheismus endlich mal nicht nur in Frage stellen (Das Individuelle stärken?), sondern gleich auch mal über Bord geben wollen, (ich jedenfalls), scheint es zumindest mir folgerichtig, wenn neben der Genius-Debatte auch eine Kompetenzdebatte nochmal gestellt wird: warum soll der, der sein Leben darauf ausrichtet, einen der wenigen Stühle im Himmel der Glorreichen zu besteigen, mehr wissen oder draufhaben als die vielen, die sich in seinen Augen (noch) Schwarmintelligenz nennen, aber in den Augen des Schwarms kaum mehr in Erscheinung treten. Sinn und Zweck des Selbstschutzes im Schwarm (wenn ich von denen arroganterweise als Unter- oder Mittelschicht (ein Leserkäufer nach Prinzip und Verordnung also) betitelt werde – so verhalte ich mich (geschickt), genauso, wie sie es von mir erwarten: sie merken von mir nix!, ich aber merke von ihnen, wie sie immer mehr extrapolieren (extraproletarisieren (zurück zum Volk (?!) /extrapolemisieren , sie sich somit nur weiter … plustern, da fällt auch diese Maske und Marke.

Somit haben wir nichtmal ein Fazit? Oh doch, haben wir: Es bleibt kompliziert. Und trotzdem haben viele der BloggerInnen inzwischen eine größere Autorität für mich als jeder wiederkehrend widerkäuende Feuilletonist. Den Fehler also müssten auch Blogger vermeiden – nur widerkäuen, was Papa schon … usf. Ja, die Krise … auch die geht weiter.

Mit einem guten Diktaphon aber, einem guten Kompass und vielen Bloggern als Freunden im Nest (pardon Netz) … wird sich das ändern … keine Revolte, sondern ein Prozess. Die da meinen, sie könnten sich darüber hinwegsetzen … nun. Zeit wäscht Steine. Ich höre ihnen künftig nicht mehr zu. Wenn ich Bock drauf habe, guck ich Fassbinder an oder Kinski. Und lese Bernhard. Das reicht mir dann i.d.R. für eine gute Portion schlechte Laune bekommen über noch viel schlechtere Stimmung.

Vielen Dank an die Autorin dieses Artikels: http://www.54books.de/zur-kritik-des-normierten-lesens/

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Buchempfehlungen (für das Kreuz und Quer der Bilder und Links: Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker, ich habe gerade keine Zeit mehr das zurechtzurücken …. dauert das immer):

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Blunatek – vom Anfang her

Lieber Rainer. Nach dem, was ich seit Tagen verspüre, bin ich zum Ergebnis gekommen, dass es besser ist, wenn sich unsere Wege wieder trennen [eh sie nochmal zusammenfanden]. Es ist nicht recht, sich rundum zu belasten und die Fragen überhand werden zu lassen. Ich hoffe für Dich, dass Du Deinen Weg machst. Und ich wünsche mir, dass wir uns weiterhin in leichter statt schwerer Erinnerung sehen. Glaub‘ mir, es ist besser für beide –

in Liebe Rosa.

 

… du triffst eine Frau an die fünfzig und sitzt mit ihr zum Kaffee zusammen, noch ist nichts passiert … du schließt sie in den Arm, der Weg führt euch ins Bett … was hast du dir dabei gedacht? Wir sahen uns auf Roberts Beisetzung, mein Mann vor mehr als fünfzehn Jahren – mit ihm teile ich eine Tochter – wenn ich von teilen sprechen kann … die letzten Jahre sorgte er sich nur noch telefonisch, und wenn es gut kam, finanziell, Lena meine Tochter − er ihr Vater. Ich sah Rainer wieder auf Roberts Beisetzung … eine Geschichte, die ich verdrängt habe, die mich nicht mehr betrifft, für die ich mich nicht rechtfertigen muss. Ich ahnte es Stunden vorher, befürchtete es auch … die beiden waren dick befreundet … ihr Verhältnis wurde schwierig. Zwei Jahre einer Übergangsphase … Robert beschwichtigend, Rainer fordernd. Als unsere gemeinsame Tochter geboren war, beruhigte sich Rainer und wurde einsichtig, die beiden gaben sich wieder sich freundschaftlich … ich goss trotzdem Abstand ein, zwischen Rainer und mir … als ob Robert sich im gleichen Vertragsverhältnis befand, kühlte auch er ab … nach Jahren der Gemeinsamkeiten suchte jeder für sich eine eigene Wohnung. Und nun, vierzehn Jahre später, ist er tot. Ich auf seiner Beisetzung … steht Rainer neben mir … erinnerst du dich? Pleasure for me? Ein Running Gag. Das hing damit zusammen, dass er zwischen den Zeiten mit einer Britin flirtete, wieder und wieder setzte er sich in Sprachnester … Pleasure for me. Ob er bleiben dürfe oder gehen … sie habe ihm augenzwinkernd zu verstehen gegeben, es sei ihr ein Vergnügen. It will be nice for me to be … wollte er sagen, sagte aber it will we nice for me to believe. Ein Scherz, den ich ebenso augenzwinkernd beantwortete A pleasure for you or a pleasure for me? Er stand neben mir. Nicht meine Art – angesprochen zu werden, auf Roberts Beisetzung … ich musste etwas sagen. Ich kann mich nicht erinnern, sagte ich. Hilf mir auf die Sprünge.

− Mensch Rosa, verarsch mich nicht, sagte er.

Diese plumpe Art – wie es die Freaks von damals drauf hatten, aber vernachlässigten, dass jedes Alter seine Sprache hat. Dieses Wort verarschen zu hören auf Roberts Beisetzung, schien mir unverträglich mit dem, was geschah. Roberts Urne. Seine Tochter aus zweiter Ehe, sein Sohn, die Geschäftsleute, wie viele davon seine Freunde waren oder Gläubiger, vermag ich nicht zu sagen. Da ich nicht antwortete, abgelenkt von den anderen, wollte er sich schon gehen, entschuldigte sich sogar.

Sorry, my dear. It’s a pleasure for me to believe.

Was das bedeutete … war mir entgangen … Rainer. Sein Charme. Sein alter Witz. Woran glauben, wenn du dich vertan hast. Wusste er denn nicht, dass ich auf diese Art Veranstaltung nicht gut zu sprechen war … wollte er etwas auffrischen, was weder ihm noch mir zustand, schon gar nicht angesichts der Urne, den Tönen der Paul Gerhardt Choräle, den brennenden Kerzen, den üppigen Blumensträußen. Dieses deutsch akzentuierte pleasure for me … ein stürzender Bach in einen Felsengrund, längst war es in mein Mittelohr gedrungen und vollführte einen herrlichen Singsang mit all den Sensibelchen, die mir seit Jahren im Ohr sitzen und nur darauf zu warten scheinen, dass ein etwas stärkerer Wind sie belebt, wie erfüllt von großer Luft standen sie kerzengerade und zupften sich das Kleid zurecht, begrüßten den neuerlichen Windsturz mit einem herzerweichenden Befehl ans innere Auge, sich auf seine Spur zu begeben, ihn nicht aus dem Auge zu lassen, diese Stimme wieder … ich hatte sie vergessen. Was rede ich. Sag‘ einfach, dass es dich nicht betrifft. Du keine Ahnung hast, wenn dir so etwas noch nie geschehen ist. Die ganze Geschichte nochmal von vorn?

Pleasure for me.

Nun bin ich zu lang im Geschäft … meine Handtasche gab eine Visitenkarten frei, sie wies mich als Bewohnerin von Los Angeles aus, die wollte ich ihm geben mit der Bitte, sich in zwei Wochen bei mir zu melden, jetzt sei leider nicht der rechte Zeitpunkt, vertiefende Gespräche zu führen, ich wollte los.

Ergebnis der Veranstaltung. Die Urne war noch nicht abgesenkt … ich schaute mir die Leute an … an diesesm Film hatte ich keinen Anteil mehr … unsere Tochter war in den Staaten geblieben, ich stand zwischen Rainer und den anderen, Roberts Frau kümmerte sich um die Kinder, um alte Freunde … ich fühlte mich fehl am Platz, Rainer fing an, mich zu beklemmen. Ich beschloss, noch während ich ihm die Karte reichte, verstohlen, dass es als Sache erscheinen sollte zwischen ihm und mir, um gleich zu gehen, gar nicht erst auf den Leichenschmaus zu warten, mich nicht auf Gespräche einzulassen … warum, wozu, wieso? Als wäre ich eine Koryphäe, die ihrem Jäger ins Erdloch folgt.

Wenn du magst, Rainer, so lass uns gehen, dachte ich, wollte diesem pleasure for me so weit entkommen, wie es ging, was bedeutet hätte, der Abend war gelaufen. Zurück in meine Berliner Wohnung. Abendessen. Fernsehen. Warten, dass die Sensibelchen die Stimmlage Rainers vergessen und am nächsten Morgen Weiterflug London.

Wenn ich eine Frau bin – gern gesehen und viel unterwegs, wieso soll ich einer Stimme folgen, die ich nicht mehr kenne. Wieso ist das mit den Stimmen mehr als nur Musik fürs Ohr bei den einen, und ein elender Krawall bei anderen – warum nisten sich bestimmte Stimmen bei dir ein, während andere nichtmal das äußere Ohr erreichen? Nun, diese Frage hat sich erübrigt, wenn sich das Gehirn entspannt, du dir Gedanken machst, was übermorgen kommt, was in zwei Wochen.

Was einem alles durch den Kopf geht mit einem Mal.

Statt etwas zu sagen, hakte ich mich bei ihm ein. Ich stand stumm neben ihm, und fühlte mich einknicken. Ich hielt diese Stütze für angemessen, für nicht weiter fraglich. Robert hatte Frau, Sohn und Tochter aus zweiter Ehe zurückgelassen, mich hatte er gar nicht mehr gefragt, und wenn er mich nun neben Rainer stehen sah, eingehakt und irgendwie gerettet, so konnte das Robert nicht mehr erzürnen. Pleasure for me will mich nicht verarschen, dachte ich. Pleasure for me will etwas gutmachen.

Nur ein Scherz. Jeder Witz steht im Verdacht, über den reinen Scherz hinauszugehen, und macht dich zur Teilhaberin einer tiefersitzenden Erkenntnis – das Misstrauen setzt sich fest, ein Misstrauen, das mir galt – denn sicher wollte er mich nicht verarschen. Er trat nicht zufällig in mein Leben, um mir sein vielfaches in Gestalt von Frauen und Kindern zu verraten … was er erlebt hatte in den Jahren. Wenn er mit dieser unreifen Ausdrucksweise sprach, war es noch immer so, dass ich wieder in sein Leben trat, um ihn mit einem toten Mann und der abwesenden Tochter zu konfrontieren. Als Ausgleich zu dieser Schieflage blieb der Humor, ich spürte ihn förmlich in mir pochen. Mein Herz. Die Erinnerungen steigen empor und zeigen den alten Rainer … mit Schnauzbart … wie er seiner Kunst erliegt, die Bilder schießt … sein Fotoapparat – der, immer dabei – sich bald nur noch auf mich zu richtet, morgens mittags abends. Ich vermeide es, nackt durchs Zimmer zu laufen, ich vermeide es, im Bademantel am Küchentisch zu erscheinen, ich vermeide es, Durchsichtiges anzuziehen, sein Fotoapparat bekommt keinen Zutritt ins Schlafzimmer. Pleasure for me und sein zweites Gesicht. Da draußen spricht der Pastor. Weit hinausgerückt aus dem inneren Bild ins äußere. Rosa, halt‘ inne, denkt Rosa … was geht dir durch den Kopf? Wenn zwischen Rainer und mir mein toter Mann steht, meine abwesende Tochter, so stand zwischen ihm und mir dieser schwarze Klotz mit der Brennweite eines mich spiegelnden Glasauges – ich durfte bald Zweifel haben, ob dieser Mann jemals in der Lage sein würde, sich auch mal ohne Werkzeug oder Apparat zu zeigen, sich vielmehr zu verstecken beabsichtigte. Seine Aussage immer war, er sei beschäftigt, dabei, sich weiterzuentwickeln, was nur verdeutlichte: er war kreativ bemüht, sich künstlerisch zu geben, er wusste nicht, wohin mit seinen Händen, mit den Armen. Weit ausholendes Geläuf, sucht etwas zum Festhalten, zum Greifen, sucht eine Stütze. Wir mussten das nur noch durchhalten, diese eine beklemmende Stunde. Da fragt er es direkt. Ob ich später auf den Leichenschmaus mitgehen wolle, oder besser mit ihm einen Kaffee trinken. Ich blickte ihn kurz an. Spürte den Impuls zu gehen, nicht mit ihm, sondern zum Leichenschmaus. Die Pflicht. Die anderen Leute. Was würden sie von Rosa denken, wenn sie sich mit Rainer absetzte. Nun, was sollten sie denken. Sie dachten es doch sonst auch nie.

It will better for me if you believe.

 

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