Wir setzen uns mit Tränen nieder

 

Im Wechselspiel der Stimmen, was den Evangelisten meint, mit Jesus, mit Alt und Sopran, mit Tenor und Bass, dem Chor. Köstliches Wasser. Ich will bei meinem Jesu wachen – Mutters Lieblingschoral Wir setzen uns

 

Wenn wir den Berg hinauf wanken, hinter der Urne her, und Rainer keine Rücksicht mehr nehmen kann auf die Gäste, ihm fortgehend ein Schluchzen entfährt, er es vor sich sieht. Den Leib Mutters zu Asche geronnen. Der Asche, der er selbst entstammt. Sie es ermöglichte zu leben – und nun zu leiden. Den Schmerz zu spüren des großen Verlustes, des vielleicht größten. Da geht nicht nur zu Asche gewordene Mutter, da geht auch Rainer. Das ist in dieser Stunde das gleiche – Niemand hat den Himmel so gut beschrieben wie Johann Sebastian Bach in der Matthäus Passion. Aus diesem Himmel ruft sie nieder.

 

Der Geist ist willig, das Fleisch ist schwach. Vom Fleisch die Asche den Berg hinauf getragen wird, Rainer in seinem Fleisch dahinter. Gesessen hat sie in ihrem Fleisch. Nun ging sie nieder. Asche der Mutter vor meinem Leib.

 

Wir setzen uns mit Tränen nieder. Bin ich doch täglich von euch besessen, und ihr habt mich nicht begriffen. Du mit Bach-Chorälen groß geworden bist und nun mit einem dieser Choräle zu Grabe getragen wirst. Mein Jesu schweigt zu falschen Lügen stille.

 

Rainer wollte Urlaub machen. Am zweiten Tag plötzlich Vater auf dem Handy, wir haben Probleme mit Mama. Ihr geht es nicht gut, sie liegt im Krankenhaus, sie stirbt wahrscheinlich. Sie ist in meinen Armen zusammengebrochen. Sie hat mich noch gerufen, mein Schatz, hat sie gerufen, mit mir stimmt was nicht, und kurze Zeit später hat sie nur noch gezuckt. Hat sich erbrochen. Ist in meinen Armen zusammengesunken. Ich wusste sofort, es ist ernst. Im Krankenhaus die Diagnose. Ihre Frau hat einen Hirnschlag erlitten, sie muss ruhen. Was nun sei. Sie schläft an Schläuchen. Wie groß die Chancen seien. Nicht groß. Hirnschlag heißt umgangssprachlich klinisch tot – das sei medizinisch gesprochen falsch, es gäbe keinen klinischen Tod, glaubt uns ein Arzt belehren zu müssen in dieser Stunde. Heißt trotzdem, wenn sie wieder wach wird, ist nichts wie früher. Mutter stirbt. Sie hat so viel überstanden, sie kann doch nicht sterben jetzt – sie ist gestorben – später. Es hieß, sie wollte Rainer nochmal sehen. Der war im Urlaub. Vom Tod ertappt beim Versuch, sich zu erholen. Mein Jesu schweigt zu falschen Lügen stille. Wir setzen uns mit Tränen nieder. Mir war der Ernst der Lage nicht bewusst. Ich wollte Urlaub, ich brauchte Urlaub, ich war im Urlaub, man spricht im Urlaub nicht vom Sterben, man spricht von der Hoffnung. Wir sprachen über Mutters Überlebenschance. Wir telefonierten stundenlang. Die Nachrichtenlage wechselte von Stunde zu Stunde. Einmal saß sie im Rollstuhl. Ein anderes Mal war sie wieder tot. Dann saß sie wieder im Rollstuhl mit der Aussicht, sich zu fangen und zurückzufinden. Dann wünschten wir uns doch lieber ihren Tod, sie sollte ruhen still. Aber nicht so plötzlich. Jedes Warten zog sich in die Länge. Jeder Hinweis aus der medizinischen Abteilung wurde wie Brot genommen. Wieder hieß es, sie schafft das. Nur wie? – Köstliches Wasser anders schmeckt. Nach dem dritten Tag hörten wir: Sie überlebt. Ob sie noch etwas gesagt habe. Nein. Sie hat nichts mehr gesagt, sie sprach auch zuletzt nicht viel. Jetzt gar nicht mehr. Wortlos duldend. Verstummt. Wir riefen hilflos, öffne die Augen, sprich nur ein Wort, und überlebe! Vergiss den Urlaub, setz dich ins Flugzeug und flieg hin. Nein bleibe, sie überlebt. Sie lebte noch zehn Tage. Ich bin erschienen, sie verschied.

 

Mein Jesu schweigt zu falschen Lügen stille. Wir setzen uns mit Tränen nieder. Wenn Johann Sebastian Bach mit mir spricht, ich in der falschen Zeit, die Zeit, in der ich lebe, sie spricht − nicht mit mir. Mutter stirbt – haltet ein, hat Jesus gerufen, haltet still! Aber doch nicht so still, dass nichts mehr gilt.

 

Sie lebte schon mehr als eine Woche an Schläuchen, nur die Ahnungen, sie überlebt, auch die Mediziner voll der Hoffnung, nein, Gewissheit, diese Frau überlebt auch das. Sie hat kurz gerufen, mit mir stimmt was nicht, sie wurde nicht mehr wach.

 

Wir fuhren mit der stillen Hoffnung, das sei nur ein Unfall, ins Krankenhaus, da lag sie nun, im Wald, inmitten der Bäume, die sie nicht sah. Die Bäume umstellten das Haus wie Wächter des Todes. Es war nicht anders zu erwarten. Als ich sie vor mir sah. Wie konnten sie mir im Urlaub von Überlebenschancen berichten, sie war, als ich sie sah, nicht mehr meine Mutter, ihre einmal schlanken Finger, aufgedunsen, eine Wärme durchströmte sie, das war nicht sie. Ich sah Computer. Todeswächter. Eine Mutter, die mit offenem Mund schnauft. Meine Mutter. Sie schläft. Ich fasse ihre Hände, die aufgedickten Finger, ich streichle sie, ich blicke ihren Kopf an. Dieser Kopf liefert nicht einen Hinweis, dass ich vor ihr stehe. Vater ruft ihr zu. Mein Bienchen. Erzählt ihr etwas von den Vögeln vor dem Haus. Hörst du die Vögel? Hör die Vögel. Als hörte er sie selbst nicht mehr.

 

Wenn ich aus der Erinnerung in diesem Zimmer stehe, sehe ich vor dem Fenster Mülltonnen, blaue Tüten,  die letzten Minuten meiner Mutter sichtbar geworden im Blau der Mülltüten. Dieses Bild mit sich rumtragen.

 

Am nächsten Morgen, beim Frühstück, Telefon. Die Mitteilung aus dem Krankenhaus, dass Mutter verstorben sei. In der Nacht habe sie ein weiterer Hirnschlag ereilt. Gestorben am 05.01.2011, morgens um vier Uhr. Gestorben, ohne Rainer wiedergesehen zu haben. Gestorben, nachdem Rainer sie berührte. Die endlosen Gespräche hatten uns auf diesen Moment vorbereitet. Insgeheim war allen klar, besser sie ruht nun sanft als dass sie lebt in Qual. Vater gefasster als ich. Wir müssen nochmal hin. Wir sind nochmal hin. Wir saßen in einem sechs Quadratmeter großen Zimmer, der Chefarzt entschuldigte sich für seine Kollegen, die am Wochenende mit Arbeitsintensität vielleicht etwas unsensiblen Kollegen, die überall zu tun haben – nur zu verständlich. Ich sah Steckdosen. Entschuldigen Sie, Steckdosen. Ich sah das Plastik der Fußleisten. Ich sah, dass der Tisch, an dem wir saßen, von Ikea stammt. Ich sah das Logo von Microsoft XP auf ihren Rechnern. Ich hörte ein Telefon klingeln. Ich sah routinierte Tagträumer, ich hörte, dass sie Trostworte haben für den Tod. Ich hörte sie die Tode verwechseln. Was ihr Geschäft ist, wo ich aus den Fenstern gucke und die Mülltonnen sehe. Aus denen Tüten blau herausragen. Ich Mitleid habe, für sie, die sie Mitleid haben für uns, obwohl das Leiden endet, für Mutter. Man wird dem Tod nicht gerecht, der Tod nicht mir, nicht uns. Nicht lebendig, nicht persönlich, die Verwalter des Todes, der Maschinen des Todes, ruhen nun auch. Vater weint, und ruft ruhe sanft. Das sehe ich. Der pathetische Tod-Haufen ruht, ihre ausgesogenen Glieder. Ich sehe, sie sind bemüht, sie konnten es nicht ändern. Den Tod, den unabänderlichen. So viele Menschen geboren werden, so viele sterben, wir halten still. Der Tod, drei Buchstaben. Die Mülltüten vor dem Fenster der gestorbenen Fraumutter.

 

Die Betroffenheit macht den das Auto fahrenden Nachbarn redselig, er spricht mit Blick in den Rückspiegel, zu Rainer, er spricht mit Handauflegen zu Vater, er spricht über seinen eigenen verlorenen Sohn, in Amerika, er spricht über Professoren in Heidelberg, er spricht über den Schnee auf den Hängen, er spricht von Füchsen, sie kommen in die Niederungen der Dörfer des Hungers wegen, es seien inzwischen zu viele, die in den Gemeinden rumstreunen, er spricht mit dem im Rückspiegel sich abzeichnenden Rainer, der nichts sagen kann, der still sitzt im Auto ohne Sinn. Was folgen wird, ist die Absprache mit der Todesverwaltung, dem Bestatter, dem Pfarrer, den Nachbarn mit stumpfem Gesicht, dem Postboten, der noch nie so viele Briefe gleichzeitig zustellte, dem fortlaufenden Gebell der Türglocke, wieder steht ein betroffenes Gesicht vor der Tür, man bittet um Verständnis, dass Vater sich mitgenommen fühlt, aber es einfach nicht belächeln kann, dieses sich selbst bezogene Ausharren im nun ewigen Schlaf der eigenen Frau, die mehr als vierzig Jahre lebendig neben ihm war, und nun als Bild auf der Kommode steht, neben abgelegten Schmuckstücken, einer Halskette, an der die Eheringe festgemacht sind, wie ein kleiner Altar aufgestellt, und auch schon ein paar Notizen zum Beerdigungstext liegen da, es sind die Worte Ich will mich in dir versenken, ist dir gleich die Welt zu klein. Die damit zu tun bekommen, zeigen Mitgefühl. Da ist ein Schreiner, der zimmert für den Tod. Bringt vorgefertigte Broschüren mit. Mit Preistafel, auch die Todesanzeige schaltet er. Die Krawatte lila. Meine Seele ist betrübt bis an den Tod. Rainers Zorn könnte sich gleich ergießen, aber Vater benötigt abschließende und schlussendlich beruhigende Worte. Die Broschüre mit den Eichensärgen und den monströsen in dunkelbraun und schwarz – schwer sanken sie nieder – verschwinden wieder im schwarzen Koffer, nachdem der Kiefernsarg zur Verbrennung gefunden ist, die Broschüre mit den Urnen bleibt unter Tränen setzen wir uns nieder, bis die schlichte Keramik-Urne gefunden ist, kastanienbraun und ohne Schmuck, glänzend beinah. Stumm werden die Preisstufen zur Kenntnis genommen, vor Vater verschwiegen, die eigene Mutter bestatten, aus einer Hand. Ganz etwas, worauf man nicht gefasst war. Als er mit schwarzem Koffer die Klinke übergibt an den Pfarrer und auch der Todesgeduld mitbringt, sich Zeit nimmt, seine Ansprache vorzubereiten. Einleitend mit den Worten Lasst uns beten kurz und still, Wir setzen uns mit Tränen nieder, der Pfarrer tatsächlich weint, Vater weint, Rainer weint, Mutter uns anschaut durch das Bild auf der Altar gleichen Kommode, auch Jesus schwieg nun stille. Ob Rainer etwas untergebracht haben will in seines, des Pfarrers Rede, Rainer sagt: – vor allem will ich hören, dass Mutter Kraftquelle war der Familie, die gezügelte große Frau, ausgesprochen als stärkster Muskel unserer Seelen, vor allem ist es die Kraft dieser Frau, verbreitert in ihren Kindern, die von ihr ausging, sie hätte die Liebe verdient, die sie gab, ohne Zögern, ohne Unterlass, ohne Grenze, unser stolzes Pferd, sagte Rainer, von der Schönheit dieser Frau lass uns hören, und wenn wir wieder zusammen sind, will ich nie mehr zweifeln. – Einverstanden. Weil der Pfarrer Tod erprobt ist, lässt er beten. Ob Vater etwas beten will. Und Vater betet wie Rainer, wie der Pfarrer, still, und wortlos. Ich verleugne nicht die Schuld, aber deine Gnad und Huld ist viel größer als die Sünde, die sich stets in mir befinde. Ob Vater eine bestimmte Musik vorschlagen wolle, oder Rainer etwas wünschte, man sich einig wurde im Vertrauen auf die Organistin, die immer schon, seit mehr als zwanzig Jahren, die Choräle und Lieder vortrug, nur eines wäre Mutters Wunsch: der Schlusschor aus der Matthäuspassion, nicht gesungen vom Gemeindechor, sondern einzig gespielt auf der Orgel. – Ohne Chor ist das nur die halbe Wahrheit. – Aber selbst die wäre Mutters Herzenswille, sie möge es versuchen, und es anmerken, falls es unmöglich erscheint. – Einverstanden. Und bitte keine Nachfeier, nur noch in der engsten Familie, einmal Ruhe und Stille bist du.

 

Zeit, Mutter zu gedenken, bleibt zwischen den Stunden, die auf die Beisetzung warten lassen, mehr als drei Tage, mehr als die Stunden vor dem Regal, den Büchern, eine Reihe aus der Sammelwut, und wenn man die Bücher anfasst, aufschlägt, spürt man, alle von Seite zu Seite gelesen, auch von Rainer ein paar davon gelesen, alle anderen von Mutter aufgeschlagen und durchgearbeitet, man spürt ihre Finger auf allen Seiten, man sieht die Buchstaben aus den Büchern wandern, Rainer findet auch das Fotoalbum, mit den Großeltern, man erkennt die Ähnlichkeiten zwischen Großmutter und Mutter. Man sieht sogar Urgroßeltern, auf gelbem Papier, mit dem Vollbart des Urgroßvater, auch der Urgroßmutter scheint der Geruch ihrer Zeit anzuhängen, Strenge, Autorität, Urgroßvater grimmig, Urgroßmutter gutmütig, das setzt sich fort in den Bildern der Großeltern, und wird aufgelöst bei den eigenen Eltern, da nun Mutter ernst blickt, und Vater heiter, wobei sie sich gegenseitig angesteckt zu haben scheinen in Heiterkeit. Das wird etwas zurückgedreht in den ersten Farbbildern, da Vater heiter, Mutter wieder ernst wirkt. In den Bildern es keinen Hinweis gibt auf glückliche oder unglückliche Zustände, man das Rainer-Baby sieht, wie es einen unverhältnismäßig großen Kopf hebt und freundlich lächelt auf dem Schwarz-Weiß-Bild. Man die Motorradjacke sieht aus den frühen Sechzigern, man Vater und Mutter glücklich lachen sieht in den Siebzigern. Die Achtziger sich in selbstgestrickten Pullovern und Jacken zeigen, Mutter einmal zu sehen ist, allein, mit großherzigem Lachen, den Arm in die Hüfte gestemmt, so, als zeige sie wieder Bereitschaft, anzufassen, was liegengeblieben ist. Tatkraft zeigt. Durchsetzungswillen. Und doch. Das erste Bild, da sich in den Augen Sorge auszubreiten scheint, da sie betrübt ist. Nur wenn man genauer hinsieht, nicht, wenn man nicht weiß, aus welcher Phase das Bild stammt. Das muss gewesen sein, als Rainer ein halbes Jahr außer Haus war wegen des Verkehrsunfalls, bei dem er fast ums Leben kam. Unbestritten, diese Frau hat ihn geliebt. So nehmt mein Herz hinein. Die Bildersammlung in den späten Achtzigern abreißt. Was nichts mit der Digitalisierung zu tun haben kann. Was auf Nachfrage bei Vater auch keine zufriedenstellende Antwort ergibt. Geradeso, als gab es nach dem Fortgang der Kinder keinen Anlass mehr zum Schießen von Bildern. Es auch keinen Folgeband mehr gibt. Dann, erst nach der Jahrhundertwende, Urlaubsbilder der Eltern. Tunesien. Israel. Dänemark. Nach der Geburt der Kinder der Schwestern wieder Babybilder, Kinderbilder. Mutter wie Vater überwiegend sitzend. Einmal der in die Beuge gestemmte linke Arm. Tatendrang. Oder waren das Hüftschmerzen – Mutter sich der Erinnerung verweigert in diesen Stunden, da sie oh Haupt voll Blut und Wunden, gegangen ist, zu dieser Stunde in den Ofen geschoben wird im Kiefernsarg. Rainer und Vater versäumt hatten nachzufragen, ob man bei der Einäscherung anwesend sein darf, sie diesen Moment nicht als Bestandteil an der Prozedur verstanden – hätte der Zimmermann doch bekanntgegeben, wenn dem so wäre – Rainer wundert sich künftig, wenn im Fernsehen Familienangehörige der Einäscherung beiwohnen. Was die Geschwindigkeit dieser Stunden betrifft, man kaum bei Sinnen war, die Veranstaltung schon als Rechnung vorlag – und am Abend kam die Taube wieder und trug ein Ölblatt in dem Munde, o schöne Zeit, o Abendstunde! Man familiär zusammensitzt und schweigt. Freunde die Erlaubnis erteilt bekommen, sich mit ins Wohnzimmer zu setzen, noch einmal die Kraft der Mutter zu besprechen, aber auch ihre Einsamkeit in den letzten Jahren. Da alle Kinder groß waren. Diese Frau für nichts als ihre Kinder gelebt hat. Weswegen ihre Aufgabe vollbracht, nachdem die Kinder groß. So lässt es sich vermuten, wenn man spürt, dass sie sich dem Leben plötzlich verweigert. Sie hat nie etwas gesagt. Die paar Weh-Weh-Rufe einmal ausgenommen. Nie geklagt. So Vater. Und kaum dass er einmal Nie sagt oder noch einmal Nie, es aus ihm herausbricht. Wir setzen uns mit Tränen nieder. Wenn der Himmel ruft und die Erde stirbt. Angst haben wir vor dem einen Moment, wenn es den Berg hinaufgeht mit der Urne. Das war kein Klagen, das war Wut. Wenn sie klagte, dann im Zorn, kein Klagen. So Vater. Rainer kann es bestätigen.

 

Wenn wir den Berg hinauf wanken, hinter der Urne her, und Rainer keine Rücksicht nehmen kann auf die Gäste, ihm fortgehend ein Schluchzen entfährt, er es vor sich sieht. Den Leib Mutters zu Asche geronnen. Der Asche, der er selbst entstammt. Sie es ermöglichte zu leben – nun zu leiden. Den Schmerz zu spüren des großen Verlusts, des vielleicht größten. Da geht zu Asche geworden Mutter, da geht Rainer. In dieser Stunde – Niemand sich von der Erde so gut empor geschrieben hat wie Johann Sebastian Bach … aus diesem Himmel ruft sie nieder.

 

Vor der eingestellten Urne kniend hielt sich Rainer an der Krempe seines Mantels und sah es unverrückbar: Sie hat auf meinen Dank gewartet. Nun knie vor ihr nieder und werde still.

 

Nachtrag: eine sehr sehenswerte Aufführung, insbesondere verweise ich auf den Einsatz ‚Die Gefangensetzung Jesu‘ mit Übergang zu Blitz und Donner, ein unfassbar gelungener Übergang zwischen Betroffenheit und Wut … wenn der Himmel grollt: 0:57:02 „27a. So ist mein Jesus nun gefangen (Aria)“ Ein Meisterwerk der Chormusik. Bedenkt man noch, dass es bald wieder in der Schublade verschwand, und es erst Bartholdy war, der es wiederaufführte … inzwischen gilt es als eins der bedeutendsten Werke der Musikgeschichte.

 

und noch ein Nachtrag: total ergriffen hat mich die Aufführung von Simon Rattle in der Philharmonie aus dem jahr 2010, hier ein kleiner schmerzlicher Eindruck:

die ganze Aufführung kann noch bis Montag, den 17.04.2017 kostenfrei auf der Website der Berliner Philharmoniker gesehen werden: Matthäus-Passion mit Simon Rattle in der Berliner Philharmonie

Unbedingte Empfehlung. Drei Sternstunden!

Graphomanisches Bibliophonieren

Die Bücherfalle – Ein Überlebensbericht

sitze in der Wort- Satz- und Plotfalle – Spiel Satz und Sieg? Frage mich in letzter Zeit häufiger, was Bücher aus mir gemacht haben, warum ich ihnen je verfallen war, und warum nun die Wirkung der Bücher nachlässt, zum Erliegen kommt, ich nur noch schwer zu begeistern bin.

Das muss etwas mit meinem Gehirn zu tun haben, denke ich einerseits (ich werde nicht mehr jünger, mein Gehirn ist trotzdem auf Erfolg gebucht, und Bücher nehmen viel Zeit in Anspruch und geben davon 4321 Zero zurück?), es hat andererseits mit der Masse an Büchern zu tun, die mich erdrückt, nicht weil ich sie kaufe, könnte ich nicht, sondern weil ich sie kaufen müsste, und lesen, aber ich finde mich in der Buchlandschaft nicht mehr zurecht. Zu viele Verlage, zu viele Publikationen, zu viel Markt.

Die Begeisterung hat mich gestern am Sonntag mit einem Buch über Syrien auf den Boden der Tatsachen geworfen – (wieder ein Buch, da ich dachte – das kann ich auch) Ist das richtig formuliert? – nein, wie immer, es ist anders zu formulieren – denn den Boden der Tatsachen gibt es nur im Slogan von den Tatsachen als Boden – diese sich jeweils und das auch noch tagesabhängig anders darstellen. Bin auf dem besten Weg, unter dem Boden der Tatsachen einzubrechen. Dabei sollte der Weg das Ziel sein, nun bin ich offenbar übers Ziel hinaus und sammle mich, bücke mich, suche mich. Verloren im Dickicht der Bücher.

Feststellen kann ich, es ist immer wieder eine Wanderung von innen nach außen, dann wieder von außen nach innen. Der Jugendliche las zwei Meister, Herman Hesse und Thomas Mann, der eine, Hesse, führte auf den Weg nach innen, der andere Mann, nach außen. Hesse stellte in mir die Spiegel auf, Mann die außerhalb von mir. Mit Hesse ging es in die Sehnsucht, mit Mann in die Ratio.

Später folgten Handke und Bernhard. Auch hier. Handke führte mich ins fragile Ich, von außen nach innen, der Bernhard rettete mich von diesem Innen und führte mich wieder nach Außen – beide waren sie egoistisch genug, mich meinem Ego zu überliefern. Dieses Ego sah sich zwei stärkeren Egos ausgesetzt. Es musste eine Loslösung her.

Spätestens als ich selbst zu schreiben anfing, war es ums Ego geschehen, es bröselte und krümelte und brauchte Rezepte, Ideen, und vor allem mehr Halt, Struktur, vielleicht einen Plot. Erschwerend noch, da das eigene Leben an Erzählungen gewonnen hatte, an Erlebnissen, Erfahrungen. Dieses Erleben  wollte sich mitteilen und schrieb nur kryptischen Blödsinn – was nicht gut ist für den Jugendlichen auf dem Weg zum gestandenen Kerl, der zu Selbstbewusstsein kommen will, für Jemanden, der herausarbeiten will und muss, wer er ist in diesem Spiel.

Das war zu einer Zeit, da Schriftsteller und Autoren noch einen guten Ruf genossen. Das war zu einer Zeit, da ein Schriftsteller noch jemand war, der der Welt etwas zu berichten weiß: Böll, Walser, Grass, Frisch. Eine Zeit, da Frauen noch in der Minderheit waren, Christa Wolf, Ingeborg Bachmann, Marguerite Duras. Eine Zeit, da Camus, Beckett und Sartre überwunden schienen, weil ihre Botschaft eher die einer Nullkommanix-Botschaft glich – denn absurd, oder existentiell oder einfach nur zu hell unter der algerischen Sonne – was ist daran schon neu? – es folgte der Versuch, das Ganze mit dem eigenen Leben ins Verhältnis zu setzen.

Längst war Literatur eine Art Gegenwelt geworden. Denn meine Wirklichkeit wurde die eines Baumeisters, nicht der Worte, sondern tatsächlich der Bauwerke, ich hatte immer weniger Zeit zu lesen und beschränkte meine Aufnahme von Literatur auf Zeitschriften, Feuilleton und Dichter, eine Franz Joseph Czernin Zeit. Das Lautmalen, die Schleier, Schnitte Fädeln der Wortkünstler wurde zur Konstruktion, Form, dem Raum und der Funktion der Gebäudeplanung. Unmittelbar gefolgt vom Binärcode der Maschinen, die mir weitere Sprachen unterjubelten, von Pascal, Basic zum Framework und der Matrix im Kino. Da waren von Struktur und Konstruktion längst nur noch Skelett und Hülle über.

Selbst die Philosophen schienen in mir zum Schweigen geneigt. Die lang anhaltende Affäre mit der Sprache wird zum Belagerungszustand schweigender Halbkrimineller mit Tarnkappe und Revolver im Anschlag, die regelmäßig im Mitternachtstalk in Erscheinung treten, und der Welt ihr Absurdistan oder ihre Nebelwolke oder ihre ureigene Welt der Blasen mitteilt. Um mich herum Sätze, Sätze, und keine Schätze, Geheimnisse oder Ecken, Kanten, Säulen, geschweige denn Ordnung.

Die Krönung im Salat A la Carte der Beliebigen: Thomas Pynchon, James Joyce und Uwe Johnson. Passend dazu: Während ich mich sogar mit Marcel Proust anzufreunden begann, sprach man im deutschsprachigen Raum von Popliteratur und Poetry-Slam, Depeche Mode im Einklang mit How are you, tell me your lies written down in the book.

Schließlich noch passender sprach man nicht mehr von Literatur oder literarischen Räumen, sondern von Genre, Plot und Erfolg beim Bücherherstellen, die Selbstpublikation suggerierte das Nichtnötige der Publikumsverlage, schon waren aus meinen Säulenheiligen Mann, Bernhard, Handke, Frisch und nehmen wir noch die Amerikaner Philip Roth und Foster Wallace und T.C. Boyle dazu, nur noch Schausteller ihrer Erfolgsgeschichte geworden, mit der ich, auf die eigene Ortlosigkeit bezogen, inzwischen nichts anzufangen weiß, außer am Cocktailabend unter Freunden zu berichten, nichts Neues im Westen.

Da greift der orientierungslos Gewordene wieder auf Klassiker zurück, Fontane ebenso wie Gontscharow, und Dostojewski ist nun mal ein ebenso lesenswerter wie Bulgakov. Und Tschüss. Mit niemandem mehr kompatibel. Denn auf der anderen Straßenseite schreiben Dieter Bohlen und Helmuth Schmidt ihre Memoiren.

Im Fernsehen gehen sie regelmäßig aufeinander los, wenn es um Bücher geht. Die Säulenheiligen sind weggebrochen und ich bin dort angekommen, wo jede Ratio sich eines Tages wiedersieht: Auf einer weiten Wiese ohne Waldessaum, Baum oder Tränke. Fünfzig Jahre gesucht, sämtliche Steine angehoben, und doch irgendwie schon wieder Sisyphos, Prometheus gefesselt. Da wird es Zeit, sich zu prüfen. Sich neu hinzustellen. Es nochmal zu wagen. Mit wem? Da draußen werden inzwischen Leserekorde hergestellt, ich denke schon über eine Maschine nach, die mir das Lesen abnimmt … sie alle einzuholen … was ein Stress aber auch … die Maschine soll über Nacht zwanzig Bücher gelesen haben, mir sagen, ob es sprachlich etwas zu entdecken gibt, inhaltlich, gibt es etwa Neues? Und stelle fest: Die Maschine gibt es schon in vielfacher Ausführung … hier wie dort. Die Maschine frisst viel, wenn nicht alles – und ich käue wieder. Halt Stopp und aus.

Am schlimmsten erscheint mir der Anspruch, nun, selbst schreiben zu wollen. Inzwischen ist ein Autor nur noch eine selbsterfüllende Prophezeiung seines eigenen Understatements, besehen im kreischenden Licht des Understatements der anderen, das wirft Schatten. Halt Stopp Kreuz.

Ein Ausweg muss her: Innehalten, Pause. Ruhe finden. Habe mir vorgenommen:

Die Bücher, die mich als Jugendlicher faszinierten. Hesses Steppenwolf und Manns Zauberberg, noch einmal lesen. Erstmal nur die. Die schwarze Weide von Thomas Lange habe ich schon versucht und bin abgebogen. Herman Melvilles „Moby Dick“ las ich bis zur Hälfte. Ernest Hemingways „Der alte Mann und das Meer“ – hat mich fasziniert und gefesselt. Widerentdeckt habe ich Thomas Wolfe „Schau heimwärts Engel“, großartig! Das ganze letzte Jahrhundert hat noch so einige Wiederentdeckungen offen. Was mir auch aufgefallen ist: Filme im Original ohne Synchronisation. Und was mir auch aufgefallen ist: Lesen ist ein zurückgenommener Akt. Denn Lesen ist besser als Schreiben ohne die anderen. (Fühl mich ja ständig unter Druck – warum? Das ist ja schlimmer als bei den Apostolischen)

Und was ich mir auch vornehmen muss: Die Welt einzäunen, indem ich sie aussperre: Facebook reduzieren. Die Selbstoptimierung in Frage stellen. Mich selbst wieder pflegen, putzen, reinigen, denn ich bekomme Pusteln und Juckreiz inzwischen, wenn mir ein Buch zu nah tritt – oder die, der, der die sich hinter dem Buch verbirgt. Der Autor/die Autorin – ist nicht mehr mein Freund, wenn zu viel Ich/Autor mir zeigen will, wie toll Autor ist, und ich soll auch noch klatschen? Nein Starkult – schon immer … darf nur Depeche Mode! Kann dies Dreibuchstaben-Ich nicht mehr sehen, ohne zu denken drei Buchstaben und dann so ein Aufriss?

So wie die eigene Biografie kreuzgelesen wird, lese ich sie nun quer. Ich brauche nämlich ein bisschen Optimismus für etwas und nicht Skepsis dagegen  … die einfache Formel für Erfolg beim Lesen und Schreiben – ein Tag ohne Lächeln ist wie ein Buch ohne Seiten/Saiten? Keine Ahnung. Dieser Autor hier hat eine Enzyklopädie des Schweigens geschrieben. Zwanzig Bände und auf Seite 3.750 steht:

Ich  jetzt. (Die anderen Seiten – Nun sie schweigen.) Ungefähr So: (                     )

Ich frage schon immer, was mit all den Büchern passieren soll in meiner Bibliothek. Soll ich sie verschenken? Und wenn sie weg sind, alles von vorn? Das wird zu Irritationen führen. Bekomme ja in nicht weniger als drei Tagen bereits neue Ware – ach ja. Wie nennt man die Krankheit? Zu meiner Graphomanie (           ) gesellt sich die Bipliophanie (|||||||||||) ? Neuerdings nennt sich das sogar Bibliodiversität? (/>/>/>/<\\||||) Habe neulich den Umberto Eco durch seine Privatbibliothek laufen sehen:

Die Frage, ob Frühstück im Bett mehr macht als nur Krümel ich gern an die Bücher zurückgebe: Macht lesen hungrig oder satt? – es gibt so Tage. Da macht mich ein einziger Satz schon verrückt: Wie lautete der Satz? Ich habe ihn vergessen. Suche ihn nun wieder. Im Satz der anderen.

 

 

Brotkrümel Prosa

„Herr Dr. Held, Sie sind ja schlimmer als vermutet. Ich war noch aufmerksam, aber Sie wirken nur noch fahrig, verschleudert und zerstreut. Schreiben Sie doch ein Stück, schreiben Sie es, machen Sie voran!“

Welche Rolle spielt das? Ich glaube fast, keine … den Zugang zu meinen Leuten, den Musikern, die sich gut kennen … er scheint verbaut … das Mannschaftsgefühl bleibt im Saxophon klirrend stecken schräg – die Improvisationslust früher Jahre wie verpufft, das Arrangement stand über der Lust am Spiel – mal ehrlich, schaffst du Albert Ayler noch? Das Stroh kommt nicht zum Pferd, das Pferd muss los. Die Stimme einer Orgelpfeife.

„Du darfst dem keine Bedeutung beimessen.“

„Wir haben uns noch nicht befreit – wer schreibt schon Geschichten … habe immer Minderheitengrößenwahn gespielt, weil ich an besondere Menschen geriet. Die ich für nicht besonders hielt, wurden ausgeblendet, durften sich mit Chor, Schema und Pianissimo befassen, mit dem Wechsel von C nach F zum G. Ich war Fis Moll und Tremolo, Mezzoforte, im viel zu lauten Licht. Ich konnte das Gemeinsame kaum mehr ertragen und denke, dass, je gemeinsamer dir ein Mensch erscheint, er dir im Lauf der Zeit seine ganze Symphonie einmal resigniert verkünden wird. Wir waren von Solisten umgeben, einer der lautesten muss ich gewesen sein, da ich mich dem piano piano verweigerte, dem Unisono der Mehrheit im Orchester. Musik ist mehr als nur das Zusammenspiel unter Gleichen, wenn du erst im Orchestergraben sitzt, und niemand dich mehr sieht, außer dein Kollege am Kontrabass, Cello oder da vorn an der Geige – die spielen immer drüben irgendwo – weit weg von unserer Saxophonistenherrlichkeit.“

 

Es gibt Dinge, die man nicht beschreiben kann, ohne dabei zu denken, es lohnt nicht, dass das Auge dieses Etwas schon wieder erblickt, ich kann nicht immer hinsehen, wie sich jemand setzt. Es kann ein noch so außergewöhnliches sich Hinsetzen sein, da setzt sich zum Beispiel jemand auf seinen Sitz hinterm Kontrabass, das ist ein so außergewöhnliches Hinsetzen, dass es in diesem Satz erscheint … ich denke … ich frage mich: Es gibt zu viele Dinge mit noch mehr dieser vielen Dinge. Die Dinge sind erst ohne Bedeutung, zum Glück, ich müsste sonst verrückt geworden sein vor dem Zuviel der Details, der Vielzahl der Objekte, ich höre das Wimmern seiner Saiten. Ich ändere das Wimmern im Kratzen seiner Saiten. Ich sehe seinen Nachbarn kommen, sich hinsetzen, der Stuhl jetzt quietscht. Ich höre ihn atmen, ich höre mich atmen, das Kontrabass kommt mir ungeheuerlich vor, es atmet alle Saiten seines Spiels, die Töne wuchern und spülen herüber. Ich möchte antworten. Der kurze Tinnitus im Ohr lässt mich schaudern.

 

„Zur Freiheit gehört, dass man den Leuten etwas zumuten kann. Es darf nicht immer nur  gefallen.“

 

Nein, so frei sind wir nicht, es bedeutet nur, dass es schmerzt, immer besser zu werden, und herausragend sein bedeutet wiederum, sich seinen Mängeln erneut zu widmen und sich mit ihnen arrangieren, sie überwinden, sie umfahren, sich ihnen wieder und wieder stellen. Die eine Passage im Gehirn – auf diesem Blatt Papier.

 

Lebenskurven. Ein Musiker. Geb.58 Saxophon. Erste Erfolge feiert er mit 20. (1978) Mit 35 (1988) heiratet er und hat immer weniger Geld; er wird Bachinterpret. Mit 45 (1998) verliert er seine Frau. 2008 spürt er seine Finger klamm werden. 2010 sieht er seine erste Liebe wieder. 2014 stirbt er. Sein Name: Gregor Held. Wie klingt bloß sein Name?

Meine Moralinskizze – heute

Meine persönliche Moralinspritze für heute:

Nicht wirken wollen sondern Verstehen (Hannah Arendt)
https://www.youtube.com/watch…

Da mir die Beliebigkeit bisweilen über den Kopf wächst, orientiere ich mich … nicht am Zeitgeist, denn der ist derzeit konfus, sondern an Kopfgrößen, die es schon gab, Individuation zum Beispiel gegen Identität: (Joseph Beuys)

https://www.youtube.com/watch…

Täglich kreist die Neugier mit Blick in die verschiedenen Schatullen der Verausgabung anderer wie um ständig zu ortende heilige Statuen – stattdessen ich mir angewöhnen will, erstmal die eigenen Gründe (neu) zu errichten. Beim Mithören des Gesprächs der Hochkaräter Beuys, Weibel, Ligeti – weiterführende Links im Beitrag selbst, folgende Assoziationen, Doppelpunkt:

– Ein sich bewegendes Ich ist einem Ego im Stillstand vorzuziehen. Einem Ego mit prosperierender Absicht gehe ich aus dem Weg. Geben ist seliger denn Nehmen. Das Ego ist kein reiner Selbstzweck.

– Vielfalt entsteht nicht im Glauben an sie, sondern im Handeln in ihr.

– Abgrenzungen erzeugen i.d.R Zwanghaftigkeit und Ängste. (manchmal auch notwendig als Konsolidierung) Zuwendungen und neudeutsch gesprochen Empathien dagegen Gesellschaftlichkeit, Zuversicht und Selbstbewusstsein im Rahmen der anderen, im Gegenüber! Macht Hoffnung. (Eine Gesellschaft scheint erst dann kohärent, wenn auch seine schwächsten Teilnehmer nicht überrollt, vergesssen oder ausgegrenzt werden – eine Gesellschaft, die sich um die Krankheit ihrer Mitglieder sorgt, ist einer Gesellschaft, die nur die Kraft des Stärkeren hervorhebt und ihr auch noch huldigt, vorzuziehen. Die Kraft jedes Einzelnen ist durch sein Ableben limitiert. Optimal ist das alles nicht.)

– der in sich Gefestigte wirkt häufig steinern hart und unnahbar. Der sich Bewegende erzeugt Schwingung, Resonanz und Neugier. Schwierigkeit: die durch Schauspielerei übertünchte und unsichtbar gewordene Verbohrtheit, die sich gern locker und cool gibt. Enttarnung ist aber nicht mein Geschäft. Denn Schauspielern kann ich ihm auch. (Prinzip Wie du mir so ich dir. Lüge und Verlassenheit)

– Wer nur sich und die Seinigen sieht, ist geblockt durch sich und die Seinigen.

Wünsche: Literatur die inspiriert, und nicht immer Literatur sein will. Denn Geben ist seliger denn Nehmen.

– ja, alles ist beliebig. Auch Regelwerk, Kononisierung, oder Traditionen feststellen, überdenken oder recyclen. Auch ich bin ungefragt zur Welt gekommen, ein Zufall der beliebiger nicht sein kann für mich, ein Zufall, den die Eltern sich wünschten. Der kurze Glücksmoment erzeugt gleich seinen fragenden Geist. Das Kind braucht seine Pfeiler. Diese können eng gesteckt sein oder weit. Das Kind ist ersteinmal seiner eigenen Eltern bewusst. Das Elternhaus bestimmt die ersten Jahre – dann folgt das größere Feld. Und die Verantwortung der anderen für alle. Das Lernen beginnt und hört nie auf. Wer das Ziel vor Augen hat, suche ein neues. Unsere Gesellschaft krankt an ihren Erfolgen. Das ließe sich unendlich weitertreiben. Es treibt mich um.

– warum sich noch an Diskursen beteiligen, die nur dem Erfolgsmodell des Verlautbarers folgen? Warum wieso – wozu. Jede Ideologie braucht Opposition. Freiheit kann nicht bedeuten, dass zwei sagen wie sich 98 zu verhalten haben. Freiheit kann auch nicht bedeuten, das 98 sagen wie sich 2 zu verhalten haben. Demokratie bedeutet nicht gleich die Macht der Vielen über wenige, genausowenig die Macht Weniger über Viele – Demokratie bedeutet jeden Tag aufs Neue suchen, erforschen, Wissen wollen und Horizonte erweitern. Das ist evolutionär weniger revolutionär. Der Mensch hat keine andere Wahl, als sich seiner Umgebung zu widmen, seiner nahen wie fernen. Der Mensch ist individuell aber nicht allein. Auch das hat Moral.

Just three minutes ? was ist Trash ?

Abgesehen davon … dass … ja, dass mir die Berichterstattung über all das … alles … ja, alles .. es geht mir auf den  … (heiligen Geist).  Was willst du? Wieso, wozu? Erklär mir nicht wieder, warum es damals schief ging, wenn du, vor dem Hintergrund des Wissens darüber, mir heute nicht erklären kannst, warum … das alles … ja … schief geht.

Jeder historische Vergleich bekommt Pilze … wirkt wie eine Konstruktion … lässt sich darstellen als Fiktion von etwas … als alternativer Fakt … als Postfakt … als Puderfakt … Donald Duck sucht einen neuen Vornamen … alles ein großer Doppelter Express mit Spritz und wenn du mir noch einmal erklären willst, dass Sex und so … Laufen und so … und sowieso … was willst du?

Nun, guck dir das an:

http://www.rollingstone.com/music/lists/10-best-music-videos-of-2016-w456728/schoolboy-q-groovy-tony-w456738

Vor allem die Links: Olivia Newton-John’s 1981 clip for „Physical.“ (Other leotard-heavy entries over the years include Eric Prydz’s „Call on Me,“ David Banner’s „Play“ and Ariana Grande’s recent SoulCycle promo „Side to Side.“)

Niemand ist kaputter als der da … ich noch mehr … guck ich mir das an, Verzerrung. Ja und? Wie viele Bilder, glaubst du, hintereinander geschnitten, verträgst du pro Sekunde? / es folgt der Echoraum, die Filterblase. After the Sun comes Rain und so … ach so? Ja, so!

Es klingelt das Handy. Was gibt’s? Du störst. Ich schreibe gerade einen Brief an meinen Alptraum.  Hast du das? Nein, verstehe ich nicht, du bist unhöflich. Ach ja? Kitsch mich nicht an!

Außerdem habe ich den Anschluss verpasst … mit meiner Moral. Vom Reden von Anstand und Sitte. Mach’s wie Janet Jackson …. lalalalalalalalalala … Don’t do it … play this tape und pampaboo …

Und du fragst mich, wie bitte konnte das passieren … gestern schon dachte ich, nein, das hat nichts mit Flüchtlingspolitik zu tun  … oder mit  wir schaffen das … sondern mit der Überdrehung der Filmrollen, von Superacht auf stream me need me … love me … that’s the way love goes … zuviel Drehbuch ist im Plot … zu viel Plot im Text … zu viel Dreh in Bild und Ton.

Der Groove ist so was von unmoralisch … nicht wahr? Ja … f* dich Love goes round the world … du musst nicht immer von der Logik der Geschichte ausgehen, sondern von ihrer Hebelwirkung … wenn es so viel Phantasie gibt im Markt, geht sie mit round the world.

Red‘ mir bitte nicht von den Abgehängten und den wütenden Männern, was nur ein Witz ist gegen das, was aus dir wird, wenn du nur eine Stunde vor dem Tape verbringst.

Hier. Trink Benzin. Sleep the Heat.

Was willst du mir sagen? – nichts. Punkt und Trash ist das ohne die Frage zu stellen warum wozu. Diese Fragen sind akademischer Natur. Vielleicht will ich darauf hinaus: Mir geht Jesus komplett auf den (heiligen) Geist, denn weder ist Gott tot, noch keine Frau … und was kann ich mit all diesen inneren Schweinereien anfangen vor dem Hintergrund der äußeren Schweinereien?

Weiß ich nicht, spüre, dass ich mir selbst etwas vormache … denn schnell zücke ich den Revolver und zeige auf die anderen, die anderen, die anderen .. all die, die dieses Debakel mit zu verantworten haben. Die schnell schießenden Bilder. Da entsteht romantisch Sehnsucht. Das ist mir zu wenig zu viel. Da hilft kein Rufen? Gewöhn dich dran.

Was möglich ist, wird geschehen. Was denkbar ist machbar. Und deswegen geschieht alles gleichzeitig. Auch das, wogegen du dich nicht zur Wehr setzen kannst.

Meine Frage war: Wie konnte das passieren? Was? Nun die Entdemokratisierung der westlichen Welt. Wieso stelle ich mir diese Frage erst jetzt? Ein Zuviel an Freiheit etwa? Denn das macht sie weich und angreifbar? Oder ist sie nur ein großer Schwamm … eine Blase  … gegen für weder oder noch?

Mach’s wie Janet Jackson’s „That’s the Way Love Goes.“ … lalalalala … oder blablabla … Hallo Welt? Sehen Sie? Der Wähler guckt in die Röhre. Einmal in vier Jahren auf den Wahlschein. Und schon wird die Diktatur moderater? Welche Gefahren siehst du? Willst du schon wieder … relativieren? Differenzieren? Ausformulieren?

Hey Käptn … geht’s noch? Excuse me Sir. Oh, yes. Mam …

Die Diagnose geht so: es ist zu viel … Excuse me … Sorry … How much? Five Dollars.

Plus ein bisschen Rhythmus dazu. Stampf. Elektrosmog und mach mal halblang … du bist nur Fragment.

Wie konnte Weimar kaputt gehen? Nun. Die Frage war sicher vielversprechend, zieht aber nicht. Denn I’m drawn by directors cut … mein Hirn wird sich selbst zum Rätsel.

Da braucht es Zukunftsforscher … die machen Schluss mit Chaos. Das weiterdreht … das kriegst du nicht besorgt. Die Ordnungsliebenden. Kannst du versuchen, als Präsident. Für Ordnung Struktur und Chaosordnung sorgen, wenn du infiziert bist vom Erfolgsmodell des Trash und Porn im Dauerwrestling. Bums, leg ich mich mal hin.

Lass mich also in Ruhe mit deiner Jesus-Moral. Lass stecken die Kreativität um Ästhetik und Erhabenheit … sei minimal-istisch, die andern sind lalalala-lauter. Only a … One-Klick-Wonder. Und was in den Vereinigten Staaten das Weiße Haus bezog, hat Gold in den Haaren – glaubst du, das bleibt relativ das Gleiche wie was wo wie?.

Nein, ich schaue, sehe, alterniere Fakten. Das ist Stone-Washed schnell geschossen … das Wesen von Demokratie ist nicht, dass alles mit allem geteilt wird, sondern alles durch alles geteilt alle Möglichkeiten ergibt, sich in sich selbst zu verlieben.

(Die Antwort auf die Frage: Hat sich die Figur auch mal verliebt?)

Keine Zeit mehr für Porno auf Adorno. Keine Lust mehr auf Versprechungen. Mach dein eigenes Ding! Es geht nicht anders. Hör nicht auf die anderen. Denn die blocken dein Gehirn. Das Schöne an Pop ist, nach drei Minuten ist i.d.R. quicky ausgepoppt.

Pop will eat itself.

 

Ausgang des Artikels: Kate Tempest Europe is lost.

europe-lost

Der Klassiker:

… unter Vorbehalt …

… wie ich das liebe … ich bin überall unterwegs … und krieg immer weniger mit … man schleudert Worte, Sätze, erzeugt Staunen, Entsetzen, Wut, auch davon krieg ich immer weniger mit, weil ich es schon kenne, die immer gleichen Substantive. Manchmal bin auch ich über das Tagesergebnis mehr als erstaunt, wenn ich wieder einmal feststelle, ganz schön verdaddelt habe ich mich.

Wollte ich nicht produktiv werden? Nun bin ich ständig abgelenkt, ich fülle mich ab, und das Gehirn setzt immer mehr auf Durchzug. Null komma null null eins. Promille Alltag im Netz.

Sag jetzt nicht, dass du die Orientierung verlierst. Doch, sage ich. Dich.

Wir schauen uns gemeinsam Filme an, sie dort, ich hier, und ab und an schickt sie mir ein Like. Ich schaue nach und schmunzele über den Inhalt, wahrscheinlich eine Katze.

Die Katze guckt einen Horrorstreifen. Man hört Stöhnen eines Geschlechtsverkehrs, man hört Schüsse, Schreie. Hektisches Möbelrücken. Die Pupillen der Augen weiten sich, sie duckt sich unter, sie bewegt ihren Kopf im Rhythmus der Ereignisse … und ich bin schon ganz in ihrem Kopf.

Da springt sie die Kamera an. Und aus. Vergessen in dem Moment, da sie sprang. Steh auf, sagt sie, geh! Spring! Raus aus diesem Film. Die Gäste kommmen. Häng ihre Mäntel auf. Und aus.

– unter Vorbehalt, in der Hektik des Moments entstanden.

Gib mir Zeit vier Wochen

Bewerfe ich sie mit Blumen, werde ich zum Fußabtreter, auf den sie sich niedersetzt und den Fernseher einschaltet.

… mehrfach drüber nachgedacht, wie man dieses Manuskript angehen soll. Eine Kurzversion könnte die Neugier schnell erfüllen. 1995 – eine Frau liebt einen Mann, plötzlich liebt sie noch einen. Das kann nicht gutgehen. 1998 – Ein Mann liebt eine Frau, plötzlich liebt er noch eine. Das kann nicht gutgehen. 2001. Der Mann liebt eine Frau, er flieht ins Internet, plötzlich liebt er noch eine. Und noch eine. Das kann nicht gutgehen. Wenn du nur das eine willst, und das andere nicht bekommst. Es muss etwas zwischen den Zeilen geben, etwas, warum sie den einen liebt, bevor sie noch einen liebt. Ein Mann liebt die Vielfalt von Bildern, Texten, der Kunst – plötzlich liebt er Inhalte, Gedanken, Ideen, so alt wie Gottes Ohr. Schon könnte ich behaupten. Ein Mann schreibt über sich, so schrieb er über dich. Also: ich bin dieser Mann, schreibe über mich, aber niemand, weiß, wer ich bin? Ich kann es nur so erklären: da meine Bücher niemand liest, muss ich sie so schreiben, dass sie wenigstens mich interessieren … da ich mein Leben gut kenne, wird mich mein Leben, aufgeschrieben, kaum interessieren, außer ich schreibe es so, als sei es ein vollkommen neues Leben. Ein Mann lebt sein Leben, plötzlich lebt er noch eins. So einfach kann es nicht sein – nehme ich das eine Buch in die Hand, will ich ein anderes … schreib‘ einen Krimi, sagt man. Willst du es wissen? Ich liebte eine Frau, dann brachte sie mich um. Man will keinen Krimi lesen über eine Frau, die einen Mann liebt, und plötzlich liebt sie noch einen – ich liebe eine Frau, dann liebe ich noch eine, und plötzlich ist eine zuviel? Das glaubt mir nichtmal ein Heiliger. Schon bin ich verstrickt. Es ist dies eine einfache Geschichte: Ein Mann liebt eine Frau, und plötzlich war sie fort. Ein Mann liebt eine Frau, sie liebt ihn nicht mehr. Ein Mann liebt eine Frau und sie sagt du liebst eine andere. Ein Mann liebt eine Frau und plötzlich liebt er noch eine. Ein Mann liebt eine Frau und ist sich seiner Sache nicht mehr sicher. Eine einfache Geschichte. Ich kann auf all die Vorwürfe keine Antwort geben … ja, ich habe sie nicht gezwungen, sich mit mir auseinanderzusetzen. Aber dass ich mich dafür entschuldigen soll, wie ich mich freuen würde, wenn sie sich mit … ja … womit soll sie sich auseinandersetzen … ein starkes Stück … wie immer, wenn es zu einfach wird. Ich lebte in der Liebe, die nicht zurückkam. Ich unternahm viele Versuche, mich von diesem Irrtum zu befreien … zu befürchten steht, dass sie mich zwar liebt, aber in ihrem Traum verfolgt wird von einer Frau.

Nostalgie …

Das Kapitel, in dem Steiner morgens zum Psychiater geht, und am Nachmittag bei seinem Agenten einen halsstarrigen Versuch unternimmt zu erklären, warum ihm die Wirklichkeit dazwischen gekommen sei, zwei Tage nach der Wahl des Präsidenten der Vereinigten Staaten. Seit Monaten versuche er, Ordnung und System zu schaffen, sich an sich selbst aufzurichten, sich noch einmal neu zu erfinden, da schreitet der November vom Oktoberorange ins Wintergrau und liefert einen neuen Chef der Welt, von dem es heißt, er sei Demagoge, Egozentriker – ein Rauschmensch. Steiner habe seinen Namen zur Kenntnis genommen, es kursierten Witze über ausreisewillige US-Boys. Es kursierten Witze über die Betroffenheit, es kursierten Entsetzensschreie … das Klima (das politische), das Klima (die Großwetterlage) … es habe die Wirklichkeit Einzug gehalten und Steiner stehe an der Fußgängerampel: November. Seltsam ruhig nach nunmehr 48 Stunden Ekstase, Hysterie und den bemühten Versuchen zu ergründen, was sich als Flaschengeist freisetzte. Die Betroffenheit. Der verflogene Humor. Die Contenance wahren nicht einfach. Die richtigen Worte finden ebenso verflixt. Da braucht es Gemütsfutter und Stille. Lass sie schreien. Lass sie … es hört eh niemand zu.

Guten Tag, Herr Brunner.

Grüß Sie, Herr Steiner. Was haben Sie uns heute mitgebracht?

Nichts.

Gut. Sehr gut. Wie fühlt sich Nichts an?

Sehr nichtig. Um nicht zu sagen. Schauen Sie selbst. Der Himmel über Berlin. Eine Betondecke.

Grau, grau glüht der Enzian.

Herr Steiner, bitte, konzentrieren Sie sich.

Herr Brunner, bitte unterbrechen Sie mich nicht.

Herr … Herr. Ja Herr. Ich Herr? Wer ist Herr?

Nochmal mein Herr. Was haben Sie uns mitgebracht?

Die Betondecke über unseren Köpfen. Novembergrau.


Das wollte er vom Morgen an korrigieren und überarbeiten und weitertreiben, da kam er auf den Gedanken, ein paar Webseiten abzusuchen. Er sah im Downbeat eine Empfehlung auf Keely Smith: Eine feine Stimme.

 

Passend dazu der Film mit Louis Prima:

… den er sich in Sequenzen anschaute …

Schon traten alte Bekannte auf den Plan, das sind Martin Scorcese und Robert de Niro.

 

Hier: I’m confession‘ but I love you (too) – und so dreht sich das Karussell zurück zu Louis Prima und Keely Smith: https://www.youtube.com/watch?v=O-a8kLtJSJ4

eine Weltreise durch den Blues und Swing der späten Fünfziger. Was für eine heile Welt? Oder doch nur eine Idee davon? – Ein ganzes Buch!

– Das Buch seiner Mutter. Ein Tagebuch aus dem Jahr 1962. Das las er vor nicht weniger als einem Jahr mit Begeisterung. Und überlegte seit Wochen, seinen Roman über die Zeitspanne von 1916/2016 zu treiben. Ahnentafeln haben seine Schwester und er genug. Sie kämen in ihrem Stammbaum ungefähr bis ins 16. Jahrhundert … von Russland in die USA, von Hamburg bis Johannesburg.

Eine Nostalgiereise. Nachdem geklärt war, dass das Tagebuch der Mutter einen Platz in seinem Roman mehr als verdient hatte – er aber feststeckte in 3000 Schritten durch den Grunewald – die Geschichte eines Sammlers – quasi selbstredend – seine Freunde verschwunden – Robert verstorben, seine Eltern kamen ihm vor wenigen Monaten abhanden, seine Frau immer unterwegs – und wenn nun noch J.J.Voskuil Das Büro J.J.Voskuils Büro las, war er bald mehr ein Frans Veen denn ein Maarten Koning. Der arme Frans Veen mehrmals verrückt geworden zu sein schien und ständig Briefe ans andere Ende der Welt schrieb.

The best of 70ties, ein Tape über mehr als 10 Stunden

Im Wechsel der flachen Landschaften, der Verwechslungen, der Dreiecksbeziehungen – die Ausbildungen, das Warten auf Ernüchterung. Heart of Gold ließ Petra im langen Mantel die Straße entlangkommen, gebückt und schwerbepackt, Der Piano Man ließ Billiardtische wiederauferstehen, im Night Fever stehen vier vertrottelte Jugendliche an einer Spelunke an der A45 und werden nicht reingelassen. I will survive bedeutet schreiend Fahrrad fahren. Und Seasons in the Sun heißt das gleiche Fahrrad die Mittelgebirgszüge abgekämpft und vom Regen eingenässt hochschieben. Es riecht nach nassem Haar. Es strömt der Regen auf den Asphalt, während Steiner sich unter die Fichten duckt. Es bräuchte eine Kamera, aber selbst die Kamera würde die Eindrücke verfälschen. Bei Seasons In the Sun musste er tatsächlich unterdrücken, was sich aus der Tiefe der Stirnhöhle einen Weg sucht. Abgefangen von Take A Chance on Me.

Es würde ein Leben nicht reichen, das eigene zu wiederholen.

 

 

 

aus der roten Tüte

 

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Was ein Chaos. Gib es wenigstens zu! Du bist mitten in der Nacht erwacht und dachtest, du müsstest all das auf zwei Handlungsstränge reduzieren. Die Geschichte um den Bruder. Die Busfahrer. Alles andere bleibt draußen. Der Zusammenhang zwischen Busfahrer und Bruder stellt sich über die Handlung dar. Der Bruder deiner Kindheit längst verstorben, durch dein ruckartiges Anstoßen des schaukelnden Bruders … da warst du selbst noch minderjährig und hast deinen Bruder ins Jenseits befördert, ohne es zu wissen, denn damals traten nach diesem Sturz des Bruders von der Schaukel die Erwachsenen auf den Plan und schubsten und zerrten dich vom Tatort weg, während sie sich um den auf dem Wiesengrund liegenden Bruder kümmerten. Deine Schwester noch heute beteuert, er sei damals gestorben. Du noch heute beteuerst, er sei nur von der Schaukel gefallen und niemals gestorben. Denn vor nicht wenigen Tagen sei dir dein Bruder im Internet erschienen, dort präsentierte er sich quietschfidel als Inhaber einer IT-Firma und postete lauter kluges Zeug zum Thema künstliche Intelligenz. Deine Schwester behauptete, er sei tot. Du behauptetest er sei lebendig. Und beginne schon, dich in deine Alpträume hinein zu verfolgen. Dein Bruder stellte dir im Internet nach. Du werdest noch verrückt von all diesen dir nachstellenden Figuren aus dem Internet, ob real oder virtualisiert, ob echt oder ob als Avatar. Du müsstest das alles mal mit Flynn Brunner klären. Doch der, wissen wir aus einem anderen Buch, ist ebenfalls längst verstorben.  – Stimmt das denn? Ist es nicht vielmehr so, dass nur Rainer sich das wünschte: einen toten Flynn Brunner, der ja für Rainer so eine Art Vaterfigur war.

Sehen Sie, würde Flynn Brunner sagen. Sie schweifen ab. Konzentrieren Sie sich. Hier. Ich schenke Ihnen ein Mobilè. Und jetzt beschreiben Sie jeden Morgen erstmal ein Mobilè. In einem Mobilè ist genug Bewegung, die es erstmal abzubilden gilt, bevor Sie hier wieder in Pontius bis Pilatus-Geschichten abdriften.

Ich drifte nicht ab, würdest du antworten, ich surfe. Ich browse von Fenster zu Fenster.

Ja, aber es kann Ihnen keiner mehr folgen, würde Flynn antworten.

Doch, ich! Wäre deine Antwort.

Das hängt damit zusammen, dass Ihnen die inneren Bilder gegenwärtig sind, während die anderen, Ihre potentiellen Leser, diese inneren Bilder nicht kennen. Sie denken, Sie würden ein Brainstorming machen und nicht erzählen, was wirklich geschah. Sie sollten, wenn Sie schon einen Leser von Ihrer Arbeit überzeugen wollen, wenigstens die Grundregeln der Verortung berücksichtigen. Ort: Berlin. Uhrzeit Tag und Jahr. Und vielleicht noch eine Hand. Hier meine Hand. Ich reiche Ihnen meine Hand. Wir sitzen Höhe Nollendorfplatz. In meinem Besprechungszimmer. Dunkle Regalwände. Zimmerhoch. Die abertausend Bücher um mich herum. Und ich reiche Ihnen nochmal diese Hand. Jetzt schauen Sie bitte hier. Ich schenke Ihnen ein Mobilè. Dieses Mobilè bitte ich Sie morgens, eh Sie irgendetwas unternehmen, zu beschreiben. Und wenn Sie dieses Mobilè beschrieben haben, beschreiben Sie es gleich noch einmal. Das wird Ihnen helfen, sich zu konzentrieren, glauben Sie mir.

Würde Flynn Brunner sagen. Aber Flynn Brunner ist in einem der anderen Bücher längst verstorben. Also habe ich mir das mit Flynn Brunner wieder nur ausgedacht, es mir so vorgestellt. Er reicht mir seine Hand. Ich reiche ihm meine Hand. Wir setzen uns und sitzen uns gegenüber. Er interessiert sich wieder für meinen Bruder. Ich aber will ihm meine Schwierigkeiten mit den Bussen erklären. Flynn soll mir ein Mittel an die Hand geben, dass mich gegen die Busse besser bestehen lässt. Ich brauche kein Mobilè, Herr Brunner, würde ich sagen. Ich brauche handfeste Vorschläge, wie ich gegen die Busse überlebe und was ich gegen Sie unternehmen kann. Herr, so helfen Sie mir! Flynn Brunner würde sehr ernst gucken. Vielleicht sogar ironisch. Er würde mich fragen, warum ich ständig ablenken will und ich würde ihm entgegnen:

Weil ich alle meine Geschichten durcheinander bringe, ja, gleichzeitig in mir verspüre und keine Chronologie in sie hineinbekomme. Manchmal will ich meine Geschichte von Geburt an erzählen. Dann will ich sie aus der Retroperspektive erzählen, dann höre ich, dass die modernen Autoren immer nur das Präteritum kennen, und schon quält mich die Gegenwart. Die Gegenwart der Busfahrer. Die Gegenwart meiner versäumten Erzählungen. Die Abwesenheit einer Lovestory. Ich will eine Lovestory schreiben, Herr Brunner, so verstehen Sie mich doch! Sie waren es, der bei jeder Lesung eines neuen Autors immer wieder rief:

Und, hat sich die Figur auch mal verliebt?

Ja, hat sie. Aber sie schämt sich inzwischen sosehr für dieses Verliebtsein, sie will darüber nicht mehr reden.

Sehen Sie, und schon sind Sie abgedriftet. Wer bitte, in Herr Gotts Namen, will Ihnen noch folgen?

Deswegen nochmal von vorn. Es gibt die Busfahrer. Es gibt meinen Bruder. Und zwischen diesen Polen will ich changieren.

Weil Sie die Pole falsch gewählt haben. Sie wollen Neu Guinea mit Grönland paaren, merken Sie nicht, das das nicht funktioniert?

Was heißt hier funktionieren? Es funktioniert doch nichts mehr nach Adam Riese. Ein großes Chaos allenthalben. Reinstes Chaosmanagement. Nicht wahr?

Passen Sie auf. Ich habe heute noch 36 Minuten Zeit für Sie. Wir müssen innerhalb von 36 Minuten eine Lösung finden für Ihr Problem.

Wie kommen Sie auf 36 Minuten?

Nun, 45 Minuten Sitzung pro Woche. Und eine Seite liest man in 3 Minuten. 9 Seiten sitzen wir schon zusammen, macht 36 Minuten, die uns bleiben.

Bei Ihrem Lesetempo vielleicht. Aber in meinem Lesetempo lese ich 3 Seiten in einer Minute.

Sehen Sie? Das ist zu unpräzise. Zu schnell. Dieses Querlesen ist Ihr Problem. Und bedeutet gleich auch eine Beschleunigung, der sie erliegen.

Falsch. Solange Sie und ich hier nur Allgemeinplätze ausarbeiten oder beleuchten, brauchen wir nicht präzise lesen, sondern können lesend verfliegen.

Schauen Sie bitte nochmal aufs Mobilè.

Ja?

Das sind leise Bewegungen. Leichte Bewegungen. Hin- und Her-Bewegungen.

In vier Farben, warum sind das Fische und keine Vögel?

Damit so Chaoten wie Sie mich genau das fragen. Fliegende Fische machen es Ihrem Hirn schwer, sich zu konzentrieren. Konzentrieren Sie sich auf die Bewegung und nicht auf die Wesensart des Mobilès.

Herr Flynn Brunner?

Ja?

Sie wollen mich wohl verschaukeln.

Sehen Sie und schon ist wieder eine Minute von der Uhr. Wie kommen wir nun mit Gewinn aus dieser Sitzung?

Keine leichte Frage. Also. Busse hier. Bruder dort. Und noch immer eine offene Erzählung … denkt nach. Eine offene Erzählung … Das Büro mit Rainer Schmid. Die Lovestory mit Rosa Schnell. Beziehungsweise die Nicht-Love-Story. Denn ich kam nie zum Zug.

Es fehlt vor allem der Hinweis, was Michael Dom in ihrem Skript noch sucht. Was huscht der da rum? Hat er Ihnen nicht längst verboten, ihn noch zu erwähnen?

Wollen Sie mich ärgern? Ich habe längst Bekanntschaft gemacht mit Andreas Buchweizen.

Der kann genauso raus. Den brauchen wir nicht.

Aber er hat noch keine Rolle zugewiesen bekommen.

Deswegen kann er raus. Micha Dom raus. Andreas Buchweizen raus. Und Frau Rosa Schnell brauchen wir auch nicht. Sie sind allein, verstehen Sie, allein. Es gibt nur noch Lutze Steiner. Selbst meine Wenigkeit, Flynn Brunner, längst aus Ihrem Leben. Vergessen Sie das nicht. Wir haben ein bis zwei große Defizite in Ihrem Leben. Sie haben sich einfach für die falschen Freunde entschieden. Wir brauchen Freunde.

Und, was ist mit meiner Frau?

Wie, das müssten Sie selbst am besten wissen.

Nun, die ist nie da, und wenn sie da ist, laufen wir überkreuz.

Was heißt überkreuz?

Nun, sie kümmert sich um ihre Sachen, ich mich um meine und ansonsten läuft der Fernseher. Eine echte Lovestory, erzählt von ihrem Ende.

Warum lassen Sie sich nicht scheiden?

Was würde das ändern?

Sie hätten vielleicht eine Baustelle weniger.

Oder eine mehr. Kennen Sie den Film Le Chat. Ist das nicht grausam? Da leben zwei alte Menschen vor sich hin und alles, was sie verbindet, ist die Katze.

Nein. Alles, was ihn ans Leben bindet, ist die Katze. Und die wird von ihr erschossen, wenn ich mich recht erinnere.

Ja, und dann sprechen sie nur noch über Notizzettel miteinander, ist das nicht furchtbar?

Und Sie wollen mir nun sagen, dass Sie mit Ihrer Frau auch nur noch über Zettel sprechen?

So ähnlich. Mir immer nur Schnitzlers Traumnovelle durch den Kopf will. Der Unterschied zwischen Fridolin und mir ist: er hat etwas erlebt auf seinen Streifzügen durch die Nacht, und will es als Traum ausgeben, während ich nichts erlebe und mich nur noch auf die Nacht freue, in der ich träume.

 

torbogen

The Doors – Dance on Fire — Blütensthaub

über The Doors – Dance on Fire — Blütensthaub

nur nicht schwach werden … der Tag hat gerade erst begonnen – unter einer grauen Betondecke über dem Himmel Berlins. Habe nun wieder viel gelesen von Anfängerpech und unprofessionell genutzter Sprache.

Da wird vor allem der Trash und Kitschvorwurf immer wieder geweckt. Als gäbe es ein besser von dem oder dem … als müsste man sich noch immer dafür entschuldigen, dass es einmal Trash und Vogue und Schickse und Junk immer gleichzeitig zum Einwerfen und Wegwerfen gab. Das kann man mir nicht zum Vorwurf machen, denn längst bin ich der Trash der eigenen Geschichte.

Ob sich Hunde vor geköpften Hühnern fürchten oder Vater das eben geschlachtete Vieh einfach nicht mehr festhalten konnte. Ob dir ein Van oder ein Jim Morrison begegnete … ist das was anderes als ein Bruce Springsteen oder eine Sonic Youth?

Der Rock n‘ Roll hat sich längst in die Fasern deiner verschenkten Kleider festgesetzt. Nun trägt ein anderer sie durch die Straßen. Und du brauchst nicht jeden Tag nochmal versuchen, das zu erklären, es ändert nichts an der Geschichte vom Strickpullover, dem Cowbowstiefel, dem Schnauzbart. Das alles haftete, klebte und schlabberte an dir herum, incl. Stiefel.

Das alles war Fetisch nur. Für andere eine Art Religion. Ein Ausversehen. Und nun stell dir vor, deine Mutter würde im Kleid aus 1962 rumlaufen. Sie wäre plötzlich die coolste Mama aller. Orange. Leuchtend. Über den Knien. Leider kann sie das nicht mehr.

Achso, das mit dem professionell oder weniger professionell. Es heißt immer an der Treppe erkennst du den Architekten. Ebenso erkennst du den Schriftsteller an seinen Adjektiven. Ich durchforste meine Adjektive gelehnt gedehnt oder subadverbial zerlegt … grauen … unprofessionell …  geköpften … geschlachtete … verschenkten … und kann erstmal nichts Anstößiges entdecken, außer dass sie etwas der grauen Novemberstimmung übernommen haben. Haben sie?

Im Hintergrund nun diese Hippiemucke … ist das noch immer Hippiemucke? Ist das nicht zeitlos? Für immer großartig? Ist das nicht einfach nur simply the best?

Es ist wiedererkennbar. Immer wieder. Da saß ich im Film The Doors in der Oststraße und wir knutschen den ganzen Film über … sahen niemanden, nur unsere verliebte Dunkelheit mit diesem unvergesslichen Sound. Wir knutschten vier Wochen, fünf und entschieden uns für eine andere Geschichte. Trotzdem taucht sie wieder auf, wenn ich das höre.

Suzanne oder Gerdi. Wie hieß sie gleich? Soll ich sie wirklich suchen gehen in meinem Tagebuch? Natürlich weiß ich noch, wie sie hieß, denn dafür knutschten wir einfach zu lang und intensiv.

Und so könnte ich diese vier fünf oder sex Wochen noch einmal überprüfen gehen. Wieviel davon war Hippie? Wieviel davon war schon broken hero?

Wieviel davon hat überhaupt wenn nur in meinem Kopf stattgefunden? Weiß ich noch die Holztreppe? Weiß ich noch ihre Rufe? Weiß ich noch ihre Beschleunigung? Weiß ich noch ihr Einschlafen, ihr Teetrinken, ihr Kartenspiel, ihre Vorliebe für okkultische Vorhersagen? Weiß ich denn wer ich war in der Geschichte?

So könnte ich das anfangen. Und weiß, das ist alles zu wenig. Es ist schon allein diese Ausgangspostion eines Ich, das zufällig auf The Doors gestoßen wird, eine klägliche. Wir wünschen uns mehr Drive. Mehr Autofahrten. Mehr Stimmung, Atmo und alles, was die Jahre von diesen unterscheidet.

Heute wirkt der November dunkel nach. Gestern war es nur ein Tag auf dem Kalender. Und vorgestern hießen die Doors noch: meine Langspielplatte, Doors Live hat sich der U. eingesackt. Irgendwann traf ich ihn in der Düsseldorfer Altstadt. Ich in Turnschuhen und abgeschmissenen Jeans, er im Mantel des schon immer Erfolgreichen …. von meiner The Doors Live keine Spur. Dunkelblau. Eher eine der schlechteren Scheiben. Trotzdem in den Besitz übergegangen von U. U. könnte heute der aus Robert Musils Mann ohne Eigenschaften sein. Wir stellen uns einen Ulrich vor, wie er jeden Tag das gleiche macht und trotzdem wirkt wie ein Zirkusbesucher.

Herr. Stopp Mijn Herr. Das hier ist ein Blog. Dies hier kennt Publikum. Zwei oder drei pro Tag. Sie sind wahrscheinlich längst abgebogen. Da oben, als wir noch knutschten. Spätestens beim Namen Musil sind die Vorhänge geschlossen und die Dunkelheit der Stadt kriecht ins Zimmer. This is The End, my only friend, the End.

Ich weiß nicht. Ich auch nicht. Freu dich. Freue mich. Wechsel doch einfach die Position. Du bist nicht mehr ich und ich ist schon gar nicht mehr da. U. ist Ulrich und Ulrich nennen wir Conrad. Conrad ist mit C. geschrieben und könnte einen Konflikt mit dem Elektronikbauteileverkaufsladen ergeben. Nennen wir den Conrad also Rainer. Aber Rainer hieß schon dein anderer Romanheld. Der immer derselbe Rainer war. Dann nenn ihn wieder Helge. Den hast du inzwischen aus all deinen Büchern rausgeschmissen, warum?

Ich weiß nicht. Ich auch nicht. Und nun? Ja, was nun? Ich wollte schon seit mehr als vier Stunden über meinem Blunatek gelehnt haben. Den oder Das habe ich nichtmal geöffnet bis jetzt. Schießt mir das Hirn einen Sternenhimmel in Form von The Doors.

Ich find die Musik noch immer großartig. Ich auch.

———————————— noch nachzuholen:

Gestern Abend hat mich ein 14 Jähriger belehrt, ich sei eine Schwuchtel, wir kriegen euch noch alle, sagte er. Geh erstmal pissen, meinte ich. Geh du doch pissen, meinte er. Da hörte ich eine Frau schreien: was glaubt ihr eigentlich, wer ihr seid, rief sie. Ich: Meinen Sie mich? Sie: Nein den Dreckslöffel da. Löffel schrie: Was mischt du dich da ein? Hey, Löffel, rief ich, weißt du, was man mit mir gemacht hat, als ich so ein Hosenscheißer war wie du: man hat mich in den Keller gesetzt. Ohne Wasser. Was redest du da für eine Scheiße, rief Löffel. Die gleiche Scheiße wie du, du Großmaul. Halt’s Maul, du Schwuchtel, rief er. Können wir das bitte jetzt lassen? Die Frau wieder. Wer wir? rief er. Weißt du was, rief ich. Du gehst pissen, ich geh pissen. Aber beide in die entgegengesetzte Richtung, ja? Fuck you. Rief er. Selber, rief ich. Nachts auf der Straße. Soll ich auch das Tonband vorspielen? O-Ton und jetzt wieder er.

———————————–Blunatek bin ich ungefähr hier stehengeblieben:

08.09 (2004). Mehr als vier Stunden am Hafen. Leute beobachten. Beim Bäcker Brot und eine Tüte Kekse, mit Weintrauben, Pfirsich, Käse und Tüte Chips.

 

Figuren. Rotweiße große und elegante Segelyacht, drei Insassen, offenbar Bigboss, Körper eines Wales, schmächtiger Smutje und junge dunkelhaarige Hübsche, die sich zum Fotografieren auf der Yacht hin und her wälzt. Verschwinden mal unter Deck, tauchen wieder auf, er inzwischen neu eingekleidet, sie noch immer in schwarz mit arschbetonender Bluejeans; vorstellbar, dass das Flitterwochen sind, vorstellbar, dass er an der Börse rummacht, dass er Anteile an der Formel 1 hat, vorstellbar, alles.

 

Figuren. Daneben die Yacht eines Norwegers, wie er langweiliger, schmollender und von Aufrichtigkeit und Sauberkeit nicht durchtränkter sein kann, sein Sohn schießt die Bilder, und noch ein Sohn, schon graumeliert, streckt seinen allerdings auch nicht mehr astralkörpernes Etwas auf Deck der Länge nach aus, nicht ohne an sich herabzublicken.

 

Figuren. Einen Ginsterbusch entfernt sitzt ein vielleicht 50jähriger Obdachloser, trinkt seinen Wein und summt Seemannslieder.

 

Figuren. Ein britisches Paar, sie asiatischer Herkunft, er wiederum wie Bigboss mit walartiger Wampe, wo hat dieser Bison so eine aparte, grazile und auch schüchterne Frau kennengelernt, am College, auf Reisen? Sie scheinen inkompatibel. Sie scheint ihn aber zu mögen, umfasst ihn beim Fortgehen an der Hüfte. Aber was gilt so eine Geste schon? Vielleicht sucht sie Halt, nein, mit einem Anflug von Heiterkeit wirft sie ihm ein Handtuch über den Hals, wahrscheinlich hat er sich wie ich den Hals verbrannt.

 

Für heute ist sonnenschonendes Verhalten angesagt, denn meine Haut ist reichlich aggressiert von der Sonne, oder ist es doch das Sonnenschutzmittel, denn überall, wo ich es einsetzte, schlägt die Haut (vor allem an den Armen und am Hals) Blasen, sieht aus wie die Felsenkratertypologie der Umgebung.